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40/2017 - Des Lebens Mühsal
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Ungelesen , 10:43
Des Lebens Mühsal

„Mut zur Faulheit“, Lob der Muße: Wer für solches plädiert, sollte genau sagen, was er meint, um nicht falschen Entwicklungen Vorschub zu leisten.

| Von Rudolf Mitlöhner

Es ist eigentlich kein gutes Wort: Arbeit. Die positiven Assoziationen – dass das etwas mit Selbstentfaltung, Würde gar zu tun habe – kamen erst später. In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird die Notwendigkeit des Arbeitens als Strafe für den Sündenfall dargestellt: Die Vertreibung aus dem Paradies bedeutet für den Menschen „Mühsal“ und „Schweiß“ (Gen 3). Aber auch sonst ist der Begriff tendenziell negativ konnotiert. In der berühmten Eingangsstrophe des Nibelungenliedes etwa ist die Rede „von grôzer arebeit“ – was sich in diesem Kontext auf die Mühen und Anstrengungen des Kampfes der „Helden“ bezieht. Auch das lateinische „labor“, welches Niederschlag in diversen Sprachen gefunden hat, bedeutet ursprünglich Mühe, Anstrengung, Last, genauer gesagt: das Wanken unter einer Last, woraus sich eine Verbindung zu „labil“ (schwankend etc.) ergibt.
Gleichzeitig wurde seit der Antike das Lob der Muße gesungen – wohl ähnlich jenem Zustand, welchen der Gott der Genesis „im Anfang“ für Adam und Eva vorgesehen hatte. Und seit jeher treiben den Menschen Vorstellungen von einem „anderen“ Leben, von Unter- oder Durchbrechung des Kreislaufs, von einem Vor- oder Rückgriff auf quasi-paradiesische Zustände um.

Zwischen Burnout und Abgehängt-Sein

Dies umso mehr, als seit der Industrialisierung Arbeit verstärkt auch als „Entfremdung“ wahrgenommen wird – und nochmals verstärkt gilt dies in Zeiten von „Industrie 4.0“ und Digitalisierung. Die Kluft zwischen „am Burnout vorbeischrammenden Hochqualifizierten“ (© Wolfgang Mazal; sie*he Seite 6) und von den Entwicklungen aus welchen Gründen immer Abgehängten wird zweifellos größer. Während Druck und Anforderungen steigen, wächst gleichzeitig die Sorge, dass uns die Arbeit ausgehen könnte. Keine Arbeit zu haben ist mindestens so belastend wie zuviel Arbeit. Wobei das, was als „zuviel“ empfunden wird, natürlich immer subjektiv – abhängig von der eigenen Belastbarkeit, Leistungsbereitschaft, Einstellung zur Arbeit etc. – abhängig ist.
Ein modisches Wort lautet Work-Life-Balance: also ein Ausgleich zwischen – als sinnstiftend empfundener – Arbeit und (Privat-)Leben. Freilich könnte man darin, dass man zwischen diesen beiden Bereichen überhaupt trennt, schon eine „Entfremdung“ erkennen. Aber das Streben nach Balance, nach Ausgewogenheit, (mit sich im) Einklang (Sein) ist gewiss etwas zutiefst Menschliches. Der in Frankfurt lehrende Philosoph Martin Seel hat das in seinem Vortrag beim Philosophicum Lech folgendermaßen ausgedrückt: „Permantente Aktivität wird anrüchig, sofern sie nicht von den Meriten einer Passivität in Zaum gehalten wird, die es erlaubt, sich in der Zwecktätigkeit die Grazie der Besinnung, im Bestimmenwollen den Charme des Sichbestimmenlassens, im Rechthabenwollen den Mut zum Nichtrechthabenmüssen zu erhalten“; es gehe um eine „Balance zwischen Verausgabung und Verweigerung, Zeitverschwendung und Zeitverwendung, Sicheinlassen und Seinlassen, Vorangehen und Innehalten“. Wer möchte das nicht! Indes fügt Seel hinzu: „eine Balance jedoch, von der […] gilt […], dass man sie […] immer wieder verfehlen muss, um sie einigermaßen halten zu können“.

