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34/2017 - „Mama meinte: Du bist der letzte Dreck“
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Ungelesen , 09:12
„Mama meinte: Du bist der letzte Dreck“

Selbsthass und Selbstverachtung spielen im Gefängnis eine zentrale Rolle. Sie führen dazu, dass Menschen überhaupt kriminell werden; und sie machen es ihnen auch schwer, nach der Entlassung eine Perspektive zu finden. Eine Psychiaterin und eine Seelsorgerin erzählen.


| Von Doris Helmberger

Es war ein rätselhaftes, scheinbar „unmotiviertes Delikt“. Ein junger Mann tötete seine Großmutter, ausgerechnet jene Frau, die als letzte noch zu ihm gehalten und ihn gegen alle Schmähungen verteidigt hatte. Alle anderen hatten ihn längst für einen Versager gehalten, für einen, der nichts ist und auch nichts kann. Doch irgendwann sagte auch die Oma – leise und zögerlich – diesen einen, folgenschweren Satz: „Naja, langsam frage ich mich auch, ob das mit dir noch was wird.“ Er kostete sie das Leben.
Woher die plötzliche Aggression des jungen Mannes gegenüber seiner geliebten Oma kam, darüber hat Adelheid Kastner lange gerätselt. Irgendwann ist es ihr dann plausibel geworden. „Da ist – wie bei einer Explosion – mit lautem Knall die letzte Verbindung zur Rückbestätigung durch andere gerissen“, sagt die forensische Psychiaterin. Die Großmutter war der letzte Brückenkopf zur Außenwelt, der das eigene Selbstbild des Mannes noch einigermaßen stützen konnte. Er selbst hatte sich bis zuletzt für einen Menschen gehalten, der schon alles könnte, wenn er nur wollte und sich die Zeit dazu nähme. Doch nun, mit diesem lapidaren Satz der Oma, ist dieser stabilisierende Brückenkopf plötzlich weggebrochen.

