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29/2017 - Die magische Macht des Immateriellen
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Ungelesen , 09:29
Die magische Macht des Immateriellen

Wörter können heilen oder verletzen: höchst an der Zeit, auch geistige Wirkfaktoren in die moderne Medizin zu integrieren. Über die Vision einer ganzheitlichen „Kulturheilkunde“.

| Von Hartmut Schröder

Moderne Forschung bestätigt, dass „Beziehungsmedizin“ und insbesondere das Arzt-Patienten-Gespräch heilende Effekte auslösen und Selbstheilungsprozesse fördern kann. Gibt es hingegen auf Seiten des Patienten Angst sowie negative Erfahrungen und Erwartungen, können sowohl auf psychischer als auch körperlicher Ebene Symptome entstehen – oder, wenn diese schon vorhanden sind, sich noch verschlimmern. Dieser Nocebo-Effekt kann in Ausnahmefällen sogar bis zum psychogenen Tod führen. Das bedeutet: Alles was Behandler bewusst oder unbewusst mit Information und Kommunikation machen oder auch unterlassen, kann zu einem Placebo- oder Nocebo-Reiz führen, also heilend oder schädlich wirken.
„Man kann Kinder von Warzen befreien, indem man sie ihnen ‚abkauft‘.“ Mit diesem für ein wissenschaftliches Lehrwerk eher erstaunlichen Satz leitete Paul Watzlawick sein Buch „Die Möglichkeit des Andersseins“ (1977) ein. Für die Wirkweise solcher und ähnlicher „Warzenbehandlungen“ gab es damals (1977!) noch keine wissenschaftliche Erklärung, doch ist ihre Wirksamkeit seit Urzeiten bekannt: Für den berühmten Kommunikationstheoretiker bestand kein Zweifel, dass es eine „Sprache“ gibt, die therapeutisch genutzt werden kann.

Die antike „Tröstungskunst“

Schon in der Antike wird Sokrates die Äußerung zugeschrieben, dass Worte heilen können. Und bei Hippokrates hieß es: erst das Wort, dann die Arznei, dann das Messer. Der Arzt und Autor Linus Geisler schreibt dazu: „Seit der Antike stand außer Zweifel, dass das Wort das wirkungsvollste Instrument des Arztes ist. Antiphon, der circa um 500 v. Chr. in Griechenland lebte, galt als Erfinder einer ‚Tröstungskunst‘, die ihn berühmt machte. Er ließ den Kranken von seinem Leiden sprechen und half ihm mit einer Form der Rhetorik, die sich ebendiese Äußerungen des Kranken zunutze machte. (…) Antiphon kam später nach Korinth und bekam an der Agora ein Haus. Damals durften Ärzte noch für sich werben. Und so brachte Antiphon ein Schild an seinem Haus an mit der Inschrift: ‚Ich kann Krankheiten durch Worte heilen.‘“
Natürlich können Worte nicht allein heilen, aber auch ein Medikament allein heilt nicht. Hinter dem moderneren Begriff der „Beziehungsmedizin“ steht vielmehr die Erkenntnis, dass Wirkung immer auch mit der Beziehung zwischen Arzt und Patient zusammenhängt. Dies wurde auch durch Bernard Lown, dem US-Herzspezialisten und Friedensnobelpreisträger, präzise dargestellt. Lown zeigt in seinem Buch mit dem Titel „Die verlorene Kunst des Heilens“ (2004), dass Worte im Prozess der Heilung sowohl helfen als auch vernichtend sein können.
Die Macht des Wortes sollte gerade deshalb nicht unterschätzt werden, weil sie ein Potenzial in beide Richtungen bilden. Worte können kränken – und durch Kränkung kann wiederum Krankheit entstehen. Das literarische Werk von Flaubert über Tolstoi bis hin zu Fontane bietet dafür eine Fülle an Beispielen, auf die Christa Wolf hingewiesen hat. Die deutsche Schriftstellerin beschäftigte sich 1984 in einem Vortrag mit dem „Zusammenhang zwischen einer Krankheit und den Lebensumständen eines Menschen“. Der Titel der veröffentlichten Fassung lautet „Krankheit durch Liebesentzug“. Christa Wolf verweist darin auf ein „Wissen, das nicht durch naturwissenschaftliche Methoden zu erwerben und in der Sprache der Wissenschaften nicht auszudrücken ist“, dass sich „hauptsächlich durch einfache Selbstbeobachtung“ einstellt. Gerichtet an die Schulmedizin heißt es sodann bei ihr: „Ich frage mich also, frage auch Sie, ob es eigentlich zweckmäßig ist, dass bis heute der Mediziner nicht nur die Technik der Selbstbeobachtung nicht erlernt – nein, dass ihm geradezu abverlangt wird, seine Erfahrung mit sich selbst, mit seinen Krankheiten, mit seiner Gesundheit aus dem Spiel zu lassen, zugunsten eines Fetischs, der sich ‚Objektivität’ nennt.“
Vieles von dem, was Christa Wolf damals mit der Freiheit der Wortkünstlerin einfach in den Raum stellen konnte, ist heute durch neue Wissenschaftsbereiche wie Psychoneuroimmunologie und Epigenetik hinreichend bewiesen. Aber hat sich wirklich etwas verändert? Heute geht es um die Nachwirkung dieser Worte – darum, dass diese Worte Früchte tragen und der Arzt der Zukunft wieder ein Arzt wird, der zuhören kann (und dafür auch die Bedingungen hat), einer der auch „mit Worten berühren“ und damit den Heilprozess zumindest unterstützen kann.
Kulturwissenschaftlich orientierte Gesundheitswissenschaft hat – anders als die aktuelle Medizin – den kranken Menschen als Ganzes im Fokus, ebenso wie die Stärkung aller Faktoren und Ressourcen, die den Heilungsprozess unterstützen können. Hier kommt neben dem Faktor Psyche gerade den Faktoren Sprache, Kommunikation und Kultur große Bedeutung zu. Dass sich dabei das Reservoir der Konzepte und Verfahren nicht nur auf die eigene Kultur begrenzt, stellt im Zeitalter der Globalisierung fast schon eine Selbstverständlichkeit dar.

