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21/2017 - „Muslimische Realität wird medial nicht abgebildet“
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Ungelesen , 08:32
„Muslimische Realität wird medial nicht abgebildet“

Die Voraussetzungen wären gut, meint Amani Abuzahra: Der Islam ist längst staatlich anerkannt.
Dennoch gibt es unter Österreichern Ängste. Und die Muslime erfahren sich als geringgeschätzt.


| Das Gespräch führten Otto Friedrich und Thomas Frühwirth

In der ersten Ausgabe von „Im Namen des Volkes“, des TV-„Gerichtsverfahrens“
mit Irmgard Griss, vertrat Amani Abuzahra die Gegner eines Kopftuchverbots. Die FURCHE befragte die Philosophin und islamische Religionspädagogin über ihr Muslima-Sein in Österreich.

DIE FURCHE: Wie schätzen Sie die Perspektiven für Muslime im Land ein?
Amani Abuzahra: Prinzipiell sind sie gut. In Österreich leben wir in einem Land, wo die Menschen – nicht nur Muslime – gute Möglichkeiten hätten. Der Islam ist hier seit über 100 Jahren gesetzlich anerkannt. Das heißt, Muslime und Musliminnen werden in ihrer religiösen Identität wahrgenommen. Aber auf der gesellschaftlichen Ebene tun sich schon gewisse Widersprüche auf.
DIE FURCHE: Zunächst : Was ist für Sie positiv?
Abuzahra: Es gibt ein Bewusstsein des Zusammenlebens – vielfach in der Stadt oder im Ort, wo man wohnt. Wir haben selbst bei den Flüchtlingen gesehen, dass Menschen da relativ schnell integriert werden können. Ich denke an eine Familie, die im Waldviertel untergekommen ist, und die begeistert war, wir sehr sich die Menschen um sie herum bemüht haben. Man hört viele positive Geschichten, die einem auch zeigen: Das Zusammenleben ist selbstverständlich geworden, man braucht nicht immer Konfliktbegleitmaßnahmen oder von der Politik auferlegte Integrationsthemen.
DIE FURCHE: Und wo sind die Probleme?
Abuzahra: Die gibt es vor allem dann, wenn Angst präsent ist, wenn man nicht wirklich weiß, wem man vertrauen kann: Kann ich dem vertrauen, was mein muslimischer Nachbar mir sagt? Ich erlebe das bei der Kopftuchfrage. Man wird gefragt: Frauen tragen das freiwillig und selbstbestimmt? Man kann da überzeugend argumentieren, dennoch kommt dann als Nachschub: Naja, ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen das jetzt so glauben kann. Es gibt Vorurteile, die unseren Blick auf das Miteinander verfälschen.
DIE FURCHE: Wird es hier schwieriger?
Abuzahra: Als positiv erlebe ich, dass viele Menschen sehr engagiert sind, konkrete Räume der Begegnung zu schaffen im schulischen wie im zivilgesellschaftlichen Bereich. Auf der anderen Seite nehmen Vorfälle zu, wo Menschen aufgrund ihres Muslimseins beschimpft oder sogar körperlich angegriffen werden. Das hängt auch mit der aktuellen Berichterstattung zusammen, mit dem Aufkommen des „IS“, mit den Terroranschlägen, wo das Islam „Bekämpfen“ im Vordergrund steht. Aber wir haben europaweit ein Problem mit extremeren Ausformungen. Auch der Antisemitismus steigt wieder, der Rechtsradikalismus nimmt zu. Europaweit haben Parteien, die dem Rechtspopulismus nahestehen, Zulauf. Da gibt es sehr starke Stimmen, die sagen: Entweder ihr assimiliert euch, oder wir schließen euch aus, wenn ihr einer gewissen Norm nicht entsprecht.
DIE FURCHE: Vor kurzem wurde der Artikel „Generation haram“ der Zeitschrift Das Biber ausgezeichnet, der u. a. bekrittelt, dass sich der islamische Religionsunterricht oft aufs Auswendiglernen von Suren beschränke.
Abuzahra: Der islamische Religionsunterricht wurde reformiert, da hat sich seit den 1980er-Jahren sehr viel getan. Es wird sicher da und dort Herausforderungen geben. Aber es stimmt nicht, dass die Religionslehrer sich nur mit den Suren beschäftigen. Wenn man sich die beim Veritas-Verlag herausgekommenen Religionsbücher anschaut, dann sind das die ersten kompetenzorientierten Religionsbücher europaweit – und zwar nicht nur auf den Islamunterricht bezogen!
DIE FURCHE: Man hört aus Schulen immer wieder Geschichten, dass muslimische Burschen zu Mädchen sagen, wenn sie kein Kopftuch tragen oder sich schminken: „Das ist haram – verboten, was du tust.“
Abuzahra: Die Probleme gibt es. Aber wir sind generell in einem gewissen autoritären Bild erstarrt, es gibt Burschen mit bestimmten Rollenbildern. Von manchen muslimischen Burschen wird dann ein religiöses Vokabular verwendet, dass man als