Spannung zwischen Selbst- und Fremdbild

„Unser Selbstbild ist abhängig von der Rückmeldung anderer, wir sind ja kommunizierende Wesen“, sagt Kastner, die als Gerichtsgutachterin bei zahlreichen spektakulären Verfahren beteiligt war – vom Fall Fritzl bis zur Causa Kremsmünster.
„So wie der Herr Trump sich jetzt mit lauter Claqueuren umgibt, weil er allein nicht so großartig sein kann, wie er möchte, brauchen auch wir immer andere, die uns das, was wir von uns selber denken, bestätigen.“ Völlig deckungsgleich seien Selbstbild und Außenwahrnehmung nur selten. Aber je weiter diese beiden Positionen auseinanderklaffen würden, desto größer sei die Spannung – bis sie sich, wie im Fall des jungen Omamörders, entlädt.
Was bin ich wert? Bin ich überhaupt etwas wert? Und wer wagt es, mich in meinem Wert so zu kränken? Diese Fragen stehen nach Kastner im Zentrum fast aller Straftaten: Vom Eifersuchtsmord, bei dem Menschen sich fundamental in ihrem Selbstwert gekränkt fühlen, bis zum Eigentumsdelikt, bei dem jemand unbedingt mehr Geld braucht, um sich endlich so darstellen zu können, wie es seinem Selbstbild entspricht. „Der Selbstwert steht im Zentrum aller deliktischer Motivationen“, ist Kastner überzeugt. Und je größer der Selbstwertanteil sei, der von anderen und nicht von mir selbst bestimmt werde, desto größer sei das Problem.
Eine glückliche Kindheit kann wesentlich mithelfen, den eigenen Anteil am Selbstwert zu erhöhen, doch nur die wenigsten Insassen haben eine solche erlebt. Andere hätten schon als Baby mit dem Löffel eingeflößt bekommen, dass sie alles könnten, wenn sie nur wollten. „Man kennt diese Menschen schon am Gang, am Geschau, die gehen mit einem ganz anderen Selbstverständnis durch die Welt“, sagt Kastner. Jene Menschen hingegen, mit denen sie arbeite, seien fast immer in prekären Milieus groß geworden. Der Anteil der Häftlinge, die eine adäquate Kindheit hatten, liege im einstelligen Prozentbereich. Alkohol, Gewalt, Vernachlässigung, sexueller Missbrauch: All das hat im Selbstbild dieser Menschen tiefe Narben hinterlassen.
Christine Hubka weiß aus zahllosen Gesprächen, wie schwer und langsam alte Wunden heilen. Seit sie vor acht Jahren als evangelische Pfarrerin in Pension gegangen ist, engagiert sie sich als ehrenamtliche Gefängnisseelsorgerin. Das Thema Selbstwert ist dabei omnipräsent. „Es kommt wirklich ununterbrochen vor“, erzählt Hubka im Café „LOKal“ im siebten Wiener Bezirk, in dem Menschen mit einer schweren psychischen Erkrankung Arbeit finden – und das längst zu ihrem erweiterten Wohnzimmer geworden ist. „Ganz viele Leute sagen von sich selber: Ich bin ein Verbrecher, ich bin Abschaum. Und auch wenn ich eines Tages entlassen werde, will mich keiner haben. Das haut mich jedes Mal um.“ Dass nun jemand wie sie daherkomme, sich freiwillig Zeit nehme und sich für ihre Vergangenheit und auch Zukunft interessiere, ist für die allermeisten eine völlig neue Erfahrung. „Wenn ich dann etwas über ihre Geschichte wissen will, sind sie immer ganz hin und weg“, erzählt Hubka strahlend: „Sonst haben sie immer das Gefühl: Hier interessiert sich keiner für mich, ich kann verschimmeln, und dann ist es auch wurscht.“
Im anonymen, ressourcenknappen Gefängnisbetrieb ist eine wie sie ein rettender Solitär. Der Schlüssel für jeden Selbstwertaufbau hinter Gittern sei jedenfalls die Bildungsarbeit, ist sie überzeugt. Fast zwei Drittel aller österreichischen Insassen haben laut Bericht über den Strafvollzug (2011) nur – oder nicht einmal – einen Pflichtschulabschluss. Ihn im Gefängnis nachholen zu können, statt sich ständig weiter abzuwerten, kann Menschen dramatisch verändern. Gerade eben begleitet Hubka etwa Frau D., eine junge Wienerin, deren eigene Mutter sieben Kinder hatte, die von einem der wechselnden Männer in der Wohnung sexuell missbraucht wurde, mit zwölf Jahren auf der Straße landete, drogenkrank wurde und dann wegen Beschaffungskriminalität ins Gefängnis kam. „Irgendwann hat sie mich angesprochen, dass sie keinen Pflichtschulabschluss hat – und da habe ich mich eben darum gekümmert.“ Sie fragte bei Neuen Mittelschulen wegen einer Externisten-Prüfung an, bekam bei der vierten (!) Einrichtung eine Zusage und begann mit Frau D. zu lernen. „Sie hat dabei ein Potenzial entwickelt, das ich kaum fassen konnte“, erinnert sich Hubka. „Plötzlich hat diese Frau, die sonst so furchtbar derb geredet hat, völlig fehlerfrei und in gehobener Sprache Geschichten schreiben können.“ Die Hälfte der Prüfungen hat Frau D. bereits erfolgreich geschafft.
Jeden Menschen als wertvoll betrachten – und zwischen der Person und der Tat klar unterscheiden: Um diese Haltung bemüht sich Christine Hubka als Gefängnisseelsorgerin bei jeder einzelnen Begegnung. „Das ist ja auch der Kern der Rechtfertigungslehre in der evangelischen Theologie“, ist sie überzeugt: „Du hat einen eigenen Wert, ganz egal, welche wilden Sachen du auch aufgeführt hast.“
Dass auch sie selber keine leichte Kindheit hatte, hilft ihr dabei, im Gefängnis Beziehungen auf Augenhöhe aufzubauen.
„Du bist der letzte Dreck“: Das habe ihr ihre eigene, gutbürgerlich situierte, aber alkoholkranke Mutter regelmäßig deutlich gemacht. Auch anderen Menschen wurde oft und gern ihr Wert abgesprochen: „Juden und Zigeuner gehören vergast“, meinten Mutter und Großmutter, zwei stramme Nationalsozialistinnen, unisono. Die Schule und wohlmeinende Lehrkräfte waren für die kleine Christine die Rettung, mit 16 verließ sie schließlich ihr Elternhaus und ging dank eines Stipendiums in die USA. Nach der Geburt ihrer Kinder arbeitete sie ihre Prägungen auch noch therapeutisch auf.
„Diese Grundwut, von denen mir die Insassen erzählen, kann ich also wahnsinnig gut nachvollziehen“, erzählt Christine Hubka im „LOKal“. „Und auch ich selbst habe genug Blödsinn gemacht. Aber es hat immer wieder Menschen gegeben, die mir geholfen haben, an manchen Wegkreuzungen gerade noch die Kurve zu kriegen. Ich habe also wirklich nur Glück gehabt.“

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  22:06:39 07.18.2005