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06/2017 - „Bergabwärts geht es ganz von selber“
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Ungelesen , 07:17
„Bergabwärts geht es ganz von selber“

Im Anfang war ein Buch: Der Expeditionsbericht „Auf Schneeschuhen durch Grönland“ von Fridtjof Nansen inspirierte 1891 die Alpenbewohner, das von den Norwegern zum Fortkommen im Schnee verwendete Holzgerät zur Abfahrt zu nutzen.


| Von Wolfgang Straub


Das Kitzbüheler Hahnenkammrennen ist der alljährliche Höhepunkt des winterlichen Weltcup-Skizirkus. Neben den sportlichen Ereignissen stehen dabei stets Societymeldungen im Mittelpunkt. Da sich dabei aber die Ingredienzien (Weißwurstparty, Arnold Schwarzenegger) wenig ändern, sind alle Beteiligten froh über solche griffigen Storys, wie sie der dritte Platz des Engländers David Ryding im Slalom lieferte. Es war eine kleine Sensation: Seit 36 Jahren stand wieder einmal ein britischer Skirennläufer auf dem Podest – und dabei hatte Rydling, wie kein Medium vergaß zu ergänzen, das Skifahren auf Kunststoffmatten erlernt und seinen ersten Schnee mit zwölf Jahren gesehen.
Was hier als Skurrilität präsentiert wurde, ist eine der Grundlagen der Entstehung des Wintersports in unseren Breiten: die Sportbegeisterung der Briten und ihre Liebe zu den Alpen. Das Inselvolk brachte nicht nur den heute weltweit wichtigsten Breitensport, den Fußball, nach Mitteleuropa, mit der Kombination aus Organisationsfreude und Clubkultur schufen sie auch strukturelle Grundlagen für die Pflege neuer Wintersportarten – und ihr für Mitteleuropäer neuer „Sportsgeist“ öffnete dem Sport neue Sphären.

Holzgerät für die Abfahrt

Bei der Verbreitung des Skisports stiegen die Briten allerdings erst ein wenig später ein. Im Anfang des alpinen Skisports war ein Buch: Der Polarforscher Fridtjof Nansen durchquerte 1888/89 Grönland, wobei er dabei die in Norwegen längst gebräuchlichen Skier heranzog. Die gelungene Expedition war europaweit ein Medienereignis, sein Expeditionsbericht „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 1891 auf Deutsch erschienen, fand breite Beachtung. Es waren wohl Passagen wie die folgende, die manchem Alpenbewohner auf die Idee brachten, das von den Norwegern vor allem zum Fortkommen im Schnee verwendete Holzgerät zur Abfahrt zu nutzen: „Bergabwärts geht es ganz von selber, denn die Schneeschuhe gleiten leicht über den Schnee dahin. Man muss sich nur auf denselben halten und die Herrschaft über sie bewahren, so dass man nicht gegen Bäume oder Steine läuft oder in einen Abgrund stürzt.“
Die Einführung des alpinen Skisports war also keine „Erfindung“, sondern eine Adaptionsleistung. Und es war keine Einzelleistung, vielmehr machten sich an vielen Orten von den Einheimischen beargwöhnte Herren mit norwegischen „Schneeschuhen“ auf den Weg nach oben und die Fahrt nach unten. Es gab zwar vereinzelt bereits vor den 1890er-Jahren Skiversuche in den Alpen – in Davos überliefert man stolz, dass 1883 das erste Paar Telemark-Ski gesichtet worden sei –, aber Nansens Buch war der entscheidende Schub. In Feldberg, im Hochschwarzwald, etwa war es ein französischer Diplomat, der 1891 mit einer Schneeschuhwanderung und -fahrt ein Zentrum des Skisports in Süddeutschland schuf. Dass mit dem noblen „Feldberger Hof“ bereits ein Hotel vor Ort bestand, beförderte die Entwicklung besonders. Im Folgejahr verfiel ein Schreiner aus dem Nachbarort bereits darauf, eine serielle Skiproduktion zu starten. Es war ebenfalls in Feldberg, wo 1908 der erste Skilift Mitteleuropas in Betrieb ging.
Solche Superlative wie über Feldberg liest man in lokalen Skigeschichten allenthalben, „Geburtsorte“ des alpinen Skifahrens gibt es viele. Der Dichter H. C. Artmann nahm 1975 diese „Skigeschichtsschreibung“ auf die Schaufel: Er fragte nach den Spuren der „Schifahrerei“ im Alten Testament und ließ einen Historiker die Anfänge des Sports in das sagenhafte Ultima Thule verlegen, das Skifahren ginge auf das „conto des thulischen königs Udler respektive Ullr, was in modernem südgermanisch der große hudler bedeuten soll“. In den 1890ern betrieben im Alpenraum tatsächlich zahlreiche Alpinisten angewandte Skihistorie, indem sie über ihre Adaptionsversuche der Norwegertechnik an das alpine Gelände publizierten. In Kitzbühel etwa war das Franz Reisch, ein Zugewanderter, der 1893 über seine Bergfahrt in der Münchner Zeitschriftenbeilage „Der Schneeschuh“ berichtete: „Mit dem Ski auf das Kitzbichler Horn“. Darin schreibt Reisch, dass das „Bergauffahren“ zwar kraftaufwändig sei, dafür „das Abfahren lediglich Courage und Uebung“ erfordere. Das Gipfelstück, für das er beim Aufstieg eine Stunde benötigt habe, habe er bergab „in rasendem Saus“ in drei Minuten bewältigt. Reisch spricht in seiner Begeisterung vom „Schneeschuhsport“ als „Sport aller Sporte“.