Religionslehrerin leicht aufdröseln könnte. Selbst wenn das gelingt, gibt es Burschen, die meinen, das Selbstbestimmungsrecht der Mädels einschränken zu können. Aber das lässt sich nicht nur an den muslimischen Kindern festmachen. Der Wunsch nach einem starken Führer ist in der gesamten österreichischen Gesellschaft verbreitet. Wenn wir das aber nur einer Gruppe zuschreiben, vor allem einer Minderheit wie den Muslimen, die ohnehin einer Religion angehören, die ein sehr schlechtes Image hat, dann ist es schwer, zu Lösungen zu kommen.
DIE FURCHE: Wie aber kann dieser Zwiespalt „aufgedröselt“ werden? Äußerst sich da so etwas wie eine Fixierung auf moralisch-rechtliche Normen bei einem gleichzeitig sehr geringen Wissen um den Islam als Religion? So, wie das der angesprochene „Biber“-Artikel behauptet? Müssten sozusagen innerislamisch diesen Engführungen theologische Argumente entgegengesetzt werden?
Abuzahra: Diese Dialoge braucht es auf allen Ebenen – muslimisch-nichtmuslimisch und innermuslimisch. Es gibt ja auch nicht die eine Stimme des Islam. Auch innermuslimisch gibt es sehr viel Auseinandersetzung und Widerstand, wie man mit unterschiedlichen Problemen umgeht. Aber das wird halt medial nicht so wahrgenommen.
DIE FURCHE: Wäre es für die Akzeptanz von Muslimen nicht gut, wenn auch der innermuslimische Diskurs öffentlich besser abgebildet wäre als zurzeit?
Abuzahra: Es gibt ja die innermuslimische Vielfalt mit einer gewissen Konfliktkultur, auch Streitereien und Machtkämpfe. Diese Realität ändert aber nichts am Image der Muslime. Das wird auf der medialen Ebenen nicht abgebildet. Ein aktuelles Beispiel ist ein türkisches Lokal im 16. Bezirk, wo kein Alkohol mehr ausgeschenkt wird. Das wurde dieser Tage medial total aufgebauscht als „Zeichen des Islamismus“. Es gibt aber auch andere Restaurants – etwa ein bekannter veganer Burgerladen –, die keinen Alkohol ausschenken. Aber darüber redet niemand. Viele Muslime sind so vor allem mit dem beschäftigt, was von außen an sie herangetragen wird, sie finden sich immer in dieser Verteidigungshaltung.
DIE FURCHE: Verstehen Sie, dass die Ängste vor dem Islam mit jedem Anschlag, mit jedem Auftreten von Menschen, die im Namen des Islam Gewalt anwenden, wachsen?
Abuzahra: Sicher. Aber Ängste sind bei den Muslimen gleichermaßen vorhanden! Denn sie sind ja auch Europäer(inn)en und genauso in Gefahr. Die Attentäter werfen ja alle in einen Topf. Wir sind alle gleich betroffen. Wir sind daher auch alle gleich gefordert, das zu bearbeiten – jeder mit seinen Möglichkeiten. Die muslimische Gemeinschaft hat das theologische Rüstzeug zu liefern.
DIE FURCHE: Aber der Vorwurf lautet oft, dass sie es zu wenig macht.
Abuzahra: Vor einiger Zeit haben sich österreichweit über 200 muslimische Organisationen, die vielleicht nicht so gut miteinander können, zusammengeschlossen und klargestellt, dass sie die Gewalt ablehnen. Kaum ein Medium in Österreich hat das aufgenommen. Das verstehe ich nicht. Ich glaube, dass es die Ängste reduzieren würde, wenn man sieht: Die sind ja genauso dagegen wie wir.
DIE FURCHE: Demnächst wird es Neuwahlen geben. Was bedeutet das für die Muslime?
Abuzahra: Viele Muslime sind in Bezug auf die Tagespolitik sehr skeptisch. Manche haben auch Hoffnung. Aber man merkt schon, dass die Muslime sehr kritisch geworden sind, weil sie nämlich nicht nur ein Thema der
Medien, sondern auch der Parteipolitik sind.
DIE FURCHE: Glauben Sie, dass es möglich ist, im Wahlkampf eine Politik zu propagieren, die Verständnis für Muslime zeigt?
Abuzahra: Es ist sehr leicht geworden, andere Menschen herabzuwürdigen. Das sagt viel über unsere Gesellschaft aus. Es geht mir da nicht nur um die Muslime. Nehmen Sie die ÖH-Wahlen, was da Kandidaten in einer WhatsApp- und Facebook-Gruppe an antisemitischen, islam-, frauen-, behindertenfeindlichen Sprüchen geäußert haben. Das geht uns alle an. Alle, die von einer gewissen Norm abweichen, sind betroffen. Deswegen brauchen wir nicht nur Politiker, die sich für Muslime stark machen, sondern für das Gesamte. Denn wir sind nur so stark, so fortschrittlich, wie wir mit den Schwächsten der Gesellschaft umgehen.

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