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09/2017 - Radikaler Umbau in deutschen Diözesen
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Ungelesen , 09:05
Radikaler Umbau in deutschen Diözesen

Alle 27 deutschen Bistümer antworten auf den Priester-, Gläubigen-, Finanz- und Ressourcenmangel sowie auf den demografischen Wandel mit mehr oder weniger einschneidenden Umstrukturierungen. Ein Überblick zu Entwicklungen beim großen Nachbarn.

| Von Gerd Felder / Münster


Priester-, Gläubigen-, Finanz-, Ressourcenmangel, demografischer Wandel: Das ist in allen deutschen Bistümern ein brennendes Problem. Alle 27 Diözesen antworten auf den gravierenden Wandel mit mehr oder weniger einschneidenden Umstrukturierungen.
Die Begriffe für die Zusammenlegungen sind sehr unterschiedlich: „Seelsorgeeinheiten“, „Seelsorgebereiche“, „Pfarreiengemeinschaften“, „Gemeinschaften der Gemeinden“, „Pfarrverbände“, „Pastoralverbünde“, „pastorale Räume“, „Fusionen“: Die Bezeichnungen sind so verschieden wie die Konzepte der Zusammenlegung und Umstrukturierung in den einzelnen Diözesen. Ziel ist, das kirchliche Handeln auch für die Zukunft zu gewährleisten. In den Kirchengemeinden und Pfarreien, aber auch in der breiteren Öffentlichkeit wurden und werden dazu viele kritische Stimmen laut und die Planungen teilweise kontrovers diskutiert.

Münster: Von 600 auf 190 Gemeinden

In der zweitgrößten deutschen Diözese, dem Bistum Münster, laufen die Prozesse zur Strukturveränderung bereits seit 1999. Während das traditionsreiche Bistum damals noch aus über 600 Kirchengemeinden bestand, sind es heute nur noch 218 und werden es in Zukunft sogar nur noch 190 sein. Daraus wird deutlich: Die Diözese hat stark auf die weitestgehende Form der Zusammenlegung, die Fusionen, gesetzt; auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung wurden im Jahr 2007 35 selbstständige Kirchengemeinden zusammengelegt. 2015 waren es nur noch sieben. Zu den meisten Pfarreien im Bistum Münster, nämlich 81, gehören zwischen 5000 und 10.000 Katholiken zu insgesamt 23 Großpfarreien sogar über 20.000 Gläubige. Größte Pfarrei im Bistum Münster ist St. Pankratius in Emsdetten bei Münster mit über 24.000 Gemeindemitgliedern.
Obwohl das Bistum so stark auf Fusionen setzte und damit auch Kränkungen, Enttäuschungen und Widerstände verbunden waren, lief der weitreichende Prozess im Vergleich mit manchen anderen Bistümern geräuschlos ab. „Das liegt daran, dass wir eben nicht – wie es auf kommunaler Ebene passiert ist –, einfach 15 bis 20 Dörfer zusammengelegt, sondern uns ganz streng an den Lebensräumen der Menschen orientiert haben“, hebt Wilfried Renk vom Generalvikariat Münster hervor: „Das kann man mit den Vorgängen auf der Ebene der Lokalpolitik nicht vergleichen.“ Der Rückgang des kirchlichen Engagements, ist Renk überzeugt, würde auch nicht aufgehalten werden, wenn es keine neuen Strukturen gäbe. Außerdem habe die große Mehrheit der Gläubigen die neuen Lebensräume akzeptiert. „Keinem Dorf wird die Kirche genommen“, versichert er.
Noch eine Besonderheit gibt es im Bistum Münster: Statt der sonst üblichen Pfarrgemeinderäte hat die Diözese Pfarreiräte geschaffen, die als offizielle pastorale Gremien für die Leitlinien der Pastoral und für die Vernetzung im jeweiligen Sozial- und Lebensraum zuständig ist. Auf Gemeindeebene, die künftig die Substruktur darstellen wird, können darüber hinaus Ausschüsse gebildet werden. Zusätzlich plädierte Bischof Felix Genn in einem Schreiben an Priester, Diakone und Pastoralreferenten für neue Leitungsmodelle in den Pfarreien des Bistums und setzte eine Arbeitsgruppe ein, der Priester, Pastoralreferenten, Diakone sowie weitere Fachleute und Vertreter der Bistumsleitung angehören: Zugleich will Genn keine Fusionen oder anderen größeren Einheiten über die bisherigen Planungen hinaus bilden.
Am meisten Furore unter allen deutschen Bistümern, was die Umstrukturierungen angeht, machte die flächenmäßig kleinste Diözese, das Ruhrbistum Essen. Auch hier spielte Genn eine wichtige Rolle, denn in seiner Amtszeit als Ruhrbischof (2003–09) begannen die Zusammenlegungen von Pfarreien zu größeren „Seelsorgeeinheiten“. Aus 259 Pfarreien wurden 43 Großgemeinden, die jeweils mindestens 16.000 Gläubige zählen. Der Stadtteil Gelsenkirchen-Buer beherbergt mit St. Urbanus heute die größte Pfarrei Deutschlands; sie zählt mehr als 40.000 Katholiken und ist damit größer als das gesamte ostdeutsche Bistum Görlitz. 100 Kirchengebäude wurden „aus dem aktuellen Betrieb herausgenommen“ (Thomas Rünker von der Bischöflichen Pressestelle), das heißt: Sie werden nicht mehr genutzt und wurden zu einem größeren Teil profaniert bzw. verkauft. Genns Nachfolger Franz-Josef Overbeck reagierte auf Frust, Verbitterung und Verunsicherung durch die Umstrukturierungen mit einem umfassenden zweijährigen Dialogprozess – mit dem Ergebnis, dass das Ruhrbistum ein Zukunftsbild bekam, welches die pastorale Arbeit prägen soll: Sie soll berührt, wach, vielfältig, lernend, gesendet, wirksam und nah sein. „Die Stimmung im Bistum hat sich gewandelt“, freut sich Rünker. „Wir haben heute hunderte Menschen mit coolen Ideen und das Potenzial, damit bundesweit Schule zu machen.“

