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04/2017 - Berufliche Großwetterlage: Wechselhaft
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Ungelesen , 07:18
Berufliche Großwetterlage: Wechselhaft

Berufsbiografien sind heute so vielgestaltig wie noch nie: Diese vier Beispiele von Menschen im Job zeigen,
wie der Mut zur Veränderung sich bezahlt machen kann.


| Von Juliane Fischer

Loyalität, Stabilität und Wachstum – diese Werte haben die Arbeitswelt hierzulande bis in die 1990er-Jahre hinein geprägt. Als Gründerland galt Österreich schon damals nicht. Der Pakt lautete stattdessen häufig: Arbeitnehmer blieben einer Firma treu, der Arbeitgeber garantierte ihnen im Gegenzug dafür einen sicheren Arbeitsplatz.
Die Generation der heute 50-Jährigen hat ihre Berufstätigkeit noch unter solchen Rahmenbedingungen begonnen. Viele kommen mit Umstrukturierungen und neuverlangter Flexibilität nicht zurecht. Die Jobsicherheit ist passé. Für viele Junge gab es diese nie. Flexibel zu sein – das ist keine Ausnahmeherausforderung mehr, sondern ein Muss. Und so wächst man in einen Beruf hinein, den man sich ursprünglich gar nicht vorstellen konnte oder man muss feststellen, dass der Traumjob gar nicht das hergibt, was man vermutet hat.
Andererseits hat auch die Wandelbarkeit ihren Reiz. Sie erschließt neue Wege. Ein Lehrabschluss steht dem Studium nicht im Weg, eine gute Anstellung kann trotzdem den Sprung in die Selbstständigkeit bewirken und ein für manche kann nur ein kompletter Branchenwechsel der einzig richtige Weg sein. Ob umgesattelt, quereingestiegen oder eingearbeitet: Alle eint die bewusste Auseinandersetzung mit Beruf und Berufung, der Mut zur Neuorientierung und das Durchhaltevermögen. Die FURCHE hat exemplarische Berufswege gesucht und gefunden.



Anfangs Lehrerin wider Willen


Nach Startschwierigkeiten ist Sophie Kleinberger im Lehrberuf glücklich.

Seit vergangenem September unterrichte ich in einer dreijährigen Fachschule für Sozialberufe in Stockerau – momentan nur das Fach Englisch, nächstes Semester kommt dann mein zweites Unterrichtsfach Geschichte dazu. Davor war meine Laufbahn ziemlich kompliziert: Nach der Matura habe ich überhaupt nicht gewusst, was ich machen soll. Dieser Entscheidungsdruck kommt viel zu früh und ist zu groß. Man darf ihm nicht nachgeben, dann findet man schon seinen eigenen Weg. Und man muss herausfinden: Wo liegt meine Leidenschaft?
Für mich ging es erst einmal in die USA, für ein Praktikum in einem Reisebüro in San Francisco. Meine Leidenschaft war Englisch und das hat sich durch die Zeit in Kalifornien verstärkt. Also habe ich begonnen, Englisch zu studieren und habe als zweites Fach Geschichte dazu genommen. In den Lehrberuf wollte ich eigentlich gar nicht. Ich war eine sehr unsichere 20-Jährige und konnte mir auch nicht vorstellen, vor einer großen Gruppe zu sprechen. Von rundherum hab ich gehört: „Mach halt Lehramt dazu!“ Und weil mir wichtig war und ist, eine sichere Anstellung zu haben, bin ich tatsächlich umgestiegen auf ein Lehramtsstudium.

