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51/2017 - „Weihnachtsbotschaft ist kein Wohlfühlformat“
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Alt , 02:56
„Weihnachtsbotschaft ist kein Wohlfühlformat“

Ein fulminanter Beginn. Die Verbindung wie die Brechung von Tradition und Neuaufbruch. Wie sich in kirchlicher und politischer Auseinandersetzung positionieren? Bischof Hermann Glettler im Gespräch.


| Das Gespräch führte Otto Friedrich


Bereits seine Weihe am 7. Dezember war ein Markstein. Der neue Innsbrucker Bischof Hermann Glettler präzisiert im FURCHE-Gespräch sein Amtsverständnis – spirituell, kirchlich, aber auch politisch: Wenn es notwendig ist, will er seine Stimme erheben.

DIE FURCHE: Ihre Bischofsweihe Anfang Dezember war ein Fest mit tausenden Menschen. Es fand in der Olympiahalle, also einem säkularen Raum, statt. War das ein religiöses, aber auch ästhetisches Statement für die Ära Glettler in Innsbruck?
Hermann Glettler: Bei einer Weihe im Dom hätten nur 750 Personen Platz gehabt. Ich wollte jedoch möglichst vielen eine Teilnahme ermöglichen, auch einfachen Leuten. Für mich war klar, dass ein so großes Fest wie eine Bischofsweihe nicht am barocken Gemäuer hängt. Auch nicht unser Glaube. Insofern war die Entscheidung, mit dem Gottesdienst an einen säkularen Veranstaltungsort zu gehen, auch ein Statement. Und der ästhetische Aspekt? Vielleicht die Brechung von Erwartungen: Im barocken Kontext wird eine sakrale Handlung erwartet, aber nicht in einer Eventhalle. Für viele überraschend ist dort trotzdem eine echte spirituelle Tiefe erfahrbar gewesen. Auch viel Freude.
DIE FURCHE: Gilt nicht Ähnliches fürs Weihnachtsfest – auch das ist etwas quasi-Sakrales in einem säkularen Zusammenhang. Als religiöser Mensch hat man da jedoch einen Kommerz- und Kitschverdacht.
Glettler: Zumindest eine Kitschecke braucht jeder. Im Kitsch drückt sich die Sehnsucht nach emotionaler Beheimatung aus. Zu Weihnachten nähern sich auch kirchendistanzierte oder agnostische Menschen der Kirche. Sie wollen den Heiligen Abend doch in einer besonderen Weise, also auch religiös begehen. Es schlummert vermutlich ein gewisses Heimweh nach Gott im Herzen jedes Menschen. Ich will mit dieser Aussage niemanden vereinnahmen, aber nach einer letzten Beheimatung sind wir doch alle unterwegs. Und das kommt bei diesem Fest zum Tragen. Das will ich wertschätzen. Es ist der Wunsch nach innerer Beheimatung inmitten einer nervösen Zeit und Gesellschaft. Trotzdem muss dieser emotionale Aspekt ergänzt werden mit der Botschaft von Weihnachten: In Betlehem hat sich Gott der Welt ausgesetzt. Das war gerade nicht die Idylle, das stimmungsvolle Ambiente, das man so sehr sucht …
DIE FURCHE: … ganz im Gegenteil …
Glettler: … denn das Weihnachtsevangelium ist alles andere als ein Wohlfühlformat: die Verordnung einer Staatsmacht, die Armut verursacht; Fremde, die nicht mehr aufgenommen werden; unter den Abgewiesenen eine Hochschwangere; eine plötzliche Geburt in einer Unterstelle für Tiere; auf dem Feld die eher kleinkriminellen Hirten ... Das alles ist das originale Panorama der Weihnachtskrippe. Aber gerade in dieser extrem heillosen Situation überrascht Gott. Er schenkt sich als Kind mit dem Namen Jesus – berührbar, wehrlos und verletzbar. Weihnachten stimuliert aus diesem Grund eine tiefe kindliche Freude – über den Christbaum, die Geschenke, das Zusammensein, die weihnachtlichen Lieder … hinaus. Weihnachten lebt von den angedeuteten Spannungen. Letztlich tragen wir das alles in uns.
DIE FURCHE: Auch in Ihrer ersten Ansprache als Bischof haben Sie Tradition mit heutigen Erfordernissen zusammengebracht – etwa beim Herz Jesu. Es war beeindruckend, was Sie aus der verkitschten Herz-Jesu-Symbolik herausholen konnten.
