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19/2017 - Kommt Zeit, kommt Rad
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Ungelesen , 07:39
Kommt Zeit, kommt Rad

Vor 200 Jahren erfand Karl von Drais den Prototyp des Fahrrads. Seine Pionierleistung wurde lange kaum gewürdigt. Heute scheint ihr eine große Zukunft sicher.


| Von Wolfgang Machreich

Schwierig genug, sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Beim Schriftsteller Thomas Bernhard erscheint dies unmöglich. Und doch: „Ein Kind“ war glücklich. Als es achtjährig auf einem Steyr-Waffenrad beschloss, seiner Existenz eine Wendung zu geben, „möglicherweise die entscheidende der mechanischen Fortbewegung auf Rädern“ und „die beliebte Schnitzel backende Tante Fanny“ in Salzburg aufzusuchen: „So also begegnet der Radfahrer der Welt: von oben! Er rast dahin, ohne mit seinen Füßen den Erdboden zu berühren, er ist ein Radfahrer, was beinahe soviel bedeutet wie: ich bin der Beherrscher der Welt. In einem beispiellosen Hochgefühl erreichte ich Teisendorf …“ Dann ein Sturz, auch diese Geschichte geht schlecht aus. Was aber selbst bei Bernhard bleibt, ist die „Glückseligkeit des Triumphators“ über den Sieg der Balance gegen die Schwerkraft, über die Geschwindigkeit im Gesicht, über den zweirädrigen Fluchthelfer aus der Enge.

Erfinder aus Leidenschaft

Stolze Gesichter, selbstbewusste Blicke – es sind vor allem die Fotos von starken Menschen auf und neben ihren Zweirädern, die beim Besuch der Baden-Württembergischen Landesausstellung „2 Räder – 200 Jahre“ im Mannheimer „Technoseum“ neben der Hundertschaft an Fahrrädern aller Epochen und Stile einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das Fahrrad als Starkmacher, als Selbstermächtiger, Freiheitswerkzeug, Emanzipationsinstrument, Unabhängigkeitskrücke, etc. Diese gesellschaftliche und politische Dimension des Fahrrads hätte Karl Freiherr von Drais (1785–1851) neben der wirtschaftlichen, technischen, sportlichen Nützlichkeit seiner Erfindung ebenso gefallen. Drais war überzeugter Demokrat, legte nach der Badischen Revolution 1849 per Zeitungsanzeige seinen Adelstitel ab, um diesen, von der Reaktion gezwungen, kurz darauf wieder annehmen zu müssen.
Dazwischen lagen Jahre als Technologiestudent aus Begabung, Forstlehrer aus Pflichterfüllung und Erfinder aus Leidenschaft. „Alles, was mit Bewegung physischer oder geistiger Art, mit Medien der Übertragung und des Speicherns zu tun hatte, faszinierte ihn“, wird Drais in Elmar Schenkels Buch „Cyclomanie: Das Fahrrad in der Literatur“ (Edition K. Isele, 2008) beschrieben: „Er erfand ein Aufzeichnungsgerät für Klaviere, die erste Tastenschreibmaschine, einen Schnellschreibapparat, einen Fleischwolf und noch manch andere nützliche Geräte. Aber bekannt wurde er durch das Zweirad, auch Veloziped oder Draisine genannt.“ Das ist bis dato der Name für vierrädrige Schienendraisinen. Eine solche mit Fußantrieb hatte Drais 1842 in Karlsruhe für die Staatseisenbahn erprobt. Erste Bahn-Hilfsfahrzeuge waren 1837 in Wien als mit den Füßen angestoßene Zweiräder für eine Schiene entwickelt worden („Draisinen“).
Namentlich bekannt zu werden, hieß im Fall von Drais aber noch lange nicht geachtet und geehrt. Zeitgenossen verspotteten ihn: „Die ganze Maschine ist auf Lächerlichkeit angelegt, denn nur Kinder können sich derselben, der komischen Gestikulationen wegen, die man dabei machen muß, bedienen. Es sieht fast so aus, wenn man auf der Maschine sitzt, als wollte man auf dem Straßenpflaster Schlittschuh laufen. Genug, seit Erfindung dieses ganz zwecklosen Spielzeugs, hat Hr. von D. so zu sagen seinen Verstand verloren.“ Die Häme zeigte (kombiniert mit politischem Kaltstellen) Wirkung. Sein Name fand sich lange Zeit in keiner Ehrenreihe mit Auto-Pionieren wie Benz und Daimler oder Heroen der Luftfahrt wie Lilienthal oder den Brüdern Wright. Mittlerweile führt Drais aber diese Pionierliste an. Vor allem Dank der Recherchen des Fahrradhistorikers Hans-Erhard Lessing, Hauptkonservator a.D. des „Technoseums“, der in seiner „Würdigung eines genialen Erfinders“ im Ausstellungskatalog jeden Zweifel an Drais‘ Bedeutung ausräumt: „Das Zweiradprinzip ist die entscheidende Basisinformation, welche den Beginn des mechanisierten Individualverkehrs ohne Pferd markiert.“

