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18/2017 - Die Sehnsucht zu begreifen
  #1  
Ungelesen , 08:51
Die Sehnsucht zu begreifen

Tradiertes Handwerk boomt und dennoch gehen Kulturtechniken verloren.
Über den Wert von Handwerk und Geschicklichkeit.


| Von Anne Aschenbrenner

Natürlich merkte Lisa, dass der Vater den Winter über getischlert hatte – im Winter tischlerte er oft. Dass er die kleinen Möbel für sie gemacht hatte, wurde ihr aber erst im Nachhinein bewusst. So viel Arbeit nur für sie! Nach Jahren, in denen sie sich das Zimmer mit ihren Brüdern teilen musste, bekam sie nun also zum Geburtstag ihre eigenen vier Wände. Willkommen in Astrid Lindgrens „Bullerbü“!
Was schon im Schweden des Jahres 1947 als Sinnbild für gutes Leben galt, tut es umso mehr in der digitalen Welt von heute. Handwerk steht für Qualität und Nachhaltigkeit, für das gute, beschauliche Leben im kleinen Bullerbü, nach dem man sich im digitalen Alltag sehnt. Der Handwerks-Hype ist groß, und alle wollen daran teilhaben: Eine Proklamation jagt die nächste („Ich schraube, also bin ich“ oder „Handwerk ist das neue Bio“), eine Veranstaltung die andere. Erst am vergangenen Wochenende wurde in der Salzburger Altstadt das Handwerks- und Designfestival „Hand.Kopf.Werk“ eröffnet; am Wochenende davor lud das Grazer Kunsthaus zu „Big Wirbel – Strich und Faden“; und im Wiener MAK war unlängst die Ausstellung „Traditiertes Handwerk in der Digitalen Welt“ zu sehen.
Während es beim Salzburger Festival vor allem darum geht, Handwerkern über die Schulter zu schauen und Werkstätten zu besichtigen, fokussierte man in Graz das Textile: von der Stoffwerkstatt – „Pimp your T-Shirt“ – bis zur letzten Grazer Hutmacherin, vom Weben bis zum Modedesign. Auch der Diskurs kam nicht zu kurz: Bei den „Mitmach“-Stationen wurde Augenmerk auf die politische Brisanz von Textilarbeit und Stoff gelegt, in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte beleuchtete man zudem soziologische Aspekte. Der Andrang war riesig: Über 3000 Menschen nahmen am diskursiven „Wirbel“ teil.

Aufleben und Absterben

Doch auch abseits der Museen fasziniert die Handarbeit. Der Bobo von heute schläft auf seinem Europaletten-Bett, braut sein Bier selbst, schmiedet seine Eheringe mit dem Fachmann gemeinsam, näht, weil er vergessen hat, wie’s geht, die Kleider seiner Kinder mit „Frau Knallfrosch“ – und wie die Trendsetter-Startups sonst noch alle heißen. Gern wird dabei der Trend zum analogen Tun – von der Do-It-Yourself-Bewegung bis zum Maker-Movement – in einen Gegensatz zur Digitalisierung gesetzt. Man beschwört „Die Rache des Analogen“ (siehe Seite 4) und holt Vinyl hinterm Ofen hervor. Weil die Qualität besser ist. Oder weil das Material langlebiger scheint.
Gleichzeitig – und das ist die Kehrseite der Medaille – ist das Handwerk durch die industrielle Massenproduktion vom Aussterben bedroht. 249 Lehrberufe konnte man noch 1954 erlernen, heute sind es nur mehr 180. Das geht aus einer Studie hervor, die das Wirtschaftsministerium gemeinsam mit Bundekanzleramt und Wirtschaftskammer bei der UNESCO in Auftrag gegeben hat.
Die Folgen liegen auf der Hand: Immaterielles kulturelles Erbe geht verloren – und mitunter auch die Fertigkeiten, materielles kulturelles Erbe zu bewahren. Wer wird etwa die Trulli im süditalienischen Alberobello, die Rundhäuser mit den spitzen Steindächern, in einigen Jahren noch bauen und renovieren können?

Steckt nicht in jedem von uns ein Handwerker?

