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18/2017 - Das Syndrom des ungeschickten Kindes
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Ungelesen , 09:03
Das Syndrom des ungeschickten Kindes

Der Mangel an Bewegung und Freiräumen hat viele Kinder erschreckend ungeschickt gemacht. Manchmal steckt freilich auch eine neurologische Störung dahinter. Die Ergotherapeutin Elisabeth Söchting über „Dyspraxie“ – und ganz normale Tollpatschigkeit.


| Das Gespräch führteDoris Helmberger

Fünf Sinne hat der Mensch, heißt es landläufig: den Seh-, Gehör-, Geruchs-, Geschmacks- und Tast- oder Berührungssinn. Tatsächlich sind der Neurologie – jenseits des ominösen sechsten Sinns – längst noch zwei weitere Wege der Weltwahrnehmung bekannt: der Gleichgewichtssinn und der Kraft- oder Bewegungssinn. Wie sehr diese beiden Sinne gemeinsam mit dem Berührungssinn das Verhalten und Empfinden des Menschen beeinflussen, hat die kalifornische Ergotherapeutin und Psychologin Jane Ayres schon Mitte der 1960er Jahre erforscht. Werden die sinnlichen Informationen im Gehirn gut verarbeitet, entwickelt sich ein stimmiges Bild vom eigenen Körpers (Körperschema). Ist das nicht der Fall, kommt es zu einer Störung der „sensorischen Integration“. Laut Schätzungen sind 15 Prozent der Kinder davon betroffen, bei gut der Hälfte von ihnen äußert sich das in motorischer Ungeschicklichkeit („Dyspraxie“). Die Ergotherapeutin und Psychologin Elisabeth Söchting arbeitet in ihren „SpielStudio“-Praxen in Wien und Klosterneuburg mit solchen Kindern. Ein Gespräch über infantile Koordinationsprobleme – vom Klettern bis zum Maschebinden.

DIE FURCHE: Laut Studien hat die körperliche Leistungs- und Koordinationsfähigkeit von Kindern seit den 1970er Jahren deutlich abgenommen (s. u.). Zudem beobachten Lehrer, dass manche Kinder selbst an einfachsten Aufgaben wie Maschebinden scheitern. Was ist Ihre Erfahrung?
Elisabeth Söchting: Zu mir kommen natürlich nur Kinder, die Probleme haben, aber das Maschebinden, Stift oder Schere halten ist tatsächlich immer wieder ein Thema. Interessant ist jedenfalls, dass sich der Markt diesen Schwächen der Kinder angepasst hat – indem es etwa bis zum Alter von zehn Jahren fast nur noch Schuhe mit Klettverschlüssen zu kaufen gibt. Früher war es schlimm, wenn ein Sechsjähriger nicht Maschebinden konnte, heute ist diese Fähigkeit lange Zeit gar nicht mehr notwendig und wird auch nicht automatisch eingeübt.
DIE FURCHE: Nicht zwingend notwendig ist aus Sicht mancher auch das Erlernen und Üben der Schreibschrift. Wie sehen Sie das?
Söchting: Ob die heranwachsenden Generationen noch diese Technik lernen sollen, ist eine gesamtgesellschaftliche Diskussion. Aus ergotherapeutischer Sicht ist das Schreiben mit der Hand aber gut und sinnvoll, weil durch die Handbewegungen die schriftlichen Symbole den entsprechenden Gedanken im Gehirn besser zugeordnet werden. Auch die Feinmotorik beim Schreiben allein ist eine gute Übung. Erstaunlich ist für mich jedenfalls, dass es oft ganze Klassen gibt, in denen eine schöne Stifthaltung vorliegt – und andere, in denen sie schrecklich ist. Es liegt offenbar doch viel daran, ob Lehrerinnen mit den Kindern Vor-übungen machen und an der richtigen Stifthaltung arbeiten.
DIE FURCHE: Welche Vorübungen für das Schreiben wären schon im Kindergarten hilfreich?
Söchting: Alles, was die Muskeln trainiert, jeden Finger einzeln beansprucht und Bewusstsein für die Hände schafft: zum Beispiel Kneten. Aber auch hier gibt es immer mehr Angebote, bei denen weniger das manuelle Tun als irgendein Werkzeug oder Glitzer-Zubehör im Zentrum steht. Spielzeug ist generell immer öfter vorkonstruiert, was dazu führt, dass Kinder nicht mehr selbst etwas basteln, sondern nur noch nach dem Vorbild irgendwelcher Zeichentrickcharaktere in Rollen spielen und Geschichten nachspielen. Ich selbst habe als Kind für meine Barbie-Puppe noch Westen gehäkelt oder aus Stoff Kleider zusammengepickt. Heute gibt es immer weniger Gelegenheiten für solche sensomotorischen Erfahrungen, doch sie sind die Voraussetzung für feinmotorische Geschicklichkeit.
DIE FURCHE: Und wie spielt hier die Grobmotorik hinein?
Söchting: Sehr wesentlich, weil es bei der Grob- wie bei der Feinmotorik um sensorische Sinnesverarbeitung und Bewegungsplanung geht. Bei beidem muss man sich fragen: Wie setze ich meinen Körper zweckmäßig ein, wie dosiere ich meine Kraft, wie sind meine Bewegungen? Und das beginnt schon beim Klettern, wo ich überlegen muss, an welchem Griff oder Ast ich mich festhalten kann. Doch auch hier gibt es immer weniger Räume und Gelegenheiten für freies, exploratives Spiel. Statt im Wald oder im Gatsch mit Asterln und Hölzerln zu spielen oder etwas zu bauen, gibt es oft nur noch vorgestaltete Spielplätze und von Erwachsenen vorgegebenes, durchorganisiertes und überwachtes Spiel (siehe unten).
DIE FURCHE: Sie arbeiten seit Jahren mit Kindern, bei denen die sensorische Integration gestört ist. Aber wo verläuft die Grenze zwischen dieser neurologischen Störung – und „normaler“ Ungeschicklichkeit durch Übungsmangel?
Söchting: Es ist tatsächlich nicht so, dass jedes „patscherte“ Kind eine sensorische Integrationsstörung aufweist. Deshalb braucht es eine genaue therapeutische Befundung. Außerdem kann sich eine gestörte sensorische Integration ganz unterschiedlich äußern: Sie kann zu emotionalen Regulationsstörungen führen, wenn Kinder auf Sinnesempfindungen über- oder auch unterempfindlich reagieren und deshalb schnell überreizt sind oder sich im Gegenteil zurückziehen; sie kann Probleme bei der Handlungsplanung und -organisation verursachen; und sie kann sich eben auch in motorischer Ungeschicklichkeit äußern, der so genannten Dyspraxie. Kinder mit gestörter sensorischer Integration haben jedenfalls selbst bei optimalen Umweltbedingungen Probleme, Reize so zu organisieren, dass daraus eine Lern-erfahrung wird.
DIE FURCHE: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Söchting: Einmal ist ein sechsjähriger Bub zu mir gebracht worden, der im Wienerwald in einer bauernhofähnlichen Umgebung aufgewachsen ist. Er hätte jeden Tag ins Heu hüpfen oder etwas mit Holz bauen können, hat aber den ganzen Tag nichts anderes gemacht als im Hof mit dem Tretauto im Kreis zu fahren. Sein Gehirn war nicht in der Lage, sich selbst Erfahrungen zu verschaffen, sich etwas auszudenken und zu planen. Wir haben dann versucht, ihm durch die therapeutische Umgebung im „SpielStudio“ dabei zu helfen, Herausforderungen zu erkennen und zu meistern. Ein anderes Mal ist ein Kind zu uns gekommen, dessen Berührungssinn unterempfindlich war: Man muss sich das so vorstellen, als ob man immer einen Wollhandschuh anhaben würde und entsprechend ungeschickt wäre. Hier haben wir mit Berührungserfahrungen durch Sand oder Kork gearbeitet.
DIE FURCHE: Gibt es ein Alter, ab dem es für eine Therapie zu spät ist?
Söchting: Die klassische sensorische Integrationstherapie findet bei uns in Räumen statt, die einem Indoor-Spielplatz ähneln und für Drei- bis Zwölfjährige geeignet sind. Ältere können aber auch durch entsprechende Hobbies wie Klettern oder Töpfern viel erreichen. Es ist jedenfalls nie zu spät, sich abklären zu lassen. Manchen wird erst bei der Diagnose klar, warum es in ihrem Leben so viele Missverständnisse gegeben hat.


