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47/2017 - Zwischen Sadismus und falscher Liebe
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Alt , 03:27
Zwischen Sadismus und falscher Liebe

Jonni Brem arbeitet mit Sexualstraftätern und pädophilen Männern: Was bringt Menschen dazu, ein Kind sexuell zu missbrauchen? Und was kann sie daran hindern?


| Von Mickey Manakas


In der griechischen Mythologie ist „Elysion“ die Insel der Seligen. In der Kriminalgeschichte steht das lateinische „Elysium“ hingegen für einen der schockierendsten Fälle von Kindesmissbrauch in der letzten Zeit. Etwa 90.000 Personen haben auf der gleichnamigen Online-Plattform im geheimen „Dark-Net“ kinderpornografisches Bildmaterial ausgetauscht und sich zu sexuellem Missbrauch von Kindern verabredet. Anfang Juli dieses Jahres konnte die Plattform zerschlagen werden, Dutzende Täter aus Deutschland, aber auch aus Österreich wurden verhaftet – darunter ein Mann aus Wien-Favoriten, der seine eigenen Kinder sexuell misshandelt und sie fremden Männern „zur Verfügung“ gestellt hatte.

Tausende Opfer – und Täter

Was bringt Menschen dazu, Derartiges zu tun? Was treibt einen Vater, seine eigenen Kinder zu „verkaufen“? Eine einfache Antwort ist in Unkenntnis des konkreten Falles schwierig, betont der Sexualtherapeut und Psychologe Jonni Brem. „Ein sadistischer Faktor ist hier aber wahrscheinlich. Es ist auch denkbar, dass es – ähnlich wie bei Eltern, die ihre Kinder früh in Castingshows oder Modellagenturen unterbringen wollen – um das Erfüllen elterlicher Wünsche oder finanzieller Vorteile geht.“
Seit Jahren leitet Brem die Männerberatung in Wien, einen Verein, der psychologische, soziale und juristische Beratung zu unterschiedlichsten Themen anbietet. Auch die Arbeit mit Sexualstraftätern und pädophilen Männern gehört zu seinem Aufgabengebiet. Und der Bedarf ist groß: Alleine in Österreich werden jedes Jahr über 200 Missbrauchstäter verurteilt (davon nur ein bis drei Frauen). Nach Schätzungen handelt es sich dabei jedoch nur um fünf Prozent der tatsächlich verübten Sexualstraftaten gegenüber Kindern und Jugendlichen. Man muss also mit tausenden unerkannten Tätern – und Opfern – rechnen.
Die Möglichkeiten des Internets und der sozialen Medien haben dabei nicht nur neue Straftatbestände geschaffen, es ist durch sie auch wesentlich einfacher geworden, an kinderpornografisches Material zu kommen und sich zu vernetzen, erklärt Brem. Die Wiener Männerberatung arbeitet deshalb
speziell mit Personen, die sich in Online-Spielwelten bewegen und Missbrauchsfotos heruntergeladen haben. „Sie entdecken einen Reiz daran, sich mit etwas Verbotenem zu beschäftigen und entwickeln eine Art Sammelleidenschaft“, weiß der Psychologe. Durch die vergrößerte Reichweite und die scheinbare Anonymität verschwinden zudem (innere) Grenzen – und Taten werden auch immer öfter online geteilt.
Was konkrete Fälle sexueller Gewalt betrifft, so sind fremde Überfallstäter oder sogenannte „Groomer“, die sich langsam den Kindern annähern und das Vertrauen der Eltern gewinnen wollen, eher die Seltenheit. Drei Viertel aller Täter kommen dagegen aus dem engsten Familienkreis. Warum sich diese Menschen an ihnen bekannten Kindern vergehen, hat laut Brem unterschiedliche Ursachen. Meist handelt es sich um „Konflikt-Täter“, die ihre Probleme mit sexuellen Handlungen an Kindern zu kompensieren versuchen. Nach Entdeckung und rechtlicher Aufklärung haben sie eine geringe Rückfallgefährdung. Bleibt die Tat jedoch unentdeckt und die Übergriffe finden über einen längeren Zeitraum statt, kann sich das Verhalten verfestigen.

Kinder als „Ersatz“

Dass manche Männer selbst ihre leiblichen Kinder missbrauchen, ist nach Brem nur so zu erklären, dass solche Inzesttäter Hürden und Tabus ausblenden und für sie einzig die Gelegenheit spürbar wird. Viele Täter setzen sich zudem sehr stark mit ihrer Sexualität auseinander: „Sie sind hypersexualisiert und schnell frustriert, wenn etwas nicht funktioniert, wie sie möchten.“ Für manche seien Kinder auch ein Ersatz, weil sie sich nicht trauen würden, sich auf erwachsene Personen einzulassen. Nur fünf bis zehn Prozent aller Sexualdelikte werden laut Brem von Tätern begangen, die tatsächlich „pädophil“ sind.
Doch was bedeutet „Pädophilie“ eigentlich? Nach internationalen psychiatrischen Diagnoseschemen wird sie als „überdauerndes Verhalten, von Kindern sexuell erregt zu werden“, beschrieben. Therapeuten unterscheiden zwischen „Pädophilie“, also der (sexuellen) Hingezogenheit zu Kindern, und „Pädosexualität“, der konkreten sexuellen Handlung. Zwar führen viele pädophile Männer auch Beziehungen zu gleichaltrigen Personen, erleben diese aber häufig nicht als erfüllend. Bei „Kernpädophilen“ ist dies jedoch ausgeschlossen, da sich sämtliche sexuellen Wünsche an ein bestimmtes Geschlecht und eine bestimmte Altersspanne richten.

