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14/2017 - Das Garten-Kapital und seine Mehrwerte
  #1  
Ungelesen , 10:44
Das Garten-Kapital und seine Mehrwerte

Wie die Natur aufs Schönste das ökonomische Wechselspiel zwischen Geben und Nehmen vorlebt.
Und was wir uns nicht alles davon abschauen könnten.


| Von Oliver Tanzer

Der Mensch neigt ja von Natur aus zum Genie. Er hat sieben Weltwunder gebaut und er hat die Rätsel der Welt benannt, er hat die Relativitätstheorie erdacht. Das ist nicht nichts. Der Mensch ist ein Denker und ein Logiker, also schon etwas Besonderes. Ganz genial.
Aber gerade, wenn es Frühling wird und die Temperaturen steigen wie in diesen Tagen auch, dann ändert sich das Bild. Gehen Sie einmal im Frühjahr in einen Gartenmarkt, da sehen Sie die Menschen ganz anders. In ihrer ganz unlogischen Natürlichkeit. Allein, zu zweit, in ganzen Gruppen sieht man sie vor einfachen Pflanzen in die Knie gehen, Blätter zart betastend, jede Faser eines Grashalms innig betrachtend.
Und zu Hause sieht man sie schon seit Frostende in ihrem Garten – vollkommen unlogisch. Sie ruinieren sich die Wirbelsäulen beim Umstechen und Torfen, beim Einpflanzen und Aussäen. In ihren Wohnungen hört man sie sogar mit ihren Gummibäumen sprechen, während sie zärtlich Wassernebel aus Fläschchen versprühen.
Und ist es nicht ganz erstaunlich, dass dieser Hang zum Grün unsere ganze Kultur prägt? Kann es ein Zufall sein, dass der Mythos des Menschen in einem Garten beginnt, von dem schon auf Seite 3 die Rede war. Und ist es ein Zufall, dass sich die ideale Landschaft des Durchschnittsmenschen als eine Wiesenlandschaft mit Baumgruppen hie und da darstellt?

Biologische Ökonomie

Selbst die Professoren der Ökonomie sind schon im Garten fündig geworden. Joseph Schumpeter hat seine Idee von der Konjunktur als Kreislauf der „schöpferischen Zerstörung“ aus der Biologie bezogen. Dass also alle wirtschaftliche Evolution den Niedergang eines älteren wirtschaftlichen Entwicklungszustandes bedeutet. Dass auch die Energie des neuen Schaffensprozesses sich aus dem Kapital speist, das der alte Prozess aufgehäuft hat.
Noch etwas radikaler als Schumpeter hat sich Karl Marx der Sache angenähert, nicht durch Evolution, sondern durch Revolution. Aber was steht nach all den Umwälzungen seines historischen Materialismus, nach dem Sozialismus, in dem die Arbeiterklasse die Produktionsmittel in reinen Fortschritt verwandelt und sich selbst ihr Paradies schafft. Was steht also zuletzt? Marx denkt sich einen Landschaftsgarten, in dem der Arbeiter an einem Teich sitzt und Fische fängt, statt zu arbeiten. Und wieder sind wir im Garten angelangt.
John M. Keynes hat die Produktivität in seiner Phantasie soweit gesteigert, dass nur noch ein Viertel der Menschen arbeiten muss, der Rest kann in der Hängematte über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nachdenken, etwa die Moral oder Gott, oder Pflanzenzucht. Nicht aber über die Ökonomie. Denn dieser Beruf, so Keynes, hätte sich eigentlich mit dem Erreichen des Glücks von selbst erledigt.
Nun haben sich die Voraussagen der Wirtschaftsweisen nicht wirklich umsetzen lassen, vielmehr sehen wir Fehlentwicklungen an allen Orten, sowohl im Kapitalismus als auch im Sozialismus. Die Konsumgesellschaft hat sich also ihr eigenes, perverses Vorbild geschaffen. Sie lebt dem barocken Schlaraffenland hinterher.
Man muss sich Schlaraffia als einen Garten vorstellen, in dem jede Not aufgehoben ist und auch alles Streben. Wir fläzen auf einer proper gemähten Wiese und lassen uns die gebratenen Hühner in den Hals fliegen. Schlaraffia ist eine schöne Vision, und sie könnte von einem Ökonomen erdacht worden sein, denn es zeichnet eine Wirtschaft, als säße der ökonomische Mensch in seiner Malstube: In Schlaraffia wird jeder Wunsch in derselben Sekunde erfüllt, Nachfrage ist gleich Angebot. Das ist das lang gesuchte Markt-Gleichgewicht der Ökonomen: Alles dient Pflanzen und Tiere. Die Natur liefert sich uns sogar in einem selbstverarbeiteten Zustand aus. Die Vögel braten sich fliegend selbst, der Wein keltert sich von alleine.

