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34/2017 - Dicke Freunde ohne Spott und Scham
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Ungelesen , 09:09
Dicke Freunde ohne Spott und Scham

Beim jährlichen Motivationscamp des Programms „Durch Dick und Dünn“ lernen übergewichtige
Kinder und Jugendliche, was ihnen gut tut – körperlich und emotional.


| Von Benjamin Breitegger

Als eine Dreizehnjährige bei Kilometer vier niederbricht, schreit sie der Ausbildner an: „Los, mach schon, streng dich an!“ Sie kämpft sich aus dem Schlamm, läuft ein paar Schritte, sackt wieder zusammen. So oder so ähnlich vermittelt Trash-Fernsehen Abnehmcamps: als Bootcamps zum Abspecken, mit Schweiß und Tränen und militärischem Drill. An deren Ende ein paar Kilos weg sind und das Vertrauen in die Eltern. Abnehmen, das klingt jedenfalls nicht nach Freizeit und Erholung – oder gar nach Freude und Spaß. Das geht nicht zusammen. Oder doch?
Natürlich, sagt die Ernährungswissenschaftlerin und Psychotherapeutin Karin Lobner, die jedes Jahr ein zweiwöchiges Camp für übergewichtige Kinder in Niederösterreich organisiert. 36 Kinder und Jugendliche im Alter von zehn bis 16 Jahren nehmen daran teil, 16 Burschen und 20 Mädchen aus allen sozialen Schichten. Sie kommen aus Niederösterreich, das Land subventioniert das Programm. Eltern zahlen 325 Euro Teilnahmegebühr, finanziell schwächer gestellte 149 Euro.
Es handelt sich freilich um kein Bootcamp für Dicke. Denn es gehe nicht darum, innerhalb von zwei Wochen so viel wie möglich abzunehmen, sagt Lobner. Das Camp soll vielmehr motivieren – und zugleich der Höhepunkt des Programms „Durch Dick und Dünn“ sein, das auf zehn Monate anberaumt ist. In 14-tägigen Gruppentreffen werden Themen wie Ernährung und Bewegung, aber auch Selbstwert besprochen. „Ein gesunder Selbstwert ist ja eine Ressource, damit keine Essstörungen entstehen“, sagt Lobner. Denn Unzufriedenheit führt zu Frustessen – und umgekehrt. Wenn eine Familie mehr Hilfe braucht, gibt es zudem Angebote wie Einzeltherapie. Hier beim Motivationscamp geht es nun aber ums Erleben, Spaß haben und Genießen in der Gruppe.