Pädophilie versus Pädosexualität

Für Jonni Brem ist die Unterscheidung zwischen Pädophilie und Pädosexualität jedenfalls zentral. „Es herrscht enormes gesellschaftliches Unwissen darüber, dass es Menschen gibt, die sich von Kindern angezogen fühlen – und dass das nicht gleichbedeutend mit tatsächlichen sexuellen Handlungen ist“, betont er.
Um pädophil empfindenden Männer dabei zu helfen, diesen Schritt in die Kriminalität zu verhindern, hat der Sexualwissenschafter Klaus Michael Beier 2005 an der Berliner Charité ein Präventionsprogramm entwickelt. Unter dem Motto „Kein Täter werden“ erhalten Männer, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen, ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot: Weil Pädophilie nicht heilbar ist, sollen sie lernen, mit ihrem Begehren umzugehen, ohne dass ein Kind zu Schaden kommt. Auch Männer, die bereits sexuellen Kindesmissbrauch begangen oder Kinderpornografie konsumiert haben, jedoch nicht justizbekannt sind (so genannte „Dunkelfeldtäter“), können sich hier melden. Neben Berlin bieten heute noch zehn weitere deutsche Städte dieses Präventionsprogramm an.
Die Wiener Männerberatung hat 2013 ein ähnliches Programm unter dem Titel „Nicht Täter werden“ gestartet (www.nicht-taeter-werden.at). Zuerst wird versucht, das Wissen des Betroffenen auszuweiten und mögliche Gesprächspartner zu finden, an die man sich vertrauensvoll wenden kann. Anschließend beginnt man, so genannte „Time-Out-Strategien“ zu entwickeln, damit die Männer aus Phantasien und Szenarien aussteigen können, in denen sie sich zu intensiv mit Kindern beschäftigen. Zehn Männer haben das Programm bereits abgeschlossen, erzählt Brem, 49 Teilnehmer zählt man derzeit. Der anfängliche Andrang hat sich mittlerweile auf eine Anmeldung pro Woche eingependelt.
Um die Männer trotz der enormen gesellschaftlichen Stigmatisierung zu erreichen, gewährleistet man ihnen absolute Anonymität. Teilweise werden selbst während der Behandlung noch Decknamen und gefälschte E-Mail-Adressen verwendet – schließlich besteht bei den Betroffenen eine riesige Angst, entdeckt zu werden.
Tatsächlich ist die Frage, wie die Gesellschaft mit pädophilen Menschen umgehen soll, heftig umstritten. Klaus Michael Beier hat etwa mit der Aussage für Kontroversen gesorgt, wonach Pädophilie für ihn unter bestimmten Voraussetzungen kein Ausschlussgrund vom Priesteramt sei. Auch Jonni Brem stimmt dieser Aussage zu: Nicht der Zölibat sei das Problem der katholischen Kirche, sondern „das Unvermögen vieler Menschen in der Kirche, über Sexualität zu sprechen und sich den eigenen sexuellen Wünschen zu stellen“ (siehe unten). Und der Therapeut geht noch weiter: „Ich glaube, dass pädophile Männer grundsätzlich auch in Berufen arbeiten können, in denen sie mit Kindern zu tun haben. Nur muss verhindert werden, dass sie alleine mit ihnen sind.“ Kommt etwa ein Mann zu ihm, der als Lehrer arbeitet, bespricht Brem mit ihm, wie er unkontrollierbare Situationen vermeiden kann. Wurde freilich bereits ein Übergriff gesetzt, so unterstützt er den Täter bei der Information der zuständigen Vorgesetzten und Behörden.

Prävention und Aufmerksamkeit

Kinder zu schützen – und zugleich Pädophilen ihren Leidensdruck zu nehmen, ohne sie zu kriminalisieren und vorzuverurteilen: das ist laut Brem das große Ziel. Dazu brauche es aber die Aufmerksamkeit aller Menschen, die mit Kindern zu tun haben. Egal ob Nachbar, Lehrer oder Kindergärtner: „Wenn man einen merkwürdigen Umgang mit Kindern bemerkt, muss man darauf aufmerksam machen“, erklärt der Psychologe. Außerdem müsse die Prävention an Schulen ausgeweitet werden: Kinder müssten erfahren, wie sie mit ihren sexuellen Bedürfnissen umgehen und Erfahrungen, die ihnen unangenehm sind, artikulieren können (s. re.).
So sehr sexueller Missbrauch von Kindern durch digitale Medien erleichtert wird: Auch Fahndungserfolge werden häufiger, wie nicht zuletzt der Fall „Elysium“ beweist: Bei internationalen Ermittlungen mit österreichischer Beteiligung konnten seit 2007 über 800 verdächtige Österreicher in verschiedensten Kinderpornoringen ausfindig gemacht werden. Langsam, aber sicher wird in Deutschland und Österreich auch das Therapieangebot ausgeweitet und mit staatlichen Mitteln unterstützt, um Straftaten zu verhindern. Ein wichtiger Schritt zur Prävention, nämlich der konstante öffentliche und politische Diskurs, scheint jedoch auszubleiben, klagt Jonni Brem. „Dabei steht gerade der beim Opferschutz an erster Stelle.“


Mitarbeit: Doris Helmberger

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  00:38:42 05.10.2005