Glettler: Danke, es ist meine Überzeugung: Die gewachsenen Schätze der Frömmigkeit brauchen eine Konfrontation mit der heutigen Zeit, damit sie ihr Potenzial entfalten können. Zur Herz-Jesu-Frömmigkeit habe ich gesagt: Die Kruste des Kitsches muss weg und auch die Kruste einer übertriebenen Selbstbehauptung à la „Auf zum Schwur, Tirolerland!“. Wenn Gott sein Herz verwunden ließ, dann kann man daraus keine nationale Behauptung machen: Wir sind wir! Ich verstehe das Herz Jesu als altes und neues Symbol einer möglichen Jesusbewegung. Es geht nicht um Devotion, sondern um Haltung. Das geöffnete Herz verbindet uns mit dem, der sich vom Hass unserer Welt tödlich verwunden ließ. Und es verbindet uns mit allen, deren Herz belastet, verwundet oder gebrochen wurde. Eine moderne Herz-Jesu-Spiritualität ist gefragt – mit echter Tiefe und Solidarität.
DIE FURCHE: Sie haben in Ihrer Ansprache auch gesagt, Sie wollen keinen kirchenpolitischen Zank. Gerade in Tirol hat es aber Polarisierungen gegeben, hier entstand vor 20 Jahren das Kirchenvolks-Begehren. Und wir erfahren ja gerade in diesem Pontifikat, dass der kirchliche Zank bis in die oberen Kirchenränge vorgedrungen ist, Kardinäle kritisieren den Papst …
Glettler: Ja, das ist ein eigenartiges Schauspiel. Meine ersten Wahrnehmungen zeigten, dass es in der Diözese Innsbruck eine sehr große Pluralität gibt. Das möchte ich positiv wertschätzen: Kirche lebt von ihrer Vielfalt und nicht als Monokultur. Wir alle sind Kirche! Es muss unterschiedliche spirituelle Zugänge und Positionen geben dürfen. Weil das natürlich nicht ohne Spannungen abgeht, habe ich eindringlich gebeten, das Vertrauen zueinander zu erneuern. Nur Vertrauen lässt uns gemeinsam weitergehen. Es gründet im positiven Verdacht, dass auch die andere Position eine Antwort auf einen bestimmten Anruf Gottes ist. Das meint auch der Papst.
DIE FURCHE: Aber was machen Sie, wenn einer aus tiefster Überzeugung, es handle sich um einen Anruf Gottes, sagt: Das, was du tust, ist häretisch? Solche Menschen verweigern ja eigentlich das Gespräch.
Glettler: Ja, es gibt Leute, die ein inquisitorisches Talent haben. Angst machen mir jene, die allzu schnell wissen, was häretisch ist und was nicht. Selbstverständlich bin ich als Bischof Anwalt der Tradition, die bis auf die Apostel zurückreicht. Aber ich bin ebenso auch Anwalt des Aufbruchs. Ich muss vorangehen. Vor einer säkularen Welt dürfen wir uns nicht verschließen. Wir leben im Heute Gottes. Äußerst bedenklich scheint mir eine immer öfter zu beobachtende Verklärung der Tradition – augenscheinlich in der Überbewertung der alten, tridentinischen Liturgie. Ich frage mich, warum wurde denn eine umfassende Liturgiereform notwendig, wenn alles so großartig war? Leider wird auf der anderen Seite ebenso Druck gemacht. Als ob das Abarbeiten der klassischen „heißen Eisen“ über das zukünftige Wohl der Kirche entscheiden würde. In diesen Themen braucht es Ehrlichkeit, keine Denkverbote, aber auch Geduld. Ich sehe das Anliegen, dass viele auf eine Zulassung von Frauen und Verheirateten zum Priesteramt drängen, aber eine diesbezügliche Änderung würde unsere Kirche heute in eine extreme Zerreißprobe führen. Die Öffnung des Diakonats für Frauen sollte man jedoch ernsthaft erwägen.
DIE FURCHE: Jene, die die heißen Eisen monieren, sind zurzeit eher leise. Laut sind die, die sagen: Es ist zuviel passiert – zurück!
