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39/2017 - Vorsicht vor der akademischen Sackgasse
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Ungelesen 27.09.2017, 10:18
Vorsicht vor der akademischen Sackgasse

Die Universitäten setzen bei ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern immer weniger auf Stammpersonal. Die Folgen sind unsichere Karrierewege, prekäre Verhältnisse und notorische Selbstausbeutung. Wie kann man dieser Entwicklung gegensteuern?


| Von Martin Tauss


„Abgelehnte Projekte, unterbezahlte Lehraufträge, an Professuren und längerfristige Stellen sowieso nicht zu denken ... Was bleibt da dem in Prekarität gehaltenen Wissenschafter-Subjekt schon übrig, als zum Kleinunternehmer seiner selbst zu werden, seine Kreativät von der digitalen Ökonomie ausbeuten zu lassen und eine ironische Firma ins Leben zu rufen?“
Anton Tantner hat es getan. Der Autor der oben zitierten Zeilen ist Historiker und Privatdozent an der Universität Wien, der sein Einkommen mit Lehraufträgen und befristeten Forschungsprojekten bestreitet. Lange schon reifte sein Plan für ein „Geschäftsmodell“ abseits der Uni, vor Kurzem ist nun sein „Adresscomptoir-T-Shirt-Shop“ online gegangen. Dort können T-Shirts, Pullover oder auch Kaffeetassen mit 15 „handverlesenen und wohlbedacht ausgewählten Hausnummer-Motiven“ erworben werden. Da gibt es etwa ein Sigmund-Freud-Shirt, bedruckt mit „Berggasse 19“ (der ehemaligen Adresse des berühmten Wiener Nervenarztes). Die „Boschstraße 24“ wiederum erinnert an die Kinderbuchautorin Mira Lobe und die „Rue de Vaugirard“ an den Philosophen Michel Foucault.

Rare Laufbahnstellen

Aber auch die Anhänger von Walter Benjamin, Rosa Luxemburg oder Wanda Sacher-Masoch kommen auf ihre Rechnung. Der Hintergrund dieser Geschäftsidee ist freilich stark mit Tantners akademischem Interesse verbunden: Denn der Historiker hat das Buch „Die Hausnummern von Wien“ (Bibliothek der Provinz, 2016) veröffentlicht und darin die verschlungenen Wege beleuchtet, welche die numerische Erfassung der Häuser in der Geschichte der Donaumetropole durchlief.
Der 47-jährige Tantner zählt zur großen Gruppe wissenschaftlich tätiger Personen, die nicht zum Stammpersonal der Universitäten zählen. Daten des Wissenschaftsministeriums zeigen, dass die Hochschulen immer stärker auf Lektoren und über Drittmittel finanzierte Wissenschafter zurückgreifen, die nicht an der Uni angestellt sind. Im Jahr 2005 belief sich der Anteil des universitären Stammpersonals noch auf 47 Prozent, 2016 waren es nur noch 39 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt sich, wenn man die Zahl der Forscher betrachtet, deren Arbeit aus sogenannten Drittmitteln, also im Wettbewerb eingeworbenen Stipendien abgedeckt wird.
Dieser Befund ist der Ausgangspunkt für Hans Pechar, der in einem Beitrag zum Sammelband „Zukunft und Aufgaben der Hochschule“ (s. Buchtipp S. 4) die Situation des akademischen Prekariats unter die Lupe nimmt. Der Hochschulforscher zählt dazu Personen mit befristetem Beschäftigungsverhältnis ohne realistische Aussicht auf Entfristung. Das betrifft vor allem drei Gruppen: Lektoren, Mitarbeiter in Drittmittel-finanzierten Projekten sowie auch Universitätsassistenten nach dem neuen Uni-Kollektivvertrag. Letztere haben, anders als früher, auch bei erfolgreicher Habilitation keine Garantie auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Denn sie müssten auf einen Wechsel auf eine Laufbahnstelle (die österreichische Variante des „Tenure Track“) hoffen, die jedoch zu selten angeboten werde, so Pechar: Ein Großteil des akademischen Personals geht in prekären Verhältnissen Beschäftigungen nach, „die es – nimmt man den Grundsatz der Einheit von Forschung und Lehre ernst – in diesem Ausmaß gar nicht geben dürfte“.

