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12/2017 - In den Fängen vermeintlicher Religion
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Ungelesen , 08:54
In den Fängen vermeintlicher Religion

Der Film „Der Himmel wird warten“ von Marie-Castille Mention-Schaar erzählt das Leben zweier Mädchen,
die der IS-Ideologie anheimfallen.


| Von Otto Friedrich

Wenn es einer Filmemacherin gelingt, gesellschaftliche Konflikte fast spielerisch in ein scheinbar alltägliches Setting zu übersetzen, dann kann es sich um Marie-Castille Mention-Schaar handeln. Die französische Regisseurin ist diesbezüglich seit ihrem Film „Die Schüler der Madame Anne“ bekannt, in dem eine jüdische Lehrerin im Lycée eines Pariser Problemviertels die dortige als unerziehbar geltende Klasse bändigt.
Und zwar, indem sie ihre Schützlinge für das Thema Schoa und Erinnerung gewinnen kann, obwohl sich die Klasse zu einem Gutteil aus muslimischen Schülerinnen und Schülern mit latentem bis offenem Antisemitismus zusammensetzt.

Es trifft „normale“ Mädchen

Als noch viel explosiver erweist sich der Stoff ihres neuen Films „Der Himmel wird warten“, in dem Mention-Schaar die dschihadistische Radikalisierung französischer Mädchen nachzeichnet. Brisant und bedrängend ist das Thema, weil gerade „normale“ und unauffällige Heranwachsende betroffen sind – mit oder ohne muslimischen Hintergrund, mit oder ohne religiöse Berührungspunkte in ihrem bisherigen Leben überhaupt. Und da sind stinknormale Familien, die ihre Töchter nicht mehr wiedererkennen, welche religiösen Verführern, die sie oft nicht einmal persönlich, sondern nur übers Internet kennen, auf den Leim gegangen sind. Wenn romantische Mädchenträume auf geschickte Agitation und Propaganda eines hermetischen, aber auf seine Weise perfekten religiösen Systems treffen, dann kann dies zu jener zunächst unerklärlichen Konstellation führen, die westliche
Mädchen für den dschihadistischen Kampf des Islamischen Staates und seiner Adepten begeistert.
Natürlich lassen sich die Schicksale, denen Mention-Schaar in ihrem Film konkrete Gesichter und Persönlichkeiten verleiht, nicht ganz so simpel erklären. Aber „Der Himmel wird warten“ fußt auf realen Biografien. Mention-Schaar nahm im Zuge ihrer Recherchen Kontakt mit Dounia Bouzar, Frankreichs bekanntester Deradikalisierungs-Aktivistin, auf. Die liberale und überzeugte Muslima ließ Mention-Schaar bei verschiedenen Gesprächsrunden mit Betroffenen von dschihadistischer Radikalisierung, die Bouzar im ganzen Land abhält, dabeisein – Eltern, Geschwister, Freunde von IS-Kämpfern und -Kämpferinnen. Derartige Runden zeigt auch der Film, und Bouzar tritt darin als sie selber auf – etwa als sie versucht, die von der Polizei gefasste Sonia von der Pervertierung des Islams durch die IS-Ideologie zu überzeugen.
Dass sich Mention-Schaar im Film zweier Mädchen-Schicksale annimmt, hat, wie sie in einem Interview ausführt, mehrere Gründe. Zum einen hätte sie sich mehr mit deren Motiven identifizieren können, bei Burschen wäre ihr das
schwerer gefallen. Außerdem seien in Frankreich vor allem Mädchen bevorzugte Zielscheiben des IS, „damit sie Kinder bekommen, die den Islamischen Staat bevölkern“.

Sonia und Mélanie

Für den Zuschauer eröffnen sich durch den mehrfach weiblichen Blick neue Einsichten, die auch das landläufige Bild des Dschihadismus als das eines Phänomens (junger) Männer erschüttern: Die Mechanismen, die zum Abgleiten ins radikale Milieu führen, treffen die Geschlechter gleichermaßen, wenn auch in unterschiedlichen Ausprägungen.
Mention-Schaar exemplifiziert dies alles an den Leben zweier Mädchen, die der dschihadistischen Versuchung anheimfallen: Die 17-jährige Sonia ist die eine Protagonistin. Sie kehrt gerade mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester aus den Sommerferien zurück, als sie von der Polizei verhaftet wird, weil sie einen Terroranschlag plant. Die Eltern sind geschockt, sie können die Tochter aber unter Auflagen – etwa dass Sonia keinesfalls ins Internet darf – mit nach Hause nehmen. Ein von Dounia Bouzar begleiteter Versuch be-ginnt, Sonia aus den Fängen der dschihadistischen Heilsversprecher zu befreien.
Bei der anderen Protagonistin, der 16-jährigen Mélanie, hat es Douzar nur mit deren Mutter Sylvie zu tun. Denn Mélanie ist bereits in Syrien, und ihre Mutter weiß weder, warum ihre Tochter radikalisiert wurde, noch wie sie sie wieder aus Syrien herausholen kann.
In Rückblenden wird dieses schon verlorene Leben sichtbar: Sylvie, die alleinerziehende Mutter, hat eigentlich ein vertrautes Verhältnis zu Mélanie. Die Tochter erfreut sich eines großen Freundeskreises, ist politisch interessiert und spielt Cello. Sie ist an sich nicht religiös, aber als ihre Großmutter stirbt, wird sie sensibel und hellhörig für existenzielle Fragen, auf die sie keine Antwort hat. In den Social Media lernt Mélanie einen jungen Mann kennen, der ihren Schmerz versteht – und der sie für die Ideen der Dschihadisten langsam, freundlich, bestimmt und zuletzt immer dreister fordernd begeistert.
Aus dem aufgeweckten Teenager wird eine Muslima, die sogar muslimische Freundinnen für zu wenig religiös hält. Dass die Beziehung mit ihrem Freund Epris de Liberté (so der Facebook-Name des Dschihadisten-Werbers) eine rein virtuelle ist, hält Mélanie nicht davon ab, sogar die Heirat mit diesem „Lover“ zu planen. Sie trifft sich auf dessen Aufforderung nicht mehr mit anderen Burschen und bekleidet sich, wenn möglich, mit einem Ganzkörperschleier an.

Ganz allmählich und ganz abrupt

Ganz allmählich gerät Mélanie in den Strudel der religiösen Ideologie, während die Familie von Sonia ganz abrupt in diese verquere Welt hineingezogen wird: Zwei Schicksale, die nicht unverständlich, aber doch ganz und gar beklemmend sind. Es ist der Realismus dieser Schilderung, der „Der Himmel wird warten“ zu einem einnehmenden Film werden lässt.
Es gelingt vor allem den jungen Schauspielerinnen Noémie Merlant (Sonia) und Naomie Amarger (Mélanie), die Schicksale der beiden Mädchen nahezubringen, ältere Kolleg(inn)en – etwa Sandrine Bonnaire als Sonias Mutter – ergänzen dies empathisch.
Und die Zeitläufte spielten direkt in den Film hinein: Gerade drei Tage nach den verheerenden Pariser Anschlägen des 13. November 2015 begannen die Dreharbeiten von „Der Himmel wird warten“.


Der Himmel wird warten
F 2016. Regie: Marie-Castille Mention-Schaar.
Mit Noémie Merlant, Naomie Amarger,
Sandrine Bonnaire, Dounia Bouzar.
Thimfilm. 105 Min.

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