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39/2017 - Die klandestine Forschung
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Ungelesen 27.09.2017, 10:06
Die klandestine Forschung

Der Großteil des Wissens wird heute durch Konzerne, Militärs und Geheimdienste generiert – eine Gefahr für aufgeklärte Demokratien.


| Von Klement Tockner


Am 18. August 2017 hat das Innenministerium der USA die Akademien der Wissenschaften angewiesen, ihre Forschung zu den möglichen gesundheitlichen Folgen des offenen Kohleabbaus, bei dem ganze Bergkuppen abgetragen werden, mit sofortiger Wirkung einzustellen. Begründet wurde diese Entscheidung mit einer grundsätzlichen Überprüfung staatlicher Forschungsfinanzierung.
So ein Eingriff lässt einen fragen: Wie steht es eigentlich um die Unabhängigkeit der Forschung, insbesondere wenn wirtschaftliche, ideologische oder politische Interessen berührt werden? In Österreich ist die Freiheit der Wissenschaft durch Artikel 17 des Staatsgrundgesetzes geschützt – ebenso wie in Deutschland durch das Grundgesetz und in der Schweiz durch die Bundesverfassung. Gewährleistet ist die Freiheit von jeglicher staatlicher Einmischung bei der Wahl der Forschungsgebiete und Forschungsfragen, der Durchführung von wissenschaftlichen Arbeiten und der Verbreitung von Ergebnissen. Geschützt sind zugleich die Organisation und die Unterstützung von Forschung.

Privatisierung des Wissens

Das hehre Gut der wissenschaftlichen Freiheit wird derzeit aber durch tiefgreifende Veränderungen im gesamten Wissenschaftssystem bedroht. Ich möchte zwei dieser Entwicklungen aufzeigen.
Heutzutage werden in den Ländern der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) mehr als drei Viertel aller Investitionen in die Forschung durch Industrie, Militär und Geheimdienste getätigt, während der Anteil der öffentlichen Hand kontinuierlich abnimmt. Die amerikanischen Geheimdienste (NSA & Co) investieren mehr in Forschung und Entwicklung als Frankreich und Deutschland gemeinsam. Aber auch Konzerne wie Volkswagen oder Samsung haben jeweils ein höheres Forschungsbudget als Großbritannien. So entsteht Wissen, das in überwiegendem – und zunehmendem – Ausmaß nicht öffentlich zugänglich ist.
Erkenntnisse, welche durch die öffentliche Hand finanziert werden, stellen ein Gemeingut dar. Es bilden sich somit „Parallelwelten“ in der Wissenschaft: eine öffentliche und eine im Verborgenen. So entsteht Wissen außerhalb der öffentlichen Kontrolle, was wiederum tiefgreifende Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft haben kann. Es braucht daher massive Investitionen seitens der öffentlichen Hand in frei zugängliche Wissenschaft und Forschung, denn sonst werden wissenschaftliche Freiheit und Erkenntnis als Gemeingut mehr und mehr reine Lippenbekenntnisse.

