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10/2017 - Stammbäume der Gewalt
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Ungelesen , 08:24
Stammbäume der Gewalt

Ist der Mensch zur Gewalt geboren oder durch die Evolution dazu auserlesen? Dem widersprechen Forschung und Erfahrung. Eine Anleitung.


| Von Ursula Baatz

Es trennen uns von den Massengräbern der Jungsteinzeit ungefähr 6000 Jahre, doch wenn man die Nachrichten liest, hat man nicht den Eindruck, dass sich die Menschen besonders verändert hätten. In regelmäßigen größeren Abständen wird über Massengräber berichtet, die gefunden wurden – in Syrien, in Kolumbien, in Bosnien, Spanien, Tschetschenien, Tschechien, auch in Österreich wurden in den letzten Jahren immer wieder Massengräber aus den beiden Weltkriegen entdeckt, das größte in Graz mit gut tausend Ukrainern aus dem Ersten Weltkrieg.
Gewalt ist präsent: Allein in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts wurden insgesamt rund 60 Millionen Menschen, Soldaten und Zivilisten, Opfer manifester, physischer Gewalt, ausgeliefert an Massenvernichtungswaffen. Dazu kommen noch nach einer Statistik des Politikwissenschaftlers Rudolph J. Rummel weitere 120 Millionen, die von totalitären Staaten ermordet wurden, vor allem in der Sowjetunion und der Volksrepublik China, etwa durch absichtlich herbeigeführte Hungersnöte. Es scheint, als ob Gewalt eine biologische Konstante ist, sozusagen zur menschlichen Natur gehört. Das unterstreichen Berichte über Amokläufer an Schulen, sadistische Eltern oder gewalttätige Ehemänner (meistens sind es Männer), oder dass Ego-Shooter-Spiele boomen – die Liste ist erweiterbar.

Ursprünge der Gewalt

Die Frage, was Gewalt ist und woher Aggression kommt, beschäftigt die Wissenschaften erst seit etwa hundert Jahren. Die Theorien der Psychoanalytiker zur Genese von Gewalt, die in den Jahren vor und nach dem Ersten Weltkrieg entstanden, dominieren noch immer die Diskussion. Alfred Adler postulierte 1908 die Existenz eines „Aggressionstriebes“, die Psychoanalytikerin und Schülerin C. G. Jungs Sabina Spielrein sprach von einem „Destruktionstrieb“, Sigmund Freud rechnete die Aggression zunächst der Libido zu, sprach aber dann ab 1920 von einem „Todestrieb“; Wilhelm Reich brachte Gewalttätigkeit in direkten Zusammenhang mit unterdrückter Sexualität. Später erklärte der Verhaltensforscher Konrad Lorenz in „Das sogenannte Böse“ (1963), dass es einen lebens- und arterhaltenden „Aggressionsinstinkt“ bei Tieren und daher auch bei Menschen gäbe. Doch gäbe es in einer entwickelten Zivilisation keinen Ort für das Ausleben dieses „Triebes“, weswegen der Aggressionstrieb am besten im Wettbewerb mit anderen sublimiert werden sollte. Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins unterstützte mit seinem Buch „Das egoistische Gen“ (1976) die These der Soziobiologie, dass Konkurrenz und Wettbewerb das wichtigste Moment der Evolution sei. Verhaltensforscher und Genetiker interpretierten hier Überlegungen des Philosophen Thomas Hobbes aus dem 17. Jahrhundert. In seinem Werk „Leviathan“ (1651) über das Entstehen des Staats nimmt Hobbes vor jeder Staatenbildung einen „Naturzustand“ an, in dem die Menschen ihren Begierden und Leidenschaften ungehemmt und ohne Rücksicht auf andere folgen, weswegen ein Krieg aller gegen alle herrsche.
Erst durch einen Gesellschaftsvertrag, in dem der Einzelne Rechte an den Staat bzw. den Souverän abtritt, sei ein friedliches Zusammenleben der Menschen möglich. Hobbes’ Naturzustand ist eine Art „Ego-Shooter“-Welt, in der es keine Gesetze gibt, die den Einzelnen an der Ausbreitung seiner Interessen hindern, weswegen das Leben beschwerlich, armselig und kurz ist. Erst die Zivilisation, die dem Staat das Monopol der Gewalt überträgt, macht das Leben gut und lässt die Wirtschaft prosperieren, so Hobbes.
Darwins Evolutionstheorie scheint der Hypothese des Naturzustands Recht zu geben – überleben könne nur, wer „fitter“ oder stärker ist als andere, so die gängige Interpretation. Doch stammt die Phrase „survival of the fittest“ von dem Positivisten Herbert Spencer und nicht von Darwin. Darwin lehnte es ab, biologische Prinzipien auf soziale Verhältnisse zu übertragen. Zudem verstand er unter „fit“ nicht physische oder psychische Stärke, sondern die Fähigkeit zur Anpassung an Veränderungen der Umwelt. Spencer dagegen, ein vehementer Vertreter des Liberalismus, war der Meinung, dass Völker und Rassen miteinander ums Überleben kämpfen würden.
Er lehnt den Staat und jede Unterstützung des Einzelnen durch den Staat ab. Jeder sei sich selbst der Nächste, und wer schwach oder krank ist, sei nur Ballast für die Gesellschaft. Das sind die Grundzüge des Sozialdarwinismus, der den „Kampf ums Dasein“ und damit soziale Gewalt zum Gesetz menschlichen Zusammenlebens erhob. Nationalsozialisten rechtfertigten damit die „Ausmerzung lebensunwerten Lebens“, aber auch der ungebremste Kapitalismus beruft sich gerne auf den Sozialdarwinismus.
Die Vorlage für Hobbes’ Beschreibung des Naturzustands war der Bürgerkrieg in England. Doch die Evolutionsgeschichte der Menschen war gerade deswegen erfolgreich, weil sie nicht ein Kampf aller gegen alle war. Das menschliche Gehirn in seiner heutigen Form hat sich vor dem Neolithikum herausgebildet, in einer Zeit, in der Menschen überlebten, weil sie friedlich, egalitär und kooperativ waren, wie die Forschung zeigt. Das änderte sich jedoch nach der neolithischen Revolution.

