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25/2017 - Wie die Briten in der Luft hängen
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Ungelesen , 08:04
Wie die Briten in der Luft hängen

Kurz nach dem Brexit-Votum zog der Sprachenlehrer Edward Hill von Aylesbury nach Wien.
Die vielen Fragezeichen, die über dem Brexit schweben, betreffen auch seine persönliche Zukunft.


| Von Edward Hill
| Übersetzung: Sylvia Einöder

Als David Cameron zum ersten Mal die Idee äußerte, die Briten über einen EU-Verbleib oder EU-Austritt abstimmen zu lassen, hielt ich das für einen schlechten Scherz. „Er wird sicher die Formulierung des Referendums so abändern, dass er und wir noch immer die Option haben, uns aus der Schlinge zu ziehen“, versuchte ich mich selbst zu beruhigen. „Das Ergebnis wird schon nicht bindend sein. Es müsste doch noch ein finales Votum im Parlament geben.“ Denn alles andere hielt ich schon damals für wahnsinnig – ein hochriskantes Pokerspiel. Mir war bewusst, dass meine konservative Mittelklasse-Familie ein gespaltenes Verhältnis zur EU hat und dass auch Boulevardblätter wie The Sun, Daily Mail und Daily Express mit ihren nationalistischen Schlagzeilen die Briten auf einen steten Anti-EU-Kurs gebracht hatten. Wenn man dann noch bedenkt, dass die britische Mentalität für Unabhängigkeit, Starrsinnigkeit, ein leicht aufgeblasenes Ego steht, und die Briten es hassen, von der EU bevormundet zu werden, hatte man alle Zutaten für die Katastrophe: den Brexit.
Der hässliche Wahlkampf im letzten Frühling wurde von beiden Seiten erbittert geführt. Es wurde Panikmache betrieben in punkto Immigration und es wurden unverfrorene Lügen verbreitet, etwa dass durch einen Brexit mehr Geld für das überlastete Gesundheitssystems (also für „uns Briten“) bliebe. Die offenkundig nationalistische Propaganda von Nigel Farage bewegte sich hart an der Grenze zum Rassistischen. Mit der Nachricht des tatsächlichen Brexits aufzuwachen, war ein Schock. Als Französisch- und Italienisch-Lehrer, der mit einer Österreicherin verlobt ist, ist Europa Teil meines Selbstverständnisses. An diesem Morgen hatte ich – wie viele Briten – das Gefühl, man hätte mir einen Teil meiner Identität geraubt.

Schweigen bei den Brexit-Befürwortern

Es war ein ungewöhnlich leiser Freitag in der Schule. Manche Kollegen weinten, andere ließen ihren Frust gegenüber Johnson, Farage und Co., gegenüber den britischen Durchschnittswählern und vor allem gegenüber Cameron, dem Architekten des ganzen Chaos, raus. Jene, die für den Brexit gestimmt hatten, sagten an diesem Tag sehr wenig. Es war ihnen wohl peinlich, sie fühlten sich wohl mitschuldig. Boris Johnson hatte genau denselben verlegenen Gesichtsausdruck, als er vor die Kameras trat, einen Ausdruck, der sagte: „Was haben wir getan! Es sollte knapp werden, aber wir hätten doch nie geglaubt, das wir gewinnen würden!“ Ich fühlte eine Mischung aus Zorn, Frust, Ungläubigkeit und tiefer Traurigkeit. Und dann musste ich auch noch Farages’s grinsende Visage im Fernsehen sehen, sein selbstgefälliges Lachen, während er mit einem Krug britischem Ale in der Hand große Reden hielt, wie sich Großbritannien nun aus den Ketten Europas gesprengt hätte.
Diese emotionale Wahl hat das ganze Land gespalten; in Süden und Norden, Stadt und Land, Jung und Alt. Und sie hat tiefe Wunden hinterlassen. Meine eigene Familie ist keine Ausnahme. Mein traditioneller, konservativer Vater wurde heuer 87. Obwohl er als Geschäftsmann viel in Europa unterwegs war, hat er für den EU-Austritt gestimmt. Meine Mutter ist 71, Linguistin, frankophil und besuchte eine internationale Schule in der Schweiz. Sie stimmte für den EU-Verbleib. Meine Schwester hat Französisch und Spanisch studiert und in Paris gearbeitet, bevor sie nach Asien und nun nach Boston ging. Auch sie stimmte für die EU.
Beim Abendessen gab es hitzige Debatten, meistens drei gegen einen. Mein Vater argumentierte immer, dass die EG, eine reine Handels-Verbindung mit Europa, besser funktionierte als die enge politische und ökonomische Zusammenarbeit innerhalb der EU seit dem Maastricht-Vertrag. „Der Euro funktioniert nicht, schaut nur nach Griechenland!“, sagte er dann, beklagte unsere verlorene Souveränität und dass unsere Gesetze aus einem ineffizienten, wenig vertrauenswürdigen EU-Parlament kämen. Meine Mutter stimmte wegen mir und meiner Schwester für den EU-Verbleib. Sie glaubt, dass auch die nächsten Generationen die Vorteile der EU genießen dürfen sollten, die auch ihre Kinder hatten – dafür werde ich ihr immer dankbar sein. Auch wenn es für mich noch immer schmerzlich ist, kann ich nachvollziehen, warum mein Vater so gewählt hat. Er denkt, die EU müsste reformiert werden, und seine Wahl wäre eine Proteststimme gegen die Verfehlungen der EU gewesen. Aber darum ging es in dieser Wahl nicht, und leider gibt es bei uns – anders als in Frankreich – keine zweite Runde, keine mögliche Abkühlphase. Ich befürchte aber, dass die Generation meines Vaters wieder für den EU-Austritt stimmen würde.

