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12/2017 - „IS hat Weg gefunden, Ideale anzubieten“
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Ungelesen , 08:58
„IS hat Weg gefunden, Ideale anzubieten“

Marie-Castille Mention-Schaar über ihren Film „Der Himmel wird warten“ und sein gesellschaftliches Umfeld.

| Das Gespräch führte Alexandra Zawia


Unmittelbar vor Drehbeginn für „Der Himmel wird warten“ und den Anschlägen des November 2015 traf die FURCHE Marie-Castille Mention-Schaar in Paris. Was die Regisseurin da über ihren Film und sein gesellschaftliches Umfeld erzählte, hat nichts von seiner Aktualität verloren.

DIE FURCHE: In Ihrem vorigen Film „Die Schüler der Madame Anne“ ging es u. a. darum, wie Schüler sich an Religion auch als Abgrenzung orientieren. Sie recherchierten viel an Pariser Schulen. Wie sind Sie bei „Der Himmel wird warten“ vorgegangen?
Marie-Castille Mention-Schaar: Die zwei Mädchen im Film, die nach Syrien wollen, um zum IS überzulaufen, sind fiktionale Charaktere, aber basierend auf Mädchen, die ich im Rahmen meiner Recherche tatsächlich kennengelernt habe. Eine konvertiert, eine ist bereits Muslima. Die beiden Mädchen tragen den Hidschab in ihrem Alltag, sie fühlen sich in dieser Rolle stärker, und es ist ihre Art, überhaupt zu existieren und gesehen zu werden, paradoxerweise mittels dieser Verschleierung. Religion ist eben auch ein Symptom, ein Vehikel für andere Fragen, nämlich in erster Linie Fragen nach Identität und Zugehörigkeit und nach Struktur. Gerade in der Pubertät kann Religion also in dieser Funktion eine besondere Rolle spielen. Ich traf mich mit Eltern von Mädchen, die weggegangen sind. Da sprach ich aber eben immer nur mit den Eltern oder mit Geschwistern über die jeweiligen Mädchen, nie mit ihnen selber, weil sie ja nicht mehr da waren. Dann wurde ich auf Dounia Bouzar aufmerksam und begann, mit ihr zu arbeiten und holte sie mit in den Film.
DIE FURCHE: Dounia Bouzar ist eine muslimische Anthropologin, die in ihrem „Zentrum für sektiererische Auswüchse des Islam“ von Radikalisierung betroffene Familien berät. Sie spielt sich selbst im Film. Was hat Sie an Ihrer Arbeit interessiert?
Mention-Schaar: Ich habe gesehen, dass einige Mädchen daran arbeiteten, wieder auszusteigen – und dass manche es auch schafften. In gewisser Weise ist das etwa mit Alkoholismus vergleichbar. Man weiß nie, ob oder wann man wieder einen Rückfall erleidet, falls man in eine seelische oder emotionale Notsituation gerät. Man muss also auch in der Deradikalisierungs-Arbeit erst abwarten ob die Erfolge langfristig sind oder ob die Betroffenen wieder zurückfallen.
DIE FURCHE: Sie integrieren „Werbevideos“ des IS in Ihren Film. Wie haben Sie diese selbst empfunden?
Mention-Schaar: Als sehr erschreckend. Aber ich habe als Erwachsene dazu eine andere Distanz. Die Pubertät ist eine Zeit, in der man nach Gerechtigkeit sucht. Man hat Träume, man hat Idole, man ist idealistisch, manchmal noch naiv. Wonach Menschen streben, steht immer auch in Wechselwirkung mit aktuellen ökonomischen Entwicklungen, mit soziopolitischen Veränderungen. Da müssen auch wir uns fragen: Was bieten wir unseren Teenagern, das ihnen hilft, sich als menschliche Wesen zu positionieren? Unsere Gesellschaft ist so konsumorientiert, und als Teenager möchte man Ideale haben. Der IS hat einen Weg gefunden, Ideale anzubieten, so unrealistisch und unfassbar es auch erscheinen mag. Da wird ihnen vermittelt: „Du kannst etwas Besonderes sein! Du kannst etwas tun!“ Ich glaube, dass das in unserer westlichen Gesellschaft oft fehlt.
DIE FURCHE: Welche Rolle spielen die Eltern?
Mention-Schaar: Sie sind absolut hilflos. Interessant ist, dass die meisten der Eltern entweder nicht- oder gar anti-religiös sind. Das legt nahe: Es geht bei Radikalisierung nicht in erster Linie um Religion, sondern um Strukturen und Anerkennung. Der Vater im Film steht exemplarisch für jene Eltern, die an ihre Kinder nicht mehr herankommen. Sie scheinen irgendwann, irgendwie die Verbindung zu ihnen verloren zu haben und weil sie nicht wissen, warum, fällt es ihnen auch schwer, sie wieder herzustellen.
DIE FURCHE: Welche Strategien hat Dounia Bouzar, um die Teenager zu erreichen?
Mention-Schaar: Sie macht von Anfang an klar, dass sie keine Wunder vollbringen kann. Ihr Ziel ist es, die Jugendlichen wieder mit ihrem menschlichen Wesen zusammenzubringen, das sie vorher einmal waren, das sie ja immer sind.

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