Glettler: Ich kenne diese Stimmen. Es ist wichtig, auf die Sorge dahinter zu hören. Nicht selten ist es eine Angst vor dem Verlust von Sicherheit. Eine Flucht in eine strenge Form angesichts einer Entwicklung, wo scheinbar alles in Auflösung ist. In dieser Verunsicherung sind die Worte Jesu wichtig: Fürchtet euch nicht, fahrt hinaus auf den See! Die Form, in die unser Glauben gegossen ist, ist immer zeitbedingt. Es braucht die Brunnenfassung – aber wichtiger ist das frische Quellwasser. Es braucht das Gehäuse der Kirche, aber wichtiger ist der Inhalt – so schön unsere vielen Barockkirchen auch sein mögen. Die wichtigen Fragen lauten: Kommt es in der Kirche zu einer Begegnung? Wird Gott verherrlicht oder unsere gutgemeinten Träume von Kirche? Und wird der Mensch von heute wahrgenommen – mit allem, was ihn umtreibt und herausfordert? Ist die Sprache der Kirche verständlich? Prägt der verkündete und gelebte Glaube unsere Gesellschaft? Kommen wir den Notleidenden entgegen? Das sind Fragen, die über die Liturgie hinausreichen. Beides ist notwendig, Verlässlichkeit gegenüber der Tradition und Aufbruch.
DIE FURCHE: Einer der aktuellen Konfliktpunkte betrifft eine Pastoral der Barmherzigkeit. Dieser Tage wurde bekannt, dass der Papst auch lehramtlich entschieden hat, wie man in Einzelfällen wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie oder zur Beichte zulassen kann.
Glettler: Was Sie ansprechen, ist kein Randthema. Erschreckend viele Menschen haben sich von der Kirche abgewandt. Sie erwarten in der Krise oder nach dem Zerbrechen ihrer Ehe nichts mehr von der Kirche. Sie erleben eine verletzende Sanktionierung ihrer persönlichen Entscheidung. Diese so empfundene Kränkung müssen wir ernst nehmen. Da braucht es eine effektive Kehrtwende, um Vertrauen wieder zu gewinnen. Ich möchte, dass wir diesen Menschen eine qualitätsvolle Begleitung anbieten. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen.
DIE FURCHE: Wie stellen Sie sich das vor?
Glettler: Ich möchte Paaren, die in zweiter Ehe verheiratet sind, eine gut strukturierte Begleitung anbieten. Sie könnte regelmäßig und an mehreren Orten in der Fastenzeit stattfinden. Es sollte innerhalb dieser Zeit genügend Raum geben zum Erzählen, wie es zum Scheitern der ersten Beziehung gekommen ist. Ebenso müssen die Lernerfahrungen, die in der Krise gemacht wurden, thematisiert werden. Sie sind für das Gelingen der neuen Beziehung wichtig. Auch muss der Blick auf das Umfeld des Paares gerichtet werden, das vom Zerbrechen der Ehe betroffen war. In der Erzdiözese Wien sind dafür die „Fünf Aufmerksamkeiten“ entwickelt worden. Ein wichtiges Element der Begleitung ist das Hören auf das Wort Gottes: Was sagt die Hl. Schrift zum Thema Scheitern und Neubeginn? Am Ende eines solchen Weges, der die größtmögliche Versöhnung zum Ziel hat, würde ich gerne dem Paar die Frage des Kommunionempfangs freistellen. Es gibt in einer solchen Situation viele gute Gründe für den bewussten Empfang der eucharistischen Kommunion – denken wir an die Lebenspraxis Jesu. Aber auch für einen bewussten Verzicht gibt es gute Gründe. Er könnte Zeichen einer geistlichen Solidarität mit jenen Menschen sein, die durch das konkrete Zerbrechen der Ehe betroffen waren oder an den Folgen eines anderen Scheiterns zu tragen haben. Damit geht es nicht mehr um eine bloß akzeptierte Sanktion. Ich folge mit diesem Vorschlag ziemlich genau dem Dreischritt, wie ihn Papst Franziskus im nachsynodalen Schreiben „Amoris Laetitia“ vorschlägt: begleiten, unterscheiden und integrieren.
DIE FURCHE: In der Gesellschaft gibt es Probleme und Polarisierungen. Sie waren im abgelaufenen Wahlkampf der einzige Bischof – sie waren da gerade ernannt worden –, der etwas dagegen gesagt hat, dass gegen Asylwerber, gegen „Sozialschmarotzer“, arme Menschen im weitesten Sinn, auch Muslime Stimmung gemacht wurde. Wäre es nicht wichtig, dass die Kirche, der Bischof gerade zu diesen Themen Stellung nimmt?