Aus dem Gleichgewicht

So ist es: wir erreichen diese angestrebte Balance, so wie überhaupt das „gute Leben“, immer nur punktuell und im Modus der Annäherung. Die Vertreibung aus dem Paradies hat diese Balance zerstört, uns buchstäblich aus dem Gleichgewicht gebracht. Seither versuchen wir es wieder und wieder „im Schweiße unseres Angesichts“ zu erlangen.
Es hat freilich keinen Sinn über den Verlust des Paradieses zu lamentieren. Die Versuche seiner innerweltlichen (Wieder-)Herstellung haben sich allesamt als blutig erwiesen. Alles andere aber verweist in den Bereich der Transzendenz, ist eine Frage des Glaubens: die Paradieseserzählung als Projektion einer Welt jenseits von Schmerz und Tränen.
Es war keine geringe Leistung der Religion, zumal des Christentums, diese Spannung zwischen Dies- und Jenseits offenzuhalten, diesen Vorbehalt gegenüber allen innerweltlichen Heilsversprechen. Der entscheidende Vorteil lag in der Entlastungsfunktion für den Menschen. Oder, wie es Paul Zulehner gerne ausdrückt: Früher hatten die Menschen 40 Jahre und die Ewigkeit, heute haben sie 90 Jahre und nichts. Daraus, so Zulehner, resultiert ein enormer Stress: der Stress, alles oder zumindest möglichst viel in der verbleibenden Zeit unterbringen zu müssen, genauer gesagt: auf seine Rechnung zu kommen.

Larmoyante Saturiertheit

Das dürfte ein Schlüsselbegriff sein: auf seine Rechnung kommen. Dahinter steht ein Anspruchsdenken – über Jahrzehnte wohlfahrtsstaatlich politisch genährt und instrumentalisiert, aber auch durch ein nie gekanntes Ausmaß an Wohlstand, Freiheit und Sicherheit (scheinbar) gestützt – welches zunehmend an seine Grenzen stößt. Der zugrundeliegende Irrtum lässt sich vielleicht am besten im ehemaligen Slogan eines Populär-Radiosenders auf den Punkt bringen: „Das Leben ist ein Hit.“ Ist es nicht. War es nie. Aber das Versprechen, eigentlich müsste es so sein, erzeugt enormen Druck. Es ist die perfekte Anleitung zum Unglücklichsein.
Es steht aber auch in Zusammenhang mit jenem Verlust an Leistungs- und Anstrengungsbereitschaft, von dem Lehrer an Schulen und Universitäten ebenso ein Lied zu singen wissen wie Unternehmer, die nach qualifizierten Arbeitskräften suchen. Es steht letztlich in Zusammenhang mit jener etwas larmoyanten Saturiertheit, welche Österreich und auch Europa als Ganzes für die Zukunft nur bedingt wettbewerbsfähig (im geistigen, kulturellen und ökonomischen Sinn) erscheinen lassen.
Wer heute für „Mut zur Faulheit“ (so der Titel des diesjährigen Philosophicum Lech) plädiert, müsste daher ganz genau sagen, was er damit meint, um nicht falschen Entwicklungen Vorschub zu leisten: Ja, Innehalten und Muße sind wichtig. Ja, unsere Arbeitswelt und unsere Erwerbsbiographien werden sich weiter ändern. Aber des Lebens Mühsal wird uns auch künftig nicht erspart bleiben. Und die Zukunft wird denen gehören, die darum wissen und sich positiv dazu stellen. Bei ihnen wird sich dann auch am ehesten jene oben erwähnte Balance einstellen, die wir doch „immer wieder verfehlen“.


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