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06/2017 - Das Image ist angekratzt
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Ungelesen , 07:10
Das Image ist angekratzt

Skifahren früher und Skifahren heute – dazwischen liegen Welten. Die Preise steigen, Unfälle häufen sich,
der Schnee bleibt oft aus.


| Das Gespräch führte Sylvia Einöder


Österreich zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Skinationen. Professor Peter Zellmann, Erziehungswissenschaftler und Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT) in Wien, über die Veränderungen im Skisport,und dessen wirtschaftliche Bedeutung.

DIE FURCHE: Herr Professor Zellmann, nur ein gutes Drittel der Österreicher geht „zumindest manchmal” skifahren. Kann man gar nicht mehr von der Skifahrernation Österreich sprechen?
Peter Zellmann: Ich habe den Skifahrer-Schwund noch plakativer untersucht: Vor 30 Jahren sind 40 Prozent der Österreicher nie skigefahren, heute sind es 60 Prozent. Das Image der Skifahrernation ist angekratzt.
DIE FURCHE: Würden Sie Skifahren für eine „Kulturtechnik” halten, die – wenn möglich – jedes Kind in Österreich erlernen sollte?
Zellmann: Man könnte das durchaus so sehen, dass Skifahren zur österreichischen Identität gehört hat, dass es die Freizeit-Kulturtechnik im Alpenraum ist, die inzwischen mehr als in Frage gestellt wird. Das Problem ist, dass man im Winter wenige Alternativen hat. Dass die Menschen im Jänner in Kitzbühel wandern gehen, mag in 100 Jahren der Fall sein, wenn der Klimawandel so fortschreitet, aber der Skilauf ist unersetzbar. Mit Wellness und Schneeschuhwandern wird man nie die gewünschten Nächtigungszahlen erreichen.
DIE FURCHE: 1995 wurden die verpflichtenden Schulskikurse abgeschafft. Ist Skifahren inzwischen aus Sicht der Jugend ein „alter Sport”, beinahe retro?
Zellmann: Sport ist nie retro. Der Hauptgrund für den Ausstieg aus dem Volkssport Skilauf ist wohl das Ende der Schulskikurse. Es gibt bereits Generationen von jungen Eltern, die nicht skifahren gelernt haben. Die zugegebene Teuerung ist betriebswirtschaftlich verständlich und nicht so dramatisch wie oft dargestellt. Es ist eher eine emotionale Frage: Ist mir das der Preis wert? Die emotionale Nähe zum Skifahren, die man als Kind aufbaut, ist verloren gegangen. Das Ende der Schulskikurse ist eine bildungspolitische Entscheidung gewesen und für die öffentliche Hand ist es eine willkommene Erklärung: „Die Wirtschaft hat Skifahren unleistbar gemacht.” Inflationsbereinigt und verglichen mit dem Preis-Leistungsverhältnis in den 80er-Jahren ist Skifahren nicht teurer geworden als vieles andere. Das qualitative Angebot, die Liftkapazitäten, die Pistenpräparierung ist unvergleichlich besser.
DIE FURCHE: Ein Skiurlaub für eine vierköpfige Familie kostet heute so viel wie eine Flugreise inklusive vier Flugtickets.
Zellmann: Schon immer ist nur die gehobene Einkommensklasse der obersten 25 Prozent auf Skiurlaub gefahren. Diesen darf man nicht verwechseln mit dem wochenendlichen Skifahren in den Naherholungsgebieten. Das Erlernen des Skilaufs wurde schon zur Geldfrage, die Ausübung nicht so sehr. Jene, die sich den Skiurlaub leisten können, schicken ihre Kinder statt in die Schulskikurse nun in private.
DIE FURCHE: Viele haben unangenehme Kindheitserinnerungen ans Skifahren: Eingefrorene Zehen, aus dem Schlepplift rausfallen, einen Handschuhe oder die Mütze verlieren, die erfolglose Suche nach dem Taschentuch, schmerzhafte Stürze. Warum tun sich das Menschen an?
Zellmann: Da muss ich schmunzeln, das klingt nach persönlichen Erlebnissen. Es gibt aber kaum so prägende Erlebnisse wie einen Schulskikurs, an den man sich gerne zurückerinnert und sagt: „Eigentlich war es eine Gaudi!” Die Mehrheit erinnert sich positiv daran.