Eher gering ist – allen bierbrauenden, Ringe schmiedenden Bobos zum Trotz –, auch die Wertschätzung des Handwerkers selbst. Der Soziologe Richard Sennett bringt die Über-Akademisierung der Gesellschaft auf den Punkt: „Kluge Menschen sollen an die Universität gehen und die Dummen werden Handwerker – das ist schrecklich.“ Wobei der Handwerker, zumindest der Schmied, seinen etymologischen Ursprung beim Banausen findet: „bánausos“ (griechisch von baunos, „Ofen“) meinte ursprünglich „der am Ofen Arbeitende“.
Aber ist nicht jeder seines Glückes Schmied? Die Jugend von heute ist dazu rein manuell womöglich gar nicht mehr fähig. „Meine Erfahrung ist, dass das handwerkliche Geschick von Kindern und Jugendlichen in den letzten Jahren massiv abgenommen hat“, sagt etwa Josef Populorum, Werklehrer am BORG 3 in Wien. „Sie kennen das Material nicht mehr, sie kennen das Werkzeug nicht. Wie hält man zum Beispiel eine Säge? Welche nimmt man für Holz, welche für Metall?“
Dass Kulturleistungen verloren gehen, beobachtet auch Monika Holzer, die als Kuratorin den Grazer „Wirbel“ organisiert hat: „Wer kann heute noch richtig Knöpfe annähen? Wir wissen auch aus unserer Bildungsarbeit, dass Kinder in der Schule oft nicht mehr Masche binden können, gut schneiden mit der Schere ist für immer mehr schwierig“. Diese Reflexionsebene in den „Wirbel“ mit einzubeziehen, war dem Team wichtig. „Das Kreative, das Denken hat ganz viel mit dem Tun unserer Hände zu tun.“
Denn frei nach Joseph Beuys, steckt nicht in jedem von uns ein Handwerker? Ist nicht jeder Künstler einfach „nur“ ein genialer Handwerker? Ein Blick in so manche Biografie gibt einem Recht: Adolf Loos – ein Maurerpraktikant, Coco Chanel – eine gelernte Näherin, Peter Zumthor – ein gelernter Tischler. „Bei uns zu Hause herrschte eine Atmosphäre des Machens“, erzählt Letzterer im Ausstellungs-Katalog „handWERK“ des MAK. „Mein Vater hat mir vermittelt: Wenn uns etwas fehlt, wenn wir etwas brauchen, schauen wir zuerst einmal, ob wir das selber machen können.“ Mehrere Anläufe brauchte der Tischlersohn Zumthor, bis er der werden durfte, als den wir ihn kennen: ein Architekt. Das Handwerk, so sagt er, war aber immer maßgeblich für seine berufliche Laufbahn.
Nicht nur bei den Zumthors, auch bei den Habsburgern war das Handwerk Familientradition, wenn auch nur zum „plaisir“: „Dieses Kandl haben Ihre Gnaden Erzherzog Leopold Ignaz mit eigener Hand gemacht Ao1654“, steht auf dem Beglaubigungszettel zum Deckelhumpen, den der Erzherzog Leopold, späterer Kaiser Leopold I., einst 14-jährig gedrechselt hat. Neben dem Gärtnern war gerade das Drechseln in der Habsburg-Dynastie durchaus beliebt.
Und nicht zuletzt die griechischen Götter hatten ihr Faible für manuelle Geschicklichkeit: Schon Hephaistos triumphierte, als er dank seines fein gehäkelten Netzes die untreue Aphrodite in flagranti im Bett mit Ares erwischte.

Realität zurückerobern

Auch in der Algorithmus-gesteuerten Welt von heute ist die Sehnsucht groß, die komplizierte Realität zurückzuerobern und mit Händen zu begreifen. Es scheint, als hätten viele Menschen das Bedürfnis, ihrem digitalen Alltag etwas Haptisches entgegenzusetzen. Und doch ist eben nicht alles Gold, was glänzt: Klickt man durch die Channels der YouTuber-Szene wird einem schnell klar: um ein „Maker“ zu sein bedarf es wenig. Das Selbstgemachte folgt oft genauen Anleitungen, nicht selten gibt es
ein „Toolkit“ schon fix fertig zu kaufen. Sogar der betuchte Bobo kann sein Bett aus Europaletten auf der Interieur-Messe erstehen. Denn längst hat die (Werbe)industrie die Ästhetik des Handgemachten für sich entdeckt.
Konstatiert die Trendforscherin Lidewij Edelkoort eine „archaische Gegenreaktion auf die immaterielle Welt der Digitalen Moderne“, geht Richard Sennett noch einen Schritt weiter: Er bezieht längst das „Coding“, das Programmieren in das „Craftsmanship“ mit ein. Hightech und Handwerk stellen für ihn keine Antithese mehr dar. Traditionelles Handwerk kann demnach profitieren, wenn es gelingt, Neues zu nutzen und Bewährtes zu erhalten.
Kunstfertigkeit als Voraussetzung für Qualität bleibt aber bestehen – und erfordert Geschicklichkeit. Das wusste man schon in Bullerbü.

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  05:07:56 07.21.2005