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29/2017 - Gesundheit im Bann der Globalisierung
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Ungelesen , 09:26
Gesundheit im Bann der Globalisierung

Die moderne Schulmedizin ist ein unvergleichliches Erfolgsmodell. Woher kommt dann die aktuelle Faszination für die vielen Formen der Komplementärmedizin?


| Von Martin Tauss


Ein Bison im Schnee. Eine mächtige Erscheinung, die Augen lugen listig aus dem dichten Fell hervor. „Der Amerikanische Bison“, sagt Allgemeinmediziner Gerhard Kögler und zeigt auf das Bild auf der Leinwand, „ist ein Tier, das auch dem Schneesturm trotzt. Schließen Sie jetzt bitte die Augen und stellen Sie sich vor, Sie wären dieser Bison. Sie stapfen durch Eis und Schnee; unbeugsam, bis Sie endlich zu einer grünen, saftigen Weide kommen.“ Er beginnt monoton auf eine Trommel zu schlagen, hypnotisch hallen die Schläge durch den Raum. Zuerst langsam, sehr langsam, dann immer schneller. Schließlich spürbare Stille. Ende des Vortrags. Es ist Zeit, die Augen wieder zu öffnen, das Publikum applaudiert.
Seit vier Jahren findet das Medicinicum im frühsommerlichen Lech am Arlberg statt. Im Fokus des Public-Health-Symposiums stand diesmal die Begegnung der modernen Medizin mit alten, traditionellen Heilsystemen. Der Titel: „Viele Wege führen zu Gesundheit – Rezepte aus Ost und West.“

Zarte Pflanzen des Dialogs

Ein paar Stunden später steht Raimund Jakesz am Rednerpult. Der renommierte Krebsspezialist referiert über Spiritualität und Medizin. „Alles in uns wird von Lebenskraft durchströmt – oder kann blockiert sein“, so der Professor von der Med-Uni Wien. Bereits ein Gedanke setze eine energetische Welle frei. Der Lebenskraft aber komme man in der Schulmedizin nicht näher, weil sie nicht messbar ist. Jakesz spricht von Kundalini- und Gotteskraft, von Karma und von Chakren, den Energiezentren im Körper, wie sie in den Yoga-Traditionen beschrieben sind. „Die Seele begleitet unser Sein von Inkarnation zu Inkarnation und ist Teil davon. Sie repräsentiert unseren spirituellen Energiekörper.“ Am Ende seines Vortrags stehen die Worte aus dem „Vater-unser“: „Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit. In Ewigkeit, Amen.“ Ein Vortrag wie dieser ruft hier keineswegs Verwunderung hervor, er fügt sich gut in die weltanschauliche Offenheit der gut besuchten wissenschaftlichen Veranstaltung. Und in die vielen Facetten des heurigen Themas, bei dem auch jahrtausendealte Heiltraditionen mit geistig-spirituellen Wurzeln beleuchtet wurden.
Den Anlass dafür sahen die Organisatoren der Veranstaltung in dem vorherrschenden Trend hin zu zwei großen traditionellen Heilsystemen, dem indischen Ayurveda und der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Neben der steigenden Nachfrage an den östlichen Verfahren gibt es auch ein wiedererstarkendes Interesse an der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM), die unter anderem auf Klostermedizin und Heilkräuterkunde basiert. Zugleich wächst die Zahl der Studien, welche die Wirksamkeit dieser traditionellen Heilverfahren dokumentieren.
Die entspannte Atmosphäre des Symposiums in dem kleinen österreichischen Alpendorf ist in gewisser Weise exemplarisch für eine größere Entwicklung: Die heftigen ideologischen Grabenkämpfe zwischen Vertretern von Schulmedizin und traditionellen Heilverfahren gehören weitgehend der Vergangenheit an. Oft herrscht noch Ignoranz, ansonsten zeigen sich vielerorts zarte Pflanzen des Dialogs. „Es gilt, Vorurteile abzubauen und das Miteinander dem Gegeneinander vorzuziehen“, sagt der Gynäkologe Markus Metka, einer der wissenschaftlichen Leiter des Medicinicum. Vor allem punkto Prävention und Nachbehandlung gebe es hier einige Schätze zu heben: „Gerade hinsichtlich der traditionellen Schwerpunkte unserer Veranstaltung, Ernährungsmedizin und Anti-Aging – besser ‚Art of Aging‘ –, könnten wir von den asiatischen Heilsystemen noch eine Menge lernen“, so Metka.

