ro ro

Themen-Optionen Ansicht

22/2017 - „Eine Gemeinschaft der Werte“
  #1  
Ungelesen , 07:47
„Eine Gemeinschaft der Werte“

Der Anglist und Amerikanist Waldemar Zacharasiewicz hält auch unter veränderten Bedingungen die Idee des „Westens“ nicht für überholt.

| Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner

Wie steht es um die transatlantischen Beziehungen in Zeiten der – nicht erst mit Trump – erfolgten Abwendung der USA von Europa? Was können die Vereinigten Staaten von Europa, was kann dieses von jenen lernen? Ein Plädoyer für ein wechselseitiges Aufeinander-Zugehen, für ein Bemühen um Verständnis der Sichtweisen des jeweils anderen – im Sinne einer bleibenden und bleibend sinnvollen Wertegemeinschaft.

DIE FURCHE: Herr Professor, die transatlantischen Beziehungen waren lange Zeit konstitutiv für das, was man den Westen nennt. In letzter Zeit, spätestens seit dem Antritt von Donald Trump, hat man das Gefühl, da ist einiges ins Rutschen gekommen. Wie lautet Ihre Analyse dazu?
Waldemar Zacharasiewicz: Sicherlich hat sich einiges geändert. Auch unerwarteterweise, muss man sagen. Obwohl es auch in der Vergangenheit immer wieder schwierige Phasen gegeben hat zwischen den USA als der führenden westlichen Weltmacht und Europa. Etwa unter George W. Bush, als verschiedene amerikanische Politiker und Politikberater von der Distanz zwischen den beiden Kontinenten gesprochen haben: Europa sei von der „Venus“, Amerika vom „Mars“, so der Politikberater Robert Kagan. Dabei ist das Bewusstsein von der atlantischen Gemeinschaft ja ein sehr festes seit dem Zweiten Weltkrieg – aufgrund der Rettung West- und zum Teil Mitteleuropas durch den Marshallplan und anderer
Initiativen von Seiten sehr kluger amerikanischer Politiker und Intellektueller.
DIE FURCHE: Was ist es eigentlich, das den Westen ausmacht?
Zacharasiewicz: Es ist zweifelsohne eine Wertegemeinschaft, die in einer christlichen Tradition zu sehen ist und in dem Erbe der Aufklärung. Die Gründungsväter der USA haben ja angeschlossen an europäische Philosophen, schottische, britische und andere Intellektuelle, und haben mit der Unabhängigkeitserklärung und der Staatenwerdung der USA hier einen Markstein gesetzt.
DIE FURCHE: Hat sich nicht bereits Barack Obama recht deutlich weg von Europa und hin zum pazifischen Raum orientiert?
Zacharasiewicz: Ja, aber gleichzeitig war er zweifelsohne jemand, der nicht unilateral agieren wollte in der Politik, sondern er hat der UNO und anderen wieder mehr Handlungsspielraum zugebilligt. Man muss aber sagen: Es gab von Anfang an Vorbehalte – auf beiden Seiten. Von Präsident Jefferson (1801–1809) sind Aussagen überliefert, dass er einen Graben zwischen Europa und den USA haben möchte: weil er die Probleme der urbanisierten französischen Gesellschaft persönlich kennengelernt hatte. Er wollte eine agrarische Nation auf nordamerikanischem Boden erhalten und hat sogar daran gedacht, die Fabrikation von Gütern in Europa zu lassen. Das ist natürlich ein vorübergehendes Phänomen gewesen. Aber es gab generell das Bild von einem Europa der Unterdrückung, der Unfreiheit, wo die Mächtigen den Einzelnen nicht die Möglichkeit zur Entfaltung geben. Allerdings wissen wir auch von enttäuschten Amerika-Auswanderern, die dann berichtet haben, in Amerika seien nur Krämerseelen daheim, es gebe keine „Nachtigallen“ in den USA, weil man eben nur auf den Dollar ausgerichtet sei. Es gab also eine Reihe von Missverständnissen und Stereotypen, und diese zu analysieren und ihre Wurzeln zu erfassen, ist eine wissenschaftliche Aufgabe, die gleichzeitig auch eine Aufgabe der Aufklärung ist. Denn die Kommunikation zwischen Gesellschaften und Staaten wird ja vielfach beeinträchtigt und behindert durch das Zurückgreifen auf solche Stereotypen, Klischees, mit denen man nicht die Komplexität einer Gesellschaft wahrnimmt und erfasst.