Kultureller Transfer gefragt

Unter dem Begriff der „Ethnomedizin“ fließen in den letzten Jahren zunehmend Erfahrungen anderer Kulturen in unser Gesundheitswesen ein. Diese sind zwar durchaus als wichtige Ergänzung anzusehen, können aber ohne eine „kulturelle Übersetzungsleistung“ ihr Wirkpotenzial nicht adäquat entfalten. Kulturwissenschaftlich orientierte Gesundheitsforschung steht somit vor der großen Aufgabe, diesen „kulturellen Transfer“ zu bewerkstelligen. Sie beschäftigt sich mit dem kulturellen Umfeld fremder Heilkunde und sieht Gesundheit, Krankheit und Heilung immer auch als gesellschaftliche Konstrukte vor dem Hintergrund kulturgebundener Deutungsmuster.
Auch die Begegnung der unterschiedlichen medizinischen Richtungen innerhalb einer Kultur ist heute relevant. Ist nicht auch die Begegnung bzw. die Nicht-Begegnung, das Aneinander-vorbei-Reden der Schulmedizin, der Homöopathie, der anthroposophischen Medizin, der Naturheilkunde etc. als eine Art des interkulturellen Kontaktes zu verstehen? Brauchen wir nicht auch hier einen ‚medizinisch-kulturellen Mediator’, der die Integration der verschiedenen Ansätze ermöglicht? Was hier die Rolle der Sprache betrifft, weist Linus Geisler auf das Problem einer Scherenbewegung von „Sprache und Hochtechnologie“ hin und postuliert: „Einer der wichtigsten Ansprüche, die an die Medizin unserer Tage zu richten ist, lautet: Zurück zur Sprache! (...) Denn eine sprachlose Medizin ist letztlich eine inhumane Medizin.“

Die Rolle der Spiegelneuronen

Der Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer wiederum sieht Sprache als Teil des Resonanzsystems. Auf Basis der Spiegelneuronen hat Sprache die Fähigkeit, „schnelle und intuitive Verständigung zu erzeugen“. Sie „versetzt uns in die Lage, Spiegelbilder unserer Vorstellungen im anderen wachzurufen und dadurch gegenseitiges Verstehen zu erzeugen.“ Sprache verfügt somit „über ein erhebliches intuitives und suggestives Potenzial.“ Sie kann schließlich – und hier kommen wir auf Paul Watzlawick zurück – „die Wirkung einer Handlung haben, sie kann das Äquivalent, das heißt der nahezu gleichwertige Ersatz einer tatsächlichen Handlung sein.“
Aus der Psychotherapie bekannte Phänomene werden von Bauer auf die Arzt-Patienten-Interaktion auch bei körperlichen Erkrankungen übertragen: „Die inneren Einstellungen des Arztes lösen beim Patienten eine Resonanz aus und umgekehrt die des Patienten beim Arzt.“ Die Rolle von Sprache, Kommunikation und Kultur kann für den Heilprozess somit gar nicht überschätzt werden. Man denke nur an die Worte des Soziologen Georg Simmel: „Die Kultur ist der Weg der Seele zu sich selbst.“


| Der Autor ist Prof. für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa-Univ. Viadrina in Frankfurt (Oder) |

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