Das Unbehagen in der Medizin

Dass die moderne Medizin jedoch zurecht als eines der größten Erfolgsmodelle der Menschheit gilt, wusste der Hormonexperte Johannes Huber, der zweite Leiter des Medicinicum, in einem Vortrag zu verdeutlichen. Unzählige wissenschaftliche Entdeckungen haben diese Erfolgsgeschichte ermöglicht, von der ersten klinischen Narkose 1846 über den ersten Einsatz des Penicillins 1941 bis hin zu den jüngeren Durchbrüchen etwa im Bereich der HIV- oder mancher Krebstherapien. Umso mehr stellt sich die Frage, warum viele Menschen dennoch Vorbehalte haben und sich oft lieber den traditionellen Heilverfahren zuwenden. Das ist zunächst auch ein Begleiteffekt der Globalisierung: Denn so wie Produkte und Handelswaren wandern heute auch medizinische Ideen und Praktiken in beschleunigter Form rund um die Welt.
Andererseits gibt es ein Unbehagen an einer rundum technisierten Medizin, wie auch aus der Podiumsdiskussion hervorging. Johannes Huber, zugleich studierter Theologe, führte ins Treffen, dass in der modernen Medizin die Brücken zur Sphäre der Transzendenz allzu konsequent abgebrochen wurden. Aber auch die übertriebene Kommerzialisierung der Medizin sei problematisch: „Die Ärzteschaft ist auch ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn heute die ‚Egokratie‘ zum Leitbild unserer Gesellschaft wird, darf man sich nicht wundern, dass die Empathie unter den Ärzten mitunter mangelhaft ist.“ Ähnlich sah der Gesundheitsforscher Hartmut Schröder den Vertrauensverlust in die moderne Schulmedizin vor allem in einem Mangel an Kommunikation zwischen Arzt und Patient begründet (siehe S. 4). Seine Begeisterung für die heraufdämmernde Globalisierung der
Medizin weiß der deutsche Professor sanft, aber nachdrücklich zu vermitteln – diese sollte aber unter ganz anderen Vorzeichen erfolgen als die ökonomische Globalisierung, bei der nur das westliche Denken tonangebend war: „Die Heilkunde der Zukunft verbindet alle Potenziale moderner Wissenschaft mit den Erfahrungen uralter und fremder Heilweisen zu einer Kunst des Heilens, in der Empathie eine Schlüsselrolle spielt.“

Das Sinnbild des Segelboots

Das vielleicht treffendste Bild der Veranstaltung geht ebenfalls auf seine Rechnung. Es war ein Segelboot auf einem weiten Meer, das er bei seinem Vortrag auf die Leinwand warf. Der menschliche Organismus sei wie dieses Boot, so Schröder: Bei gutem Wind und Wetter könne man allein mit dem Segel manövrieren. Analog dazu vermögen traditionelle Heilverfahren bei leichteren Beschwerden die Selbstheilungskräfte anzuregen und die Selbstregulation des Organismus zu steuern. Doch wenn das Wetter zu stürmisch wird, ist ein Außenbordmotor hilfreich oder schlicht unverzichtbar – ein Sinnbild für die medikamentösen und apparativen Möglichkeiten der modernen Schulmedizin. „Ich bin froh, dass wir einen guten Außenmotor haben“, sagt Schröder. „Aber bei günstigen Wetterbedingungen kann man mitunter auch ohne ihn auskommen.“
Ob es zu einer viel versprechenden Synthese von Tradition und Moderne kommen wird, bleibt jedoch abzuwarten. Denn vor allem im angloamerikanischen Raum macht sich derzeit ein anderer Trend breit, bei dem Rückbesinnung angesichts heller Fortschrittseuphorie kaum noch eine Rolle spielt. Da geht es fast nur um die Zukunft: um Optimierung, „Enhancement“, um die biotechnische Perfektionierung des Menschen, die unsere Spezies in den kühnen Visionen der Transhumanisten sogar auf eine neue Stufe der Evolution heben soll. Je dominanter dieses Denken wird, umso mehr wird das Heilwissen alter Kulturen gleichsam zum „heiligen Gral“: Denn es zielt auf eine ganzheitliche Erfahrung, welche die kulturelle Entfremdung von der Natur am eigenen Leib zu überwinden vermag.

Die neue Aromaküche
Von Markus Metika
und Thomas M. Walkensteiner.
Brandstätter 2013.
192 Seiten, geb.,
E 34,95


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