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23/2017 - „Wir müssen die Ursachen des Hungers bekämpfen“
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Ungelesen , 08:39
„Wir müssen die Ursachen des Hungers bekämpfen“

Am Horn von Afrika droht wieder eine Hungerkatastrophe. Warum die internationale Gemeinschaft
zu wenig tut, erklärt der britische Menschenrechts-Experte Kurt Mills.


| Das Gespräch führteSylvia Einöder

Der Politologe Kurt Mills von der Universität Glasgow ist ein renommierter Experte im Bereich der internationalen Menschenrechte und spezialisiert auf humanitäre Interventionen in Afrika. Er ist stellvertretender Vorsitzender des akademischen Rats der Vereinten Nationen (ACUNS).

DIE FURCHE: Laut UNO droht in einigen Ländern am Horn von Afrika eine Hungersnot, die 20 Millionen Menschen treffen könnte. Im Gegensatz zu Asien hat sich die Ernährungslage in Afrika seit 1990 nicht verbessert. Warum?
Kurt Mills: Die meisten Hungersnöte, wie alle humanitäre Krisen,
sind vom Menschen verursacht. Es kann zwar Dürren geben, aber die meisten Hungerkatastrophen treten in Konfliktsituationen auf: Menschen werden von ihren Feldern, Häusern, Dörfern vertrieben, haben keinen Zugang zu Wasser, Nahrung, Medikamenten. Stattdessen zirkulieren Waffen, die verfeindeten Gruppen wollen einan-
der den Zugang zu Wasser und Nahrung nehmen, was vor allem die Zivilisten, Frauen und Kinder, trifft. All das verschlimmert die Effekte von Naturkatastrophen.
DIE FURCHE: Der Zugang zu Wasser und Nahrung ist ein Menschenrecht, wird aber ständig verletzt. Ist die UNO ein hilfloser Mahner?
Mills: Die UNO unternimmt große Anstrengungen, um die nötigen Hilfsgelder aufzubringen und sich auf besonders betroffene Länder wie Nigeria, Südsudan, Somalia oder Jemen zu konzentrieren. Aber Geld und Hilfslieferungen bieten keine längerfristigen Lösungen. Um Menschen zu beschützen, braucht es starke politische Interventionen und militärische Aktionen. UNHCR und das Welternährungsprogramm der UNO sowie internationale NGOs investieren viel Zeit und Geld, aber humanitäre Hilfe kann nie die tieferliegenden Ursachen bekämpfen.
DIE FURCHE: Wie könnte sich die US-Präsidentschaft von Donald Trump auswirken?
Mills: Ehrlich gesagt bin ich ziemlich besorgt. Er und seine Regierung scheinen sich nicht besonders um Menschenrechte zu kümmern. Obwohl die USA in den letzten Jahrzehnten eine ziemlich durchzogene Bilanz im internationalen Bereich hatten, waren sie doch eine Art Anführer in puncto Bereitstellung von humanitären Geldern. All das ist nun in Gefahr.
DIE FURCHE: Was erwarten Sie sich von den jüngst verkündeten Leitlinien für EU-Entwicklungspolitik?
Mills: Es ist zu früh, um das zu beurteilen. Die Frage bei all diesen Verpflichtungen ist, ob es wirklich den politischen Willen gibt, in einer humanitären Krise das Beste für die Betroffenen zu tun.
DIE FURCHE: Die UNO hat die Geberländer dazu aufgerufen, eine Milliarde US-Dollar für Somalia zu spenden, wo derzeit eine Million Menschen auf der Flucht sind. Ein realistisches Ziel?
Mills: Es gibt diese großen Ziele der UNO und anderer internationaler Behörden, die öfter nur teils erfüllt werden. Oft schon hat die internationale Gemeinschaft nicht den politischen Willen gezeigt, die Gründe für Hungersnöte, Konflikte und Vertreibung zu bekämpfen. In Syrien oder im Sudan hat sie quasi nichts getan in den letzten sechs Jahren, um Menschenleben zu schützen. In Syrien hat man zwar versucht, humanitäre Hilfe zu den Menschen vor Ort zu bringen, aber man hat die Menschen nicht geschützt. Humanitäre Hilfe kann Menschen nur am Leben erhalten, sie aber nicht vor Krieg, Genozid, Bomben schützen.
DIE FURCHE: Hunger in Afrika ist vielfach mit Krieg und Terror verknüpft. Warum scheitert der Westen im Kampf gegen Terror derart?
Mills: Zuviel wird mit dem sogenannten Krieg gegen den Terror in Verbindung gebracht. Dabei weiß niemand, was genau das sein soll, wir nennen einfach alle Feinde „Terroristen“, um sie militärisch zu bekämpfen, was die humanitäre Lage verschlimmert. Natürlich gibt es in Afrika viele gefährliche Kämpfertruppen, aber sie werden nicht an der Wurzel bekämpft
DIE FURCHE: Welche Rolle spielt der imperial agierende Westen?
Mills: Ein Beispiel: Der Jemen wurde durch saudi-arabische Bombardements stark zerstört, und die Waffen hat Großbritannien an Saudi-Arabien geliefert. Damit wurden Zivilisten getötet. Es scheint überhaupt keine Reflexion zum Einfluss der militärischen Unterstützung aus dem Westen zu geben.
DIE FURCHE: Können Sie auch Beispiele aus Afrika nennen?
Mills: Im Südsudan haben die UN-Friedenstruppen ihre Mission,
Menschen zu beschützen, nur sehr schlecht erfüllt. Das ist in diversen Situationen passiert, auch im Südsudan. Selbst wenn die Friedenstruppen ein sehr starkes Mandat zum Schutz der Zivilbevölkerung erhalten, tun sie oft nicht genug oder scheitern. In der Demokratischen Republik Kongo waren die Blauhelme sehr erfolgreich, aber diese Erfolge sind sehr punktuell.
DIE FURCHE: Welche Rolle spielen dabei afrikanische Regierungen?
Mills: Südafrika etwa hat sich sehr stark engagiert, die Zivilbevölkerung in der Demokratischen Republik Kongo zu schützen. Andererseits wollte die Südafrikanische Union keinerlei Interventionen in Dafur zulassen, um die dortige Regierung nicht zu verärgern.
DIE FURCHE: Inwiefern tragen auch multi-nationale, in Afrika agierende Konzerne Verantwortung?
Mills: Ob im Sudan oder in der Demokratischen Republik Kongo: Sie sind vor Ort, um sich Ressourcen zu sichern, und tragen zu den Konflikten und Menschenrechtsverletzungen bei. Vor allem in der Demokratischen Republik Kongo wurde der Konflikt natürlich von den verschiedenen Ressourcen-Interessenten angeheizt.
DIE FURCHE: Schließen wir mit einem positiven Beispiel aus Afrika, wo sich die Ernährungs- und Menschenrechtslage verbesserte?
Mills: Es gibt viele Beispiele. Sierra Leone konnte einen langen Bürgerkrieg überwinden und zeigt in den letzten Jahren positive Entwicklungen. Auch in Uganda oder Ruanda hat sich die Lage verbessert, obwohl dort seit Jahrzehnten regierende Despoten herrschen. Botswana hat sich demokratisch sehr gut entwickelt, aber von diesen Ländern hört man kaum, weil es in den Schlagzeilen um Konflikte und Flüchtlinge geht.

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