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08/2017 - Gute Eltern sein: Wie können wir das schaffen?
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Ungelesen , 08:50
Gute Eltern sein: Wie können wir das schaffen?

Unsicherheit in Erziehungsfragen, zerbröselnde Rollenmodelle, wachsender Leistungsdruck und Wettbewerb: „Familie“ ist wahrlich kein Kinderspiel. Ein Gespräch darüber, was sie stärken kann.

| Das Gespräch führte Doris Helmberger


Rund 760.000 Familien mit Kindern unter 15 Jahren gibt es in Österreich. In 68 Prozent der Fälle sind die Eltern verheiratet, in 18 Prozent handelt es sich um eine Lebensgemeinschaft und in 14 Prozent um Alleinerziehende. So viel zur Statistik. Das Leben dahinter schillert freilich in allen Farben: „Familie“, das kann hochbelastend sein – oder unglaublich bereichernd. Wo liegen die größten Herausforderungen? Und was kann Eltern wie Kinder stark machen? Die Familienberaterin Christine Bischof, die Familienrichterin Doris Täubel-Weinreich sowie der Pressesprecher der Erzdiözese Wien und achtfache Vater, Michael Prüller, haben auf Einladung der FURCHE diskutiert.

DIE FURCHE: Ich möchte unser Gespräch mit der Frage beginnen, was Familie für Sie persönlich bedeutet. Herr Prüller, Sie haben einmal die teils entgeisterten Reaktionen auf Ihre Familienverhältnisse in einem „Presse“-Artikel mit folgendem Titel beschrieben: „Alle acht Kinder mit derselben Frau?“ ...
Michael Prüller: Unsere Familie entspricht tatsächlich keinem gängigen Rollenbild, außer vielleicht dem der eigenen Großfamilie: Meine Mutter hatte sechs Geschwister, mein Vater zwölf – und wenn man mit über 30 direkten Cousinen und Cousins aufwächst, von denen manche noch mehr Kinder haben als wir, bekommt das eine gewisse Selbstverständlichkeit. Was insgesamt den Wert von Familie betrifft, so hat es Papst Franziskus in Amoris Laetitia wunderschön auf den Punkt gebracht: Familie ist „ein privilegierter Raum ungeschuldeter Liebe“. Für mich selbst sind zwei Dinge wesentlich: Erstens stellt Familie, wenn sie gelingt, einen ungeheuren Geborgenheitsfaktor dar. Und zweitens erlebe ich Familie auch als etwas, das man genießen kann. Sie ist ein unglaublicher Luxus, keine Pflicht, die man eingehen muss, weil die Evolution oder der Schöpfungsplan oder die Großmutter sich das einbilden.
Doris Täubel-Weinreich: Dass Familie ein Hort der Geborgenheit ist, würden sich viele wünschen. Ich sehe aber in meiner Arbeit auch, dass nirgendwo so viel – und so unter der Gürtellinie – gestritten wird wie in Familien. Es kann sein, dass sich Geschwister seit jeher zurückgesetzt fühlen und dann bei Testamentsstreitigkeiten alles ausgepackt wird, was in den letzten 50 Jahren passiert ist. Man weiß in Familien eben auch, wo man den anderen am leichtesten verletzen kann. Ich selbst habe es zwar sehr schön gefunden, verheiratet zu sein, aber ich habe keine Kinder – und bezeichne mich trotzdem als glücklich. Man kann also nicht nur in Familien glücklich sein! Kinder können ja auch sehr viel Stress erzeugen, das muss eine Beziehung erst einmal aushalten.
Die Furche: Diesen Stress erleben Sie, Frau Bischof, in der Beratung von Eltern häufig. Aber was bedeutet Familie für Sie selbst?