Glettler: Ich glaube, ja. Das bedeutet aber nicht, jedes tagespolitische Ereignis zu kommentieren oder wie ein Oberlehrer der Nation aufzutreten. Wenn es allerdings um grundsätzliche Fragestellungen geht, die Menschenwürde bestimmter Gruppen missachtet wird, kann seitens der Kirche ein anwaltschaftliches Eintreten unbedingt notwendig sein. Es kann sein, dass der Bischof einmahnen muss: Hier wird eine Linie überschritten. Diese oder jene Entscheidung widerspricht dem, was uns die Verkündigung und die Lebenspraxis Jesu vorgibt. Wenn die sozial Schwachen oder Fremden im Land als die eigentliche Bedrohung unseres Wohlfahrtsstaates gebrandmarkt werden, dann ist es soweit.
DIE FURCHE: Und man darf erwarten, dass sie das weiter tun werden?
Glettler: Wenn es notwendig ist, werde ich mich dem stellen. Ich bin fest von der gesellschaftspolitischen Relevanz des christlichen Glaubens überzeugt. Und es ist wichtig, dass sich möglichst viele Stimmen der Zivilgesellschaft zu den brennenden Fragen des Gemeinwohls äußern.
DIE FURCHE: Zu einem politischen Thema gab es dann doch kirchliche Reaktionen, und zwar zum Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofs, das die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare öffnet.
Glettler: Mir scheint, dass unsere Gesellschaft ärmer wird, wenn sie Ehe und Familie auf der Symbolebene mit allen anderen Formen von Partnerschaft gleichschaltet. Die Ehe von Personen unterschiedlichen Geschlechts ist deshalb so wertvoll, weil in dieser kleinsten Zelle der Gesellschaft Kindern das Leben geschenkt werden kann. Selbstverständlich ist jede Form von Diskriminierung zu vermeiden. Auch als Kirche mussten wir diesbezüglich erst Toleranz lernen. Homosexuelle sollen in unserer Gesellschaft ein normales Leben führen können. Dennoch wird nun durch die Gleichstellung von eingetragenen Partnerschaften mit dem Rechtsinstitut Ehe Ungleiches zwanghaft gleich behandelt.
DIE FURCHE: Aber frei nach dem Bibelwort: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, könnte man auch argumentieren: Der Staat definiert Lebensrechtsverhältnisse auf seine Weise, die Kirche versteht das anders. Das muss ja nicht deckungsgleich sein.
Glettler: Das stimmt, aber wir sind als Gläubige auch Bürger dieses Staates. Es kann uns nicht egal sein, wie das konkrete Zusammenleben gestaltet wird. Mich wundert, dass gerade diejenigen, die jahrzehntelang für Diversität und für die Akzeptanz des Andersseins gekämpft haben, jetzt mit so einer Vehemenz auf Gleichschaltung drängen. Mich hat die Entscheidung des VfGH überrascht – und auch wirklich irritiert. Der Furor der Gleichschaltung macht mir Angst.
DIE FURCHE: Abgesehen von diesem Dissens: Wie definieren Sie die Stellung der Kirche in der Gesellschaft ?
Glettler: Für die geistliche Ortsbestimmung des Bischofs habe ich die bewährte Formel gefunden: In, mit und gegenüber der ihm anvertrauten Gemeinschaft. Das gilt auch für das Verhältnis von Kirche und Gesellschaft. Spiritualität ist keine Weltflucht.
Also mitgehen, sich einmengen, präsent sein und sich auch verwunden lassen, wenn es darum geht, Freude und Leid der Menschen zu teilen. Kirche hat aber auch den Auftrag, ein kritisches Vis-à-vis zur Gesellschaft zu sein – vor allem dann, wenn es um die Achtung menschlicher Würde geht. Christen sollen Licht und Salz für die Welt sein, wie Jesus sagt. Die Kirche ist somit inmitten der Gesellschaft ein Ort menschlicher und spiritueller Beheimatung, aber in der Logik unserer Welt doch immer auch ein Fremdkörper. Das gehört zu ihrer Berufung. Wir dürfen uns Gott gegenüber nicht verschließen.

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