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47/2017 - Im Zeitalter der Perversion
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Alt 09.04.2005, 02:19
Im Zeitalter der Perversion

Noch nie waren lustvolle Grenzüberschreitungen so normal wie heute. Die Geschichte des Abgründigen tritt somit in eine neue Phase.

| Von Martin Tauss

Ist es nicht schon abartig, wenn ein Kunstwerk für über 450 Millionen Dollar versteigert wird, wie dies unlängst für Leonardo da Vincis Gemälde „Salvator Mundi“ aus New York vermeldet wurde? Ist es noch normal, wenn der aktuelle US-Präsident nach einer Amtszeit von nur 298 Tagen bereits mehr als 1600 falsche und irreführende Behauptungen aufgestellt hat, wie ein Faktencheck der Washington Post nachweist? Und ist es nicht pervers, wenn die menschenverachtenden Schriften eines Marquis de Sade von manchen Intellektuellen als radikale Vollendung der Aufklärung gefeiert werden?
Der französische Adelige gilt gleichsam als Papst der Perversion – eine der schockierendsten Gestalten der europäischen Kulturgeschichte, dessen literarisches Vermächtnis viele Künstler und Theoretiker inspiriert hat. Seine Skandalwerke sind voller Sex- und Gewaltorgien und beschreiben etwa in „Die 120 Tage von Sodom“ (1785) grausame Missbrauchshandlungen. Mit seinem ausschweifenden Leben bot der durchgeknallte Graf selbst jede Menge Stoff für Filme und Romane. Zu zweifelhaftem Ruhm gelangte er auch als Namensgeber für den Begriff des Sadismus, der die Lust bezeichnet, Anderen Schmerz zuzufügen.

Bestialische Täter und unschuldige Opfer


Was aber alles noch „pervers“ ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Das Spektrum der Bedeutungen ist breit: Es reicht von harmlosen Schrullen bis zu den schlimmsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte. Heute wird der Begriff oft reduziert auf den pikanten Bereich der sexuellen Neigungen. Ursprünglich bezieht sich das Attribut, im 16. Jahrhundert aus dem Französischen entlehnt, auf etwas, das im weiteren Sinn als widernatürlich empfunden wird. Die Wortwurzel liegt im Lateinischen: „Perversus“ heißt „verkehrt, verdreht, schlecht“, das zugehörige Verb „umkehren, umstürzen, verderben“. Das Perverse ist also eine Abweichung ins Bizarre, Abnorme und Krankhafte. Es geht gegen den Strich der Normen und Sitten, Konventionen und Gesetze – und ist eine menschliche Eigenschaft, die wie das Verbrechen dem „Homo sapiens“ vorbehalten bleibt.
Eine Geschichte der Perversion muss sich jedoch nicht nur mit monströsen Verbrechen und bestialischen Mördern wie „Blaubart“ Gilles de Rais, Jack the Ripper oder der ungarischen Blutgräfin Elisabeth Báthory herumschlagen, schreibt die Psychoanalytikerin Élisabeth Roudinesco, die mit ihrem Buch „Our dark side“ (Polity Press 2009, frz. Original 2007) ein solches Projekt vorgelegt hat. Es gilt auch zu bedenken, dass die Stigmatisierung als „pervers“ von den religiösen, politischen und medizinischen Autoritäten vorangetrieben wurde und zur Ausgrenzung, Abwertung und teils grausamen Ausmerzung von Menschen beigetragen hat, die mit ihren lustvollen Grenzüberschreitungen keiner Fliege etwas zuleide getan haben. Vor allem auch der Hintergrund ist zu beleuchten, vor dem die Perversion als spezifische Abweichung zutage tritt. Denn jede Zeit hat ihren eigenen „dunklen Spiegel“, so Roudinesco, die einen weiten historischen Bogen spannt – von den abseitigen Praktiken mittelalterlicher Mystiker bis hin zu aktuell diskutierten Phänomenen des Perversen wie Pädophilie, Zoophilie (sexuelle Vorliebe für Tiere), Terrorismus und Transsexualität. Die Geschichte der Perversion sollte nicht zuletzt die künstlerische Imagination in den Blick nehmen, wo liebend gern verpönte Tendenzen verhandelt werden. Perversion provoziert große, oft provokante Kunst: Ohne die Werke von Oscar Wilde und Jean Genet, von Alfred Hitchcock und Pier Paolo Pasolini beispielsweise wäre die Literatur- und Filmgeschichte wohl um vieles ärmer.