Christine Bischof: Ich bin in einer traditionellen katholischen Familie mit drei Geschwistern aufgewachsen und habe meine Kindheit als sehr geborgen erlebt – aber auch mit wenig Spielraum, was in der Jugend zu vielen Konflikten geführt hat. Für mich war jedenfalls immer klar, dass ich Kinder haben möchte, ich finde sie unglaublich inspirierend und auch witzig, aber ich habe mich auch gefragt, wie ich es besser machen kann als meine Eltern. Wir versuchen das ja alle, hoffentlich zumindest. Der Vater meiner Kinder und ich haben uns getrennt, als die Kinder noch sehr klein waren. Heute bin ich wieder verheiratet, die Kinder sind erwachsen, mein Sohn lebt in London und ich freue mich, dass es uns gelingt, an Feiertagen als Patchworkfamilie zusammenzukommen. Dass wir uns alle gut verstehen, empfinde ich als großes Glück.
DIE FURCHE: In vielen Familien läuft es nicht so harmonisch. Was erleben Sie in Ihren Beratungen als größte Herausforderung?
Bischof: Als größte Belastung empfinden viele Eltern, dass es keine Erziehungsmethode mehr gibt, die allgemein gültig ist. Anders als noch in den 1950er-Jahren mit dem traditionellen Familienmodell und der autoritären Erziehung haben wir heute einerseits den Luxus und die Freiheit, selber wählen zu können, wie wir mit unseren Kindern umgehen wollen, doch gleichzeitig ist das auch zum Problem geworden. Denn nun müssen Eltern aus sich heraus Entscheidungen treffen: Wieviele Stunden Fernsehen oder Computerspielen will ich meinem Kind erlauben – und täglich zig weitere Dinge. Diese Überforderung löst neben der Tatsache, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, den größten Druck aus.
Täubel-Weinreich: Ich erlebe die Familien natürlich meist in Trennungssituationen, die manches verstärken. Aber ich habe schon den Eindruck, dass heute viel mehr Kinder als früher überhaupt keine Grenzen mehr kennen, weil ihnen alles erlaubt wird. Noch nie hat es etwa so viele Jugendliche gegeben, die nicht mehr in die Schule gehen, deshalb hat der Wiener Stadtschulrat auch einen eigenen Beauftragten für Schulschwänzer installiert. Viele Eltern schaffen es nicht mehr, ihr Kind zum Aufstehen zu motivieren, weil sie kein Druckmittel in der Hand haben. Eine solche antiautoritäre Haltung kann aber à la longue nicht gutgehen …
Bischof: Da muss ich Einspruch erheben. Natürlich wissen wir, dass die antiautoritäre Erziehung nicht funktioniert – aber auch, dass wir die autoritäre nicht mehr wollen. Wir müssen also einen neuen Weg finden, denn Kinder brauchen Führung. Die Herausforderung heißt also: Wie können wir eine Autorität sein, ohne autoritär zu sein und ohne die Kinder in unserer Führungsrolle zu verletzen? Doch dazu muss man Kinder nicht begrenzen – die haben ja schon ihre Grenzen, genauso wie Erwachsene auch. Wenn die Eltern von Anfang an ihre eigenen Grenzen kennen und für diese eintreten, dann verstehen die Kinder das, und wenn die Erwachsenen dabei auch die Grenzen der Kinder akzeptieren, kann das wunderbar funktionieren.
DIE FURCHE: Können Sie ein Beispiel nennen?
Bischof: Nehmen wir ein Kind, das Lärm macht. Wenn ich sage „Mich stört das, kannst du damit aufhören!“, dann kommuniziere ich dem Kind klar meine Grenze, dazu muss ich es nicht reglementieren oder auf den stillen Stuhl setzen. Die Voraussetzung dazu ist aber, mit den Kindern einen Dialog zu führen – während wir früher von oben herab mit ihnen umgegangen sind.
Täubel-Weinreich: Mir gefällt in diesem Zusammenhang das Bild vom Rudel sehr gut, in dem es einen Leitwolf gibt, der die Linie vorgibt und auch Vorbild ist …
Bischof: Ja, genau das braucht es!