DIE FURCHE: Muss man in diesem Zusammenhang nicht auch einen europäischen Gestus der moralischen und kulturellen Überlegenheit gegenüber den USA nennen?
Zacharasiewicz: Zweifelsohne! Man neigt dazu, in Europa bestimmte Phänomene der amerikanischen Kultur generalisierend negativ als „Amerika“ zu beschreiben.
DIE FURCHE: Es gibt ja interessanterweise sowohl am rechten als auch am linken Rand im politischen Spektrum in Europa dieses Bild des hässlichen Amerikaners, der kulturlos ist, nur seinen wirtschaftlichen Vorteil im Auge hat und die ganze Welt mit Kriegen überzieht, um seine Interessen zu wahren …
Zacharasiewicz: Sicherlich gab es Handlungsweisen, politische und militärische Maßnahmen seitens der USA, die diese Ansichten gefördert haben. Dazu kommt, dass sich von den pilgrim fathers, den protestantischen Gründervätern im 17. Jahrhundert, ein gewisses amerikanisches Sendungsbewusstsein herleitet, das im späten 18. und 19. Jahrhundert säkularisiert wurde. Von daher kommt eine Rhetorik, die den Vorbildcharakter des eigenen Landes gerne in den Vordergrund stellt. Und dann gibt es im späten 19. Jahrhundert natürlich den Imperialismus, man gewinnt Kolonien in Mittelamerika, erwirbt die Philippinen, breitet sich aus und benützt dazu natürlich auch die gewachsene militärische Macht.
DIE FURCHE: Sie haben das Thema Religion angesprochen. Das ist ja bekanntermaßen eine der großen Differenzen zwischen den USA und Europa: Während Europa als weitgehend säkularisiert gilt und global auch eher als Ausnahmeerscheinung, ist Religion in den USA omnipräsent: von den Dollarscheinen mit der Aufschrift „In God we trust“ bis hin zum Schwören auf die Bibel bei der Angelobung der Präsidenten. Ist das alles nur Show?
Zacharasiewicz: Tatsächlich hat in der amerikanischen Gesellschaft Religion einen höheren Stellenwert als in Westeuropa. Die verschiedenen religiösen Gemeinschaften sind auch soziale Räume, in denen sich Gesellschaft verwirklicht, in denen auch Politisches vorbereitet wird. Gleichzeitig gibt es aber – und das ist das Merkwürdige – offiziell eine Trennung von Staat und Kirche. Es gibt da auch sehr starke Konflikte innerhalb der amerikanischen Gesellschaft.
DIE FURCHE: Wird Religion politisch instrumentalisiert?
Zacharasiewicz: Ganz sicher, bei der republikanischen Partei haben etwa die Anhänger der evangelikalen Bewegungen einen großen Spielraum. Die konservativ Rechte spielt eine starke Rolle. Ich habe selbst in den USA einmal im Fernsehen beobachtet, wie ein Senator der Republikaner noch unter Obama – ich glaube, bei einer Jahrestagung der Gun-Lobby in Texas – in dramatischer Weise ausgerufen hat: „Obama wants to take away from us the bible and the gun!“ Ich war sehr betroffen über diese primitive und eigentlich inakzeptable Form einer Reduktion. Das kann man natürlich nur als Verstoß gegen jede Art von Aufklärung bezeichnen. Aber es gibt selbstverständlich auch innerhalb der Demokratischen Partei genügend religiös motivierte Persönlichkeiten und Wählergruppen.
DIE FURCHE: Wir haben von den europäischen Vorbehalten gegenüber Amerika gesprochen. Auf der anderen Seite gibt es ja auch so etwas wie eine klammheimliche Bewunderung. Berühmt ist der Satz: „Amerika, du hast es besser“ – Was ist denn da dran? Inwiefern hat es Amerika wirklich besser als Europa?