Durch eine „harte Schule“ gegangen

Das Unterrichtspraktikum in Bruck an der Mur habe ich irgendwie hinter mich gebracht, aber wohlgefühlt habe ich mich beim Unterrichten nie. Ein Leben lang in der Schule konnte ich mir nicht vorstellen. Nach diesem Jahr bin ich als Fremdsprachenassistentin nach England gegangen. Dort habe ich auch meinen Lebensgefährten kennengelernt und um zwei Jahre verlängert. Zurück in Österreich unterrichtete ich an einer AHS in Mödling. Dabei hat mir die Zeit in England sehr geholfen. Nicht nur wurde ich sattelfest in der Sprache, ich bin auch hineingewachsen in die Unterrichtssituation. Das gelang durch Beobachten, denn in England hatte ich weniger Verantwortung. Außerdem war ich mit der Muttersprache Deutsch die Expertin dort. Und dann gab es noch eine Art „Aversionstherapie“: Zum Dazuverdienen habe ich als Springerin gejobbt, als Supplier-Lehrerin sozusagen, was für mich ein gutes Training war: Man erfährt in der Früh, in welche Schule man kommen soll und springt so täglich ins kalte Wasser. Das hatte den großen Vorteil, dass ich Neues ausprobieren konnte,
ohne schon in eine Schublade gesteckt worden zu sein. Der Lernstoff für den jeweiligen Unterrichtstag war immer schon vorgegeben. Das ist in England anders organisiert als bei uns.
Auch wenn ich mich anfangs vor größeren Gruppen überhaupt nicht wohl fühlte, kann ich mittlerweile behaupten, im Lehrberuf wirklich angekommen zu sein. In den letzen sechs Jahren habe ich nicht nur viel dazu gelernt, sondern auch schätzen gelernt, wie unterstützend ein positives Umfeld, also angenehme Kolleginnen und Kollegen, sein kann. Rückblickend wäre es besser gewesen, schon während des Studiums in England gewesen zu sein. Dann wäre ich im Unterrichtspraktikum und auch danach sicherer gewesen.
Um eine Sprache zu unterrichten, sollte man schon im jeweiligen Land gelebt haben. Englisch war immer schon meine Leidenschaft und die Begeisterung für das Unterrichten hat sich erst durch den Beruf entwickelt. Da musste ich langsam reinwachsen.



Der Rechtsanwalt mit Lehrabschluss


Einst „Problemschüler“, wurde Sebastian Manschiebel Anwalt.

Nach einer Lehre stehen einem noch alle Möglichkeiten offen. Ich bin das beste Beispiel dafür. Bei mir hat sich schon in der Volksschule abgezeichnet, dass es im Gymnasium schwierig werden könnte, weil ich eine eklatante Schwäche im mathematischen Verständnis habe. Die Aufnahmeprüfung habe ich nicht ernst genommen und natürlich hat es nicht geklappt. Für meine Eltern – Zahnarzt und Lehrerin – war das ein Schock.
Die Hauptschule hat sich aber gar nicht als der vorgezeichnete Horror entpuppt. Mit einigen Schulkameraden bin ich heute noch gut befreundet. Doch in der vierten Klasse ist es wieder losgegangen: Wohin jetzt? Für die 9. Schulstufe war ich an einer Privatschule in Wien, bis ich die glorreiche Idee hatte, in die HTL Hollabrunn zu wechseln, weil dort meine Freunde waren. Das war eine krasse Fehlentscheidung. Nach diesem Jahr gab es nur zwei Möglichkeiten: Ein drittes Mal die 9. Schulstufe oder eine Lehre.
Kurzerhand bekam ich eine Stelle in einer Autowerkstatt. Das war eine wohltuende Realitäts-Watsche.
In der Lehrzeit kommt man drauf, dass es etwas wert ist, eine gewisse Zeit zu überstehen. Mit jedem Jahr erarbeitet man sich Vertrauen und Prestige. Bei mir hat es vier Jahre lang gedauert, weil ich eine Doppellehre gemacht habe.

Von der Werkstatt in den Hörsaal

Die Berufsreifeprüfung habe ich parallel zum Zivildienst absolviert. Ich begann mich für Medizin zu interessieren, aber merkte, dass ich zu mitleidend für den Arztberuf bin. Für angehende Medizinstudenten ist der Zivildienst ideal. Ich glaube, dass man sich zu selten damit auseinandersetzt, wie das angestrebte Berufsbild praktisch aussieht.
Einen sicheren Arbeitsplatz hat man auch nach einem Jus-Studium, dachte ich mir und so begann ich ohne Erwartungshaltung mit den Rechtswissenschaften. Sofort war ich begeistert, wusste aber nicht, ob ich reinpasse. Ich habe auf der Uni nie jemanden kennengelernt, der eine Lehre gemacht hatte. Während des Studiums habe
ich einmal in der Woche in einer Kanzlei gearbeitet. Damit war mein Berufsziel klar: Ich wollte Rechtsanwalt werden, weil dieser Beruf neben den unterschiedlichsten Rechtsfragen auch Menschenkontakt mit sich bringt.
Heute sehe ich mich durch meine Arbeit darin bestätigt: Ich finde es total spannend, mich in ein Gerichtsverfahren hineinzuknien. Die meisten Kollegen hatten im Studium noch eine Reflexionsphase, in der sie plötzlich unsicher waren, ob ihre Entscheidung richtig war. Bei mir kamen diese Überlegungen nicht mehr. Mir war nach all der Zeit mein Ziel bewusst. Bei der Anwaltsprüfung empfand ich allerdings besonders viel Druck, weil es für mich keinen Plan B gab.
Mein Fokus umfasst die Beratung und Prozessführung im Bereich Arbeits- und Zivilrecht. Ich mag vor allem die großen Fälle, wo man sich durch riesige Stoffsammlungen durchackern muss. Da gleicht mein Genauigkeitsdrang die mathematische Schwäche aus. Mein Wunsch war es, die Anwaltsprüfung mit Auszeichnung zu bestehen, um mir nicht immer zu denken: „Eigentlich warst ein schlechter Schüler.“ Das ist mir gelungen. Ich habe das Trauma hinter mir gelassen. Seit der Gerichtspraxis arbeite ich in der Kanzlei Piplits&MacKinnon. Lange habe
ich überlegt: Schreibe ich die Lehre in den Lebenslauf rein oder nicht? Und dann war die erste Frage beim Vorstellungsgespräch: „Haben Sie die Lehre abgeschlossen?“ Das hat meinen Chef gleich interessiert, weil er für ein gutes Handwerk viel übrig hat. Bis jetzt habe ich für diesen Punkt im Lebenslauf eigentlich immer nur positives Feedback bekommen.
(Erratum: Tatsächlich ist Sebastian Manschiebel derzeit noch Rechtsanwaltsanwärter.)


