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32/2017 - Gefahr Salafismus?
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Ungelesen 09.08.2017, 07:33
Gefahr Salafismus?

Es ist wichtig, den Salafismus in seiner Breite wahrzunehmen, um seine Gefährlichkeit realistisch betrachten und einordnen zu können.

| Von Rüdiger Lohlker


Es gibt sicherlich weltweit größere Gefahren als die im Titel genannte. Trotzdem ist es notwendig, sich mit dem Phänomen Salafismus auseinanderzusetzen. Eine genaue Einordnung hilft, den Salafismus in seiner Breite als eine mögliche Gefahr zu verstehen, ohne ihn als allumfassende Bedrohung wahrzunehmen. Eine eher nüchterne Betrachtung hilft, die Gefährlichkeit des Salafismus realistisch zu betrachten, ohne in eine Angstlust zu verfallen, die aus der Übersteigerung der Angst erwächst. Salafismus ist ein Phänomen, das uns daran erinnert, dass die moderne Erstarrung von Religion die Fragmentierung unserer Gesellschaften weltweit – gezielt – vorantreibt.
Worum geht es also? Wenn wir von Salafismus reden, handelt es sich um eine im 19. Jahrhundert entstandene Bewegung, die einerseits aus inneren Entwicklungen der islamischen Welt erwuchs, die eine Transformation des islamischen Denkens angesichts der Entwicklungen der Neuzeit anstrebten, und andererseits durch die Konfrontation mit dem sich ausweitenden europäischen Kolonialismus, dem eine islamische Antwort entgegengesetzt werden sollte. Die Reaktion auf den Kolonialismus beinhaltete auch, eine eigene islamische Identität der westlichen entgegenzusetzen und einen Bruch mit der traditionellen Religiosität herbeizuführen. Diese Strömung wird häufig modernistisch genannt, steht aber in einem innigen Zusammenhang mit dem späteren Salafismus. Seit den 1920er-Jahren haben Exponenten des Salafismus sich dem Wahhabismus angenähert; Verbindungen zum neueren Salafismus lassen sich nachweisen.

Theologie des Salafismus

Theologische Lehrsätze des Salafismus konzentrieren sich auf die Abgrenzung von allen anderen religiösen u. a. Vorstellungen: Der Eingottglaube bedeutet hier den einzig möglichen Glaubensweg, jegliche Abänderung eine unerlaubte Neuerung, die absolut zu verwerfen ist. Es ist verboten, mit Ungläubigen, bei denen es sich um Nichtmuslime oder Muslime handeln kann, Kontakt zu haben. Im Hintergrund ist die Bedrohung durch teuflische Dinge präsent; Höllenpredigten gibt es zuhauf im Internet. Jede Verunreinigung des einzig wahren Glaubens muss durch die Reinigung der Gemeinschaft der wahren Gläubigen bekämpft werden, da sonst die Verdammnis droht.
Letztlich sind all diese Ideen theologisch grundgelegte Verhaltenslehren, die eine Orientierung in der sich fragmentierenden Weltgesellschaft ermöglichen. Diese sinnstiftende Orientierung erklärt auch die Attraktivität für junge Menschen, die nach einem Sinn in ihrem Leben suchen.
Unter Dschihadismus sei hier eine transnationale Strömung verstanden, die die Ausübung von Gewalt, islamisch mit dem Begriff des – militärischen – Dschihad verankert, als zentrales Merkmal ihrer Identität benennt. Darüber hinaus sind die theo*retischen Grundlagen ziemlich ähnlich wie die des Salafismus oder Wahhabismus. Manche theologische Lehrsätze werden extremer gefasst, wenn jeder Verstoß gegen Verhaltensregeln zum Vorwurf des Unglaubens und zur Bedrohung mit dem Tod führen kann. Interessant ist, dass Theoretiker mit einem Muslimbrüderhintergrund in der Geschichte des Dschihadismus eine Rolle spielen.