Zacharasiewicz: Es gibt einen Schlüsseltext aus dem 18. Jahrhundert von Michel-Guillaume Jean de Crèvecœur, einem in dem noch nicht unabhängigen Land angesiedelten Franzosen, der sich in den mittleren Kolonien niedergelassen hat: „Letters from an American Farmer“. Das wurde dann auch in Europa publiziert. Und der formuliert dort diese Vorstellung von Amerika als Asyl: für die, die entrechtet sind, die keinen Anspruch auf Grund und Boden haben. Das hat sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts natürlich als Magnet erwiesen, sodass dann Hunderttausende, Millionen in die USA gezogen sind. Für die gab es die Möglichkeit, sich zu verwirklichen. Der Individualismus in Amerika war natürlich eine tragende Säule und ein wichtiges Element. Benjamin Franklin ist hier vielleicht zu nennen, der als Selfmademan gewissermaßen ein Vorbild abgegeben hat, weil er, aus einfachsten Verhältnissen kommend, sich durch Selbstdisziplin etablieren konnte, und nicht nur politische Macht hatte, sondern auch als Erfinder, als Philanthrop höchstes Ansehen genoss.
DIE FURCHE: Und heute, inwiefern hat es Amerika heute noch besser? Beziehungsweise was könnte sich Europa von Amerika „abschauen“?
Zacharasiewicz: Die Persönlichkeiten, die neue Projekte realisieren wollen, finden in Amerika aus den verschiedensten Gründen die Chance, das zu verwirklichen. Eine größere Flexibilität ist gegeben, man findet Finanzierungsmöglichkeiten. Man hat gewissermaßen die Gestaltungsfreiheit, die in Europa mit seiner Überregulierung eben fehlt. Das ist das eine. An den ausgezeichneten führenden amerikanischen Universitäten finden besonders kreative Köpfe einen Handlungsspielraum, der in Europa eben nicht in diesem Maße gegeben ist. All das hat natürlich auch gewisse Schattenseiten. Es gibt das Netz für sozial Schwächere nicht. Obama hat ja zumindest versucht, die Krankenversicherung zu etablieren („Obamacare“). Das scheint jetzt umgeformt zu werden. Was an dessen Stelle treten wird, ist die große Frage. Aber für Individuen, die Talent, Engagement, Ideenreichtum haben, ist Amerika gewissermaßen ein Eldorado geblieben.
DIE FURCHE: Könnte es sein, dass der Blick von den USA auf Europa ein bisschen so ist wie der von Europa auf Österreich? Es wird als sympathisch, nett, charmant wahrgenommen, aber als nicht wirklich wichtig …
Zacharasiewicz: Als Österreicher findet man, wenn man amerikanische Zeitungen liest und sich dort länger aufhält, für Forschungssemester etc., kaum Notizen über europäische Länder. Es gibt nur eine sehr partielle Beachtung von Vorfällen – etwa wenn eine Katastrophe oder ein Anschlag passiert. Aber insgesamt figuriert Europa mit seinen unterschiedlichen Ländern nicht wirklich in den US-Medien. Wobei es durchaus sein kann, dass das auch an Defiziten des amerikanischen Schulsystems liegt, dass man einfach zu wenig Kenntnisse hat. Andererseits muss man sagen, dass es natürlich an den amerikanischen Universitäten und in der kulturellen Elite hervorragend informierte Persönlichkeiten gibt, mit denen wir auch zusammenarbeiten: in Konferenzen und Symposien, bei denen wir vermitteln wollen, was wir in Europa für wichtig halten – etwa im Hinblick auf die gemeinsamen atlantischen Werte, die sich von der Aufklärung herleiten, die aber auch ein christliches Phänomen sind. Europa hat Amerika nicht zuletzt aufgrund der diffizilen europäischen Vergangenheit viel zu sagen. Es geht also sicher nicht um eine Einbahnstraße.

Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  13:06:42 07.14.2005