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33/2017 - Das vielschichtige Bild der Klimaszenarien
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Ungelesen , 07:43
Das vielschichtige Bild der Klimaszenarien

Eine neue Studie zeigt: Das Zeitfenster für das Pariser Klimaziel schließt sich schnell. Es wäre sinnvoll,
auch die Extremfälle aktueller Prognosen in Betracht zu ziehen. Was alles zu erwarten sein könnte.


| Von Martin Tauss

„Quergeschrieben“ hieß das Format, in dem Rudolf Taschner Gastkommentare für die Tageszeitung Die Presse verfasste. Vor lauter Querdenken hat es ihn dort am 29. Oktober 2015 weit hinausgetrieben, in einen Bereich fernab des wissenschaftlichen „Common Sense“. Denn der aktuelle Kandidat für den siebenten Platz der Bundesliste von ÖVP-Chef Sebastian Kurz (Bereich Bildung und Wissenschaft) forderte darin die „Ernüchterung vom Klimawandelwahn“ und bezeichnete die globale Erderwärmung als „Scheinproblem“. Der Mathematik-Professor bezog sich auf eine Studie des Klimaforschers Bjorn Stevens, wonach „aufgrund der Wirkung der Aerosole (das sind Staubteilchen oder feine Nebeltropfen in der Luft) die vorhergesagte Erhöhung der mittleren Temperatur um mindestens zwei Grad nicht zu befürchten“ sei. Heute ist dieser Beitrag angesichts der politischen Ambitionen des 64-jährigen Quereinsteigers in die mediale Diskussion geraten. Festzuhalten ist jedenfalls, dass Taschner seine giftige Polemik gegen den Weltklimarat, gegen Wissenschafter und Journalisten mit einer falschen Schlussfolgerung begründet hat.

Rolle der Aerosole

Denn aus der besagten Studie am deutschen Max-Planck-Institut für Meteorologie ist keineswegs abzuleiten, dass die CO2-Konzentration in der Atmosphäre aufgrund von Aerosolen quasi bedeutungslos für die Erdtemperaturen sei. Schon gar nicht, dass es keiner CO2-Reduktion bedürfe oder dass es den menschenbedingten Klimawandel nicht geben würde. Das hat Studienautor Bjorn Stevens selbst in einem nachträglichen Statement klargestellt, zu dem er sich aufgrund mancher Fehlinterpretationen in Medienberichten genötigt sah. Lediglich „die allerschlimmsten Katastrophenszenarien“ seien laut seiner Studie „ein bisschen weniger wahrscheinlich“, so Stevens, der als Wissenschafter beim fünften Weltklimabericht mitgewirkt hat. Eigentlich wäre Rudolf Taschner hier auch mangelnde Recherche vorzuwerfen, denn das Statement von Stevens ist mit April 2015 datiert und hätte ihm damals schon bekannt sein müssen.

Hitze- und Kältewellen

Zudem verwundert die Tatsache, dass für Taschner offensichtlich bereits eine Studie ausreichend wäre, um die ganze Debatte zum Klimawandel, vorangetrieben von unzähligen Forschern und Institutionen rund um den Globus, mit einem Schlag ad acta zu legen. Denn die Erkenntnisse der komplexen Klimaforschung erwachsen letztlich aus der Gesamtbetrachtung der wissenschaftlichen Evidenz. „So stolz ich auf meine eigenen Ideen bin, man sollte der Versuchung widerstehen, zu viel und zu schnell aus einer einzigen Studie zu folgern“, betonte Klimaforscher Stevens in seinem Statement.
In der Zwischenzeit haben viele Studien weitere Perspektiven der Klimaforschung eröffnet. Allein in diesem Sommer gab es eine Fülle neuer Arbeiten, die allesamt eine klare Tendenz erkennen lassen: Es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Das Jahr 2016 war übrigens laut US-Klimabehörde NOAA das weltweit wärmste seit Messbeginn, wobei der höchste Meeresspiegel und der schnellste Zuwachs der CO2-Konzentration seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen dokumentiert wurde. Jüngste Prognosen zeichnen ein immer differenzierteres Bild, welche Folgen der Klimawandel nach sich ziehen kann.
So könnten bis zum Jahr 2100 jährlich zwei Drittel der Europäer – rund 350 Millionen Menschen – von wetterbedingten Katastrophen betroffen sein. Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände, Stürme sowie Hitze- und Kältewellen könnten pro Jahr zusätzlich 150.000 Todesfälle verursachen. „Der Klimawandel ist eine der größten globalen Gefahren für die menschliche Gesundheit im 21. Jahrhundert“, so Studienautor Giovanni Forzieri vom „Joint Research Centre“ der Europäischen Kommission. Sein Team ist davon ausgegangen, dass sich der Ausstoß von Treibhausgasen nicht verringern wird. Eine ähnliche Annahme macht auch das „Massachusetts Institute of Technology“ (MIT) in den USA: Laut seinen Berechnungen könnten dann große Teile Südasiens aufgrund einer gefährlichen Kombination von Hitze und Luftfeuchtigkeit bis zum Ende des Jahrhunderts unbewohnbar werden. Setzt sich der Klimawandel im aktuellen Tempo fort, würde es zu lebensbedrohlichen Hitzewellen kommen, bei denen das Verdunsten von Schweiß und somit die Wärmeableitung des Körpers nicht mehr möglich ist. Betroffen wären Teile Indiens, Pakistan und Bangladesch, wo heute ein Fünftel der Weltbevölkerung lebt. Im Ernstfall sei mit einer Massenauswanderung zu rechnen, prognostizieren die US-Forscher.

