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43/2017 - Zusammenraufen und reüssieren
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Ungelesen , 08:22
Zusammenraufen und reüssieren

Konkurrenz und Kooperation sind evolutionär ausgebildete Strategien bei Tier und Mensch:
Sie zu durchschauen, ist für unsere Zukunft essenziell.


| Von Kurt Kotrschal

Unser Zusammenleben entfaltet sich auf allen Ebenen, in der Partnerschaft, in Familie, Schule, den Vereinen, in der Gesellschaft, zwischen den Polen von Konkurrenz und Kooperation. Wir arbeiten etwa wissenschaftlich mit Wölfen, weil ihr Leben, wie auch das der Menschen, von Kooperation geprägt ist. Aber auch von Konkurrenz, die bis zum Massakrieren „der Anderen“ eskalieren kann. So ist es ein großes Forschungsziel, die aus dem evolutionären Geworden-Sein stammenden biologischen und psychologischen Gesetzmäßigkeiten des Zusammenlebens zu verstehen. In einer aus allen ökologischen und politischen Fugen geratenen Welt wird dieses Thema immer heißer. Schließlich geht es um das Überleben unserer Nachkommen, wenn wir uns heute bemühen, Artensterben und Erderwärmung zumindest zu bremsen. Ihnen eine heile Welt zu hinterlassen, ist ohnehin nicht mehr möglich. Es gilt, die steinzeitlichen Muster der Kooperationsbereitschaft innerhalb unserer Gruppen, aber auch der reflexartigen Konkurrenz mit „den Anderen“ bewusst zu machen.

Kämpfen gegen „die Anderen“

Kooperieren ist für uns Menschen derart selbstverständlich, dass es verwunderlich scheint, sich auch nur Gedanken darüber zu machen. Wäre da nicht oft die unangenehme Anmutung, dass selbst die kooperativsten Menschen konkurrieren können. Und das nicht nur über effizientes Handeln, also durch besseren beziehungsweise schnelleren Umgang mit Ressourcen, sondern auch aggressiv oder sogar in boshafter Weise, billigend in Kauf nehmend, dass andere geschädigt werden. Als menschliche Universalie, die mit anderen Tieren mit ähnlicher Sozialstruktur geteilt wird, kooperieren Menschen auch beim Kämpfen gegen „die Anderen“. Die staatlich kultivierte Kunstform davon bezeichnet man bekanntlich als Krieg. Kooperation und Konkurrenz können also verzahnen, und zwar nach Regeln, die in der Evolution grundgelegt wurden und die mentale Verfasstheit von Menschen und anderen Tieren zutiefst geprägt haben.
Evolutionäre Strategien sind per se weder gut noch böse. Es geht um die Wahrung des eigenen Vorteils, bei komplex sozial organisierten Tieren auch des Wohls der eigenen Gruppe. Ob kooperiert wird oder nicht, hängt von den Umständen ab: Am ehesten klappt es zwischen Verwandten, zwischen Freunden, und in der Erwartung, dass der Partner ebenfalls kooperiert. Dass dies nicht immer der Fall sein muss, beschäftigte in Form des „Gefangenendilemmas“ bereits Generationen von Biologen und Wirtschaftswissenschaftlern. Darin können sich zwei Gefangene, die eines gemeinsamen Verbrechens beschuldigt werden, jeweils zwischen Kooperation und Betrug entscheiden, ohne dabei die Entscheidung des anderen zu kennen.
Aber Konkurrenzverhalten ist nicht einfach die andere Seite von Kooperation. Die Asymmetrie zwischen den beiden zeigt sich bereits in den Google-Hits für die englischen Schlagwörter „cooperation“ (247 Millionen) und „competition“ (905 Millionen). Zumindest in unserer Kultur ist ja Zusammenarbeit eher positiv besetzt, während dem Konkurrieren nicht selten ambivalent oder ablehnend begegnet wird. Die meisten dieser Google-Hits hängen mit Wirtschaft zusammen, in der – wie auch im Prozess der Evolution – Konkurrenz als zentraler Motor fungiert. Dennoch wird von Managern und Coaches die Kooperation beschworen, was den Verdacht erregt, es handle sich nicht selten um das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Kein Wunder, denn es liegt offenbar in der menschlichen Natur, dass man sich dem Gegeneinander recht problemlos hingibt, während das Miteinander meist Mühe macht. Davon profitiert eine boomende Coaching-Industrie.

