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13/2017 - „Man verliert komplett die Bodenhaftung“
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Ungelesen , 11:07
„Man verliert komplett die Bodenhaftung“

Aktuelle Fortschrittsvisionen beschwören rundum vernetzte, genetisch optimierte und Computer-gesteuerte Gesellschaften als neue Stufe der Evolution. IT-Vordenkerin Sarah Spiekermann warnt vor den gefährlichen Symptomen einer irrationalen Ideologie.

| Das Gespräch führte Martin Tauss

Ein Gespenst geht um in Europa, und nicht nur dort: der Transhumanismus – eine Ideologie, die darauf abzielt, den Menschen mithilfe neuer technologischer Möglichkeiten zu verbessern und zu perfektionieren. So sieht es jedenfalls Sarah Spiekermann, Vordenkerin eines ethischen IT-Designs und Professorin für Wirtschaftsinformatik an der WU Wien. Sie gehört zu einer internationalen Gruppe von Wissenschaftlern, die sich in einem Manifest kritisch mit dem Transhumanismus beschäftigt. Eine erste Veröffentlichung ist im Sommer in der Neuen Züricher Zeitung geplant. Bereits am 12. April wird Spiekermann mit der Technikphilosophin Janina Loh im Bertalanffy-Center (BCSSS) in Wien über das Thema diskutieren („The Utopia of Universal Control: Critical Thoughts on Transhumanism“). Die FURCHE traf Spiekermann in Wien zum Gespräch.

