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19/2017 - In magischer Balance
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Ungelesen , 07:37
In magischer Balance

Um das Radeln zwecks Gesundheit und Klimaschutz attraktiv zu machen, gilt es,
seine ästhetischen Qualitäten wiederzuentdecken.


| Von Martin Tauss

Die „Sternstunden der Menschheit“ sind nicht immer gleich „dramatisch geballte“, verdichtete Ereignisse der Weltgeschichte, wie Stefan Zweig sie meisterhaft beschrieb. Dass sie „leuchtend und unwandelbar wie Sterne die Nacht der Vergänglichkeit überglänzen“, zeigt sich mitunter erst aus großer Distanz – so wie nun im Fall des Fahrrads, 200 Jahre nach seiner Erfindung. Heute wissen wir, dass die Entdeckung des Zweiradprinzips durch Karl Freiherr von Drais „schicksalsträchtig“ war. Doch dieser historische Moment entbehrte jeder Dramatik. Vielmehr war er wohl von einer unfreiwilligen Komik begleitet, wenn man sich vorstellt, wie der deutsche Forstlehrer erstmals auf einer „Laufmaschine“ durch die Gegend ritt. Seine Erfindung erntete zunächst vor allem Verwunderung und beißenden Spott.
Auch die vielfältigen Wirkungen, die das Fahrrad in die Welt gebracht hat, sind nicht gleich offensichtlich. Generell ist man sich meist nur eines kleinen Teils der Konsequenzen bewusst, die ein Ereignis, eine Handlung oder eine Begegnung nach sich zieht. Die Chaostheorie geht sogar davon aus, dass völlig unbedeutend scheinende Kleinigkeiten ganze Kontinente beeinflussen können. Durch Verkettungen von Ereignissen können „nicht-lineare Phänomene“ entstehen, was so viel heißt, dass etwa der Flügelschlag eines Schmetterlings im Amazonas das Wetter in der nördlichen Hemisphäre zu verändern vermag. Im Fall des Radfahrens muss man nicht unbedingt den viel zitierten „Schmetterlingseffekt“ bemühen: Das Spektrum seiner Effekte ist vorhersehbar und zum Teil sogar berechenbar.
Ganz unmittelbar aber führt das Radfahren zu einer ästhetischen Erfahrung. „Ästhetik“ bezieht sich im ursprünglichen Wortsinn auf all unsere Wahrnehmungen – und diese werden, auf dem Drahtesel sitzend, ganz schön stimuliert. Historisch gesehen brachte das eine ganz andere Art der Körperempfindung, denn Gleichgewicht ist hier nicht im Stillstand, sondern nur in der Bewegung zu finden. Das Rad vermittelte den Fahrern völlig neue Eindrücke, da sie das Körpergefühl nicht kannten, das durch diese magische Balance entsteht. Das versetzte manche Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts in einen regelrechten Taumel der Begeisterung: „Der Radfahrsport ist der Triumph des menschlichen Gedankens über die Trägheit der Materie: Zwei Räder, welche kaum den Boden berühren, die wie auf Flügeln dich weit forttragen mit einer schwindelerregenden, trunken machenden Geschwindigkeit“, vermerkte der italienische Arzt Paolo Mantegazza. Er sprach von einem „Wunder von Leichtigkeit“ und vom „Mensch, der Engel werden will und nicht mehr die Erde berührt“ (zit. nach H.-E. Lessing, 2017).

Geistesblitz am Fahrrad

Das gelassene Dahingleiten auf zwei Rädern stimuliert freilich auch die kognitiven Funktionen und hat vielleicht schon für manchen Geistesblitz gesorgt: Die Relativitätstheorie etwa ist dem späteren Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein auf dem Sattel eines Fahrrads eingefallen. Und auch die Balance zwischen Geschwindigkeit und Müßiggang, zwischen Dynamik und Entspannung zählt zu den Geheimnissen des Radelns. Für die stressgeplagten Menschen unserer rundum beschleunigten Gesellschaft rückt heute oft der letztere Aspekt in den Vordergrund, denn auf dem Rad wird der zurückgelegte Weg meist bewusster und intensiver als in motorisierten Fahrzeugen wahrgenommen.
„Es kommt darauf an, das Radfahren als Gewinn zu begreifen und nicht als schnellstmöglich abzuwickelnde Strecke“, sagt Heinz Fuchsig von der AUVA, der nun beim Österreichischen Radgipfel in Wörgl
(18.–19. Mai) darüber referieren wird, wie man „den Stress wegstrampeln“ kann und welche gesundheitlichen Effekte daraus erwachsen. Das muss gar nicht anstrengend sein: Heute weiß man, dass vor allem regelmäßige, moderate Bewegung den physiologischen Bedürfnissen des Körpers am nächsten kommt. Die körperliche Aktivität beim täglichen Radfahren weist ein enormes Potenzial auf, um etwa Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu vermeiden, konstatiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO). So könne man dem Herzinfarkt gleichsam davonfahren: Laut Studien könnte das Risiko einer frühzeitigen Erkrankung und damit notwendiger Bypass-Operationen durch regelmäßiges Radeln um den Faktor 20 sinken.
Auch die Atmung und das Immunsystem, die Knochen und der Stoffwechsel profitieren vom alltäglichen Strampeln. Mit dem gesundheitlichen Nutzen gehen gewaltige Einsparungen bei Therapien, Medikamenten und Operationen einher. Die WHO hat dafür einen eigenen Rechner (HEAT) entwickelt, der die positiven Effekte des Radfahrens in Zahlen gießen soll. Grundlegend dafür ist die Beobachtung, dass Radfahrer im Vergleich zu anders mobilen Personen länger leben, besser gesagt weniger früh versterben: In einer Langzeitstudie mit Radpendlern war deren Sterberisiko signifikant geringer als in der Gruppe der Nicht-Radler. Eine nachhaltige Verkehrspolitik ist somit stets eine nachhaltige Gesundheitspolitik, betont die WHO – so wie alle Strategen der Gesundheitsförderung am Radeln ihre helle Freude haben: Denn diese Tätigkeit ist bei jedem Körpergewicht, für alle Altersgruppen und soziale Schichten umsetzbar.

Radeln für künftige Generationen

Dass die Förderung des Radverkehrs heute vor allem im Sinne des Klimaschutzes erfolgt, führt die wirklich langfristigen Konsequenzen von Drais’ Erfindung vor Augen: Sie reichen weit über unsere Lebenszeit hinaus, tangieren mehrere Generationen und betreffen überhaupt das Schicksal des Planeten. Denn das Fahrrad ist ein klimaneutrales Verkehrsmittel, dessen massenhafte Nutzung einen wichtigen Beitrag zur weltweiten CO2-Reduktion leisten kann.
Hier scheint sich ein Kreis zu schließen: Im Jahr 1815 hatte die Eruption eines indonesischen Vulkans im fernen Europa zu Ernteausfällen und einem starken Rückgang des Pferdebestandes geführt. Der umtriebige Freiherr von Drais begann, nach einer Alternative zur Fortbewegung mittels Pferd zu suchen (siehe S. 4). Vor gut 200 Jahren war es also eine globale Klimaveränderung, welche die Erfindung des Fahrrads beflügelt hat. Heute ist es genau diese Erfindung, die als „Null-Emissions-Vehikel“ den weltweiten Klimawandel eindämmen soll.


Das Fahrrad. Eine Kulturgeschichte
Von Hans-Erhard Lessing. Klett-Cotta 2017
255 Seiten, geb., € 20,60

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