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46/2017 - Göttliche Grenzwerte
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Alt , 02:48
Göttliche Grenzwerte

Das Bedürfnis nach Grenzen wird durch die Religion nicht beseitigt. Sie verschiebt die Trennlinien vielmehr in imaginäre Räume – und pflegt dort irdische Feindbilder.


| Von Theresia Heimerl


Der biblische Schöpfungsbericht ist ein bildgewaltiges Narrativ der Grenzziehungen: Tag – Nacht, Land – Meer, Tier – Mensch, Mann – Frau. Davor war grenzenloses Durcheinander. Grenze ist ein Definitionsbegriff, der Ordnung möglich macht. Lange vor jeder staatlichen Ordnung, jeder politischen Grenze setzen die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam die von einem allmächtigen Gott geschaffenen Grenzen an und in ihrer Logik daher folgerichtig als absolut.
Dies gilt vor allem für die eine, letzte Grenze: Gott und Schöpfung. Die Welt, wie wir sie kennen, sprich mit Übel, Leid, Tod, verdankt sich einem gescheiterten Grenzübertrittsversuch seitens des Menschen: Wir wollen sein und leben wie Gott, weg mit der Grenze des Geschöpflichen, steht auf dem Transparent, das Adam und Eva im Garten Eden hochhalten, der erste Griff zum Baum jenseits dieser Grenze ist schon getan. Und auch der letzte: Die Grenzüberschreiter werden so weit weg verbracht, dass sie nicht einmal einen Blick auf das Eintrittstor in die göttliche Existenz werfen können, die Mauer rund um das Paradies ist zu hoch und der Grenzbeamte schwer mit Flammenschwert bewaffnet.
Seitdem, so die biblische Botschaft, lebt der Menschen irgendwo draußen, weitab in der kargen Wüste, unter schweißtreibenden Arbeitsbedingungen und mit schlechter medizinischer Versorgung, insbesondere für Frauen ist die Situation buchstäblich schmerzhaft.
Die Grenze wird in Folge dieses Traumas fast zu einer Obsession, die Bücher des Alten Testaments sind voll von Grenzgeschichten. Die Bücher Levitikus und Numeri sind Grenzdefinitionen, bis ins letzte Detail werden die Grenzen von Rein und Unrein, Erlaubt und Verboten, Wir und die Anderen festgeschrieben. Der Kampf darum, in der steinigen Wüste jenseits des Gartens Eden wenigstens ein Fleckchen Land zu haben, an dessen Grenzen man alle anderen Völker gerne auch mit Gewalt und Billigung des obersten Grenzherrn draußen halten kann, entfaltet sich im Alten Testament auf vielen Schriftrollen und mit erzählerischer Opulenz. Eine wesentliche Botschaft dieser Texte lautet: Wer die von Gott gesetzten Grenzen penibel (be)achtet, darf mit Unterstützung der eigenen Grenzansprüche rechnen. Umgekehrt wird eine laxe Auslegung der religiösen Grenzen, insbesondere in Sachen Monotheismus und Moral, mit dem Verlust der eigenen Grenzen durch feindliche Übertritte und Plünderungen bestraft.

Die Frohbotschaft der Grenze?

