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34/2017 - Schmacht und Schauder im Spiegel
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Ungelesen , 09:05
Schmacht und Schauder im Spiegel

Ein gesundes Selbstwertgefühl erleichtert das Leben ungemein. Über die hohe Kunst der Eigenliebe –
jenseits des Narzissmus.


| Von Doris Helmberger

Was Donald Trump wohl dabei empfindet, wenn er morgens im Weißen Haus in den Spiegel blickt? Ist es Entzücken über die Schönheit seines Haarschopfs, die Strahlkraft seiner Zähne, die Länge seiner Krawatte? Oder sind es ganz andere Gefühle, die ihn übermannen: Unzufriedenheit, Panik, ja gar Abscheu? Wäre Trump jener prototypische Narzisst, für den ihn der halbe Globus ferndiagnostisch hält, man könnte Ersteres vermuten. Schließlich starb der schöne Jüngling Narkissos, Sohn des Flussgottes Kephissos und der Nymphe Leiriope, in der griechischen Mythologie nicht etwa an Selbstekel, sondern an unstillbarer Liebe zu seinem wässrigen Spiegelbild.
Und doch könnte der Trump’sche Gefühlshaushalt komplizierter sein als gedacht. In einem aktuellen Experiment baten Forscher des Instituts für Psychologie der Universität Graz eine Gruppe besonders narzisstisch geprägter Personen, ein Foto von sich selbst zu betrachten – und maßen dabei ihre Gehirnaktivität. Man hätte erwarten können, dass durch das überhöht positive Selbstbild jene Hirnareale aktiviert werden, die für starkes Verlangen oder Genussreaktionen verantwortlich sind. Doch das Gegenteil war der Fall, wie die Gruppe um Emanuel Jauk im Fachmagazin Nature Scientific Reports beschrieb: Aktiviert wurden vielmehr jene Regionen, die auf negative Affekte oder emotionale Konflikte schließen lassen.

Sich selbst hassende Narzissten?

„Das stützt eher jene Theorie, wonach narzisstische Personen nur eine Fassade aufziehen, um ihre tiefliegende Verletzbarkeit zu verdecken“, sagt Jauk. Während die Lerntheorie annimmt, dass Menschen eher dann narzisstisch werden, wenn sie als Kind übertrieben oder ungerechtfertigt gelobt werden, betrachtet die psychoanalytische Denkschule den Narzissmus im Gegenteil als (Über-)Kompensation kindlicher Verletzungen. Die Grazer Studie deutet nun also auf Zweites hin – allerdings nur bei Männern. Ein möglicher Grund dafür sei nach Jauk, dass Frauen ein negatives Selbstbild „besser abfedern könnten“. Sie seien eben das „emotional kompetentere Geschlecht“.
Ein Prozent der Gesamtbevölkerung ist nach Expertenschätzungen von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung betroffen – also so krankhaft egozentrisch, dass bei den Einzelnen sowie ihrem Umfeld erheblicher Leidensdruck besteht. Die klassische Variante des „grandiosen Narzissmus“, zu der neben Überheblichkeit und grenzenlosen Erfolgsfantasien auch Neid, Empathiemangel und ausbeuterisches Verhalten in Beziehungen gehören, betrifft dabei häufiger Männer. „Das könnte aber auch daran liegen, dass die genannten Kriterien eher der traditionellen Männerrolle entsprechen“, meint Emanuel Jauk.

