ro ro

Themen-Optionen Ansicht

08/2017 - Erste allgemeine Verunsicherung
  #1  
Ungelesen , 08:40
Erste allgemeine Verunsicherung

Nur sicher gebundene Kinder werden emotional stabile Erwachsene. Der Psychiater Karl Heinz Brisch will Eltern entsprechend sensibilisieren – und warnt vor Stress, schlechten Krippen und Handy-Fixierung.

| Von Doris Helmberger

Karl Heinz Brisch hat schon viele Kinder in Not gesehen. Aber das, was er vergangenes Jahr am Höhepunkt der Flüchtlingsbewegungen in München miterleben musste, hatte sogar für ihn eine neue Dimension. Da war etwa ein zehn Monate altes Mädchen aus Afrika: Reglos lag es in seinem Bett und starrte an die Decke. Daneben saß seine Mutter, die auf der Flucht ihre beiden älteren Kinder verloren hatte, und starrte an die Wand. Nur nachts nahm sie ihr Kind, kauerte sich mit ihm auf den Fußboden und begann leise zu singen.
Es sind erschütternde Geschichten, mit denen Brisch als Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Haunerschen Kinderspital in München konfrontiert ist. Und sie betreffen keineswegs nur traumatisierte Flüchtlingsfamilien. „Das Ausmaß an emotionalen Störungen ist erschreckend“, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater. Als Ursache sieht er oft gestörte Eltern-Kind-Bindungen, ausgelöst durch lange Leidensgeschichten voll traumatischer Erfahrungen.
Es war in den 1940er-Jahren, als der englische Kinderpsychiater John Bowlby die Bindungstheorie zu entwickeln begann. Eine sichere emotionale Bindung würde demnach dann entstehen, wenn eine Bezugsperson feinfühlig, prompt und angemessen auf die Signale des Babys reagiere. Entscheidend dafür sei vor allem das erste Lebensjahr: Gelänge hier eine sichere Bindung, würde das Kind später eher emotional stabil, selbstsicher und empathiefähig. Erlebe ein Kind hingegen Zurückweisungen von seinen Eltern, wenn es in Not wäre, entwickle es eher eine unsicher-vermeidende Bindung – und hätte später selbst Probleme, eine sichere Bindung zum eigenen Kind aufzubauen. Ein transgenerationaler Teufelskreis.
Die Erkenntnis, dass Eltern während der Schwangerschaft und rund um die Geburt eines Kindes Unterstützung brauchen, hat in den letzten Jahren verstärkt zum Ausbau „Früher Hilfen“ geführt. In Österreich wurden etwa seit Anfang 2015 durch das „Netzwerk Frühe Hilfen“ rund 2000 Eltern aus belasteten Situationen betreut (vgl. www.fruehehilfen.at). „Der Übergang zur Elternschaft bedeutet für alle Paare eine normative Krise. Sie fallen im Grunde in die Steinzeit zurück“, erklärte die Freiburger Kinderärztin und Psychotherapeutin Barbara von Kalckreuth vergangene Woche im Rahmen der 22. Jahrestagung der GAIMH (German speaking Association for Infant Mental Health) in Wien. Während sicher gebundene Eltern mit diesem Zustand existenzieller Verunsicherung – meist gepaart mit Schlafmangel – aber umgehen lernten und sich notfalls Hilfe holten, bestehe bei unsicher gebundenen oder sogar traumatisierten Eltern durch die geringere Selbstregulationsfähigkeit die Gefahr eines „Übergriffs“ auf das eigene Kind.