DIE FURCHE: Herr Prüller, ist auch aus Ihrer Sicht das Täglich-alles-aushandeln-Müssen das zentrale Problem heutiger Familien?
Prüller: Es ist sicher ein Problem. Ob es das eigentliche ist, weiß ich nicht, aber anders als früher gibt es eben keine klaren Rollenmodelle mehr: Was ist ein Vater? Was eine Mutter? Jeder muss seine Rolle ständig neu erfinden. Meine Frau hat einmal gesagt: Mit acht Kindern hat niemand ein Problem damit, dass ich Hausfrau bin, weil jeder sagt: Wahnsinn, wie machst du das? Aber mit drei Kindern und einem berufstätigen Mann würde das nicht mehr funktionieren. Doch viele Frauen können das nicht alles schaffen. Eine Freundin hat es so formuliert. Als Frau hast du immer das Gefühl, irgendwo zu versagen: Entweder bist du nicht berufstätig genug oder nicht Mutter genug oder nicht Hausfrau genug oder deinem Mann nicht Freundin genug …
Bischof: Wir Frauen sind gut in „Schuld auf uns nehmen“, da könnten wir von Männern wirklich lernen …
Prüller: Ja, aber wir leben leider in einem System, in dem die Starken gut überleben und die Schwachen schneller unter die Räder kommen. Zugleich fragen sich immer mehr Leute auch: Bin ich auf meine Kosten gekommen? Dieses Investitionsmodell ist auch in Familien ein großes Thema, ohne zu behaupten, dass es nicht auch früher oft geheißen hat: Ich habe euch meine besten Jahre geopfert – und das ist der Dank? Dazu kommt der Druck in der Arbeitswelt: Gerade in der oberen Mittelklasse gibt es einen viel härteren Konkurrenzkampf als früher, schon deshalb, weil es für Akademikerjobs eine größeres Angebot an Akademikern gibt. Angesichts all dessen versuchen wir seitens der Erzdiözese Wien, den Menschen über unsere Plattform meinefamilie.at ein bisschen mehr Sicherheit dafür zu geben, wie sie gut miteinander umgehen können.
Bischof: Diese Leistungsgesellschaft macht uns tatsächlich alle ein bisschen verrückt. Ich bin auch in zwei Wiener Schulen als Beraterin tätig und sehe, welcher Leistungsdruck schon auf die Kinder ausgeübt wird und wie sich das wiederum auf die Familien auswirkt. Das hat es vor 50 Jahren in dieser Form nicht gegeben. Aber die Familien können auch wählen: Sie müssen bei diesem Leistungswahnsinn nicht mitmachen.
Prüller: Aber es ist schwer, sich dem zu entziehen …
DIE FURCHE: Schwer entziehen können sich Familien auch dem Trend zur Flexibilisierung in der Arbeitswelt. Die Sozialpartner sollen nun flexiblere Arbeitsmodelle ausarbeiten – inklusive der Möglichkeit eines Zwölf-Stunden-Tages. Familienministerin Sophie Karmasin (ÖVP) sieht darin eine große „Chance“ für Familien, der Katholische Familienverband warnt hingegen vor den Folgen für die Kinder. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Täubel-Weinreich: Wenn die Arbeitszeit mehr an die Bedürfnisse der Familien angepasst werden kann, ist das natürlich eine Erleichterung. Wenn aber ein Arbeitgeber jedes Monat neue Diensteinteilungen herausgibt – unter anderem mit Zwölf-Stunden-Diensten –, wird das viele Familien vor große Kinderbetreuungsprobleme stellen. Man muss also aufpassen, wer hier flexibel sein muss. Derzeit sehe ich das eher als Risiko, weil schon jetzt in Absprache zwischen Dienstgeber und Dienstnehmer gute Lösungen möglich sind.
