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05/2017 - „Liebe, Friede, Leben“
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Ungelesen , 08:16
„Liebe, Friede, Leben“

Religiöser und ethnischer Hass ist in Bosnien-Herzegowina auch 20 Jahre nach Kriegsende nicht verschwunden. Ein Schülerprojekt soll helfen, das zu überwinden.

| Von Anna Maria Steiner


„Neurochirurgie.“ Wenn Lejla nach dem für sie interessantesten Unterrichtsstoff gefragt wird, antwortet die 17-Jährige ohne Zögern. Und wer nicht genau weiß, wovon sie spricht, für den umschreibt die junge Bosnierin das Fremdwort auch in nahezu perfektem Deutsch: „also Gehirn-Operieren“. Seit vier Jahren besucht die junge Muslima den medizinischen Zweig einer katholischen Schule im bosnischen Städtchen Cazin. Kurz vor Weihnachten bricht Lejla als Teil einer 12-köpfigen Schul-Delegation auf ins gut 300 Kilometer entfernte Graz. Eine ganz normale Klassenfahrt? Keineswegs.

Der lange Weg des Vergessens

„Meine Schule? Das ist ein bisschen kompliziert“, antwortet Lejla auf die Frage nach dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem sie lebt. Dass Muslima wie sie eine Ausbildung in einem katholischen Schulzentrum bekommen würden, sei in ihrem Heimatland nicht selbstverständlich. Der Bosnien-Krieg hat Narben hinterlassen, oder eher Wunden, deren Heilungsprozess die Politik vor Ort eher hemmt denn fördert. Auch zwei Jahrzehnte nach offiziellem Kriegsende wirkt die Gewalt der frühen 1990er-Jahre in Bosnien und Herzegowina noch immer nach. „Das alles sitzt tief. Im Krieg sind Dinge passiert, über die man nur schwer reden kann“, erzählt Jörg Hofreiter, der den interreligiösen Schulaustausch für Lejla und ihre Kollegen nach Graz mit finanzieller Unterstützung durch die Österreichische Kulturvereinigung initiiert hatte.
Vor 16 Jahren war der einstige Polizeichef von Schwechat erstmals in Cazins Nachbarstadt
Bihać gekommen. Ein internationaler Polizei-Einsatz vor Ort brachte ihm die Probleme im multi-ethnischen Zusammenleben im Balkanstaat näher. Fünf Jahre nach Kriegsende, erinnert sich Hofreiter, war es in Bihać zu einem Polizeistreik gekommen – aus einem für ihn damals banal anmutenden Grund: Ein bosniakischer Beamter hatte seinen kroatischen Vorgesetzten mit den Worten „Salam alejkum“ begrüßt. Letzterer fühlte sich provoziert; dem anfangs noch verbalen Schlagabtausch folgten Repression und chaotische Zustände im Polizei-Apparat. Für Jörg Hofreiter, heute Honorarkonsul von Bosnien und Herzegowina für den Amtsbereich Steiermark, eine logische Folge der Gewalt der frühen 1990er-Jahre. „Im Krieg waren brutale Dinge passiert. Da kann man nicht einfach sagen Vergesst, was war.“

