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08/2017 - Alleine täglich zaubern müssen
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Ungelesen , 08:54
Alleine täglich zaubern müssen

Edith H. ist eine von rund 100.000 alleinerziehenden Frauen in Österreich. Über das Jonglieren zwischen Trennungserfahrungen, einsamen Entscheidungen und den Sorgen um ein behindertes Kind.

| Von Juliane Fischer


Im Kachelofen knistert das Feuer, am Gesims drüber steht ein Schild: „Uns regt nichts mehr auf. Wir haben Kinder.“ Edith H. bemerkt meinen Blick. „Ja, es ist ein Abenteuer, Kinder zu haben“, sagt sie, „da gehören ein bisschen Magie und Akrobatik dazu.“ Natürlich, jede Familie ist ein eigenes Kunststück, doch Frau H. hat ein besonderes fertiggebracht: Als Alleinerziehende hat sie zwischen drei Kindern, deren alkoholkrankem Vater und dem Hausbau jongliert. Das ist nichts für schwache Nerven.
108.000 Menschen – davon 93 Prozent Frauen – stemmen in Österreich Ähnliches: Sie kümmern sich vorwiegend allein um ein Kind unter 15 Jahren. Womit sie am meisten zu kämpfen haben, sind laut einer Befragung der Österreichischen Plattform für Alleinerziehende Geldprobleme: Nur knapp die Hälfte von ihnen bekommt regelmäßig Unterhaltszahlungen.
Die 51-jährige Niederösterreicherin Edith H. hatte zumindest diesbezüglich Glück: Zwar verlor sie durch die Scheidung den Arbeitsplatz im Familienbetrieb, den sie gemeinsam mit ihrem Ex-Mann betrieben hatte, andererseits bekam sie dadurch einen Baugrund für den Neuanfang und einen finanziellen Polster. Jetzt wirkt vieles so, als hätte es sich eingerenkt: Die älteren Kinder sind „rausgewurschtelt“, das neue Zuhause ist aufgebaut.
Zwölf Jahre ist es mittlerweile her – ihre Jüngste, Sarah, war gerade fünf Jahre alt –, als es Edith nicht mehr ausgehalten hat: Der Alkoholismus ihres Ehemannes Hans wurde ihr zu viel. Sie ließ sich scheiden und zog mit den Kindern in eine Wohnung, 30 Kilometer entfernt. Dort habe sie sich sicherer gefühlt. „Denn damals war Hans ziemlich aggressiv“, erzählt sie. Doch die neue Situation war ungewohnt für alle: Es gab keinen Garten mehr und keine Haustiere. Sarah begriff nicht, dass sie leiser sein musste als in den eigenen vier Wänden. Am liebsten lief sie am Gang auf und ab. Die Nachbarn beschwerten sich ständig, und „die Grantige“ aus dem oberen Stock klopfte mit dem Fleischhammer auf ein Brett, wenn sie besonders genervt war. „Die Kleine hat natürlich gar nicht verstanden, dass das Klopfen ihr galt“, erzählt Edith. Keine dauerhafte Lösung.

Wenn alles zu viel wird

Aber erst einmal war es so. Kein Platz, keine Arbeit – und dann auch noch die Gewissheit: Sarah ist behindert. Eine Austestung auf Anraten der Logopädin, die das Mädchen betreute, weil es erst mit vier Jahren zu sprechen begonnen hatte, zeigte: Sarah wird nie lesen und schreiben können. „Und auf einmal stehst du allein mit drei Kindern da und weißt nicht, wohin du dich wenden sollst“, sagt Edith. „Als ich dann noch erfahren habe: ‚Dein Kind ist eigentlich anders‘, war es wirklich zu viel. Da bricht dein seelisches Gleichgewicht zusammen.“ Für all die Fragen zur finanziellen und emotionalen Unterstützung hätte sie sich eine Anlaufstelle gewünscht. „Bestimmt ist es nicht nur bei uns in Nieder-österreich so, dass die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut“, meint Edith. „In puncto Vernetzung und Information könnte man noch viel für die Situation von Alleinerziehenden und Eltern behinderter Kinder tun.“
Sarah jedenfalls besuchte ein halbes Jahr nach der Austestung als Integrationskind den Kindergarten – und ihre Mutter ging geringfügig putzen. Vom Arbeitslosengeld fiel sie in den Notstand, wobei ihr die AMS-Betreuerin riet, diesen Zustand aus finanziellen Gründen möglichst beizubehalten: Halbtags zu arbeiten, hätte sich nicht ausgezahlt. „Um eins musste ich Sarah ja aus dem Kindergarten holen“, erzählt sie. „Es kam also nur ein Vormittagsjob in Frage, doch da gab es nicht viel Auswahl.“
Zugleich war Sarah sehr anhänglich: Wie ein kleiner Schatten war sie ständig an der Seite ihrer Mutter, die ihr Sicherheit gab. Selbst normales Einkaufen wurde zur Herausforderung: Als Sechsjährige konnte man sie nicht mehr in den Einkaufswagen setzen, zugleich wollte sie wie ein Kleinkind alles aus den Regalen nehmen. Die Kinderpsychologin erklärte es damals so: „Sarah muss die Dinge angreifen, um sie begreifen zu können – im wahrsten Sinn des Wortes.“