Rechtzeitig Feinfühligkeit lernen

Bindung ist also der zentrale Schlüssel, damit Familie von Anfang an gelingen kann. Um Eltern dafür kompetent zu machen, hat Karl Heinz Brisch das Elternprogramm
„SAFE“ („Sichere Ausbildung Für Eltern“) entwickelt. Beginnend mit der Schwangerschaft sollen Mütter und Väter bis zum Ende des ersten Lebensjahres des Kindes lernen, was „Feinfühligkeit“ bedeutet und wie sie auf die Bedürfnisse ihres Babys reagieren sollen. Um alle sozialen Schichten zu erreichen, werden bei den Kursen für benachteiligte Eltern Gutscheine für Babyausstattung verteilt; und um die Väter einzubinden, finden die Seminare sonntags statt. Vorarlberg bietet sie bereits flächendeckend an, ebenso die steirische Stadt Leibnitz.
Dass sich diese Investition auszahlt, steht für Karl Heinz Brisch außer Zweifel: „Laut internationaler Forschung zahlt sich jeder Euro, der ab der Schwangerschaft zur Begleitung von Eltern investiert wird, um den Faktor acht bis 18 – je nach Studie – für den Staat aus, etwa durch weniger Ausgaben für Fremdunterbringungen und Sozialhilfe“, erklärte er am Rande der GAIMH-Tagung der FURCHE. Bedarf gibt es nach Brisch jedenfalls genug: So sei der Anteil der Kinder mit sicherer Bindung an ihre Mütter in den Industrieländern laut einer aktuellen Meta-Studie zuletzt deutlich gesunken: von 65 Prozent in den 1980er_Jahren auf aktuell nur noch 48 Prozent. So niedrig sei auch der Anteil der sicheren Vater-Kind-Bindungen.
Als Gründe dafür ortet Brisch vor allem zunehmenden mütterlichen Stress – und die schlechte Betreuungssituation in Krippen. Eine These, mit der der Kinderpsychiater seit über zehn Jahren für Debatten sorgt. Schon damals hatte die GAIMH unter seiner Federführung Empfehlungen zur Betreuung von Kleinkindern publiziert, die bei vielen Unverständnis auslösten: Es brauche bei den Säuglingen einen Betreuungsschlüssel von 1:2 und bei Kleinkindern bis zum dritten Lebensjahr einen von 1:3 (also eine Pädagogin auf zwei bzw. drei Kinder), damit es nicht zu emotionaler Vernachlässigung komme (vgl. www.gaimh.org). Die Realität sieht freilich bis heute anders aus: „Laut einer repräsentativen deutschen NUBBEK-Studie ist die Qualität in bis zu 17 Prozent der deutschen Krippen so schlecht, dass man sie sofort wegen Kindeswohlgefährdung schließen müsste, weil sie nicht die nötigen qualitativen Mindeststandards erfüllen“, sagt Brisch zur FURCHE. „Und in insgesamt 82 bis 87 Prozent ist der Betreuungsschlüssel zu schlecht, um eine gesunde kindliche Entwicklung auf den Weg zu bringen.“

„Dramatisch mehr Verhaltensauffälligkeiten“

In Österreich ist die Situation nicht viel besser: Auch hier liegt der Betreuungsschlüssel oft bei 1:6 und darüber – und nur 2,7 Prozent der Gelder, die 2015 in den Ausbau der Betreuungseinrichtungen gesteckt wurden, diente der Verbesserung dieser Quote. Künftig soll das Augenmerk freilich – neben dem Ausbau der Öffnungszeiten – auch auf einer besseren Betreuungsqualität liegen, betont Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP). Im Rahmen der laufenden 15a-Vereinbarung mit den Ländern (die für Kinderbetreuung zuständig sind) hat man als Ziel immerhin eine Quote von 1:4 bei den Unter-Dreijährigen vorgegeben.
Karl Heinz Brisch bleibt indes ungeduldig. „Wir müssen für eine bessere Qualität in den Krippen kämpfen, sonst wird die Zahl verhaltensauffälliger Kinder dramatisch steigen“, sagt er. In Dänemark und Schweden sei es längst verboten, Kinder unter einem Jahr in Krippen zu geben. Dass dies in Deutschland und Österreich nun vermehrt angedacht werde, hält er für fatal. Als Plädoyer dafür, dass Mütter nicht berufstätig sein dürfen, will Brisch das nicht verstanden wissen, sehr wohl aber als Forderung, dass sich die Arbeitswelt an die Bedürfnisse von Eltern und Kindern anpassen müsse und nicht umgekehrt. „Egal ob Eltern, Oma, Tagesmutter oder Krippe: Das Kind braucht eine Bezugsperson, die sich ihm feinfühlig zuwendet.“
Dass diese Zuwendung immer öfter durch intensiven elterlichen Smartphone-Gebrauch behindert werden könnte, macht ihm Sorgen. Im neuen Forschungsinstitut für „Early Life Care“ an der Paracelsus-Universität Salzburg will er nun die Folgen dieses Phänomens auf die Eltern-Kind-Bindung untersuchen. Das alles wird verunsicherte Eltern nicht wirklich beruhigen. Doch ständiges Fokussieren auf das Kind verlangt auch der Münchener Bindungsforscher nicht: „Es geht einfach darum, mit dem Kind emotional in Beziehung zu kommen, wenn man sich ihm zuwendet – und diesen Kontakt nicht ständig durch abrupten Gebrauch des Smartphones zu unterbrechen. Dann entwickelt das Kind eher die emotionale Sicherheit, die es braucht.“

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  05:06:40 07.15.2005