Saudi-Arabien und der Wahhabismus

Und was hat dies alles mit dem Wahhabismus und Saudi-Arabien zu tun? Zuerst einmal verbietet sich eine Gleichsetzung von Saudi-Arabien mit dem Wahhabismus; angesichts des anwachsenden Atheis*mus im Königreich ist das offensichtlich. Zugleich müssen wir festhalten, dass dasselbe Königreich mit massiven Mitteln die Propaganda für salafistische Ideen weltweit fördert. Außerdem teilen saudische Mainstream-Gelehrte mit salafistischen und dschihadistischen Gruppen eine Vielzahl von Glaubenssätzen (s. o.). Manche sind von saudischen Gelehrten entwickelt und von den anderen Strömungen aufgenommen worden, die auch immer gerne Schriften und Videos saudischer Gelehrter verbreiten und diese zu Vorträgen einladen. Dass sich dschihadistische, aber auch salafistische Gruppen und Personen gegen das saudische Königshaus und die es unterstützenden Gelehrten wendet, ist vielleicht verblüffend, ändert aber nichts an der Verwandschaft aller genannten Strömungen. Es ist schlicht Ausdruck des Exklusivismus in diesem Spektrum, der häufig zu solchen Abgrenzungen führt.
Die Unterstützung des saudischen Königshauses und die Ablehnung politischer Aktion ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal der wahhabitischen Theologie den anderen Strömungen gegenüber. Dass jüngere wahhabitische Gelehrte und deren Anhänger, inspiriert von Ideen der Muslimbrüder, eine religiöse Opposition in Saudi-Arabien gebildet haben, zeigt, dass der Wahhabismus nicht so einheitlich ist, wie er versucht zu erscheinen.
All die genannten Strömungen und Ideen sind auch in Österreich vertreten. Spuren finden sich in manchen Bereichen der Jugendkultur als Protestzeichen ohne eine völlige Identifikation. Anknüpfend daran werden sie seit einigen Jahren salafistisch oder auch dschihadistisch von einer Minderheit kontextualisiert. Diese Zeichen bieten aber auch Anknüpfungspunkte für eine Kritik aus den Jugendkulturen heraus, ein langsam beginnender Prozess, der intelligent unterstützbar ist.

Salafismus in Österreich

Auf der salafistischen Seite des Spektrums hat eine Gruppe namens „Iman“ die frühere Koranverteilkampagne „Lies!“ beerbt und versucht, mit Straßenwerbung, Workshops und Schulungen, Trainings*videos, gut geschnittenen anderen Videos und einer eigenen Methode, genannt GOPAS, die an andere Beeinflussungs- und Missionierungsmethoden erinnert, ihre Sache in der Öffentlichkeit zu präsentieren. „Iman“ ist verbunden mit dem internationalen salafistischen Netzwerk der „World Dawah Mission“, über das auch weitere Materialien beschafft werden können. Insgesamt handelt es sich um eine medial modernisierte, identitäre salafistische Strömung.
Generell sind die theologischen Gedanken in dem hier behandelten Spektrum eher armselig. Dass aber die recht große religiöse Unbedarftheit von Anhängern dieses Spektrums ein Argument dafür sei, dass es sich um eine „Islamisierung der Radikalisierung“ handelt, verkennt, dass die „normalen“ Gläubigen aller Traditionen mit einer recht kleinen Reiseapotheke an theologischem Verständnis auskommen – zum Leidwesen der Theologen vielleicht.

Salafismus zweiter Ordnung

Kommen wir zur theologisch-methodischen Grundlegung dieser Strömungen zurück und damit zu einem Salafismus zweiter Ordnung, der den bisher genannt Strömungen übergeordnet ist und auch andere moderne islamische einschließt! All die genannten Richtungen bauen auf einer Grundlage auf, die als typisch modern beschrieben werden kann. Was heißt das? Es werden aus dem endlosen Fundus islamischer Geschichte(n) einzelne Elemente herausgegriffen. Diese Elemente haben keinen inneren Zusammenhang; jenen bekommen sie nur durch die Verknüpfung mit dem Begriff Islam. Es wird also eine islamische (Marken-)Identität geschaffen, die dem (post-)modern Branding genannten Verhältnis entspricht, das sich mittels einzelner Elemente des Baukastens der erstarrten religiösen Texte herausbildet.
Dieses Verhältnis finden wir in politisch-islamischen Zusammenhängen wieder, wenn der Staat – eine genuin moderne Form – islamisiert werden soll, ohne als modern verstanden zu werden. Kein Wunder, dass inzwischen auch Salafisten kein Problem mehr mit Parlamentswahlen haben, empfinden sie doch recht gut die strukturelle Nähe; der Vorgang der Wahl ist für sie ein formaler Akt, der die Legitimation für antidemokratische Haltungen und Handlungen liefert. Demokratie ist islamisch, wenn sie zur islamischen Machtausübung führt.
Eine Kritik am Salafismus muss also sehr viel grundlegender sein als die auch notwendige Auseinandersetzung auf anderen Ebenen. Ohne Auflösung der erkenntnistheoretischen Grundlagen des Salafismus und damit verbundener Phänomene kann diese Kritik nicht erfolgreich sein. Ist das nicht gegeben, wird Kritik zum bloßen moralischen Vorwurf ohne Erkenntniswert.


| Der Autor, Prof. für Islamwissenschaft an
der Uni Wien, beobachtet seit langem die
salafistische und dschihadistische Szene und
forscht zur Theologie der Gewalt des IS |

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