„Fahrmaschine ohne Bauch“

Schnelle Fortbewegung ohne Pferd – diese Vorgabe war laut Lessing ein zentraler Antrieb für Drais’ Erfindung. „Mein Königreich für ein Pferd!“ war einmal. Die Reiterheere in den napoleonischen Kriegen hatten bereits die Hafervorräte verfüttert, als mit dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora das „Jahr ohne Sommer“ 1816 folgte. Aschewolken in der Atmosphäre verdunkelten die Erde und führten zu Ernteausfällen. Shakespeare hätte wohl gedichtet: „Ein Königreich für ein Pferd, das ohne Futter läuft!“ Drais machte sich daran, diesen mechanischen Pferdeersatz zu entwickeln, eine „Fahrmaschine ohne Bauch“ zu bauen. Eine Herausforderung, die angesichts begrenzter Treibstoffressourcen nichts an Dringlichkeit verloren hat. Klimawandel und in Feinstaub gehüllte Großstädte machen Magen-Darmlose und damit abgasfreie Fortbewegung noch wichtiger.
Ob Drais bei seiner ersten Ausfahrt arg gekeucht und viel geschwitzt hat, ist nicht überliefert. Das „Badwochenblatt zum Nutzen und Vergnügen der Badegäste der Großherzogl. Stadt Baden“ vom 29. Juli 1817 beruft sich auf „glaubwürdige Zeugnisse“, wonach Drais „mit der neuesten Gattung der von ihm erfundenen Fahrmaschinen ohne Pferd (...) vier Poststunden Wegs in einer Stunde Zeit gefahren ist“. Auch bei seiner zweiten Ausfahrt auf dem „steilen, zwey Stunden betragenden Gebirgsweg von Gernsbach hierher“ hat Drais mit seinem Holzesel und einer Stunde Fahrzeit „mehrere Kunstliebhaber von der großen Schnelligkeit dieser sehr interessanten Fahrmaschine überzeugt“. In der Ebene und am Berg konnten Draisine und Drais mit Ross und Reiter mithalten. Was Getreidespekulanten hellhörig machte: „Da durch die Draisine manches, in der Anschaffung und Unterhaltung so kostspielige Reitpferd als entbehrlich dürfte abgeschafft werden, so stehet zu hoffen, daß der Hafer in Zukunft im Preise fallen werde.“

„Utopia wird voller Radwege sein“

Trotz großem Medieninteresse in ganz Europa sowie unzähligen Nachbauten konnte sich die Draisine nicht breitenwirksam durchsetzen. Das Fahrrad blieb in den frühen Jahren „das Handy des Dandy“ (© Cyclomanie), Spleen und Spielzeug der Oberen Zehntausend und ihrer studierenden Jugend. Bis es verboten wurde, denn so wenige Fahrräder konnte es nie geben, als dass diese nicht Ärger verursachten: Sieben Monate nach Drais‘ Jungfernfahrt untersagte die Stadt Mannheim den paar Draisinen-Läufern, die Bürgersteige zu nutzen. Verbote in London, Mailand, Philadelphia, New York und sogar Kalkutta folgten. Das Bild vom Radler als Rowdy war geschaffen. Es hat sich ohne Unterbrechung gehalten, während die Draisine die nächsten 40 Jahre wieder in Vergessenheit geriet.
Erst in den 1860er-Jahren nimmt mit der Entwicklung der Tretkurbel-Veloziped in Frankreich die Verbreitung des Fahrrads wieder Fahrt auf. Hochrad, Niederrad, Sicherheitsrad, et cetera – das Zweirad boomt in allen Formen, weltweit. Theodor Herzl etwa bekehrt sich zum Rad und wird sein Missionar, der die Prognose wagt, das Fahrrad werde eine neue, lichtere Welt hervorbringen: „Die Spötter werden einst die Verlachten.“
Sollte man es daher nicht als Hoffnungszeichen werten, wenn in Österreich ab 2018 (nach 40 Jahren) der Lehrberuf des Fahrradmechanikers wieder eingeführt wird? Der Schriftsteller H. G. Wells würde wohl nicken. Von diesem großen Fahrrad-Freund, dem man als Science-Fiction-Pionier Weitsicht zutrauen darf, stammen schließlich herausragende Fahrrad-Hymnen: „Jedes Mal, wenn ich einen Erwachsenen auf einem Fahrrad sehe, verzweifle ich nicht mehr an der Zukunft der Menschheit“, lautet die eine, und um nichts weniger tröstlich ist die andere: „Utopia wird voller Radwege sein.“


„2 Räder – 200 Jahre“
Ausstellung, Technoseum Mannheim
bis 25.6., www.technoseum.de

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  07:18:32 07.14.2005