Prüller: Ich denke auch, dass es von der tatsächlichen Ausgestaltung abhängt. Wenn nur die Arbeitgeber flexibler sein können, bringt das den Familien gar nichts und erschwert nur den gemeinsamen Rhythmus. Wobei es für diesen Rhythmus der Familien – wie der Gesellschaft insgesamt – gut ist, dass es den arbeitsfreien Sonntag gibt.
Bischof: Es verändert tatsächlich etwas, wenn sich die Gesellschaft auf einen Tag einigt, an dem die meisten Menschen eine Pause machen können – auch wenn ich fürchte, dass sich das langfristig nicht halten lassen wird. Insgesamt hat Flexibilität in der Arbeit aber Vor- und Nachteile. Ich kenne Familien, bei denen das – etwa mit Homeoffice – ziemlich gut funktioniert, aber dazu muss man auch lernen, sich gut abzugrenzen. Andererseits können viele Eltern derzeit nicht sicher sein, dass ihre Kinder in Betreuungseinrichtungen auch wirklich gut versorgt werden. Gerade Säuglinge brauchen eine sehr klare Bezugsperson, die ihnen zugewandt und emotional da ist. Und für nicht wenige Kinder ist eine Krippenbetreuung eine totale emotionale Überforderung mit allen psychischen Spätfolgen. Wir brauchen also dringend einen besseren Betreuungsschlüssel, eine andere pädagogische Ausbildung und eine bessere Bezahlung der Pädagoginnen. Wenn die Kinder so viele Stunden in staatlichen Einrichtungen sind, dann folgt daraus, dass der Staat auch mehr Erziehungsverantwortung hat. Doch das ist im Moment noch nicht sichtbar.
DIE FURCHE: Verantwortung gegenüber den Kindern ist auch gefragt, wenn sich Paare trennen. Zwar geht die Zahl der Scheidungen seit 2000 kontinuierlich zurück, und 90 Prozent der Ehen werden mittlerweile auch einvernehmlich geschieden, dennoch zerbrechen weiterhin sehr viele Familien. Wie erleben das aus Ihrer Erfahrung die betroffenen Kinder, Frau Täubel-Weinreich?
Täubel-Weinreich: Das ist sehr unterschiedlich. Einmal habe ich eine 24-jährige Tochter in einem Scheidungsverfahren vernommen, die zu ihren Eltern gesagt hat: Ich hätte mir gewünscht, ihr hättet euch schon scheiden lassen, als ich zehn war. Doch die haben ihre Ehe so lange zusammengehalten, bis das Kind außer Haus war.
DIE FURCHE: Gibt es aus Ihrer Sicht ausreichend Beratung bei Trennungen?
Täubel-Weinreich: Bei der einvernehmlichen Scheidung gibt es jetzt eine verpflichtende Elternberatung, aber wir haben auch viele Paare mit Kindern, die nie verheiratet waren und oft zu spät zur Beratung gehen. Das ist auch deswegen schlimm, weil in Trennungsprozessen vieles unbewusst passiert. Da kann es sein, dass ein Vater zu seinem vierjährigen Kind sagt: Ich habe jetzt eine neue Freundin, aber verrat es nicht der Mama, weil die wird sich nur aufregen und traurig sein. Das ist vielleicht gar nicht böse gemeint, aber eine Vierjährige kann damit überhaupt nicht umgehen. Es kommen auch viele Leute zu mir, die sagen: Wenn ich das, was ich jetzt dank der Beratung weiß, schon früher gewusst hätte, dann wäre es nicht so schlecht gelaufen.
Prüller: Diese Elternberatung, die unter anderem auch von der katholischen Eheberatung angeboten wird, soll auch ausgebaut werden, weil Bedarf und Inanspruchnahme steigen …
Täubel-Weinreich: Der Bedarf steigt auch deshalb, weil sich eben die Rollenbilder verändert haben. Vor 18 Jahren, als ich als Familienrichterin begonnen habe, war klar: Der Papa sieht das Kind alle 14 Tage am Wochenende. Doch das reicht den modernen Vätern nicht mehr. Die sagen: Ich habe den Papamonat gemacht, ich gehe in die Schule, ich will mehr Kontakt. Das ist wunderbar, doch oft fehlt bei der Mutter das Verständnis, weil die Situation dann für sie subjektiv noch komplizierter wird.