Die Frohbotschaft des Christentums, das sich aus der Auseinandersetzung mit immer spitzfindigeren Interpretationen des tradierten Grenzgesetzeswerks entwickelte, sei eben seine Grenzenlosigkeit gewesen, wird heute von Apologeten gerne ins Treffen geführt. Ob, Korinth, Jerusalem oder Rom – Christen sind alle Brüder (und Schwestern). Grenzen von Rein und Unrein, Sabbath und Arbeitstag waren gestern, sogar die große Grenze zur direkten familiären Nachbarschaft mit dem Allerhöchsten rückte wieder in Sichtweite, ja ihre endgültige Überwindung und ein Leben Tür an Tür in den vielen himmlischen Wohnungen versprach die neue Religion. Die Überschreitung der Grenze hin zum großen Gott wurde zentrales Programm.
Wer die beeindruckenden Zeugnisse christlicher Weltdeutung an den Portalen gotischer Kirchen betrachtet, sieht dennoch alles andere als eine große glückliche Menschheitsfamilie im grenzenlosen Himmelsgarten. Scharf abgegrenzt stehen dort die Seligen über den Verdammten, die von monströsen, klauenbewährten Grenzsoldaten in schweren Ketten und mit Schlagstöcken abgeführt werden – ein Bild der Abschreckung, wie es wohl nicht einmal der Herrscher unseres östlichen Nachbarlandes mit der initialbetonten Sprache veröffentlichen würde. Und im Vergleich zu dem, was sich dort abspielt, wohin die an der Himmelstür Abgewiesenen gebracht werden, ist der steinige Ackerboden außerhalb der Paradiesesmauer schon fast ein humanitäres Resettlementprogramm. Nur für unbegleitete (ungetaufte) Minderjährige gibt es mit dem Limbus puerorum ein nicht ganz so schreckliches Auffanglager. Draußen bleiben sie trotzdem.
Das Christentum hat in der Tat jenen universalistischen Anspruch, der territoriale Grenzen bedeutungslos werden lässt. Die Heimat des Christen und der Christin kann überall sein, nicht nur auf einigen Quadratkilometern verheißenem Land. Diese theologische Grundoption hat das Christentum nie aufgegeben, auch wenn mittelalterliche Urkundenfälschungen zu Gunsten des Papstes, Landes- als Konfessionsgrenzen in Folge der Reformation und andere realgeschichtliche Ereignisse diesem Ideal widersprechen. Auch soziale und ethnische Grenzen werden in der Nachfolge Christi bedeutungslos – nicht mehr Jude noch Grieche, Sklave oder Freier verkündet Paulus enthusiastisch und setzt noch geschlechtergerecht drauf: weder Mann noch Frau (Gal 3,28). Und bis auf die letzte kühne Grenzüberschreitung der Geschlechter hat das Christentum diese Grenzenlosigkeit zumindest idealiter immer ernst genommen.

Imaginäre Geografie

Ganz wohl war den Christen aber offenbar so gänzlich ohne Grenzen nach der ersten Euphorie aber doch nicht. Die wirkliche Grenze, die man zuerst hochzuhalten und dann, ab 313, mit staatlicher Hilfe auch hochzuziehen beginnt, ist just jene der Religion. Die Religionszugehörigkeit wird zur einzigen wirklichen Grenze im christlichen Abendland, und sie bestimmt, wer „drinnen“ ist in der Region der ewigen Seligkeit oder „draußen“, in unerträglicher Hitze, bei Schwefeldunst unter Heulen und Zähneknirschen. Die Grenzen des Christentums werden in die Vertikale verlagert, weg von der realen in die imaginäre Geografie, sie verlaufen von oben (Himmel), nach unten (Hölle) und erstes Kriterium der Staatszugehörigkeit ist das christliche Glaubensbekenntnis. Historisch und menschlich ist diese Errichtung eschatologischer Grenzen in einer Epoche des Zerfalls aller irdischen Grenzen unter innenpolitischer Misswirtschaft der römischen Kaiser und äußerer Destabilisierung durch diverse barbarische Grenzübertritte verständlich. Wer sieht, wie ungewaschene blonde Germanen römische Frauen vergewaltigen und Jahrhunderte alten Besitz umverteilen, will wenigstens im Jenseits klare Grenzen und effizienten Grenzschutz. Und da Grenzen nur Sinn machen, wenn es jemanden gibt, den man draußen halten kann, wurde die Liste der Illegalen im christlichen Abendland immer neu upgedatet: Häretiker, jüdische Gottesmörder und natürlich, weil immer zur Hand, Sünder aller Art – Sie alle müssen draußen bleiben aus dem himmlischen Reich.
Was täten sie wohl, die Bischöfe und Theologen heute, würden all die Sünder und Häretiker, Ungläubigen und Gottesleugner an der Grenze zum Himmel stehen und um Asyl ansuchen vor der Hölle und den teuflischen Folterknechten? Ein eschatologisches Refugees-welcome-Schild halten bisher nur sehr wenige Kirchenmänner in Händen.
Das Bedürfnis nach Grenzen, so zeigt uns gerade die jüdisch-christliche Religionsgeschichte, ist groß und wird durch die Religion nicht beseitigt. Religion kann dieses Bedürfnis durch ein mythologisches Narrativ erklären, sie kann die Grenzen von der Geografie weg in religiöse Normen und imaginäre Räume verschieben. Und sie kann Grenzen und Grenznarrative gerade aus der eigenen ambivalenten Tradition heraus kritisch hinterfragen – am glaubwürdigsten täte sie das, wenn sie mit den eigenen dies- und jenseitigen Begrenztheiten anfinge.

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  12:47:30 05.13.2005