Spirituelle Reinigung und sexuelle Praxis

Perversion eröffnet sowohl kreative als auch destruktive Möglichkeiten, so Roudinesco. Dass die niedersten Triebe und die höchsten Aspirationen des Menschen nahe beieinander liegen, zeigt sich besonders deutlich in der Geschichte der Flagellation, der freiwilligen Selbstgeißelung. Bereits den urzeitlichen Schamanen diente die Rute als Mittel zur Ekstase, in vorchristlicher Zeit war sie Teil von Fruchtbarkeitsriten. Ab dem 11. Jahrhundert wurde die Peitsche von christlichen Mönchen als Instrument eingesetzt, um moralische Laxheit zu bestrafen und den lustbegabten irdischen Körper in einen mystischen Leib zu transformieren. Im Mittelalter wurde daraus eine populäre Bewegung, die der kirchlichen Kontrolle entglitt. Horden weiß gekleideter Männer wanderten durch die Gegend, sangen Hymnen, schwenkten Kreuze und geißelten regelmäßig ihre oft blutigen Rücken. Bald schon erschienen sie wie besessen von den dämonischen Leidenschaften, die sie eigentlich bekämpfen wollten. Im 16. Jahrhundert war unübersehbar, dass der Umgang mit der Peitsche bei den Flagellanten eine libidinöse Komponente erhalten hatte, zumal nun der ganze Körper, vorzugsweise das Gesäß, malträtiert wurde. Die Rute wanderte von oben nach unten: Ein Ritual der spirituellen Reinigung geriet zu einer sexuellen Praxis, die später von bekennenden Perversen wie dem Marquis de Sade lustvoll aufgegriffen wurde. 1870 erschien Leopold von Sacher-Masochs Novelle „Venus im Pelz“ (1870), die eine despotisch geprägte Liebesbeziehung beschreibt; bald danach wurde die Flagellation von Psychiatern als prototypisches Verhalten in einer sadomasochistischen Beziehung klassifiziert.
Seit Sigmund Freud ist es unmöglich, immer nur die Anderen als „pervers“ zu bezichtigen: In seinen wegweisenden Schriften hat der Wiener Nervenarzt erläutert, wie Kleinkinder in ihrer natürlichen Entwicklung Stadien durchlaufen, in denen sie aus den verschiedensten Körperregionen Lust beziehen können. Und das Kind ist laut Freud hemmungslos vergnügungssüchtig; es schert sich keinen Deut um Konventionen, da es diese noch gar nicht kennt – es ist „polymorph pervers“.

Genusszwang und Steigerungslogik

Folgt man einer psychoanalytischen Kulturkritik, ist dieses frühkindliche Verhalten zum Leitmotiv der modernen Gesellschaft geworden. Denn im Kapitalismus unserer Zeit wird der Konsum über die Verführung zum Genuss angekurbelt. Der neue gesellschaftliche Imperativ eines exzessiven Hedonismus hat den Imperativ der Mäßigung und Entsagung verdrängt, der für traditionelle patriarchalische Gesellschaften noch prägend war. Der latente Konsum- und
Genusszwang folgt einer Steigerungslogik und geht einher mit einer impliziten Forderung nach Überfluss, Übertretung und Abweichung. Was gestern noch Vergnügen bereitet hat, muss heute schon viel intensiver, schriller und prickelnder sein. Wir leben in einer perversen Gesellschaft, diagnostiziert Élisabeth Roudinesco.
Mit dem Internet kommt ein weltumspannendes Medium hinzu, über das jeder noch so entlegene Konsumwunsch sofort per Knopfdruck erfüllt werden kann. Ein Medium übrigens auch, das einen ganzen Kosmos sexueller Inhalte enthält und der Pornografisierung der Gesellschaft Vorschub geleistet hat. Bilder und Videos aller erdenklichen Sexualpraktiken sind hier nur ein paar Mausklicks entfernt. Doch die zunehmende Sichtbarkeit und Inszenierung des Perversen ist wahrscheinlich erst der Anfang einer viel größeren Umwälzung, die mit der weiteren technologischen Entwicklung hereinbrechen wird. Stehen wir gar an der Schwelle eines „perversen Zeitalters“, wie Danielle Knafo und Rocco Lo Bosco prognostizieren?
In ihrem Buch „The Age of Perversion“ (Routledge, 2016) gehen die Autoren davon aus, dass die Maschinen bald immer menschenähnlicher werden: Roboter und andere künstlich intelligente Wesen werden sich in unserem Alltag nützlich machen; und es wäre naiv zu glauben, dass die Annäherung von Mensch und Maschine nicht auch zu neuen Formen der Intimität führen wird (siehe Seite 6). In den nächsten Jahrzehnten wird das Menschsein überhaupt völlig neu definiert, glauben Knafo und Lo Bosco. Das ist genau die Frage, die unserem abgründigen Thema zugrunde liegt: Was
bedeutet es eigentlich, Mensch zu sein?

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