Zeit der großen Protestaktionen ist vorbei

So verschieden die Konzepte in den deutschen Bistümern sind, so deutlich sind sie alle von dem Bemühen gekennzeichnet, den Abbruch als Aufbruch umzuinterpretieren, den Rückgang als Chance zu nutzen und sich nicht nur personell und finanziell neu auszurichten, sondern auch geistlich. Landauf, landab spielen in diesem Zusammenhang die Begriffe „Pastoral der Sendung“ oder „Pastoral der Berufung“ eine große Rolle. Auch ist unverkennbar, dass, wie zuletzt vorbildlich bei der Diözesansynode im Bistum Trier (wo übrigens 900 kleine Pfarreien auf 60 verringert werden sollen) geschehen, die Laien viel stärker in die Überlegungen und Planungen miteinbezogen werden als früher. Mehrere Bistümer geben sich darüber hinaus immer offener für neue Modelle der Gemeindeleitungen sowie für Wort-Gottes-Feiern am Sonntag, die von Laien geleitet werden könnten. Etwas anderes bleibt den Diözesen auch kaum übrig, denn es gibt in Deutschland dramatisch wenig Priesternachwuchs. Bald wird es nicht mehr möglich sein, daran festzuhalten, dass die Gemeindeleiter in jedem Fall Priester sind.
Selbst wenn die Zeit der großen Protestaktionen vorbei zu sein scheint, teilen also offenbar nach wie vor viele nicht die Meinung des neuen Limburger Bischofs Georg Bätzing, der noch kürzlich erklärte, er sehe keine Alternative zu den Großpfarreien. Aufsehen erregten vor allem elf ältere Priester des Erzbistums Köln Ende Jänner mit einem Brandbrief, in dem sie zu einem Umdenken in der Pastoralplanung aufrufen.

Brief der elf Kölner Priester

„Das bisherige System haben die Kirchenleitungen vor unseren Augen zusammenbrechen lassen“, schreiben die im Jahr 1967 geweihten Priester. „Großpfarreien sind in jeder Hinsicht eine Zumutung.“ Zunehmende Anonymisierung und Vereinzelung in der Gesellschaft würden dadurch noch gefördert, statt dem entgegenzuwirken. „Kirche muss vor Ort zu finden und zu sprechen sein“, fordern die elf. „Die Leitung der Gemeinde gehört nicht in eine ferne Zentrale, sondern dahin, ‚wo der Kirchturm steht und die Glocken läuten‘.“
Die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ kämpft schon lange gegen „unpersönliche Mega-Pfarreien“ und „übergroße Seelsorgeräume mit einem geweihten Seelsorge-Manager irgendwo an der Spitze“ (Christian Weisner vom Bundesteam). Ähnlich skeptisch gegenüber den großen Zusammenlegungen zeigt sich der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg. Die neuen Großpfarreien können seiner Überzeugung nach kein Ersatz für die alten Pfarrgemeinden sein, sondern sind Organisationsgebilde. „In Zukunft passiert das Entscheidende entweder in den Gemeinden oder gar nicht“, meinte er vor drei Jahren in einem Interview. Das Glaubensleben brauche die überschaubare Einheit. Kürzlich erklärte Sternberg im Deutschlandfunk, alle Modelle mit XXL-Pfarreien brächen zusammen: „Ich bin ziemlich sicher, wir werden künftig zu ganz anderen Gemeindestrukturen kommen müssen.“
Aus Sternbergs Sicht muss der deutschlandweite Dialogprozess zwischen Bischöfen und ZdK weitergehen und vor allem ein Thema unter die Lupe nehmen: „Die Gemeindesituation, anders ausgedrückt: die Lage der priesterlosen Gemeinden, die zu Großpfarreien zusammengebunden werden.“

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