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15/2017 - Die Wahrheit ist symphonisch
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Ungelesen , 09:08
Die Wahrheit ist symphonisch

| Von Egon Kapellari

In der relativen Abgeschiedenheit seines „Klösterchens in den Vatikanischen Gärten“ – so beschreibt er selbst seinen Ruhesitz – wird der Papst emeritus Benedikt XVI. auch den 16. April 2017 verbringen, an dem sein 90. Lebensjahr zu Ende geht. Die dominante Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit gilt heute klarerweise dem jetzigen, so dynamischen Petrusnachfolger Franziskus, dessen Amt und Dienst der Emeritus ohne Kommentare oder Einreden, wohl aber durch solidarisches Gebet begleitet. Sein besonderes Jubiläum ist aber jedenfalls nicht nur für unzählige Katholiken, sondern auch für viele andere Christen und auch für viele Menschen aus anderen Religionen oder ohne ausdrückliche religiöse Bindung ein Anlass zu einem dankbaren Gedenken.
„The Shoes oft the Fisherman“ – auf Deutsch „In den Schuhen des Fischers“ – lautet der Titel eines Romans, den der australische Schriftsteller Morris West im Jahr 1963 veröffentlicht hat und der durch den gleichnamigen Film mit Anthony Quinn in der Hauptrolle weltweit bekannt wurde. Als „Fisherman“ in der Nachfolge des Fischers und Hauptapostels Petrus erscheint hier der fiktive Papst Kiril Lakota (= Hunger), vormals Erzbischof von Lemberg. Er ist nach 20 Jahren Zwangsarbeit vom sowjetisch-kommunistischen Regime aus dem sibirischen Lager Gulag entlassen worden, um in einer politischen Weltkrise eine erhoffte Wende herbeizuführen.

In den Sandalen des Fischers Simon Petrus

In den Schuhen, den Sandalen des Fischers Simon Petrus standen seit bald 2000 Jahren 265 Männer als Bischöfe von Rom, als Päpste. So durch fast acht Jahre auch Joseph Ratzinger. Vieler dieser Päpste waren Heilige im engeren Sinn dieses Wortes oder sogar Märtyrer. Nicht wenige andere waren arge Sünder. Ungeachtet aller Versuche, Kirchengeschichte möglichst generell als Kriminalgeschichte zu sehen und darzustellen, staunten und staunen im Gesamtblick auf die bisherigen Päpste auch viele nichtkatholische Betrachter über die Kraft des Papsttums, Krisen immer wieder zu überstehen und zu überwinden entsprechend dem portugiesischen Sprichwort „Gott schreibt gerade (auch) auf krummen Zeilen“. Glaubensstarke Katholiken sehen darin eine göttliche Fügung. Dies gilt besonders für das Papsttum im 20. Jahrhundert und bis heute. Bekannt ist die Fehlprognose eines französischen Revolutionspolitikers aus der Zeit um das Jahr 1800. Papst Pius VI.
war damals ein gedemütigter Gefangener Frankreichs und der kirchenfeindliche Aufklärer sagte, es werde nicht mehr lange dauern, bis „der Geist der Aufklärung“ den Papst, diesen „Dalai Lama des Westens“, von der Bühne der Geschichte wegfegen werde.
Aber der heutige Dalai Lama wird von vielen westlichen Aufklärern bewundert und von China gefürchtet. Und die Päpste, vor allem seit Pius XII. bis zur Gegenwart, wurden bzw. werden weltweit wahrgenommen und durch Zustimmung oder auch durch Widerspruch ernstgenommen. Dies geschieht heute in einem Weltpanorama, in welchem das Christentum, aber auch andere Weltreligionen gegen alle religionsfeindlichen Hoffnungen auf ein Absterben der Religion im 19. und 20. Jahrhundert unabweislich präsent sind in weithin akzeptierter menschenfreundlicher Gestalt. Es gibt aber gerade auch heute Religion in bedrohlicher, pathologisch verformter Gestalt.