Im Supermarkt der Schöpfung

Die Materie kennt im Schlaraffenland sozusagen kein Zwischenstadium der Entwicklung, der Blüte und des Reifens mehr. Die Schöpfung wäre in einen Gratis-Supermarkt verwandelt. Und deshalb auch wohl in ähnlicher Weise „schön“ und „aufregend“ – die Welt des absoluten Konsums bräuchte in diesem Sinne eine sehr eigenwillige Ästhetik.
Doch der Garten enthält auch schon in seiner realen Existenz sehr viel ökonomisch Bemerkenswertes. So etwa Bäume. Deren Wachstum sollte man sich einmal zum Beispiel nehmen. Vom Samen bis zu seinem relativen Ausgewachsensein hat sich das Gewicht des Baumes verachthunderttausendfacht. Im Schnitt nimmt er um das 5300-fache pro Jahr zu.
Wenn man also das Wachstum auf den Finanzmärkten verdammt – die Natur kann noch viel mehr als jeder Finanzhai sich erträumen lassen würde im tiefen Meer der Geldsucht. Und dabei bleibt es nicht. Das Beispiel Baum zeigt auch wie man solch enorme Wachstumsraten aushält: mit Schlaf. Der Winter ist eine intensive Ruhephase, in der die Bäume Energie schöpfen können für die nächste Wachstums- und Keimphase. Und was wäre, wenn wir unser Wirtschaftswachstum auch so sehen würden? Dass dieses Wachstum einen Frühling kennt, in dem die Konjunktur sprießen und gedeihen kann nach Ökonomenherzenslust und zum Quadrat. Dass sie aber ebenso selbstverständlich ruhen können muss, um sich zu regenerieren.
Weil wir gerade von den größten Wesen im Garten gesprochen haben, sollen nun die Kleinsten drankommen. Man findet sie in den Pfützen und in der Regentonne, im Wasser in der Gießkanne. Sehen kann man sie allerdings nur unter dem Mikroskop. Aber das ist noch nicht das Erstaunlichste an den Pantoffeltierchen. Das Erstaunliche ist die Art, wie sie sich fortpflanzen. Wenn die Umwelteinflüsse günstig sind, dann teilt sich das Pantoffeltierchen selbst. Es kopiert sein genetisches Material eins zu eins und teilt sich. Auf diese Weise entstehen pro Tag aus einem Pantoffeltierchen sieben andere, gleiche Pantoffeltierchen.

Pantoffelhelden sollt ihr sein

Wenn sich die Witterung oder die Rahmenbedingungen allerdings verschlechtern, dann beginnen sie, miteinander zu „konjugieren“, wie die Zoologen sagen. Sie schmiegen sich aneinander, tauschen ihr Genmaterial aus und entkoppeln sich wieder.
So bewirkt eine krisenhafte Situation eine gesteigerte Vielfalt genetischen Materials und die Entstehung von Kreuzungen, die dann unter Umständen besser geeignet sind, mit dem Notstand umzugehen. Nehmen wir an, unserer Wirtschaft wäre auch nur in Ansätzen so intelligent wie ein Pantoffeltierchen: Würde sie dann im Fall einer wirtschaftlichen Depression nicht alles unternehmen, um mit neuen Verfahren besser durch die Zeit der Not zu kommen? Aber sie macht das genaue Gegenteil. Sie trampelt sozusagen in alten Pantoffeln auf ausgetretenen Pfaden durch die Landschaft, indem sie immer bestrebt ist, dem krisenhaften Wachstum einen noch krisenhafteren Schub draufzusetzen. Gemessen daran sind Pantoffeltierchen geradezu Pantoffelhelden.
So geht es beim größten wie beim kleinsten Lebewesen immer um die beste Strategie und die scheinbar beste Logik, die oft erbarmungslos sein kann. Und trotzdem ist die Ökonomie des Gartens von einem ganz anderen Prinzip geleitet. Nämlich von dem des Geschenks. Das mag zunächst etwas verwundern. Warum Geschenk? Weil sich das Leben im Garten der Logik von Geben und Nehmen entzieht. Es ist nur ein Geben. Und wenn man das philosophisch weiterspinnt, landet man bei dem bedingungslosen „Es gibt“ von Martin Heidegger. Der Handel ist von diesem „Es gibt“ ausgeschlossen.
Und ist es nicht auch so in der menschlichen Familie? Welche Eltern geben nicht für ihre Kinder alles und mehr? Und wenn wir den Fortgang der Generationen betrachten, dann bleibt am Ende nichts als dieses „Es gibt“. Und so wird das scheinbar irrational Verschwenderische wieder äußerst sinnvoll und sogar ökonomisch. Und das Leben zu einem Garten.

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  01:46:31 07.17.2005