Neue Branche, neues Bundesland

Hotelchef Gerard Egger stieg aus und ist glücklicher Neo-Landwirt.

Ich war 24 Jahre alt und hatte die Salzburger Tourismusschule absolviert, als ich den Gastbetrieb in St. Johann im Pongau von meinen Großeltern geerbt habe. Meine Eltern waren nicht in der Gastro-Branche. Das Gebäude war alt, in den ersten zwei Jahren machte ich ein gutes Geschäft durch einen Pauschalreise-Vertrag mit einem dänischen Reisebüro. Wir haben Jugendreisen entwickelt – fünf Tage und drei Nächte. Das war damals noch ziemlich einzigartig in Österreich. Allerdings war die doppelte Belegung an den Abreise- beziehungsweise Anreisetagen eine Herausforderung.

Immer am Ball bleiben müssen

Nach dem zweiten Jahr habe ich mit meiner Frau am Nachbargrundstück ein neues Hotel errichtet. Dieses Hotel habe ich 2013 verkauft. Die Ferienhotellerie ist eine Branche, die nie stehenbleibt. Um am Markt zu bestehen, musst du immer dran sein: in den Investitionen, in der Idee, wie man eine Reise verkauft, was man dem Gast bietet. Immer gilt es einen Schritt vorzudenken und zu investieren.
Damals, das war im 1997er-Jahr, haben wir eröffnet und alles von Null auf gestaltet. Ständig verbessert man Zimmer, renoviert den Speisesaal. Wir haben oft in der Zwischensaison hergerichtet und uns dann gesagt: „Super, das schaut echt gut aus!“ Doch die Stammgäste haben nix bemerkt. Man kommt in Fahrwasser – auch durch die Mitbewerber – da ist der Druck extrem hoch.
Du denkst nicht mehr real, die Welt ist nicht mehr bodenständig. Schließlich dreht sich ja auch der eigene Urlaube nur ums G´schäft, weil man immer überlegt: Was gibt es Neues? Was soll man verbessern? Immer noch schöner und prachtvoller muss alles sein. Selbst hat man nie etwas davon.
Dann stand ein größeres Projekt an, drei bis vier Millionen schwer. Alles war schon bewilligt.
An einem Abend kurz vor Baubeginn haben meine Frau und ich uns gefragt: Wohin führt das? Die Finanzierung läuft wieder viele Jahre. Unseren Sohn wollten wir die Verantwortung nicht aufladen. Er hat sich nicht für eine Übernahme oder die Branche interessiert.
Wir entschieden uns, das Hotel zu verkaufen und etwas ganz anderes zu machen, nämlich uns in der Landwirtschaft eine Nische zu suchen, sogar in einem anderen Bundesland. Und irgendwann kam der Bison daher. Jetzt haben wir seit drei Jahren auf unserem Kogelhof eine Bisonzucht.
Die Leute verstehen oft nicht, warum man Bauer wird, weil viele Landwirte jammern, aber wir machen halt etwas anderes. Durch unsere Spezialisierung müssen wir uns dem Markt nicht beugen.
Sämtliche Wurstwaren und Fleisch habe ich als Wirt schon selbst gemacht. Kollegen haben gesagt: „Du bist nicht ganz dicht! Am Großmarkt kostet das ja fast nix.“ So hat jeder seine eigene Philosophie.
Im Gastgewerbe wird es immer schwieriger. Neben Zeit und Geld braucht man gutes Personal, aber wer will schon arbeiten, wenn andere frei haben? Ich bereue den Schritt keine einzige Sekunde. Es zahlt sich aus, sich etwas zu trauen, bevor man Geld und Energie in eine Sache steckt, die einem nicht gefällt. Ob’s funktioniert, hängt allein davon ab, wie überzeugt man ist, sonst brauchst du gar nicht anfangen. Für einen Neustart ist eine Vorlaufzeit und ein langer Atem nötig. Man muss sich beweisen, einen Kundenstock aufbauen. Zu einem Netzwerk kommt man in Niederösterreich erstaunlich schnell. Die Leute kommen mir weniger verschlossen vor. Ich glaube ja, dass der Tourismus den Charakter verderben kann. Die Piefke-Saga hat schon einen wahren Kern. Man muss aufpassen. Oder rechtzeitig die Notbremse ziehen und was anderes machen.