Ein herausragend großes Werk

In diesem Panorama ist der greise, geistig hellwache Papst emeritus eine herausragende Lichtgestalt. Er verkörpert für viele vor allem den Typos eines biblischen Weisheitslehrers, während Papst Franziskus für viele Züge eines biblischen Propheten an sich hat. Beide Ausprägungen des Christseins wurzeln im selben Quellgrund des Glaubens, verweisen aufeinander und sollten einander ergänzen. Es geht hier aber um keine randscharfe Unterscheidung.
Am Schluss seines großen Werkes „De Civitate Dei – Der Gottesstaat“ hat der für den Theologen Joseph Ratzinger besonders prägende Kirchenvater Augustinus zusammenfassend geschrieben: „Nun habe ich also mit Gottes Hilfe dieses große Werk vollendet.“ Ein gemessen an Umfang und Inhalt herausragend großes Werk – ein ingens opus – hat auch Joseph Ratzinger als Theologe und geistlicher Meister in seinen Jahren als Professor an vier deutschen Universitäten und dann als Kardinal und Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation in Gestalt zahlreicher Bücher und anderer Publikationen geschaffen und ist dadurch zu einem der weltweit wichtigsten katholischen Theologen dieser Jahrzehnte geworden. Dieses Werk wirkt wie ein Sauerteig weiter bis in die Gegenwart und ist ein bleibender dynamischer Schatz auch für die Zukunft. Auch als Papst hat Benedikt XVI. diesen Dienst am Wort – am Wort Gottes und der Menschen – fortgesetzt, nun verstärkt durch das Gewicht seines Amtes.
„Die Wahrheit ist symphonisch“ – diesen Titel hatte der mit Joseph Ratzinger besonders verbundene große Theologe Hans Urs von Balthasar einem seiner Bücher gegeben. Dies entspricht gewiss auch dem Wesen und Wirken des Theologen, Kardinals und Papstes Joseph Ratzinger. Das Wort Sinfonie erinnert daran, dass er ebenso wie Urs von Balthasar musikalisch hochbegabt ist. Man hat ihn auch als „Mozart unter den Theologen“ bezeichnet. Das Wort Sinfonie ist nicht ein Name für leicht gelungene Harmonie. Es umfasst nicht nur die Stimmen von Freude, sondern auch die Stimmen von Tragik und Schuld. Dies gilt für die Musik von Mozart ebenso wie für das theologische und pastorale Werk des Papstes emeritus.

Wie Johannes auf dem Isenheimer Altar

Schon als Präfekt der Glaubenskongregation und dann als Papst war er am Kreuzungspunkt vieler und besonders auch antagonistischer Wege Spannungen, ja Zerreißproben ausgesetzt. Ein solcher Kreuzungspunkt war dann auch so etwas wie ein Kreuzigungspunkt. Der Wille zur Synthese war aber immer ebenso da wie der Mut, Grenzen zu ziehen. Die katholische Kirche begegnet heute und schon seit Jahrzehnten inmitten der westlichen Welt von innen und von außen immer wieder den Erwartungen, ja den Forderungen, sie möge Grenzen öffnen, an die sie durch eine schwerwiegende Tradition gebunden ist.
Solche Grenzen können ebenso als belastende Einengung wie als Identität bewahrender Schutz empfunden werden. Joseph Ratzinger hat diese Spannung als Theologe wie als Papst benannt und ausgehalten. In der Auseinandersetzung mit dem epochalen Wahrheitsrelativismus war er so etwas wie der Finger des Täufers Johannes, der auf dem Isenheimer Altar auf den gekreuzigten Jesus Christus hinzeigt und dann auf das Osterbild dieses Altars, den auferstandenen und verklärten Herrn.
„Was ist Wahrheit?“, hat Pilatus skeptisch gefragt und wusste nicht, dass ihm die Antwort auf diese Frage in Gestalt des wehrlosen Jesus gegenüberstand. Aber am dritten Tag war Ostern und christliche Hoffnung sagt, dass immer wieder ein dritter Tag sein wird und dass die Weltgeschichte sich auf ein universales Ostern hinbewegt.


| Der Autor ist emeritierter Diözesanbischof von Graz-Seckau |

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  05:30:35 07.20.2005