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14/2017 - Horte von Verbot und Lustgewinn
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Ungelesen , 10:35
Horte von Verbot und Lustgewinn

Das Verhältnis des Menschen zum Garten schwankt zwischen Sehnsucht und Verachtung. Aber kalt lässt das kultivierte Grün niemanden. Ein Essay.


| Von Theresia Heimerl

„Man kann doch Barbar sein und trotzdem Blumen lieben“ (gotischer Krieger in „Asterix und die Goten“). Verzückung angesichts gärtnerischer Erfolgsleistung ist Kennzeichen von Zivilisation und steht zur barbarischen Existenz des wilden Goten im Widerspruch – nicht nur als ironischer Gag französischer Comicautoren gegenüber den einfallenden Goten (bzw. den vor nicht allzu langer Zeit eingefallenen Deutschen). Vielmehr ist der Garten in der abendländischen Kulturtradition lange Zeit Synonym für das Zivilisierte, kultiviert Geordnete, das der wilden Natur, auch jener des Barbaren, gegenübersteht. Und wie viele zentrale Bausteine der Kultur des Abendlands stammt auch jener des Gartens eigentlich aus dem Morgenland. Die uns bekannteste Fassung des mythischen Gartens findet sich im zweiten Kapitel des Buches Genesis im Alten Testament: Der Paradiesgarten.

Das Maß göttlicher Ordnung

Der Garten ist in der Tradition altorientalischer Schöpfungserzählungen, zu denen auch jene des Alten Testaments gehört, ein Exemplum göttlicher Ordnung. Das Paradies ist nach allen Regeln göttlicher Gartenplanung gestaltete Natur, ein künstliches Habitat für den neu geschaffenen Menschen. Umgeben wird dieser Garten von einer Mauer, die ihn von der „Natur“ trennt, sprich von jener wilden, steinigen Misere, in welche Adam und Eva nach ihrem ungebührlichen Betragen in der gepflegten Gartenanlage verstoßen werden. Ab jetzt, so gibt der erzürnte Gartenbesitzer den Rebellen mit, dürften sie selbst im Schweiß ihres Angesichts zum Baumarkt fahren, um sich Ordnung und Zivilisation zu schaffen.
Und auch das saisonal wohl unterschiedlich, denn auch wenn uns die ersten Kapitel des Buches Genesis keine Auskunft über Jahreszeit und Klima geben, dürfen wir literatur- und religionswissenschaftlich vergleichend schlussfolgern, dass im Paradies, ähnlich wie in Ovids Goldenem Zeitalter, ewiger Frühling herrschte, der weder Fellbekleidung noch Schweiß notwendig machte, wie sie nach dem Sündenfall für „draußen“, in der Wildnis, überliefert sind.
Der Verlust des Paradiesgartens bleibt ein hartnäckiges Trauma, so hartnäckig, dass Gärten von da an kein zentrales Thema mehr sind, ja mehr noch: Sie sind fortan unerreichbare Utopie einer künftigen, friedlicheren Welt (Jesaja 32), und in dieser Welt suspekt, dienen sie doch amoralischen Vergnügungen wie im Hohelied Salomos oder sind Prestigeobjekt der Mächtigen. Gärten sind landwirtschaftlich zweckbehaftet als Wein- oder Ölberge, oder später als Klostergärten, in denen Natur nicht bewundert, sondern zur Nahrungs- und Medizingewinnung benutzt wird. Seit der Schließung des göttlichen Gartens im Osten sind für Judentum und Christentum Gärten Teil der profanen Welt und jede Verbindung zum Heiligen ein Frevel, den es zu ahnden gilt.
Dazu beigetragen hat wohl auch eine recht spezielle Deutung der Paradiesgeschichte, welche die Bibel so gar nicht kennt, die aber dennoch unsere Bilder vom Garten Eden weit mehr prägt als der Urtext: Für den hl. Augustinus sind es die in Folge des Genusses der verbotenen Frucht auftretenden Frühlingsgefühle des ersten Paares, denen wir die aktuelle Situation steiniger Böden und gekrümmter Rücken beim Unkrautzupfen verdanken.
Regen denn nicht blühende Fauna und wohltemperiertes Klima in Kombination mit allzu viel Tagesfreizeit geradezu zwangsläufig dazu an, sich intensiver miteinander zu beschäftigen, als Sitte und Ordnung zuträglich ist? Und sich im Nachhinein auf die falsche pharmakologische Beratung durch die Schlange auszureden, wenn man und frau bei indecent exposure erwischt wird, lässt der strenge Gartenbesitzer nicht gelten. Handelt es sich doch, so belehrt uns Augustinus, bei den Frühlingsgefühlen in Wahrheit um eine Übertretung der göttlichen Ordnung, deren Ausdruck der Garten sein sollte. Der Sündenfall ist sozusagen die Vorwegnahme der barbarischen, ungezügelten Natur, in die der Mensch folgerichtig danach verwiesen wird.