Digitale Verhaltensüberwachung

Fast alle führenden Einrichtungen in den Computer-, Material- und Ingenieurwissenschaften liegen bereits in China und Südostasien, wo Forschungsfelder von hoher strategischer Bedeutung massiv ausgebaut werden. Ein drastisches Beispiel für zivilgesellschaftliche Auswirkungen einer rapiden Entwicklung in der Informationstechnologie und der künstlichen Intelligenz hin zur digitalen Verhaltensüberwachung des Menschen erleben wir in China. Dort wird ab 2020 landesweit ein individueller „Citizen Score“ eingeführt, wo in einer Art „Bonus-Malus-System“ jeder Bürger vermessen und kontinuierlich überwacht wird. Für soziales oder politisches Wohlverhalten gibt es Extrapunkte, welche dann über die Vergabe von Arbeitsstellen, staatlichen Leistungen oder Reisevisa entscheiden. Diese an George Orwells dystopische Visionen erinnernde Entwicklungen werden nicht auf China beschränkt bleiben. Es benötigt daher beides: eine starke, unabhängige Wissenschaftsgemeinschaft und eine ausgeprägte Zivilgesellschaft, wenn Missbrauch von Wissen verhindert und somit die Grundfesten unserer Zivilisation geschützt bleiben sollen.
Auch besteht ein massives Ungleichgewicht im Austausch von Daten und Informationen zwischen Europa und China. Der Zugang zu Informationen für Europäer in China ist ungleich schwieriger als es umgekehrt der Fall ist. Dies liegt auch daran, dass wir zu wenig über das chinesische Wissenschaftssystem wissen. „Go East“ sollte daher eine wichtige Option sein, insbesondere für Nachwuchswissenschaftler, um mehr über die dortigen Wissenschafts- und Innovationssysteme zu lernen.
Bei der Qualität und Integrität der Forschung darf es keine Abstriche geben. Wir dürfen Mittelmäßigkeit nicht zulassen, da damit ganze Forschungsbereiche für Jahre, ja Jahrzehnte lahmgelegt und Ressourcen verschwendet werden. Zugleich benötigt es eine massive ideelle wie finanzielle Stärkung der Grundlagenforschung. In den führenden Innovationsländern wie der Schweiz oder den Niederlanden werden knapp ein Drittel der Forschungsausgaben in diesen Bereich investiert. In Österreich ist es weniger als ein Fünftel. Nachhaltigkeit in der Forschung bedeutet auch Perspektiven für Wissenschaftler. In Österreich sind sie im Durchschnitt über 40 Jahre alt, bevor sie eine langfristige Karriereperspektive erhalten. Das ist zu spät, denn der weltweite Wettbewerb um die kreativsten Köpfe wird häufig schon innerhalb der jüngeren Generation entschieden.
Der Wissenschaftsbereich wird gerne mit einem Ökosystem verglichen, das sich durch zwei Merkmale auszeichnet: Es ist einerseits vielfältig und vernetzt, andererseits ist es ein offenes System. Mehr denn je gilt es, auch in der Forschung Vielfalt zu erhalten und zu stärken – Vielfalt der Wissensgebiete und Vielfalt an Forschungsansätzen – ebenso wie die Öffnung nach außen zu fördern. Die Anwendung weniger Leistungsindikatoren wirken dieser Vielfalt in der Wissenschaft entgegen, da Rankings und Hirsch-Faktoren ganz spezifische Typen an Wissenschaftlern befördern (mit Hang zur Polemik könnte man solche Indices als eine Art Science Citizen Score, basierend auf der Anzahl von Zitierungen, bezeichnen).

Ethischer Codex gefragt

Wissenschaftler müssen sich aktiv in den öffentlichen Dialog und politischen Diskurs einbringen. Wissenschaft muss auch unbequem sein! Und wir benötigen besonders hohe Standards in der Wissenschaft und einen ethischen Kodex, vergleichbar dem hippokratischen Eid. In Österreich gibt es die Agentur für wissenschaftliche Integrität (OeAWI), die bei Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten angerufen werden kann. Davon abgesehen müssen wir auch auf die möglichen Gefahren einer unkontrollierten Anwendung von Forschungsergebnissen im privaten und militärischen Bereich aufmerksam machen. Unser Anspruch muss sein, die Errungenschaften der Wissenschaft zum Erhalt des rechtsstaatlichen Fundaments unserer Demokratie und zum Erhalt von gesellschaftlichen Grundwerten, wie sie etwa in der Europäischen Menschenrechtskonvention festgeschrieben sind, zu nutzen.
Mehr denn je benötigen wir evidenzbasiertes Wissen sowie eine unabhängige Stimme der Vernunft, um die vielfältigen und komplexer werdenden gesellschaftlichen Herausforderungen bewältigen zu können – Herausforderungen, die wir oft noch gar nicht kennen. Dafür müssen wir neue Generationen an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ausbilden, die disziplinenübergreifend arbeiten und systemische Forschungsansätze verfolgen. Eine freie und unabhängige Wissenschaft bildet einen unverzichtbaren Grundpfeiler einer aufgeklärten Gesellschaft – im gleichen Sinn wie etwa Presse- oder Meinungsfreiheit. Dazu benötigt es aber mutige Entscheidungsträger und besonders aufmerksame Bürger, die dieses hohe Gut erhalten und ausbauen. Schlussendlich wird dies das
Europa von morgen definieren – ohne Anleihen bei Trump oder Orwell zu nehmen.


| Der Autor ist Präsident des Öster-reichischen Wissenschaftsfonds (FWF)
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