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12/2017 - Manchmal muss es ordentlich weh tun
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Ungelesen , 09:02
Manchmal muss es ordentlich weh tun

Die Diagonale weiß um ihren Stellenwert als Ort für gesellschaftspolitisch relevante Themen und spiegelt das auch in ihrer diesjährigen Filmauswahl wider. Dass ein solches Bewusstsein auch die Zuschauer in vielerlei Hinsicht fordert, liegt nahe.

| Von Matthias Greuling

Die Diagonale ist nicht nur Werkschau und Treffpunkt für den österreichischen Film, sondern bietet auch darüber hinaus immer wieder aufs Neue ein stark akzentuiertes Programm, dass sich inzwischen auf die Fahnen schreibt, „neugierig“ zu sein, und zwar im Umfeld eines „überheblichen Kunst- und Kulturbetriebs“, wie die beiden Intendanten des Festivals, Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber kokett in ihrem Katalogvorwort ausführen. Beide hatten im Vorjahr ihr Debüt an der Spitze der Filmschau gegeben und für ihre jugendliche und darob unverbrauchte Sichtweise viel Lob geerntet. „Der sprichwörtliche Zauber des Anfangs ist verflogen“, konstatieren sie, aber: Festivals kämen zum Glück wieder und wieder, und in Graz zelebriert das Duo heuer die 20. Ausgabe der Diagonale. Man will „den Zauber alljährlich aufs Neue“ beschwören.
Doch damit das gelingt, ist eben die Wegentwicklung von einer reinen Werkschau zu Schwerpunktsetzungen im Programm unabdingbar. Höglinger und Schernhuber sehen die Diagonale auch als ein programmliches Konglomerat gesellschaftspolitisch relevanter Filme; das erklärt auch, wieso sie das Festival in diesem Jahr mit Glawoggers Vermächtnis „Untitled“ eröffnen (vgl. Seite 3), ein „immanent politischer Film, dessen Blick ein reflektierender, zweifelnder, stets weltgewandter ist. Einer, der die Gegenblicke nicht scheut, sondern geradewegs begrüßt, um sie zu erwidern“, so Schernhuber und Höglinger. Zugleich ist der titellose Eröffnungsfilm auch eine Gelegenheit, der Programmatik des Festivals eine gewisse thematische Offenheit zu attestieren. Freilich, Glawogger ist ein großer Name im heimischen Film, aber größer noch ist seine Fähigkeit, mit Bildern Gedanken in Gang zu setzen. Politischer kann Kino nicht sein, als dass es den Zuschauer zum Mitdenken und Assoziieren zwingt, so wie „Untitled“ es tut.
Es gibt auch noch andere Arbeiten bei dieser Diagonale, die deren gesellschaftspolitischen Anspruch betonen. Etwa „Die beste aller Welten“ des Salzburgers Adrian Goiginger, der hier die intime Geschichte seiner Kindheit verfilmt: Seine Mutter heroinsüchtig, der Bub im Spannungsfeld zwischen mütterlichen Extasen und Entzugserscheinungen. Obwohl, oder gerade weil Goiginger sehr persönlich erzählt, gelingt das Porträt eines allzu oft unter den Teppich gekehrten gesellschaftlichen Problems.

Was in den Rollen war

Ganz einen anderen Kosmos lotet Nina Kusturica in ihrem Spielfilm „Ciao Chérie“ aus, in dem sie sich in die bunte Welt eines Call-Shops im 16. Wiener Gemeindebezirk begibt und dort zwischen Fax, Internet und Kaugummiautomat auf die Suche nach Heimatsuchenden geht.
Einen gesellschaftspolitischen Ansatz verfolgt auch Lukas Valenta Rinner in „Die Liebhaberin“. Die Story um eine ärmliche argentinische Haushälterin, die bei einer reichen Familie anfängt, will zeigen, wie sich menschliche Beziehungen in einem kapitalistischen System definieren. „Ich finde es wichtig, Filme zu machen, die eine Diskussion darüber anstoßen, wie Körper und menschliche Beziehungen in der zeitgenössischen Gesellschaft wahrgenommen, behandelt und verhandelt werden“, sagt Rinner.
Von sozialen Miseren mit Humor ablenken will Arman T. Riahi in seinem Langfilmdebüt „Die Migrantigen“, weil der Regisseur die Probleme seiner Protagonisten nicht immer als Sozialdrama abgehandelt sehen will. Alles passiert mit Augenzwinkern.
Letztlich verfolgt auch Monja Art in „Siebzehn“ gesellschaftspolitische Anliegen. Diese ernste Coming-Of-Age-Geschichte verhandelt das Leben von Teenagern, die sich auch in der gleichgeschlechtlichen Liebe versuchen. Es ist das Plädoyer, zu sich und seinen Gefühlen zu stehen. Und was tut einer Gesellschaft besser, als Menschen, die zu sich gefunden haben?
Auch im Dokumentarfilm bewegt die Diagonale die Gemüter mit politischen Aspekten: Peter Ily Huemer setzt in „Chuzpe“ dem österreichischen Punk ein Denkmal, der Ende der 70er mit Verspätung den „postnazistischen Lodenmief“ aus Wien fegte, während Thomas Fürhapter in „Die dritte Option“ die moralischen Fragen auslotet, wie man reagiert, wenn man erfährt, ein körperlich oder geistig beeinträchtigtes Kind zu erwarten.
Zutiefst politisch ist auch „Ein deutsches Leben“ von Christian Krones, Olaf S. Muller, Roland Schrotthofer und Florian Weigensamer: Darin spricht die 103-jährige einstige Sekretärin Joseph Goebbels über eine Vergangenheit, die bis heute nachwirkt. Das ist die Diagonale: Ein Querschnitt durch die Zeit, der manchmal auch weh tut.

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  07:49:58 07.19.2005