Bischof: Aber die Zeit heilt auch ein bisschen die Wunden. Wenn die Mutter sieht, dass es nicht so fein ist, wenn sie sich die ganze Zeit um die Kinder kümmern muss und die sich auch nach dem Vater sehnen, dann ebbt die Wut vielleicht auch ab. Und zu Ihrer Geschichte von der 24-Jährigen: Die Kinder bekommen auf einer ganz feinen Ebene mit, was sich in den Eltern abspielt, auch wenn die ein Pokerface aufsetzen. Ich erlebe oft kleine Kinder, die aus heiterem Himmel fragen: Wollt ihr euch scheiden lassen? Die spüren, dass etwas nicht stimmt. Wenn Eltern dann nur für ihr Kind zusammenzubleiben, obwohl sie sich überhaupt nicht mehr riechen können, wird das für Kinder eine unglaubliche Belastung. Sie spüren ja: Die Eltern bringen ein Opfer für mich, doch das kann ich nie zurückzahlen. Die meisten Paare ringen um ihre Beziehung, leichtfertig werden sie selten beendet.
Täubel-Weinreich: Das ist richtig. Doch zugleich war der Anspruch an Beziehung und Familie noch nie so hoch wie heute. Man hat sich noch nie so viel verglichen wie in unserer Wettbewerbsgesellschaft – und das wird durch die sozialen Medien noch weiter verstärkt. Doch statt einen Schritt zurückzutreten und sich zu sagen: Eigentlich geht es uns ja gar nicht so schlecht, sieht man, dass es dem Nachbarn noch besser geht – und schon ist man wieder unzufrieden.
Bischof: Man muss tatsächlich die Erwartungen herunterschrauben. Viele wollen den Himmel auf Erden, doch das ist eine verrückte Idee. Wir müssen die jungen Menschen darauf vorbereiten, dass es im Leben auf und ab geht – und dass man das auch aushalten kann.
Prüller: Ich vermute auch, dass die Frustrationstoleranz geringer geworden ist. Wir haben das einmal religiös anhand des Fastens durchdacht und uns gefragt, warum das heute für viele Leute soviel schwieriger ist, obwohl sie doch ohnehin nie hungern müssen. Man ist es einfach nicht mehr gewohnt, ein Unbefriedigtsein auszuhalten, und man reibt sich schneller an scheinbaren Banalitäten auf – und sei es die Frage, ob der Mann jetzt die Sachen aus dem Geschirrspüler richtig oder falsch ausgeräumt hat.
DIE FURCHE: Solche gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen kann man schwer ändern. Aber welche konkreten Maßnahmen gäbe es, um Familien angesichts all dieser Herausforderungen zu unterstützen?
Prüller: Eine Kultur der Freiheit braucht starke Menschen mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Konkret sehe ich hier also – zumal als Kirchenvertreter – zwei Aufgaben: Die eine ist, jene zu begleiten und aufzufangen, die nicht stark genug sind. Das heißt noch mehr Beratung, Betreuung und Begleitung, vor allem im Hinblick auf junge Paare. Das andere ist die Frage, wie man dazu beitragen kann, dass sich Menschen zu starken Persönlichkeiten entwickeln. Hier sind nicht nur Erziehungshilfen wichtig, sondern auch Räume, in denen Kinder auch außerhalb der eigenen Kernfamilie Beziehungen lernen können – gerade Einzelkinder, die das selbstverständliche gegenseitige Abklopfen mit Gleichaltrigen nicht kennen. Das können die Pfadfinder sein, oder die Jungschar oder etwas ganz Anderes. „It takes a village to raise a child“, heißt es. Und wir müssen schauen, wie dieses Dorf heute um die Familie funktionieren kann.