DIE FURCHE: Der Lust am Zuschauen, am Weltcup-Zirkus, tut die schrumpfende Zahl Aktiver keinen Abbruch. Ist das ein Verlust, vom aktiven Tun zum passiven Konsumieren?
Zellmann: Die Vorbildwirkung zum selber aktiv werden wurde schon immer überschätzt, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Die wahre Motivation ist die Vorbildwirkung der Eltern. Beim Zusehen geht es eher um das Mitfiebern, die Identifikation mit Sportlern, das Hoffen auf den Sieg des eigenen Favoriten, die spektakulären Szenen, die mediale Inszenierung.
DIE FURCHE: Wie hat sich die Skifahrerkultur dadurch verändert?
Zellmann: Apres-Ski ist seit den 70er-Jahren fixer Bestandteil. Das ausgebaute Angebot, die größeren Hütten, die Lifte sind eine Folge des Wirtschaftswachstums und der Konkurrenz zwischen den Anbietern. Noch ist das Angebot nicht größer als die Nachfrage. Weiter ausgebaut wird das Angebot nach meinen Recherchen nicht mehr. Es gibt nur noch die eine oder andere Idee, zwei Skigebiete zu verbinden, um noch mehr Pistenkilometer zu bieten.
DIE FURCHE: Zum ersten Semesterferien-Wochenende mussten 125 verletzte Wintersportler alleine in die Spitäler Zell am See (Pinzgau) und Schwarzach (Pongau) gebracht werden. Wurde der Sport gefährlicher durch den Einsatz von Kunstschnee?
Zellmann: Das stimmt -- und sollte die Verantwortlichen sorgenvoll stimmen. Die Pisten wurden immer leichter zu befahren, die Carvingskier drehen schneller, der schneidende Schwung erhöht die Geschwindigkeit. Die Rücksichtslosigkeit der Egogesellschaft nahm zu. Die FIS-Regeln kennt kaum mehr jemand. Dass ein Läufer nach oben schaut, bevor er wegfährt, sieht man kaum. Kein Wunder, dass manche sagen: Das ist mir zu gefährlich. Die Häufigkeit der Unfälle nimmt nicht dramatisch zu, aber die Schwere der Verletzungen. Die Menschen empfinden Skifahren als signifikant gefährlicher. Es tragen immer mehr Leute Helm. Wobei hier auch das Interesse der Industrie und Versicherungen dahinter steht.
DIE FURCHE: Wie abhängig sind unsere Skigebiete vom Kunstschnee?
Zellmann: Skigebiete unter 1500 Meter Seehöhe können kaum überleben. Bis auf eine Höhe von 700 Meter zu beschneien ist aufwendig und nicht immer möglich. Wären wir vom Naturschnee abhängig, gäbe es den Skilauf nicht mehr. Ohne Kunstschnee hätten auch die hochalpinen Skigebiete kein Weihnachts- und Jännergeschäft mehr. Der Naturschnee ist oft nur mehr eine Ergänzung der Winterkulisse.
DIE FURCHE: 2008 arbeiteten Vorarlbergs Skigebiete mit 1000 Schneekanonen, heuer sind es 1600. Ist das in puncto Ökologie nicht ein Trend in die falsche Richtung?
Zellmann: Der sogenannte künstliche Naturschnee wird immer umweltverträglicher, energiesparender. Nur so kann der Wintertourismus gewährleistet bleiben. Von diesem ist Österreich volkswirtschaftlich viel abhängiger, als wir glauben. Das reicht in viele Bereiche hinein, die man nicht mit Tourismus verbindet: Etwa, wenn ein Tischler einen Bäckereibetrieb in einem alpinen Tal neu ausstattet, der nur mehr existiert, weil es dort Wintertourismus gibt. Ob Österreicher ihr Geld am Wochenende am Semmering ausgeben oder anderswo, ist sekundär, aber die Anzahl der Nächtigungen durch Skiurlauber aus dem Ausland ist unersetzbar. Technologie können andere Nationen auch verkaufen, unsere alpine Landschaft ist ein Alleinstellungsmerkmal.
Die FURCHE: Wie sehen Sie angesichts des Klimawandels die längerfristige Zukunft der heimischen Skigebiete?
Zellmann: 70 Prozent der Skipisten in Österreich sind beschneibar. Mit dem Kunstschnee ist das Angebot für die nächsten
20 Jahre sichergestellt. Wer weiß, ob das Skilaufen in 50 Jahren noch geben wird.

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