Expandierende Massenunis

Was steckt hinter dieser Entwicklung? Der Hochschulforscher sieht vor allem zwei wesentliche Triebkräfte: Da ist zunächst der steigende finanzielle Druck aufgrund expandierender Massenhochschulen, worauf die Universitäten mit Kostenreduktionen reagieren. Teures Lehrpersonal durch billigeres zu ersetzen, ist hier eine der wirksamsten Sparmaßnahmen. Am billigsten ist die Lehre durch befristete Lehrkräfte. Der zweite „Megatrend“ sei der Wandel der Forschungsfinanzierung, hin zu den Drittmitteln, die im Zuge der außeruniversitären Forschungsförderung vergeben werden. Ein Teil der in Drittmittelprojekten qualifizierten Nachwuchsforscher lande nun in einer Sackgasse, betont Pechar. Diese beginnt so richtig nach dem Doktorat, wenn auf eine akademische Karriere gesetzt wird.
Aber nicht jede befristete Beschäftigung ist gleich prekär: Die Nebenbeschäftigung von Personen, die fest außerhalb der Uni etabliert sind, biete etwa die Möglichkeit, das universitäre Lehrangebot durch praktische Erfahrungen zu ergänzen und bereichern. Das sollte das primäre Motiv für den Einsatz von externen Lektoren sein, so Pechar, der auch Lösungsansätze für das Problem der Prekarisierung diskutiert: etwa die Erhöhung der öffentlichen Hochschulausgaben, die aber realistischerweise nicht so hoch sein werden, dass dadurch mehrheitlich stabile Beschäftigungsverhältnisse zu erwarten wären. Eine andere Strategie müsste darauf abzielen, den Andrang der Studierenden von den Unis auf die Fachhochschulen umzuleiten. Ebenso plädiert Pechar für die Einrichtung von „Lehrprofessuren“ mit unbefristeter Beschäftigung, wo angesichts der aktuellen Erfordernisse die klassische Einheit von Forschung und Lehre aufgelöst wird.

Ständige Mobilisierung

Dass hier dringend strukturelle Änderungen vonnöten wären, verdeutlicht der Blick in das Leben der betroffenen Akademiker. Sandra Lehmann und Andrea Roedig haben in ihrem Buch „Bestandsaufnahme Kopfarbeit“ (Klever Verlag, 2015) Geisteswissenschafter der mittleren Generation herausgegriffen und zu einfühlsamen Interviews zu ihrem bisherigen Lebenslauf gebeten. Die Beispiele aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zeigen drastisch, wie sich der akademische Arbeitsmarkt in den letzten Jahren „zum Schauplatz eines eigenen Überlebenskampfes“ entwickelt hat: „Im akademischen Mittelbau entsteht so das Klima einer ständigen Mobilisierung, einer ständigen Hatz auf offene Stellen und Stipendien. Entweder man sucht oder man hat gefunden und sucht in der kurzen Phase der Sicherheit schon wieder weiter.“ Die Angst, die derzeit den akademischen Bereich dominiert, wird hier plastisch vermittelt. „Letztlich geht es immer genau so weiter, das ist ja das Schlimme“, sagt eine 46-jährige Literaturwissenschafterin mit Habilitation im Interview. Sie plagt die Idee, dass sie auch alles anders machen hätte können. „Der Gedanke, ‚ich hab jetzt mein Leben komplett verpfuscht‘ kam, als ich die Habil abgeschlossen hatte.“
Vorbei sind die Zeiten, in denen das Klischee vom Elfenbeinturm den Charakter geistiger Tätigkeit umreißen konnte. Dem Zwang zur Selbstvermarktung entkommt heute fast niemand mehr. Anton Tantner zeigt, dass dies auch mit einem Augenzwinkern ganz gut gelingen kann.

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