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15/2017 - Mit Rückbesinnung zur Erneuerung
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Ungelesen 12.04.2017, 08:26
Mit Rückbesinnung zur Erneuerung

Der Schüler Joseph Ratzingers und ab 1978 dessen Nachfolger auf dem Dogmatik-Lehrstuhl an der
Uni Regensburg zur Theologie seines Lehrers.


| Von Wolfgang Beinert


Nach Länge und Breite sucht die Theologie des Papa emeritus ihresgleichen. Die von seinem Schülerkreis unter Redaktion von Vinzenz Pfnür herausgegebene Bibliografie „Das Werk“ (2009) hat 446 Seiten mit 1510 Titeln, entstanden zwischen 1954 und dem Konklave von 2005. Mittlerweile sind während des Pontifikates etwa 30 theologisch relevante Publikationen dazugekommen – teils Äußerungen seines höchsten Lehramtes, teils auch rein wissenschaftliche Erörterungen wie die bekannte Jesus-Trilogie. Man schätzt, dass dies an die 20.000 Seiten beansprucht. Viel entscheidender ist der Einfluss, den sie ausgeübt haben.

Ein 20.000 Seiten umfassendes Werk

Schon seine erste Veröffentlichung, die Dissertationsschrift über Augustinus, wird ins Italienische übersetzt, die Habilitationsarbeit über Bonaventura dann schon in vier Sprachen, fast alle weiteren Bücher und Aufsätze werden meist mehrfach übertragen: Es gibt keine europäische Sprache, in der man nicht Ratzinger lesen kann. Auch arabische, chinesische oder japanische Versionen einzelner Titel existieren. Zahlreich sind die Neuauflagen, Bearbeitungen, Sammlungen der Werke – zuletzt in den auf 16 Bände angelegten „Gesammelten Schriften“, die alle noch einmal von ihm geprüft, teilweise auch überarbeitet sind. Dazu zeugt eine nur mit Mühe zu überschauende Sekundärliteratur, deren Verfasser sehr oft junge Leute sind, von der Relevanz seiner Gedanken.
Die weltweite Wirkung resultiert vornehmlich aus der Stellung, die der Autor im Lauf des Lebens in der Kirche eingenommen hat, angefangen vom gefragten jungen Professor in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg über die Tätigkeit als Berater
Johannes Pauls II. und als Präfekt der Glaubenskongregation bis hin zum Nachfolger Petri. Gerade seine großen Enzykliken über Glaube, Hoffnung, Liebe sind Belege für seine persönliche Theologie und Spiritualität.
Nicht an letzter Stelle gehört die luzide, genaue Diktion, die meisterliche Beherrschung der Sprache zu den nachhaltigen Wirkmomenten der Ratzinger’schen Theologie.
Entscheidend für die Bewertung eines wissenschaftlichen Œuvres ist aber dessen Tiefe. Man wird kaum Widerspruch erregen, wenn man feststellt: Ratzinger gehört zu den ganz bedeutenden theologischen Denkern seiner Zeit. Das ist insofern erstaunlich, als er, anders als die meisten seiner Kollegen, fast nie ausreichend Zeit gefunden hat, ruhig und kontinuierlich am Schreibtisch zu arbeiten. Die schon in der Universitätszeit einsetzenden Berufungen in Hochschulämter, Kommissionen, zahllose Gutachterfunktionen, dann die zeitintensiven Verpflichtungen in den Kirchenämtern haben nur wenige systematische, umfassende Werke entstehen lassen. Die meisten seiner Themen
und Thesen wurden nicht in Büchern, sondern als „Gelegenheitsschriften“ erarbeitet.
Der junge Theologe beginnt in den 1950er-Jahren als scharfsinniger Gegner der in der Vorkonzilszeit herrschenden neuscholastischen Schule, die sich in antimodernistischer Haltung und einer nur mäßig gelungenen Wiederbelebung der Lehre des Thomas von Aquin erschöpft, für die Anliegen der Zeit aber nur wenig Gespür aufbringt, deren Aufarbeitung ihm jedoch dringlich erschien. Er versteht sich als Reformer, der in den Spuren von Newman und Guardini und als Mitstreiter von Hans Urs von Balthasar auf dem Boden der Heiligen Schrift und der Kirchenväter die Glaubenswissenschaft neu beleben möchte. Sein eigentlicher Patron ist seit der Promotion Augustinus von Hippo. Dieser war der geniale Interpret Platons in die christliche Denkform. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Theologie seines großen
Schülers im 20. Jahrhundert ebenfalls idealistische Züge unverkennbar aufweist.
Als 1959 das Zweite Vatikanische Konzil angekündigt wird, verbindet sich Ratzinger mit anderen Reformtheologen wie Karl Rahner und Hans Küng, die eine wesentlich liberale, von den Ideen der Aufklärung gespeiste Glaubenswissenschaft vertreten. In der nachkonziliaren Periode trennen sich die Wege: Der nunmehrige Dogmatiker in Tübingen sieht in den ihn chaotisch anmutenden Entwicklungen, die in seiner Sicht in der Studentenrevolution von 1968 ihren Gipfel erreichen, die geraden Folgen einer falschen Konzilshermeneutik. Die Kirchenversammlung ist in seinen Augen kein Bruch mit der bisherigen Geschichte christlichen Denkens, der Neuanfänge fordern müsste. So etwa Küng. Ratzinger vertritt die Kontinuitätsthese, wonach auf der Kirchenversammlung die mit der neutestamentlichen Zeit anhebende Lehrtradition ungebrochen fortgesetzt wird.