Zurück zum Start im Alter von 52

Elisabeth Wykydal machte sich selbständig – und bereut es nicht.

Ich glaube fest daran, dass es nie zu spät ist, sich auf etwas Neues einzulassen. Mir persönlich haben Neugier und Ausdauer, sowie die Bereitschaft, lebenslang zu lernen, geholfen, auch mit 50+ noch einmal beruflich durchzustarten. Der ständige Wechsel ist charakteristisch für mich. Das war schon in meinem früheren Berufsleben so. 28 Jahre lang habe ich in den Bereichen Export, Controlling und kaufmännisches Projektmanagement gearbeitet, zuletzt auch in leitender Funktion. Die Tätigkeit war spannend und abwechslungsreich. Geschäftsreisen in Europa und Lateinamerika gehörten zu meinem Berufsalltag. Dann wurde meine Abteilung aufgelöst und die Perspektiven, die ich hatte, reizten mich nicht. Mit 52 Jahren stand ich vor der Frage: abwarten und das Berufsleben so früh als möglich beenden oder noch einmal als Selbstständige durchstarten in meiner erlernten Profession? Denn eigentlich hatte ich ein Übersetzerstudium absolviert.
Ich hatte schon immer davon geträumt, „mein eigener Chef“ zu sein. Wenn nicht jetzt, dann wird das nichts mehr, dachte ich mir. Und so beschloss ich kurzerhand, meine eigene kleine Firma zu gründen. Das EPU ‚Sprachzentrum Wykydal‘ ist eine „one-woman show“ wie es einer meiner früheren Geschäftspartner mal genannt hat. Seit 2014 biete ich Übersetzungen, Korrektorat und Unterricht in Deutsch, Englisch und Spanisch an. Für ein zweites Standbein absolvierte ich eine zehnmonatige Ausbildung zur Schriftdolmetscherin am BFI. Diese Kommunikationsdienstleistung ist in Österreich noch relativ unbekannt. Ich schreibe das gesprochene Wort mit, sei es im Unterricht in der Schule, bei Vorlesungen an der Universität, bei Gerichts- oder Arztterminen. Besonders spannend sind Einsätze bei Events, also z.B. Veranstaltungen oder Kongressen. Hier kann die Live-Mitschrift auf einem Bildschirm im Saal mitgelesen werden.

Örtlich und zeitlich flexibel

Das Internet gewinnt in diesem Bereich immer mehr an Bedeutung. Inzwischen übe ich das Schriftdolmetschen auch online aus. Ich sitze mit Kopfhörern vor dem Computer und tippe das Gespräch, den Vortrag oder das Projektmeeting, das irgendwo auf der ganzen Welt stattfindet. Ein typisches Setting: der hörbeeinträchtigte Student verfolgt seine Vorlesung an der Universität München durch das, was meine Co-Dolmetscherin in Peru und ich an meinem Schreibtisch in Niederösterreich mitschreiben. Wir sind durch eine Internet-Plattform verbunden und wechseln uns viertelstündlich mit dem Schreiben ab.
Es gibt für alles einen guten Zeitpunkt. Diesen Job in der Selbstständigkeit hätte ich direkt nach Studienabschluss so nicht machen wollen. Natürlich hätte ich mit 24 Jahren ein Übersetzungsbüro eröffnen können, aber das wäre gar nicht gut gewesen. Mir hat die Erfahrung aus einer Firma gefehlt. Heute weiß ich genau, wie ein Konzern so tickt und auch wie man da spricht, intern. Fachbegriffe und die Unternehmenskommunikation sind mir geläufig. Das macht einen Teil des Erfolgs aus. Außerdem fällt mir die Buchhaltung in meiner eigenen Firma leichter, da ich früher mit kaufmännischen Projekten zu tun hatte. Am Ende eines langen Arbeitstages denke ich trotz aller „Action“: Es war gut und richtig, dass ich mich selbstständig gemacht habe.

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  01:29:57 07.20.2005