Unverständnis und Zweifel

Allerdings wählte er bei den kürzlichen Unterhaus-Wahlen nicht konservativ. Ich weiß nicht, ob das einem Schuldeingeständnis in puncto Brexit gleichkommt, aber zumindest hat er nicht für May, also nicht für einen „hard Brexit“, gestimmt. Nach dem Votum bemerkte ich, dass die große Mehrheit der Austrittsbefürworter gegen eine EU gestimmt hatten, die sie nicht verstehen. Am Tag nach dem Votum lautete die am öftesten eingegebene Phrase im britischen Google: „Was ist die EU?“ Analysen und Interviews nach dem Votum haben gezeigt, dass den durchschnittlichen Wählern die Vorteile der EU-Mitgliedschaft nicht bewusst waren. Ironischerweise haben ganze Städte und Landkreise, vor allem in Wales, für den Austritt gestimmt, obwohl sie viele EU-Gelder erhalten, die ihre Jobs und Lebensgrundlagen sichern. Mit dem Fall des britischen Pfunds sind die Preise gestiegen, die ärmsten Familien leiden am meisten unter der kalten Progression. Arbeiterfamilien, die von den Kürzungen der Konservativen frustriert waren und meinten, sie müssten vor den Ausländern geschützt werden, haben für eine Verschlechterung ihrer Lage gestimmt. Viele von ihnen würden es sich wohl zweimal überlegen, könnten sie noch einmal wählen.
Ich werde niemals ein Plakat der Austrittskampagne vergessen, auf dem syrische Kriegsflüchtlinge zu sehen waren, mit dem Titel: „Wendepunkt. Es wird Zeit, unsere Grenzen wieder selbst zu kontrollieren.“ Darauf folgte eine Anzeige wegen rassistischer Verhetzung, kurze Zeit später gab es die ersten Medienberichte über rassistische Attacken auf Minderheiten. Manche meinten, bestärkt vom Wahlergebnis, sie hätten nun die offizielle Erlaubnis bekommen, auf Ausländer loszugehen.

Aufkeimender Fremdenhass

Plötzlich wurden Zettel mit Aufschriften wie „Go home!“ in Postfächer ausländischer Familien gesteckt. Im Fernsehen erzählten Migranten, dass sie sich zum ersten Mal in Großbritannien unerwünscht fühlen.
Eigentlich war ich immer stolz darauf gewesen, Brite zu sein, aber in der Zeit nach dem Brexit schämte ich mich, und bis zu einem gewissen Grad tue ich das noch immer. Immer, wenn das Thema Brexit aufkommt, entschuldige ich mich und betone, dass ich für den EU-Verbleib gestimmt habe. Ähnlich geht es wohl vielen Amerikanern mit Trump. Aber zumindest ist die Entscheidung für Trump keine endgültige gewesen. Das ist das Tragische am Brexit.
Wie konnte Cameron so naiv und so arrogant sein, die politische und wirtschaftliche Zukunft des Landes von einem Referendum abhängig zu machen? Hat er wirklich geglaubt, die Leute würden rational abwägen? Und das zu einem Zeitpunkt, als die Menschen sehr zornig waren wegen der vielen Einsparungen, und als England obendrein gerade von Island aus dem Europa-Cup geworfen worden war? Die Öffentlichkeit hat nur darauf gewartet, einen Schuldigen zu finden: Brüssel, „die Ausländer“, die Franzosen, die Deutschen. Meiner Meinung nach bezahlt nun das gesamte Land den Preis für eine verunsicherte konservative Partei und einen Premier, der sich von Farages UKIP bedroht fühlte. Mays jetzige Wahlniederlage zeigt die Frustration und den Zorn jener 48 Prozent, die für den EU-Verbleib gestimmt haben.
Leider halte ich es nicht für möglich, dass Großbritannien, das schwarze Schaf der EU, wieder „Teil der Herde“ wird. Es würde nicht zu uns Briten passen, eine demokratische Entscheidung des Volkes rückgängig zu machen. Ich hoffe aber, dass May nun verstanden hat: Die Briten wollen keinen „hard Brexit“. Als in Wien lebender Brite, der eine Österreicherin heiraten wird, muss ich mir zum Glück keine Sorgen um meine Zukunft als EU-Bürger machen. Durch den Brexit sind unsere Türen Richtung England nun aber verschlossen, weil wir nicht sicher sein könnten, dass meine Partnerin Sophie in einem England außerhalb der EU dieselben Arbeitsrechte hätte. Solange ich in der EU arbeiten darf, werden wir hier bleiben. Ich gehe aber davon aus, dass die EU und Großbritannien weiterhin ausländische Arbeitskräfte akzeptieren werden, weil es für alle eine praktische Lösung ist. Hoffentlich.

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  14:52:35 07.15.2005