Egoismen und Altruismen

Aus evolutionärer Sicht finden sich zwei Antworten zur Asymmetrie zwischen Konkurrenz und Kooperation: Erstens kam die auf geistiger Leistungsfähigkeit beruhende Kooperation stammesgeschichtlich sehr viel später in die Welt als die Konkurrenz. Letztere ist daher auch im Menschenhirn tief eingeschrieben, während erstere mühsam vom Stirnhirn unter Assistenz des limbischen Systems erarbeitet werden muss. Und zweitens entstanden Kooperation und das soziale Instrument der Moral erst mit dem Auftreten komplex organisierter Gruppen. Bei Mensch oder Wolf hängt der individuelle Erfolg vor allem auch davon ab, dass es der Gruppe gut geht. Damit entsteht ein labiles Gleichgewicht zwischen den Gruppen- und Individualinteressen. Konflikte zwischen Egoismen und Altruismen sind vorprogrammiert. Wenn dem nicht so wäre, bräuchten wir ja weder Ethik noch Regelwerke, ja nicht einmal ein Gewissen oder ein Gefühl für Fairness.
Bislang war hier vor allem von einer vorwiegend kognitiv gesteuerten Kooperation die Rede. Allerdings tauchten erst relativ spät in der Stammesgeschichte Tiere mit einer geistigen Leistungsfähigkeit auf, die diese Bezeichnung auch verdient. Zuvor war die Kooperation innerhalb oder zwischen den Arten stark instinktgesteuert. Und bis heute führen die Instinkte immer noch stark Regie beim Konkurrenzverhalten. Es wäre aber irreführend, eine rein instinktgesteuerte Kooperation der rein kognitiven gegenüberzustellen: Von der Biene bis zum Menschen werden konkrete Kooperationen immer von wechselnden Anteilen beider Komponenten getragen. Vorwiegend instinktgesteuert ist die Wechselbeziehung zwischen Anemonenfischen und ihren nesselnden Seeanemonen, die sich aber eher als Ausbeutung der Anemone durch den Fisch herausstellte denn als echte Symbiose. Reiz-reaktionsgesteuert sind auch die im Ergebnis oft komplexen Kooperationsmuster bei den sozialen Insekten (Insektenstaaten), die aber meist einfachen Regeln folgen.
Selbst am Beginn der Evolution von Zellen mit echtem Zellkern und der Vielzeller vor etwa 600 Millionen Jahren stand eine Art von Kooperation: Einzellern, die bereits über ein Knäuel von DNS verfügten, verleibten sich Cyano-Bakterien ein. Diese entwickelten sich zu den Chloroplasten, also den Werkzeugen der Photosynthese, und den Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen – sicherlich keine reine „Versklavung“, sondern eine Art Geben und Nehmen, von dem beide Partner profitierten. Dadurch wurde das evolutionäre Potenzial dieser Zellen erheblich gestärkt, was mit die Voraussetzung dafür schuf, dass der Stammbaum des Lebens komplexe Wesen wie Bäume, Vögel, Säugetiere und nicht zuletzt den Menschen hervorbringen konnte.

Projekt der Aufklärung

Alle Organismen konkurrieren um begrenzte Ressourcen. Bakterien um Nährstoffe, Pflanzen um Licht etc. Aber nicht alle Organismen arbeiten mit anderen zusammen, weil Kooperation auf Basis von Denkfähigkeit viel komplexer gestrickt und stammesgeschichtlich viel später entstanden ist. Darum steckt Konkurrenzbereitschaft auch viel tiefer in unseren Hirnen als die Bereitschaft, freundlich zum beidseitigen Wohl zusammenzuarbeiten. Das Gegeneinander funktioniert quasi von selbst bereits bei Vorschulkindern, während das Miteinander erst langsam durch Sozialisierung und Bildung reifen muss.
Mit fächerübergreifender Forschung zu den Mechanismen und Funktionen von Kooperation und Konkurrenz lässt sich die Natur unserer stammesgeschichtlich entstandenen Irrationalität unterlaufen. Denn es gehört zum Wesen evolutionär angelegter Strategien, dass sie sich nicht einfach dem logischen Denken erschließen, ja mit diesem vielfach nicht verträglich sind. Empirische Untersuchungen hingegen eröffnen Einsicht in diese evolutionäre Voreinstellungen und in die daraus resultierenden Verhaltensmuster. Ein Projekt der Aufklärung also, denn erst die Einsicht in diese Zusammenhänge ermöglicht informierte Selbstbestimmung und unterstützt ganz wesentlich unsere Handlungsfreiheit.


| Der Autor ist Professor für Verhaltensbiologie an der Univ. Wien und u. a. wissenschaftlicher Leiter des Biologicum Almtal
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  23:28:55 07.19.2005