Fluch- und Fluchtpunkt

Der Paradiesgarten wird fortan zum imaginären Fluchtpunkt des christlichen Abendlandes für nicht nur botanische Triebe aller Art, er ist über Jahrhunderte eine der wenigen Gelegenheiten, nackte Menschen nicht als Verdammte darzustellen, sind doch Paradies und Hölle die einzigen Orte, an denen es noch keine oder keine Kleidung mehr gibt. Der Garten wird jedenfalls in der christlichen Tradition vom Ort göttlicher Ordnung zum Ort menschlicher Ordnungsübertretung und somit zum oft augenzwinkernd geplanten Aufeinandertreffen triebhafter Natur und zivilisierter Triebabfuhr, die sich in erotisch eindeutig-zweideutigen Frühlingsgedichten und Liedern ebenso Bahn bricht wie in Rokokogärtchen, die, anders als der allzu einsichtige Paradiesgarten, den kleinen Sündenfall der Gartenbesucher diskret miteinplanen und üppig treibende Labyrinthe und überquellende Grotten vorsehen.
Ob Rousseaus berühmter Ruf „Zurück zur Natur“ durch das Mitleid mit von der Gartenschere verunstalteten, ihrer Natur weitgehend beraubten Gartenskulpturen französischer Schlösser mitverursacht war, ist leider nicht überliefert. Gut dokumentiert sind indes die literarischen und gärtnerischen Versuche der Romantik, den Menschen die Natur als Ort unverfälschter Entgrenzungserfahrung näher zu bringen. Idealerweise geschieht dies nunmehr in Gärten, die so tun, als wären sie keine, sondern eben liebevoll gepflegte Wildnis, passend für jene jungen Bürgersöhne, die draußen, im Hain vor Göttingen (und deshalb Göttinger Hainbund genannte Runde) ein wenig so taten, als wären sie wieder ihre barbarischen gotischen Vorfahren, die trotzdem Blumen, vor allem aber deutsche Eichen lieben.
Am Garten lässt sich ganz nebenbei (und passend zum zweihundertsten Geburtstag von Karl Marx) die Egalitarisierung der Gesellschaft ablesen: Früher Königen, Fürsten und Äbten vorbehalten, sind die meisten Gärten heute dem gemeinen Volk zugänglich, ja erhalten die Einnahmen aus der Eintrittsmöglichkeit von 9:00 – 17:00 die Nachfahren der einstmals herrschenden Klasse. Proletarierkinder spielen heute dort in extra eingerichteten „Gatsch-Zonen“, wo weiland Hirsche zwischen Marmorstatuen gejagt und Baronessen hinter Feigenblättern verführt wurden. Nur der Garten Eden, der erste und letzte wirklich göttliche Garten, bleibt geschlossen.

Eine paradoxe Sehnsucht

So bleibt uns, anstatt bei konstant lauen 20 Grad durch die exquisite Paradiesanlage zu lustwandeln und dabei dezent nach einer Schlange Ausschau zu halten, die uns das Leben ein wenig spannender machen könnte, nur, die sich mit dem Frühling wieder ungehemmt vermehrenden Schnecken abzusammeln.
Der Garten ist, selbst in seiner profansten Form, Verweis auf die paradoxe Sehnsucht des Menschen nach einer Natur, die zugleich Zivilisation ist. So wie die Blumen, die den Goten im Karnutenwald in Verzücken versetzen: Sie sind kein Ergebnis wildwuchernder Evolution, sondern ein Druide hat sie mittels Zaubertrank ex nihilo entstehen lassen. Fast wie damals im Paradiesgarten.

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  09:07:56 07.15.2005