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26/2017 - Animalische Gefährten
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Ungelesen , 08:00
Animalische Gefährten

Lange sah man Freundschaft als etwas exklusiv Menschliches an. Doch auch unter Affen, Hyänen oder Fledermäusen gibt es sie – und viele Hundehalter empfinden ihre Beziehung zum Tier inniger als jene
zu nahestehenden Menschen.


| Von Michael Rosenberger

Kinder, die mit einem Heimtier leben, sagen häufig, es sei ihr Freund. Mit ihrem Tier gehen sie durch dick und dünn, ihm erzählen sie ihre intimsten Gedanken und Gefühle, die nicht einmal die Eltern oder der beste menschliche Freund erfahren. Auch viele erwachsene Menschen verwenden diese Redeweise. Für sie schwingt darin womöglich die langjährige Treue mit, die sie zwischen sich und dem Tier erlebt haben und die vielleicht schon länger anhält als die Treue des Ehepartners. Die alltagssprachliche Verwendung des Freundschaftsbegriffs für eine Beziehung zwischen Mensch und Tier hat also Konjunktur. Aber trifft sie das, was der Begriff in seiner philosophischen Bedeutung meint?
Freundschaft ist laut Aristoteles ja die dauerhafte Beziehung zweier Menschen, die von einem wechselseitigen Wohlwollen um seiner selbst willen geprägt ist. Dabei ist für Aristoteles konstitutiv, dass eine solche absichtslose Freundschaft nur unter Gleichen möglich ist. Besteht zwischen Freunden eine hierarchische Über- bzw. Unterordnung (wie zwischen Eltern und Kindern) oder stehen sie zueinander in einer Abhängigkeit (wie der Mitarbeiter zu seinem Vorgesetzten), kann nicht von Freundschaft gesprochen werden. Das heißt allerdings nicht, dass Freundinnen und Freunde nicht viele und große Ungleichheiten aufweisen können. Ein sehr reicher und ein sehr armer Mensch können Freunde werden, solange sie nur den unterschiedlichen Wohlstand aus ihrer Freundschaft ausklammern.

Befreundete Paviane

In der modernen Verhaltensforschung kommt der Freundschaftsbegriff der aristotelischen Definition sehr nahe. So ist für die Marburger Biologin Anja Wasilewski die Freundschaftsbeziehung „durch positiven Affekt (Sympathie) gekennzeichnet und äußert sich in einer beständigen interindividuellen Präferenz“.
Diese Definition ist für Wasilewski „sowohl auf zwischen-menschliche als auch auf zwischen-tierliche und gegebenenfalls spezies-übergreifende Sozialbeziehungen anwendbar“.
Lange Zeit war das F-Wort in der Verhaltensforschung freilich verpönt. Freundschaft sah man als etwas exklusiv Menschliches an, und aus diesem Grund suchte man im Tierreich gar nicht danach. Als die US-amerikanische Verhaltensforscherin Barbara B. Smuts 1985 ein Buch über Paviane veröffentlichte, das den Begriff „Freundschaft“ im Titel trug, galt dies in Fachkreisen als naive Anthropomorphisierung. Erst seit der Jahrtausendwende wird dieses Vor-Urteil in Frage gestellt. Man schaut unvoreingenommener hin und beobachtet die Beziehungen sozial lebender Tiere auch individuell und nicht mehr nur kollektiv. Und siehe da: Freundschaften unter ihnen sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Mittlerweile sind detaillierte Studien erschienen, die sich auf eine breite Palette von wildlebenden Tierarten beziehen und individuelle Freundschaften im oben definierten Sinn nachweisen: Menschenaffen, Tieraffen, Delfine, Elefanten, Löwen, Hyänen, Giraffen, Wildpferde und sogar Fledermäuse. Bei vielen dieser Arten dauern die Freundschaften über Jahre, oft sogar länger als der Beobachtungszeitraum der Forscher. Bei den meisten der genannten Tierarten sind langdauernde enge Beziehungen zwischen Nichtverwandten sogar häufiger als zwischen Verwandten. Dabei spielen ein ungefähr gleiches Alter und ähnliche Ranghöhe in der Gruppe eine große Rolle. Auch im Tierreich sucht man also Freundschaften unter Gleichen. Domestizierte Tiere verhalten sich nicht wesentlich anders. Pferde, Esel, Rinder und Schafe bilden innerhalb größerer Herden kleine Cliquen und innerhalb dieser jahrelang stabile Zweierfreundschaften. Die beobachtbaren Kriterien dafür können ein höheres Maß an wechselseitiger Körperpflege oder nichtsexueller Zärtlichkeit sein, eine entspannte Gestik und Mimik bei Körperkontakt, das häufige absichtslose Teilen von Nahrung, der Einsatz für den anderen und nach dem Tod eines der beiden die Trauer des hinterbliebenen Freundes.
Aber kann es auch Freundschaften über Artgrenzen hinweg geben? Setzt nicht die Gleichheitsforderung des Aristoteles voraus, dass es sich um Individuen ein- und derselben Art handelt? Oben haben wir festgehalten, dass sich auch ein armer und ein reicher Mensch im Kontext ihrer Freundschaft als gleich betrachten können, solange sie nur die Bereiche, in denen Ungleichheiten bestehen, aus ihrer Beziehung ausgrenzen. Unter dieser Maßgabe können auch Tiere unterschiedlicher Spezies Freundschaft schließen.
Wissenschaftlich sind Freundschaften über Artgrenzen noch kaum erforscht. Eine seltene Ausnahme stellen die Arbeiten von Anja Wasilewski dar. In einer Herde von Pferden und einem einzigen Esel beobachtete sie eine dauerhafte und enge Freundschaft zwischen diesem kastrierten männlichen Esel und einer Pferdestute. Nun sind Pferd und Esel noch relativ nah verwandt, außerdem war der Esel mangels Alternativen gezwungen, ein Pferd als Freund zu suchen. Aber zumindest für Tiere in menschlicher Obhut gibt es bereits zahllose, durch Videos publizierte Belege für artübergreifende Freundschaften: zwischen Hund und Gepard, aber auch zwischen Hund und Ratte; zwischen Pferd und Esel, aber auch zwischen Pferd und Ziege usw.
Grundsätzlich lässt sich also sogar die Artgrenze überwinden, wenn zwei Individuen einander mögen. Damit ist prinzipiell auch eine Freundschaft zwischen Mensch und Tier möglich. Wissenschaftlich wie vorwissenschaftlich werden Heimtiere aber meist eher als Familienmitglieder denn als Freunde wahrgenommen. „Bis zu siebzig Prozent der Tierbesitzer geben an, dass ihr Tier wie ein Kind oder ein Ersatz für ein Kind ist“, weiß die Psychologin Andrea Beetz. „Kinder beschreiben das Familientier oft als Geschwisterkind. Auch der Verlust eines Heimtieres wird in vielen Fällen ähnlich wie der Tod eines Familienmitgliedes wahrgenommen“.