Verschwimmende Grenzen

Menschen können gewalttätig werden, wenn sie wütend sind oder Angst haben. Evolutionsgeschichtlich archaische Schichten des Gehirns, die Menschen mit Reptilien und Säugetieren gemeinsam haben, reagieren bei Bedrohungen aller Art, selbst wenn sich die Bedrohung auf der Kinoleinwand abspielt oder in Form eines Steuerbescheids erscheint. Diese verschwimmende Grenze zwischen physisch und psychisch ist charakteristisch für Gewalt. Aggression ist zunächst die Reaktion auf die Gefährdung der physischen Unversehrtheit, doch neurophysiologisch betrachtet gibt es keinen Unterschied zwischen psychischem und physischem Schmerz. Ablehnung, Ausgrenzung, Demütigung etc. bringen auf der physiologischen Ebene dieselben Reaktionen hervor wie eine Attacke auf die physische Integrität, schreibt der Neurowissenschaftler Joachim Bauer. Anerkennung ist ein wesentlicher Faktor für Wohlbefinden. Eine Gesellschaft jedoch, die darauf besteht, eine eindeutig festgelegte Identität zu haben – Stichwort „Leitkultur“ – etabliert soziale Gewalt, denn „Leitkultur“ bedeutet: keine Anerkennung für Menschen, die nicht so sind wie „wir“.
Gewalt ist entweder das Ergebnis von emotionaler Verunsicherung oder als instrumentelle Gewalt strategisch eingesetzt. Dies tun, so Forscher, Menschen mit Borderline-Störungen, die sich rasch bedroht erleben und wenig Kontrolle über ihre Impulse besitzen, und Psychopathen – Personen, denen emotionale Hemmungen und soziale Reflexion fehlen.
Gewalt ist weder Naturschicksal noch biologisch angelegter Trieb, sondern das Ergebnis allzumenschlicher Verhaltensweisen. Gewalt folgt dem „Thomas-Theorem“(1928): „Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, sind diese in ihren Konsequenzen wirklich.“ Gesellschaftliche Annahmen über Verhaltensformen führen zu einem entsprechenden Verhalten. Gesellschaftlich tolerierte Gewaltstandards führen zu instrumenteller Gewalt. Dafür sind die Massenmorde des 20. Jahrhunderts durch Krieg und Totalitarismus erschreckende Beispiele.
Auch die gewohnheitsmäßige oder gesteuerte Missachtung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen kreiert „Wirklichkeit“. Missachtung kann dabei viele Gesichter haben. Gesetze, die Bevölkerungsgruppen von der politischen Partizipation ausgrenzen bzw. ökonomische Ausbeutung sanktionieren, sind eine Form der Missachtung. Die Demontage des Sozial- und Rechtsstaats etwa setzt Impulse, die Gewalt induzieren. Missachtung kann auch symbolisch sein. Wird der Islam als bösartige Religion dargestellt, wird die Missachtung von Menschen, denen ihre Religion wichtig ist, Gewalttäter produzieren.

Die Quellen der Gewalt

Dass Gewalt nur „da draußen“ ist, aber nicht in „unserer friedlichen Gesellschaft“, ist eine Fiktion. Der Samen der Gewalt wird überall dort gesät, wo Anerkennung verweigert wird und legitime Bedürfnisse unterdrückt werden. Gewalt ungleicher ökonomischer Verhältnisse oder hegemonialer Ansprüche können verschleiert werden, indem z. B. von „notwendigen strukturellen Anpassungen“ die Rede ist, wenn tatsächlich große Bevölkerungsschichten in Armut versetzt werden – in Griechenland etwa oder gerade in Tunesien, das auf Drängen des IWF „den Reformkurs verschärfen will“. Werden zehntausende Stellen im öffentlichen Dienst gestrichen, verlieren ebenso viele Familien ihr Einkommen. Die Prognose: Radikalisierung und Gewalt.
Gewalt, so sagt der Religionswissenschaftler René Girard, entsteht aus Konkurrenzverhalten. Traditionelle Gesellschaften pflegten Mechanismen, um Konkurrenz möglichst hintanzuhalten. Doch wird die Konkurrenz wie im Neoliberalismus zum Grundimperativ einer Gesellschaft, dann folgt daraus die Zunahme von Gewalt. Girard sieht zum Beispiel den Anschlag vom 1. September 2001 als eine Folge der „gewaltigen Konkurrenzmaschine, zu der sich die Vereinigten Staaten, unmittelbar gefolgt vom gesamten übrigen Westen, entwickelt haben“. Wer Wind sät, wird Sturm ernten, sagte der Prophet Hosea vor fast dreitausend Jahren.


| Die Autorin ist Journalistin und Kuratorin des Symposion Dürnstein |

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  11:06:31 07.21.2005