Neue Ernährungsprobleme

Doch steigende CO2-Werte in der Atmosphäre heizen nicht nur die Erde auf, sie verändern laut aktuellen Berechnungen der Universität Harvard auch die Nährstoffe im Getreide: Reis etwa könnte bis Mitte des Jahrhunderts über sieben Prozent seines Proteingehalts verlieren, Weizen knapp acht Prozent, Kartoffeln über sechs Prozent und Gerste sogar über 14 Prozent. Das könnte zu neuen Ernährungsproblemen führen, insbesondere in ärmeren Ländern, in denen viel Eiweiß aus diesen Pflanzen bezogen wird. Allein in Indien wären zusätzlich 53 Millionen Menschen von Proteinmangel bedroht.
Aber zurück nach Europa: Dort könnten im Falle einer stärkeren Erderwärmung die Fortschritte bei der Ozon-Reduktion wieder zunichtegemacht werden, wie französische Forscher berichteten. Für die Schweizer Gletscher wiederum würde selbst eine Verlangsamung der Erderwärmung zu spät kommen. Laut Gletscherforscher Matthias Huss von der ETH Zürich würden selbst mit den größten Anstrengungen zur CO2-Reduktion 80 bis 90 Prozent der Eismassen bis zum Ende des Jahrhunderts schmelzen. Im letzten Jahr verloren die Gletscher rund 900 Milliarden Liter Wasser. Das Schmelzwasser trage spürbar zum Anstieg des Meeresspiegels bei, der bis zum Jahr 2100 um bis zu einen Meter steigen könnte.
Auch große Seen unterliegen den Folgen des Klimawandels und zeigen binnen kurzer Zeit massive Veränderungen. Der weltweit größte arktische See, Lake Hazen im nördlichsten Nationalpark Kanadas, wird nun fast jedes Jahr eisfrei, seine Durchschnittstemperatur hat sich seit dem Jahr 2000 um über 2,5 Grad Celsius erhöht. Das veränderte Ökosystem verschlechtert etwa die Bedingungen für die arktischen Seesaiblinge, wie Günter Köck von der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften unlängst berichtete.

Einschränkung des Luftverkehrs

Auch der Luftverkehr wird von steigenden Temperaturen betroffen sein: Ein Team der New Yorker Columbia Universität prognostiziert, dass bei gleich bleibenden Treibhausgas-Emissionen bis 2080 zehn bis 30 Prozent aller voll besetzten Flugzeuge in den heißesten Stunden des Tages nicht abheben können. Dann hieße es Gewicht reduzieren oder auf Abkühlung warten. Die US-Forscher sehen „lawinenartige“ ökonomische Auswirkungen und weisen darauf hin, dass schon heuer in Phoenix, Arizona, viele Flüge gestrichen werden mussten, da manche Jets bei den Extremtemperaturen von fast 50 Grad Celsius nicht mehr starten konnten.
Und während US-Präsident Donald Trump sein Land aus wirtschaftlichen Gründen aus dem Pariser Klimaabkommen führen will, sagt eine Studie der University of California voraus, dass der Klimawandel und Trumps diesbezügliche Politik den USA teuer zu stehen kommen werden. Das Wohlstandsgefälle könnte dabei massiv verschärft werden – sozialer Sprengstoff inklusive. Fazit: Die „Klimakatastrophe“ ist nicht unbedingt abgesagt, wie Rudolf Taschner 2015 vorlaut und vorschnell verkündete.

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