Ratzinger I versus Ratzinger II?

Für die Außenwelt sieht das aus wie eine radikale Wende, und sie beginnt, „Ratzinger I“ (der junge Theologe) von „Ratzinger II“ (etwa ab 1968) zu unterscheiden – aus dessen Perspektive völlig zu Unrecht: Er, so sagt er es wiederholt, habe stets seinen reformerischen Weg beibehalten, die meisten anderen hätten sich geändert. Freilich bekommt seit den 1960er-Jahren sein Werk nicht selten einen pessimistischen, polemischen, manchmal auch verletzenden Ton. Zu würdigen aber bleiben die Gedanken, die er in die Kirche einspeist. Ehe wir darauf zu sprechen kommen, ist nachdrücklich die außerordentliche, stark christozentrisch geformte Spiritualität Ratzingers ins Licht zu heben. Wer ihn liest, unterzieht sich einer im besten
Sinne frommen Lektüre. Sein erfolgreichstes Buch, die „Einführung in das Christentum“ (erstmals 1968, in ca. 20 Sprachen übersetzt), kann man auch als Meditationsvorlage oder als Anregung für Exerzitien nutzen.
Sucht man nach einem Haupt- und Generalthema des Denkens Ratzingers, stößt man unweigerlich auf den Schwerpunkt Kirche. Damit beschäftigt sich bereits anhand Augustins sein erstes Buch; es steht auch im Zentrum der letzten Veröffentlichung vor der Papstwahl, der Homilie vor dem Konklavebeginn. Natürlich ist die Ekklesiologie mitsamt ihren Verzweigungen, etwa der Sakramentenlehre oder auch der Eschatologie, ein so weites Feld, dass einer notgedrungen auch hier noch einmal Gravitationszentren ausmachen muss.
Joseph Ratzinger hat sich nahezu das ganze Leben mit den Beziehungen zwischen Glaube und Vernunft befasst. Dies treibt ihn bereits 1956 in der Bonner Antrittsvorlesung um und lässt ihn nie mehr ganz los. Der Ernst des biblischen Glaubens kann in der Kirche nur dann zum Ausdruck gebracht werden, wenn die von den Kirchenvätern erarbeitete Synthese von biblischem Zeugnis und griechischer Philosophie exakt gewahrt wird: „Das aber bedeutet, dass die philosophische Wahrheit in einem gewissen Sinn konstitutiv mit in den christlichen Glauben hineingehört“, schreibt er in der 1960 erschienenen Vorlesung. Freilich bleibt am Ende der Glaube unbestritten Herr über die Vernunft. Die Festlegung auf den augustinisch gewendeten Hellenismus ist für ihn so faszinierend, dass die späteren Diskussionen der Philosophen wesentlich unbeachtet bleiben. Auch dies hat zu dem konservativ getönten Bild beigetragen, das weithin herrscht.
Was die Einzelthemen in Ratzingers Werk anlangt, so sind sie in seiner Professorenzeit selbstredend bestimmt durch die Lehrplanvorgaben. Es sind also ihrer viele, denn das Fach Dogmatik zeichnet sich durch die vielleicht größte Spannweite unter allen theologischen Disziplinen aus. Es können jedoch aus dem gleichen Grund nie alle und alle gleich breit dargelegt werden. Später erhebt sich für den Glaubenspräfekten, schließlich für den Summus Pontifex die Notwendigkeit, auf aktuelle Herausforderungen zu reagieren.
Das Ergebnis ist eine stark hierarchisch konzipierte Ekklesiologie. Ein Blick ins Sachregister der Bibliografie macht als entsprechende Hauptthemen aus: Bischof, Lehramt, Papst, Priester(tum). Lediglich achtmal wird in den Schriften das Stichwort Laie mehr oder weniger kursorisch abgehandelt. Die auf dem Konzil so brisante Rede vom Glaubenssinn der Gläubigen als einer Bezeugungsinstanz des Glaubens hat keine Bedeutung.
Ein zwar nicht sonderlich breit ausgearbeiteter, doch sachlich zentraler Punkt im Gesamtwerk ist die Mariologie: Für Ratzinger ist die Herrenmutter die personale Verkörperung von Kirche und darum bedeutend für das volle Verständnis von christlicher Anthropologie und Spiritualität.
Ein an sich im Kontext der Kirche hoch wichtiger, allerdings auch hoch brisanter dogmatischer Traktat wird zwar immer wieder einmal angesprochen, aber nie in extenso bedacht: die Pneumatologie. Vielleicht hätte eine einlässlichere Würdigung der Bedeutung des Gottesgeistes die düsteren, manchmal gar apokalyptischen Züge der Publikationen vor allem des späten Theologen aufgehellt und dadurch noch effizienter gemacht.

