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31/2017 - Tristans Werk und Putins Beitrag
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Ungelesen , 07:27
Tristans Werk und Putins Beitrag

Nostalgie ist ein politisches Instrument. Sie unterdrückt Ängste, treibt aber auch zu Realitätsverweigerung und verursacht Kriege. Ein Essay.

| Von Aage A. Hansen-Löve und Oliver Tanzer


Nostalgie ist oberflächlich betrachtet etwas für Träumer und alte Leute. Man verbindet damit Ausflüge nach Schönbrunn, Reminiszenzen so picksüß wie die Mozartkugel, vergangene Zeiten, duftend nach Veilchen und Kölnisch Wasser. Aber die Nostalgie hat genauer betrachtet ganz unromantische, dafür umso wirkungsreichere Eigenheiten: Zunächst ist es keine Sehnsucht nach dem Vorgestern und seinen archaischen, wilden Ursprüngen, sondern nach einem nicht allzu weit zurückliegenden Gestern, das als „gute alte Zeit“ figuriert. Und es ist ein sehr politisches Gefühl. Russlands Präsident Wladimir Putin etwa gründet sein Wirken auf der rückgreifenden Sehnsucht nach dem „großen“ Russland. Die Annexion der Krim, die Eurasische Union sind Akte und Ausdruck dieser Nostalgie. In naher Verwandtschaft dazu versucht Donald Trump in den USA ein ähnliches Szenario zu schaffen indem er die Sehnsucht der Mittelschicht nach den (so nie da gewesenen) harmonischen und machtvollen Vereinigten Staaten von Amerika bedient.

„Bewegung“ und Romantik

Und tragen jene „Bewegungen“, die zunehmend Parteien ersetzen, nicht ähnliche Züge? Ist nicht die Bewegung selbst Akt und Ausdruck eines Strebens, in dem die Nostalgie den Inhalt ersetzt? Wenn etwa Emmanuel Macron zunächst die Parolen der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ruft oder François Mitterand in Gestik und Pathos imitiert? Umso offensichtlicher werden dann die Risse im romantischen Gebälk, wenn Macron als erste Maßnahme die Armenzuschüsse kürzt.
Die Nostaglie bezieht sich also auf eine „falsche Vergangenheit“, die es so nie gegeben hat. Das ist kein Manko, sondern Programm: Denn das Schlimmste, was dem Nostalgiker passieren kann, ist die Rückkehr in den ersehnten Zustand, der dann um nichts besser ist, oder gar schlechter als die Gegenwart. Das Reich der Nostalgie lebt davon, letztlich unbetretbar zu sein, es ist ein bittersüßes Heimweh, ein Minnedienst am Unerreichbaren.
Die alten Ritterepen, von Tristan bis Lanzelot und Parzival, wissen ein Lied davon zu singen. In einer modernen Romanfassung des Tristanstoffes, die vor wenigen Jahren erschien, wird der Held damit beglückt, dass er mit seiner Isolde hemmungslosen Sex haben darf, nicht nur schuldbewusst und widerstrebend wie in der Originalfassung, gezwungen durch Zauber und zum Tode verdammt, versteckt unter der sprichwörtlich gewordenen Decke, unter die Gottfried von Strassburg in seinem Epos nicht zu blicken wagt. Der hemmungslose Tristan mag also vielleicht glücklich werden. Aber nun fehlt die Fernstenliebe und der Schmerz des Sehnens. Eben diese Sehne ist gerissen wie die Saite an der Lyra selbst, die das Objekt der Minne besingen, aber nicht besiegen soll.
Mit der profanen Lust der modernen Version geht der Zauber der Minne aber verloren und damit auch der Sinn des Epos, das mit seinem Kult der Enthaltsamkeit und der Bestrafung der fleischlichen Liebe „die Liebe des Abendlandes“ selbst geprägt hat und an der Wurzel der europäischen Literatur steht, wie der Philosoph Denis de Rougemont meinte.
Wenn man im Falle der Nostalgie auf Adam und Eva zurückgehen will, kann man gleich von einem universellen Heimweh des Menschen nach dem Paradise Lost sprechen.
Dass die Rückkehr dorthin nicht gelingen kann, muss der Nostalgiker eingestehen, während der Revisionist diesen Zustand für erreichbar hält und alles tut, um ihn zu erlangen. Der Nostalgiker tut demgegenüber nichts als wehmütig zu rezitieren. Er ist im Zustand der Melancholie und damit handlungsresistent.
Ganz ähnlich verhält es sich mit den Anhängern der politischen Nostalgie. Die Willensäußerung der nostalgischen Gesellschaft beschränkt sich im Wesentlichen auf das Bestätigen derer, welche die nostalgischen Illusionen am wirkungsvollsten vertreten. In diesem Sinne werden selbst Ansätze einer Autokratie als „Regentschaft des gütigen Herrschers“ gedeutet.Wenn heute also der Zug der Zeit ins Nostalgie-Reich unterwegs ist, dann folgt er damit einem Fahrplan, der als Palimpsest immer schon unter den utopischen, futurologischen, optimalen Projektionen ausgebreitet lag. Während die einen ihre Ostalgie, eine Sehnsucht nach dem Ewigen Osten kultivieren, machen sich die realen Bewohner dieser Zone in die Sehnsuchtsorte eines Ewigen Westens auf, den sie paradoxer Weise dann erreicht haben, wenn er selber (politisch) zum Osten geworden ist.