Erziehung zur Selbstständigkeit

Ihre Mutter wollte ihr den Freiraum geben, den sie verlangte, sie wollte sie nicht unter einen Glassturz stellen – auch wenn sie im Gegenzug oft höllisch aufpassen musste. „Mir war die Erziehung zur Selbstständigkeit aber immer wichtig, egal ob behindert oder nicht“, betont die Alleinerziehende. Dazu gehörten auch eigene Aufgaben und ein Verantwortungsgefühl. Im neuen Garten durfte sich Sarah deshalb um ihre Katzen, Hasen und Laufenten kümmern – auch wenn das Nachkontrolle erforderte, weil sie immer etwas vergaß. „Ich habe aber von Sarah gelernt, die Dinge in Ruhe zu erledigen, eines nach dem anderen, nicht fünf Sachen gleichzeitig“, reflektiert Edith. Auch sie profitierte davon, dass Sarah einen Rhythmus und Pausen brauchte, sonst hätte sie selbst – vor allem beim Hausbau – bis zur Erschöpfung durchgearbeitet.
Noch heute steht Sarahs Eigenständigkeit im Mittelpunkt: Die mittlerweile 17-Jährige hat einen geschützten Arbeitsplatz bei der „Lebenshilfe“, wo sie 62 Euro im Monat verdient. Ihr gefällt es, im Frühling und im Sommer allein mit Rad und Zug in die Arbeit zu fahren. „Damit ist sie aber die einzige, die meisten sind überbehütet“, meint ihre Mutter. Am Abend richten sie gemeinsam die Kleidung für den nächsten Tag. Was das betrifft, hat Sarah nämlich ihren ganz eigenen Kopf. Und auch in der Früh ist sie anderen Jugendlichen nicht unähnlich: Sie kommt schwer aus dem Bett. Edith setzt sich dann auf die Bettkante und diktiert: „Jetzt ziehst du dir die Socken an, dann die Hose.“ Die junge Frau schaut verträumt in die Luft, dann klopft sie sich ab, als wollte sie kontrollieren, ob die Hose eh schon sitze. Wieder ein Ritual der Vergewisserung und des „Begreifens“, wie ihre Mutter weiß.
Edith musste selbst viel lernen: etwa, ihre eigenen Interessen zu wahren und sich nicht nur auf Sarah zu fixieren – auch der älteren Kinder wegen. Diese hätten ihr geholfen, nicht in die Aufopferungsrolle zu fallen. „Das kann die Sarah!“, sagten der heute 25-jährige Gregor und die heute 26-jährige Hannah zu ihr, wenn sie wieder einmal in Versuchung kam, etwas selbst zu übernehmen, weil Sarah langsamer und tollpatschiger war. „Sie haben die Sarah immer schon geliebt“, erinnert sich Edith. In den ersten Monaten, als die beiden acht und neun Jahre alt waren, stritten sie sich beinahe ums Füttern, Baden und Wickeln, und so war abwechselnd Gregor- oder Hannah-Tag. „Sie waren nie eifersüchtig, sondern oft Augenöffner, wenn sie gesagt haben: ,Mama verwöhn‘ sie nicht!‘“
Dem Vater hätten die beiden Älteren nicht verziehen, dass er mit seinem Verhalten die Familie getrennt habe. Mit dem Schulwechsel wollte der damals 15-jährige Bub aber zurück zu ihm. Erstens, weil dort seine Freunde waren; und zweitens, weil der Papa ihm Nike-Schuhe kaufen würde – und nicht No-Name-Ware um 15,90. Bei dieser Meldung sei ihr angst und bang geworden, erinnert sich Edith: Bei ihr gab es, wenn das Geld aus war, eben manchmal Erdäpfel und Butterbrot. Schließlich folgte sie aber dem Rat der Psychologin: „Wenn Sie ihn jetzt nicht gehen lassen, verlieren Sie ihn“, hatte sie gesagt. Nach der Schule kam Gregor manchmal heimlich zu ihr – die väterliche Familie hätte diese Besuche nie akzeptiert. Als der Bub eines Tages hörte, wie seine Mutter zu seiner Schwester Hannah sagte: „Beim besten Willen, ich kann dir diese Jacke nicht kaufen“, kam er ein paar Tage später mit dem nötigen Geld dafür zurück.
Flexibel und belastbar sein sowie gut managen: Das macht für Edith das Kunststück Familie aus – und zwar in jeder Konstellation. „Aber als wir noch nicht getrennt waren, haben sich Entscheidungen auf mich und Hans aufgeteilt“, erinnert sie sich. Von Erziehungsfragen bis zum Fahrradkauf hätten sie vieles besprechen können. Später musste sie alles allein entscheiden – und auch die Finanzen waren plötzlich eingeschränkt. Umso wichtiger sei es für sie geworden, bestimmte Rituale zu wahren – vor allem das tägliche, gemeinsame Essen.

Wenn kleine Wunder passieren

Für Sarah ist das wesentlich. Sie ist sehr sozial und tierliebend, Menschenansammlungen kann sie aber nicht leiden, weshalb ihre Mutter bei Veranstaltungen stets versucht, einen Randplatz zu ergattern. Gestern, bei der Zaubershow von „Thommy Ten & Amélie van Tass“, sei aber ein kleines Wunder passiert: Trotz der vielen Menschen wollte sich Sarah um ein Autogramm anstellen. „Das war eine neue Erfahrung“, strahlt ihre Mutter. Jetzt gerade geht die 17-Jährige in den Garten, um ihre Laufenten einzusperren – und zeigt beim Rausgehen stolz die Autogrammkarte her. Familie ist eben ein bisschen wie zaubern.

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  11:53:40 07.19.2005