Sich mögen – samt Stärken und Schwächen

Ein wenig narzisstisch ist freilich jeder. Um sich in der Leistungsgesellschaft durchsetzen zu können, braucht es eben ein gerüttelt Maß an Ehrgeiz und Geltungsdrang. Ob dieses Phänomen (etwa durch die sozialen Medien) insgesamt zunimmt, wird indes diskutiert. Die US-Psychologin Jean Twenge hat nach einer (umstrittenen) Metaanalyse 2008 von einer „Narzissmus-Epidemie“ gesprochen. Für den deutschen Entwicklungspsychologen Ulrich Orth gibt es hingegen keine Belege dafür. Seit 2014 erforscht er an der Universität Bern, was das Selbstwertgefühl eines Menschen prägt, wie es seinerseits sein Leben beeinflusst – und inwiefern das mit Narzissmus korreliert. „Es gibt zwar Belege dafür, dass narzisstische Menschen tendenziell ein höheres Selbstwertgefühl haben, aber es gibt eben auch diametral entgegengesetzte Fälle“, betont Orth. „Deshalb sollte man diese Persönlichkeitsmerkmale am besten trennen.“
Und auch sonst sei begriffliche Sauberkeit zentral. Während „Selbstvertrauen“ und „Selbstwirksamkeit“ die Erwartung bezeichnen, herausfordernde Situationen gut bewältigen zu können, gehe es beim „Selbstwertgefühl“ um das (positive) Verhältnis zur eigenen Person mit all ihren Stärken und Schwächen. Zahllose Probanden haben Orth und sein Team bereits mit Hilfe der „Rosenbergskala“, einem standardisierten Fragebogenverfahren, zu ihrem subjektiven Selbstwert befragt. Dabei zeigte sich, dass die Selbstwertschätzung erst mit 60 bis 70 Jahren ihren Höhepunkt erreicht – und auch dann nur langsam zurückgeht. Das individuelle Grundgefühl der Selbstakzeptanz wird bereits von den sozialen Erfahrungen in den ersten Lebensjahren beeinflusst, bekräftigt Orth, der Effekt sei freilich im weiteren Lebensverlauf nur „klein bis mittel“ und „keineswegs deterministisch“. Freundschaften, romantische Beziehungen und Erfahrungen am Arbeitsplatz, aber auch kritische Lebensereignisse könnten das Selbstwertgefühl heben oder senken.
Wobei dieses Gefühl auch überraschend deutlich zurückwirkt: „Menschen mit höherem Selbstwertgefühl sind eher fähig, Beziehungskonflikte konstruktiv zu lösen und bei Kritik nicht in Verteidigungshaltungen zu verfallen – was dazu führt, dass sich ihre Beziehungen tendenziell positiver entwickeln“, weiß der Entwicklungspsychologe. Auch würden Personen mit ständigen Selbstzweifeln für ihre Partner leicht unattraktiv. Ähnliche Zusammenhänge von Selbstakzeptanz und Erfolg zeigen sich laut Orth auch am Arbeitsplatz – und bei der Frage der sozialen Integration. Mit sich selbst zufriedene Menschen hätten es signifikant leichter, sozial eingebunden zu werden – was wiederum (nach der „Soziometer“-Theorie) ihr Selbstwertgefühl erhöht. Nicht zuletzt senkt ein gutes Selbstwertgefühl auch das Risiko, an einer Depression zu erkranken. „Das Selbstwertgefühl ist also nicht nur die Folge unserer Lebensumstände, es hat auch entscheidenden Einfluss darauf, ob unser Leben gelingt“, sagt Orth. „Es scheint sich also zu lohnen, daran zu arbeiten.“
Ein wichtiger Lernort dafür sollte – nach dem Elternhaus – die Schule sein. Schon lange widmet sich die pädagogische Psychologin und Existenzanalytikerin Eva Maria Waibel deshalb der Frage, wie hier eine „Erziehung zum Selbstwert“ aussehen könnte. An der Pädagogischen Hochschule Tirol schult sie Lehrkräfte in diesem Sinn. „Das Wichtigste ist, Kinder nicht ständig herabzusetzen oder zu kritisieren, sondern ihre Potenziale zu heben“, sagt Waibel. Dazu brauche es aber Lehrpersonen, die selbst über einen gesunden Selbstwert verfügten – bzw. daran in der Weiterbildung arbeiteten. „Denn nur wer sich selbst wertschätzen kann, kann auch andere wertschätzen.“

Der Zwang zum ständigen Vergleich

In Zeiten von Facebook und Co. wird die Selbstakzeptanz allerdings nicht gerade leichter. Soziale Netzwerke zwingen schließlich nicht nur zur permanenten Selbstdarstellung, sondern auch zum ständigen Vergleich. Wie das individuelle Selbstwertgefühl und das soziale Vergleichen zusammenhängen, erforscht Gayannée Kedia am Grazer Psychologie-Institut mit Hilfe bildgebender Verfahren. Insgesamt, so die Forscherin, habe der soziale Vergleich drei Funktionen: Er soll der Selbsteinschätzung dienen (etwa hinsichtlich Intelligenz oder Aussehen), er soll motivieren – und er soll das Selbstwertgefühl erhöhen. „Normal wäre es, sich punkto Selbsteinschätzung mit Menschen zu vergleichen, die ähnlich sind, punkto Motivation mit Leuten, die etwas besser sind und punkto Selbstwertgefühl mit Personen, die in einer Kategorie etwas schlechter sind“, weiß Kedia. Menschen mit niedrigem Selbstwertgefühl würden sich aber eher mit anderen messen, die deutlich besser abschneiden würden als sie selbst.
Ob Donald Trump beim Blick in den Spiegel nur reine Großartigkeit entdeckt – oder doch eher den langen Schatten Barack Obamas? Wir werden es nie erfahren.

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  21:43:03 07.13.2005