Freund – oder Familienmitglied?

Wenn wir der aristotelischen Definition folgen, dürfte die Einordnung eines Heimtieres als Familienmitglied ebenfalls angemessener sein als seine Bezeichnung als Freund, denn Abhängigkeitsverhältnisse können nie als Freundschaft bezeichnet werden. Das Heimtier ist aber abhängig von den ihn haltenden Menschen. Auch ein weiterer Aspekt untermauert das Paradigma familiärer Beziehungen: Gefährtentiere können – wie Kleinkinder – vor allem im Nachbarschaftsbereich Katalysatoren für das Knüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen sein. Kommunikation und sogar körperliche Nähe entstehen oft zuerst mit dem Tier, dann über das Tier und erst am Ende im direkten zwischenmenschlichen Kontakt. Pets können daher insbesondere für allein lebende Menschen zu einem wichtigen Faktor werden, um in ihrer Nachbarschaft Beziehungen zu knüpfen und zu erhalten.
Heimtierhalter empfinden die Beziehung zu ihrem Tier jedenfalls subjektiv oft enger als die Beziehung zu nahestehenden Menschen. Auch die objektiv nachweisbaren Wirkungen einer Mensch-Heimtier-Beziehung sind erstaunlich: Stressbedingter Bluthochdruck wird durch die Nähe eines Gefährtentiers besser bekämpft als durch die Nähe des Ehepartners oder menschlicher Freunde. Menschen mit einem Hund überleben einen Herzinfarkt 8,6 Mal öfter als Menschen ohne Hund. Und auch für eine Reihe anderer Krankheiten gibt es empirisch belegbar bessere Heilungschancen, wenn man ein Heimtier in seiner Nähe hat. Gleichwohl sind Tierhalter keineswegs sozial untüchtig oder wollen menschliche Kontakte durch Tiere ersetzen. Die meisten, die eine innige Beziehung zu ihrem Tier pflegen, haben eine ebenso hohe Fähigkeit zu zwischenmenschlicher Liebe und Empathie.
Manchmal schaffen es Tiere offenbar besser als Menschen, das Herz eines Menschen zu öffnen und mit ihm eine innige Verbindung herzustellen. Die vielfältigen Entwicklungen der tiergestützten Therapie sind dafür ein sprechender Beleg. Umgekehrt deuten sich auch Vorteile für Tiere an, die eine enge Beziehung zu einem Menschen haben. Von daher sind Freundschaften zwischen Mensch und Tier nicht nur in der Theorie denkbar, sondern auch in der Realität sehr wahrscheinlich – Freundschaften außerhalb von Abhängigkeitsverhältnissen, auf einer Basis der Gegenseitigkeit und beiderseitigen Freiwilligkeit, die in beiden Richtungen eine große Intimität schaffen. Ihre Erforschung steht aber noch ganz am Beginn.


| Der Autor ist Prof. für Moraltheologie an der Kath. Privatuni Linz. Der Text ist eine modifizierte Fassung seines Beitrags im Buch „‚Freundschaft‘ im interdisziplinären Dialog“ (s. S. 4) |

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