Strategien des Widerstehens

Seit 17 Jahren findet das Camp jeweils in den Sommerferien statt. Karin Lobner arbeitet dabei mit einem Team aus zehn Betreuern, Psychotherapeutinnen und Ernährungswissenschaftlerinnen, Diätologinnen sowie Menschen mit Sportausbildung. „Wir sind wie die Rolling Stones“, sagt eine Betreuerin lachend, „jedes Jahr machen wir es das letzte Mal.“
Gaming, eine 3200-Einwohner-Gemeinde in der Nähe von Scheibbs in Niederösterreich. Die landwirtschaftliche Schule liegt umgeben von grünen Hügeln, nebenan weiden Kühe, zwischen Bäumen baumeln Hängematten. Im ersten Stock fläzen um neun Uhr morgens auf Sandsäcken acht Burschen und Mädels. Sie sind zwischen 14 und 16 Jahren alt, die ältesten Teilnehmer. In einer der sogenannten ernährungspsychologischen Runden geht es darum, das eigene Tun zu hinterfragen.
Die Österreichische Gesundheitsbefragung hat 2014 festgestellt, dass „die Zahl der übergewichtigen und adipösen Personen in den letzten Jahren beträchtlich zugenommen hat“. 20 Prozent der Jugendlichen sind mittlerweile nach Schätzungen von Übergewicht oder Adipositas (Fettsucht) betroffen. Eine Studie der Initiative für ein gesundes Leben (SIPCAN), bei der im Vorjahr in Tirol 500 Jugendliche untersucht wurden, kam sogar auf ein Drittel – wobei die Betroffenen nicht nur ein erhöhtes Risiko für Bluthochdruck und Diabetes hätten, sondern auch häufiger unter psychosozialen Symptomen wie Depressionen, Minderwertigkeitsgefühlen und Isolation durch soziale Ausgrenzung leiden würden, betonten die Autoren.
Im Gaminger Camp präsentieren die Jugendlichen auf einem Flipchart Plakate, die sie für die Zehnjährigen gestaltet haben. „Hindernisse“ steht auf einem Plakat – und „Hilfsmittel“. Wie nimmt man ab? Woran scheitert es? McDonald’s, Döner, Eis: Das sind die Versuchungen. Vor allem für diejenigen, deren Schule direkt am Hauptbahnhof liegt. Ein Paradies – und eine Kalorienhölle zugleich. „Ich mag da gar nicht drüber reden“, sagt Alex lachend, „sonst fällt mir das alles wieder ein“.
Alex ist das Vorbild der Gruppe. Er hat mit zehn Jahren 70 Kilo gewogen, jetzt ist er 14 Jahre alt und wiegt bei einer Größe von 1,74 Metern 75 Kilo. „Ich bin sehr zufrieden mit mir“, sagt er. Früher wurde er verspottet, heute wird er nur noch selten ausgelacht. „Und wenn, dann ist es mir egal, ich habe genug Freunde“, sagt er. Alex müsste nicht mehr ins Camp kommen, aber er will. Er möchte mehr über gesunde Ernährung lernen. Andere bewundern ihn. Sie wissen noch, wie rundlich er vor ein paar Jahren war. „Wenn ich die Figur vom Alex hätte, wäre ich total zufrieden“, sagt sein Freund Christian, ebenfalls 14 Jahre alt und 1,82 Meter groß. Er wiegt 96 Kilo.

Eat – Sleep – Repeat?

Nächstes Poster am Flipchart. Die Jugendlichen haben für die Zehnjährigen ein Spiel gestaltet. Zuerst müssen sie Schüsseln mit Zuckerwürfeln Getränken zuordnen, danach folgen Fragen wie in der Millionenshow: Was ist eine Diät? a) täglich Schokolade essen, b) sich aushungern, c) ausgewogene Ernährung und Sport, oder d) ganz viel Sport? Nicht wenige Kinder haben am Vortag mit d) geantwortet. Doch es geht um ein gutes Mittelmaß. Was der größte Fehler sei? „Eat – Sleep – Repeat“, sagt einer und lacht. „Essen, schlafen, dann das Ganze von vorne.“
Während die Zehnjährigen noch lernen müssen, warum sie übergewichtig sind, wissen das die Jugendlichen offenbar genau. Sie sprechen vom „Jojo-Effekt“, von „komplexen“ und „unkomplexen“ Kohlehydraten. Und doch: Das Abnehmen fällt schwer. Versuchungen lauern überall.