Vom Gestern ins Übermorgen

Es gilt, hier noch eine wichtige Unterscheidung zu machen: Während der Utopist im Übermorgen lebt, verzehrt sich der Nostalgiker in einem Gestern, das ihn just dann einzuholen scheint, wenn er an Zukünftiges denkt. Zugleich ist er ein unverbesserlicher Prokras*tinateur, da er alles, was ein Jetzt ausmachen könnte, auf Morgen verschiebt – oder auf ein Gestern, das unerreichbar bleiben muss.
So kommt es, dass der politische Nostalgiker kein auf Fakten oder Analysen basierendes Programm für realistische politische Schritte einfordert. Denn diesen Glauben an die Machbarkeit und Realisierbarkeit von Vorstellungen hat die „alte“ Politikergeneration obsolet gemacht, welche in den vergangenen 15 Jahren Versprechungen gemacht hat, die allesamt enttäuscht wurden. Eine politische Klasse noch dazu, die –
zumindest in Europa – von der Krise von 2009 in ihrer Handlungsmacht kastriert wurde. Nun erscheint die Zeit, sich selbst „vermehrt Schönes“ zu schenken, und sei es eben nur virtuell und passiv. Im Freud’schen Sinne sind der Melancholiker wie der Nostalgiker Verschieber: sie leben im Status einer universell realisierten Metapher – gewissermaßen und also im Gleichnis (Kafka).

Hauptsache Hindernis

Das eröffnet den Blick auf einen zentralen Punkt, der erneut mit der Struktur des Ritterromans zu tun hat: Für Denis de Rougemont wird das moderne erotische Bewusstsein geprägt von der apokalyptischen Ausrichtung der Troubadoure, die sich Liebe nur als unerfüllbares Verlangen denken konnten. Damit wäre das Abendland dazu verurteilt, Liebe und Erotik nur in Form des Ehebruchs für denkbar zu halten. Die eigentliche Liebe ist aus dieser Sicht immer „Minne“, d. h. auf ein Objekt der Begierde gerichtet, das per definitionem unerreichbar ist. Deshalb reduziert sich der Gegenstand der Tristanlegende auf, wie de Rougemont formuliert „äußere Hindernisse, die sich der Liebe Tristans entgegensetzen. Ist kein Hindernis da, wird eines erfunden.“ Für die Toubadoure ging es letztlich um die Verewigung des Begehrens.
Wer die politische Programmatik der aktuellen Bewegungen und Führerparteien analysiert, wird ähnliche Strukturen erkennen können. Stets geht es um äußere Hindernisse, die vor einem nur pauschal definierten idealen Zustand liegen (Sicherheit, Zusammenhalt, Wohlstand).
Diese Hindernisse sind beispielsweise Flüchtlinge, die vorgeblich Reichtum, Sicherheit, sexuelle Souveränität gefährden; Medien, die den Blick auf Wahrheiten verstellen; oder aber Ukrainer, die angeblich die russische Minderheit unterdrücken. Letztlich sind es die Hindernisse, die nostalgische Bewegungen zusammenhalten. Sie stellen den Trennungsschmerz von einem erwünschten Gefühlszustand erst her.
Freilich ist es schwer, sich Politiker und Machtmenschen wie Putin und Trump in der Nachfolge und Anwendung hochmittelalterlicher Minne vorzustellen. Tatsächlich unterscheiden sie sich aber von diesen Vorbildern der Sehnsucht nur dadurch, dass sie ihren Anhängern auf dem Weg zum Unerreichbaren die Freisetzung ihrer aggressiven Triebe und Störungen ermöglichen – und damit das Gegenteil von Erhabenheit.

| Der Autor ist Slawist und Professor em. der Uni München.
Er ist Verfasser zahlreicher Bücher, zuletzt
„Über das Vorgestern ins Übermorgen – Neoprimitivismus
in der russischen Moderne“, Fink-Verlag 2016. |


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