An die Gäste denken

Der Kitzbüheler Konditor Reisch ist das Paradebeispiel eines „Fremdenverkehrspioniers“. Es ging ihm nicht nur um die sportliche Herausforderung, er dachte von Anfang an – als typisch österreichische
Adaptionsleistung – an die Gäste. Bald begleitete ihn ein Fotograf bei seinen Touren, womit allmählich das bildlich-atmosphärische Inventar des Skisports – das Versprechen eines sportlich-sozialen Ereignisses in unberührter Winterlandschaft – geschaffen wurde. Reisch gelang in Kitzbühel früh eine Internationalisierung des winterlichen Publikums, der 1890 gegründete Skiclub München hielt hier Kurse ab. Durch das Engagement des deutschen Tausendsassas Wilhelm Rickmer Rickmers wurde eine erste britische „Kolonie“ in Kitzbühel etabliert. Rickmer Rickmers, der sich Matthias Zdarskys „Lilienfelder Technik“ angeeignet hatte, hielt Skikurse ab und verfügte durch seine englische Ehefrau sowie seine Bergexpeditionen nach Asien über beste Beziehungen zur Insel. Als das 1903 eröffnete Grandhotel in Kitzbühel 1909 auch in der Wintersaison öffnete, hatte die reiselustige britische Upper class ein weiteres Wintersportziel.
In St. Moritz setzte die Entwicklung des Ortes zum Wintersportzentrum etwas früher ein. Die britischen Touristen brachten neue Sportarten mit (Curling), sie initiierten vor Ort – natürlich in Clubs organisiert – die Entstehung neuer Infrastruktur, wie der Errichtung einer Bobbahn (heute weltweit die letzte bestehende Natureisbahn). Jedes Hotel, das auf sich hielt, hatte – wie das Kitzbüheler Grandhotel – seinen eigenen Eislaufplatz. Funktioniert heute in Österreich der Grandhotel-Wintertourismus längst nicht mehr – man denke an die traurigen Hotelkästen am Semmering und in Badgastein –, so gibt es in St. Moritz noch Residuen des Oberklassen-Wintersports: Das Suvretta House verfügt über einen eigenen Eislaufplatz mit Eislauftrainerin.
Wintersport war in den Alpen in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens eine exklusive Angelegenheit. Die bäuerliche Bevölkerung benutzte den Schlitten zum Holztransport, der Landarzt die Skier zur Fortbewegung. Er blieb britischen Touristen und Städtern vorbehalten, zugleich entwickelte er sich auch in alpennahen Städten wie München oder Wien. Nicht am Arlberg oder in Kitzbühel entstand Österreichs erster Skiclub, sondern bereits 1891 in Wien („Erster Wiener Skiverein“), wo man etwa im Schlosspark Pötzleinsdorf auf Schneeschuhen rutschte. Die weitere Verbreitung des Skisports, seine Popularisierung hatte mit dem Ersten Weltkrieg zu tun, wo man an der Dolomitenfront gut ausgebildete Skiläufer brauchte; und sie hing mit der medialen Aufbereitung in der Zwischenkriegszeit zusammen, an der Arnold Fanck mit seinen Skifilmen maßgeblich beteiligt war. Die Filme „Wunder des Schneeschuhs“ (1920) und „Der weiße Rausch“ (1931) installierten mit den Skifahrkünsten eines Hannes Schneider die „Arlbergtechnik“ als Marke und den Skisport als unbeschwerten, vom Alltag abgehobenen, für jeden erlernbaren Spaß.

Skifahren wieder exklusiver?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Skisport in Österreich weiter popularisiert (die drei Goldmedaillen Toni Sailers 1956!), die urbanen Anteile traten ebenso wie andere Wintersportarten zurück, Skifahren wurde rustikalisiert. Es gibt Stimmen, die die Zukunft des in höhere Regionen zurückgedrängten Wintersport wieder in einer Exklusivität sehen. Der Schriftsteller O. P. Zier wüsste einen Ausweg: In seinem Roman „Tote Saison“ (2007) schrieb er von einem Projekt, die Alpentäler zu überdachen, um damit die für die Schneeerzeugung essentiellen Temperaturen in den Griff zu bekommen. Aber es wird niemand auf die Literatur hören. Also werden oben, wie zu Beginn des Wintersports, die Reichen in exklusiven Clubs sitzen und sich vor dem Fünf-Uhr-Tee sportlich betätigen. Und unten können die Normalsterblichen, wie Dave Ryding, das Skifahren auf Matten erlernen.

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  06:43:10 07.18.2005