Immobil im Kindergarten?

Bewegungsförderung

Kinder, die kaum laufen, geschweige denn Purzelbäume schlagen, radfahren oder schwimmen können: Immer öfter sind Schulen mit solchen Phänomenen konfrontiert. Meist sind Kinder aus sozial schwächeren Milieus betroffen, weiß der Wiener Sportwissenschafter Harald Tschan. Doch seit Mitte der 1970er Jahren hätten sich die motorischen Fähigkeiten generell und weltweit verschlechtert. „Die Freiräume sind immer weniger geworden – und die Bildschirmzeiten immer länger“, so Tschan. Nicht nur er, auch die Politik sorgt sich um die ungeschickte Jugend. Die „tägliche Bewegungseinheit“, die nach dem Burgenland nun auch in Oberösterreich eingeführt wurde, soll Abhilfe schaffen. Eine gute Idee, so Tschan, aber in Summe zu wenig: Erstens seien Volksschullehrerinnen in sportlicher Hinsicht kaum ausgebildet; und zweitens müsste Bewegungsförderung schon bei den Eltern und im Kindergarten beginnen. Doch auch dort sei kaum jemand geschult.

Gender-Gap bei der Bewegungsfreude

Woran es konkret mangelt, hat Tschans Kollegin Rosa Diketmüller gemeinsam mit anderen im Projekt „KinderGärten – Freiräume für Mädchen und Buben“ eruiert. Mit Hilfe von Beobachtungen und Schrittmessern haben die Forscherinnen in acht Kindergärten der Stadt Wien sowie in Nieder-
österreich untersucht, wie sich Kinder genau bewegen. Fazit: „Bei der Schrittanzahl gibt es zwischen Buben und Mädchen signifikante Unterschiede“, so Diketmüller. Zudem sei das „Hinausgehen“ in den Garten keineswegs gleichbedeutend mit körperlicher Aktivität. Würden Kindergartenpädagoginnen beisammen stehen, hielten sich insbesondere Mädchen gern (eher inaktiv) in der Nähe auf. Und wird Kindern verboten, sich etwa hinter Büschen zu verstecken, leide die Bewegungslust generell. Umso nötiger sei laut Diketmüller Bewusstseinsarbeit bei den Pädagoginnen – und eine allgemeine Debatte darüber, ob man Kindern nicht aller Aufsichtspflicht zum Trotz mehr zutrauen müsste. Denn wer keine Risiken mehr eingehen dürfe, werde nolens volens ungeschickt – und verletze sich später umso leichter. (dh)


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  23:58:35 07.18.2005