DIE FURCHE: Frau Professor Spiekermann, warum sollte uns das „Gespenst des Transhumanismus“ zu denken geben?
Sarah Spiekermann: Transhumanisten glauben von sich, dass sie der Menschheit etwas Gutes tun, weil sie uns helfen, mithilfe von Maschinen besser zu entscheiden und generell besser zu leben. Was wir aber in dem Manifest kritisieren, ist diese völlig naive Technikgläubigkeit, die überzogenen Erwartungen an die Intelligenz von Maschinen. Man glaubt, über wissenschaftliche Modelle und Statistiken die Welt steuern zu können. Doch Mensch und Realität werden dabei in den Dienst dieser Modelle gestellt. Man verliert komplett die Bodenhaftung – und das Verständnis davon, was in der Welt wirklich vor sich geht.
DIE FURCHE: Sie meinen also, die digitale Realität entfernt sich immer mehr von der Wirklichkeit?
Spiekermann: Unternehmen sind immer mehr durch die Daten aus den IT-Systemen gesteuert. Führungskräfte glauben, nur die Computer-Wirklichkeit abfragen zu müssen. Das schafft nicht nur Unzufriedenheit bei den Mitarbeitern, sondern bildet auch die Realität nicht wirklich ab. Ein schönes Beispiel für das Totalversagen von IT-Programmen sind die griechischen Ölbäume: Die Griechen erhalten pro Baum Subventionen von der EU. Jüngst stellte man fest, dass in den Ölhainen viele Regenschirme aufgespannt sind. Das passierte, weil die Kontrollsatelliten der EU nicht zwischen einem Olivenbaum und einem Regenschirm unterscheiden können. Deswegen konnten die griechischen Bauern so tricksen. Das ist typisch für das, was auch in Unternehmen und anderen Institutionen passiert: Menschen, die von Maschinen überwacht werden, lassen sich alles Mögliche einfallen, um nach oben hin den Anschein zu erwecken, dass alles in Ordnung ist. Und die oben wissen überhaupt nicht mehr, was unten passiert. Es werden Informationen bereitgestellt, die für die Maschinen lesbar sind, aber nicht der Wirklichkeit entsprechen. Wenn die Manager ihre Firmen nicht als soziale Entität begreifen, werden sie mit diesen digitalen Informationen richtig vor die Hunde gehen.
DIE FURCHE: Aber glaubt man dem „Onlife-Manifesto“ des Philosophen Luciano Floridi, dann haben wir die Schwelle ins Zeitalter der Hypervernetzung ohnehin schon überschritten: Das Funktionieren der ganzen Gesellschaft ist von digitalen Prozessen abhängig geworden.
Spiekermann: Floridi hat die Informationsphilosophie begründet, die im Prinzip sagt, alles sei Information. Da ist es nicht mehr weit zur Idee der Transhumanisten, auch Menschen nur als informationsverarbeitende Maschinen zu sehen. Man kann das menschliche Wesen aber nicht auf Basis von Informationseinheiten definieren. Die leichtfertige Idee, wir seien so etwas wie ein Computer, bewegt sich auf dem selben Level der Naivität wie die jahrhundertealte Vorstellung, der Mensch würde wie eine Uhr funktionieren. Aber der Mensch ist ein magisches Wesen, das wir noch nicht vollständig verstanden haben.
DIE FURCHE: Welches Gesellschaftsbild liegt dem Transhumanismus zugrunde?
Spiekermann: In den IT-Eliten gibt es oft einen starken Sozialdarwinismus. Einige Personen glauben, dass sie besser als die Masse entscheiden können, was gut und richtig ist. Nachdem der rational agierende „Homo oeconomicus“ begraben wurde, haben sich die Forscher nun auf unsere „berechenbare Irrationalität“ gestürzt. Daraus leitet man ab, dass man Maschinen benutzen kann, um Menschen in die „richtige“ Richtung zu schubsen – was immer das konkret sein mag. Wir sehen dieses „Nudging“ in der gezielten Werbung im Internet oder bei politischen Wahlkampagnen. All das sind Beispiele für den Einsatz von Maschinen zur Lenkung der Gesellschaft.
DIE FURCHE: Aber im Transhumanismus geht es doch auch darum, dass das Individuum seine geistige Leistungsfähigkeit steigert.
Spiekermann: Ja, der Mensch soll „verbessert“ werden, vor allem indem er klüger gemacht wird. Diese Ideen reichen von medikamentösen Maßnahmen bis hin zur absurden Vorstellung, dass man einen Computerchip ins Gehirn implantiert bekommt, um dann das Wissen aus der ganzen Wikipedia abrufen zu können.
DIE FURCHE: Andererseits gibt es die Befürchtung, dass uns die Künstliche Intelligenz über den Kopf wachsen könnte. Der Physiker Stephen Hawking hat sogar davor gewarnt, dass dies zur Auslöschung der Menschheit führen könnte.
Spiekermann: Ich glaube nicht an die Idee, dass Maschinen eine Art von Bewusstsein entwickeln können. Aber mit Künstlicher Intelligenz und riesigen Datenmengen wäre es schon möglich, unsere Gesellschaft stark zu manipulieren. Hinreichend leistungsfähige Systeme können soviel Daten über jeden Einzelnen speichern, dass sie über „Machine-Learning“-Verfahren gut antizipieren, wie sich Menschen wahrscheinlich verhalten werden. Wenn diese Intelligenz mit Robotik verbunden wird und in falsche Hände kommt, dann ist eine neue Art der Versklavung denkbar. Die Maschinen müssten dafür gar nicht so intelligent sein; sie könnten sogar hinreichend dumm sein. Sie müssten nur mächtig und über die Robotik mit physischer Gewalt gekoppelt sein.
DIE FURCHE: Wie sehr ist trans humanistisches Gedankengut Ihrer Einschätzung nach in der IT-Welt verbreitet?
Spiekermann: Transhumanisten finden sich heute in den renommiertesten Forschungslabors, Universitäten, Konzernen und Polit-Institutionen. Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, etwa sagt in seinem Buch „Menschheit 2.0“ ganz klar, dass die Zukunft in der „GNR-Revolution“ liegt, der Genetik, Nanotechnologie und Robotik. Er beschreibt, wie sich eine Künstliche Intelligenz über die Menschen erhebt. Dort ist auch vom „Mind Uploading“ die Rede: Um unser Denken zu scannen, werden Nanoroboter ins Gehirn geschleust, um das so eingefangene Bewusstsein über WLAN auf dem Computer zu speichern. Die schlimmsten Experimente werden da angedacht. Dieses Buch liest sich für mich wie Hitlers „Mein Kampf“.
DIE FURCHE: Kann man also sagen, die globale IT-Elite erliegt einem gefährlichen Fortschrittsdenken?
Spiekermann: Man darf da die IT-Prominenz nicht über einen Kamm scheren. Bei Elon Musk, Tim Cook oder Bill Gates habe ich das Gefühl, dass sie einen ganz normalen Menschenverstand haben.
DIE FURCHE: Wie würde ein gutes Leben mit Technologie aussehen?
Spiekermann: Technologie-Entwickler sollten an ihre Arbeit herangehen, wie wenn sie ihrem besten Freund ein Produkt zugute kommen lassen. Im Idealfall erlaubt unser Verhältnis zur Technik, dass die Maschine im Hintergrund wirkt und der Mensch seine Aufmerksamkeit und Kreativ-Potenziale frei entfalten kann. Zu beachten ist auch, dass wir leicht von den Maschinen abhängig werden können. Der Mensch hat die Verantwortung, sich zu disziplinieren – so wie man sich diszipliniert, weniger Alkohol zu trinken. Diese Art der Disziplinierung, die in so vielen Bereichen als selbstverständlich gilt, müssen wir jetzt auch im Umgang mit Technik erlernen.

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