Bischof: Was das Selbstwertgefühl eines Kindes betrifft, muss man aber sehr früh ansetzen. Meine Idee wäre es, dass man im Mutter-Kind-Pass nicht nur für die körperliche Gesundheit sorgt, sondern auch für die seelische. Man sollte den Eltern vermitteln, wie sie ihr Kind so großziehen können, dass dieser Selbstwert eben nicht zerstört wird. Aber das ist offenbar politisch kaum umsetzbar. Ich wäre auch dafür, dass man in den Schulen regelmäßige Eltern-Gesprächsrunden einrichtet, um über bestimmte Themen – etwa auch über Erziehung – zu reden. Immer wieder erlebe ich Lehrerinnen, die sagen: Die Kinder kommen quasi blank in die Schule, sie haben gar keine Basis vom Elternhaus.
Täubel-Weinreich: Die Tendenz, all das, was die Eltern nicht schaffen, der Schule aufzupfropfen, halte ich für schwierig. Aber es braucht natürlich mehr Beratung und Begleitung für Eltern – schon bevor es riesige Probleme gibt. Derzeit wird aber unsere Jugendwohlfahrt, die jetzt Kinder- und Jugendhilfeträger heißt, finanziell ausgehöhlt: Momentan kann sie nur noch Gefährdungsabklärungen machen, alles andere wird an private Träger ausgelagert. Hier bräuchte es deutlich mehr Ressourcen. Es bräuchte aber auch allgemein eine freundlichere Atmosphäre gegenüber Kindern – derzeit gibt es ja noch Gerichtsurteile auf Basis von Emissionsmessungen von Kindergeschrei! Und es bräuchte ein besseres Image von Familie. Die Bahn hat das ja auch geschafft, warum soll es nicht auch gelingen, von Familien ein positives, aber nicht idyllisierendes Bild zu zeichnen?
Prüller: Man kann sich natürlich auch fragen, was unser öffentlich-rechtlicher Rundfunk macht, um Familien positiv darzustellen … Insgesamt denke ich aber schon, dass wir etwa in der Familienpolitik einige gute Dinge erreicht haben: Die dreijährige Karenzmöglichkeit bzw. die Wahlfreiheit mit dem neuen Kindergeldkonto sind etwa sehr gut. Aber Familie müsste auch generell einen anderen Stellenwert erhalten – wobei ich ganz gegen ein staatliches „Müttergehalt“ bin, denn dafür ist mir Familie eine zu persönliche Angelegenheit. Ich bin auch dagegen, dass man ständig verpflichtend Kurse machen muss. Aber es muss selbstverständlich sein, dass man aus der Arbeit gehen kann, wenn man sein Kind früher vom Kindergarten abholen muss. Und es müsste Überlegungen geben, wie die Menschen gegenüber Kindern weniger Angst und mehr Freude empfinden. Aber vielleicht tu ich mir hier als Mensch mit einer religiösen Dimension etwas leichter. Als wir unser zweites Kind bekommen haben, hat eine Frau zu mir gesagt: Wie kann man noch ein Kind in diese Welt setzen? Doch wir haben unsere Kinder immer in einer Perspektive der Ewigkeit bekommen, und wenn es große Nüsse zu knacken gab, haben wir gesagt: Vater, jetzt musst du ran, weil wir mit unserem irdischen Latein am Ende sind.
Bischof: Aber was kann man den vielen Menschen anbieten, die nicht religiös sind? Das ist eine Herausforderung …
Prüller: Natürlich, man kann ja nicht sagen: Werde fromm! Ich kann unseren Erziehungsstil auch nicht als Role Model verkaufen, aber etwas Entscheidendes müssen wir richtig gemacht haben, weil sich alle acht Kinder wunderbar miteinander vertragen. Das erleben zu dürfen, ist ein riesiges Geschenk.

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