Ein leidenschaftlicher Vermittler

Theologie ist immer auch Lehre: Sie will Öffentlichkeit, Dialog, Impulse zur tieferen Christwerdung. Joseph Ratzinger ist in diesem Sinn sein Leben lang ein leidenschaftlicher Vermittler gewesen. Seine Hörerinnen und Hörer hat er in den Bann gezogen; sie drängten sich an allen seinen Lehrstühlen in die oft zu kleinen Hörsäle. Ein besonderer Vorzug war es, ihn als Betreuer einer Qualifikationsschrift zu gewinnen. Nur wenige zeitgenössische Lehrer der Theologie haben so viele Schüler um sich gesammelt wie er.
Noch heute umfasst der „Schülerkreis“ an die 50 Frauen und Männer. Hinzu kommt seit einigen Jahren ein „Neuer Schülerkreis“, der aus jungen Studierenden besteht, die über oder im Geist seiner Theologie arbeiten. Besonders bemerkenswert ist der Umstand, dass der Lehrer jedem eine ungewöhnlich große Freiheit im Wirken und Gestalten seines Themas belassen hat; auch das Thema selber ist sehr oft vom Schüler vorgeschlagen und von Ratzinger akzeptiert worden. Er hat sich nur dort behutsam und freundlich eingemischt, wo jemand sich im Gestrüpp der Wissenschaft zu verirren Gefahr lief. So gibt es keinen thematischen Fokus, auf den die Schüler ausgerichtet wären, sondern stattdessen ein denkbar großes Spektrum von Themen. Mag sein, dass gerade aus dieser Liberalität die bleibende Wirkung eines Mannes erwächst, der wie wenig andere das christliche Denken seiner Epoche geprägt hat.
An dem hohen Geburtstag muss sie ihm danken.


| Der Autor, Jg. 1933, ist em. Professor für Dogmatik an der Uni Regensburg |

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