Motor Wirtschaft, Anker Religion

Vergessen, oder genauer: nach vorne blicken. Damit angefangen hat Salim Dervic´ unter lebensbedrohlichen Umständen im Krieg. Als einer von geschätzt 350.000 in Bosnien und Herzegowina eingesetzten Soldaten musste der heutige Direktor der muslimischen Schule in Cazin die Gewalt in seinem Land Anfang der 1990er-Jahre hautnah miterleben. „Im Krieg kannst du in jedem Moment dein Leben verlieren“, erinnert sich der Lehrer für islamische Religion an seine Soldatenzeit zurück und erzählt, wie er, umgeben von Tod, einen Weg findet, um das Erfahrene leichter zu verarbeiten.
„In diesem Zustand habe ich gelernt“, erzählt der islamische Theologe, der neben dem Koran auch intensiv die christliche Mystik studierte. Religion als Ausweg aus der Krise? Salim Dervic´ bejaht und gibt diese Erkenntnis heute seinen Schülern auch im Unterrichtsfach „Tefsir“, was soviel bedeutet wie Koran-Auslegung, weiter. Lebenslanges Lernen sei für Muslime ein Muss.
Wer Dinge um sich herum verstehen will, dürfe nicht aufhören mit dem Lernen, meint Salim Dervic´ und zitiert dabei eine Stelle aus dem Koran. „Gott sagt: Ich habe die Menschen gemacht, damit sie sich gegenseitig kennenzulernen.“ Und
das nehme man in der Medresa von Cazin beim Wort, wie neben der Klassenfahrt nach Graz auch vergangene Reisen in die Schweiz, Deutschland oder nach Nahost und Schulpartnerschaften in Israel oder der Türkei beweisen.
Reisen um zu lernen, mit dem langfristigen Ziel, wirtschaftliche Kooperationen einzugehen. Wie wichtig letztere für das friedliche Zusammenleben in einem Nachkriegsland wie Bosnien und Herzegowina sind, weiß auch Honorarkonsul Hofreiter. „Das Faktum des Vielvölkertums spielt genau dann keine Rolle, wenn es den Leuten gut geht.“ Im multiethnischen Bosnien und Herzegowina hingegen, wo der durchschnittlichen Brutto-Monatslohn umgerechnet 660 Euro beträgt, haben Beschäftigte auch 20 Jahre nach Kriegsende finanziell kaum ein Auskommen.
„Einige der nach Graz mitgereisten Lehrer haben ein Jahr lang kein Gehalt bekommen“, weiß Hofreiter aus Gesprächen. Und viele der Berufstätigen im Land würden überhaupt nur durch Transferzahlungen ihrer Verwandten aus der Diaspora überleben. Laut dem Human Development Index der Vereinten Nationen (HDI) – einer 188-teiligen Skala, die den Wohlstand eines Landes misst – liegt das multiethnische Bosnien und Herzegowina hinter Armenien auf Platz 85. „Wenn’s finanziell eng wird, werden Unterschiede viel deutlicher“, merkt Hofreiter an. Als Gegenbeispiel nennt er die im HDI-Vergleich auf Platz 3 liegende Schweiz, wo Italienisch-Sprechende mit Französisch- und Deutsch-Muttersprachlern friedlich zusammenleben.

Hoffnungsträger Jugend

Wie ihr mitgereister Kollege von der Medresa von Cazin, so legt auch die an der katholischen Schule unterrichtende Selma Cˇehic´ all ihre Hoffnungen in die junge Generation. „Es ist vor allem an den Lehrerinnen und Lehrern, die zwischenmenschlichen Beziehungen unter den Schülerinnen und Schülern zu fördern.“ Die Sprachassistentin und Prüferin für das Österreichische Sprachdiplom Deutsch (ÖSD) hat eine klare Vorstellung davon, was getan werden muss, damit ihr Land zu wirtschaftlichem Aufschwung und gesellschaftlicher Stabilität gelangt: „Wenn man Kinder von klein auf zu solidarischem Verhalten erzieht, können sie später zu Individuen werden, die andere respektieren, Mitgefühl zeigen und schließlich in der Lage sind, sich ihre eigene Meinung zu bilden.“ Fähigkeiten, die im multireligiösen Bosnien und Herzegowina, dessen Bewohner zu 40 Prozent muslimisch, zu 31 Prozent serbisch-orthodox und zu 15 Prozent römisch-katholisch sind, heute mehr denn je gefordert sind denn je.
Wieder zurück in der HLW Sozialmanagement der Caritas in Graz. Der Tag in der steirischen Schule hat Lejla gut gefallen. Im Koch-Unterricht habe man gemeinsam mit den Grazer Schülerinnen und Schülern Chili con Carne zubereitet, erzählt sie. So etwas gebe es in der katholischen Schule in
Bihać leider nicht.
Auf eine Sache in ihrer eigenen Schule ist die 17-Jährige dennoch stolz: Anders als vielerorts in Bosnien und Herzegowina hätten ethnisch-religiöse Konflikte in ihrer Schule nichts zu suchen. Den starken Zusammenhalt untereinander schildert Lejla an einem praktischen Beispiel.
„Das ist Dinka“, sagt sie und zeigt auf die neben ihr sitzende Reise- und Klassenkollegin. Beider gemeinsame Freundin heiße Antonia und im Gegensatz zu Dinka und Lejla sei sie keine Muslima. „Zwischen uns dreien gibt es nichts Trennendes. Was für uns zählt, ist die Liebe, der Frieden und das Leben.“

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