„Bei mir ist’s eh schon egal“

Oft hängt Übergewicht mit Problemen in der Familie zusammen. Ungefähr zwei Drittel der Eltern, die ihre Kinder im Camp anmelden, sagt Lobner, seien selbst leicht übergewichtig bis adipös. Fast alle registrierten ihre Kinder mit falscher Größe und Gewicht. Und manche sagen: „Bei mir ist’s eh schon egal.“ Doch auch die Eltern müssten an sich arbeiten, findet Lobner, sonst klappe es bei den Kindern nicht. Erzählen diese von tieferliegenden Problemen in der Familie, sind die Betreuer für sie da und bieten den Eltern, wenn gewünscht, Hilfe an.
Gemeinsames Mittagessen in Gaming, es gibt Eiernockerl aus Vollkornmehl und Salat. Gegessen wird fünf Mal am Tag, als Jause gibt es Obstspieße. Aufgeschnitten und gespießt isst sich Gesundes leichter, als wenn man es erst schälen muss. Karin Lobner sagt, es handle sich nicht um eine Diät, sondern um einen „kaloriennormalisierten Speiseplan“, bei dem es auch zentral ums Genießen gehe.
Was macht das zweiwöchige Camp mit den Jugendlichen? Warum kommen sie jedes Jahr freiwillig hierher? Am besten fragt man Michelle, die schon zum fünften Mal hier ist. Beim ersten Mal habe sie geglaubt, dass viel mehr Sport gemacht wird, erzählt sie. Und dass gutes Essen verboten sei. Das ist aber nicht so, vorgestern gab es auch Eis. Michelle ist 16 Jahre, sie macht eine Lehre als Einzelhandelskauffrau und geht nach der Arbeit jeden Tag Radfahren oder Laufen, als Ausgleich. Das habe sie im Camp gelernt, sagt sie. Ihr Ziel: mehr Kondition, Muskelaufbau. Zuhause ist sie ruhig und zurückhaltend. Man werde gleich verurteilt, wenn man nicht die Dünnste sei, sagt sie. Im Camp ist das anders. „Hier sind alle gleich. Ich fühl mich wohl“, sagt sie selbstbewusst. Und Alex stimmt ihr zu: „Wir haben alle dieselben Probleme. Hier lacht keiner, wenn jemand hinfällt. Ich fühl mich urwillkommen.“
Die klassischen Zuschreibungen fehlen in Gaming: hier die „Blade“, bei der eh klar ist, dass sie nicht laufen kann. Dort der „Fette“, der die ganze Pizza isst. Im Camp sind alle dick. Dadurch fallen Ausreden weg: Den Berg hinauf muss jeder. Das Offensichtliche, das Übergewicht, rückt zudem in den Hintergrund, anderes in den Vordergrund: Wer kann ein Instrument spielen? Wer ist besonders lustig oder frech zu den Betreuerinnen? Das stärkt das Selbstwertgefühl. „Die Jugendlichen können sich hier in einer anderen Rolle als im Alltag oder in der Schule erfahren“, erzählt Karin Lobner.
Neben gemeinsamen Sport- und Gesprächsrunden gibt es auch ein Abendprogramm. Tags zuvor fand ein Candle-Light-Dinner mit anschließender Disco statt, heute singen und tanzen die Jugendlichen im Gemeinschaftsraum, um dann den Gaminger Superstar zu küren. Michelle singt „Read All About It“ von Emeli Sandé. Zwei Zeilen darin gehen so: „Maybe we’re a little different / There‘s no need to be ashamed.“
Nur mehr zwei Tage Camp. „Schade“, sagt Michelle. Sie wird im nächsten Sommer 17, eigentlich ist sie dann zu alt dafür. Doch sie darf noch einmal teilnehmen, das hat Karin Lobner erlaubt. Die Organisatoren überlegen sich, ein eigenes Camp für 16- bis 18-Jährige zu gründen. Die Nachfrage ist da.

Was tut mir wirklich gut?

Doch was kommt nach den sommerlichen zwei Wochen? Manche Kinder lernen hier Sportarten kennen, die sie dann weiterbetreiben, Zumba etwa. Und etwaige Probleme können sie mit den Betreuern über Facebook besprechen. „Wir pflanzen hier etwas, das die Kinder idealerweise weitergeben“, sagt Karin Lobner. Wieviel Sport tut mir gut, was esse ich? Und was macht das mit meinem Körper und meinem Selbstwertgefühl? Das hilft nicht nur den Kindern, ist Lobner überzeugt, sondern auch ihren Eltern – und später auch den Kindern der Teilnehmer von heute.

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  09:19:30 07.14.2005