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01/2018 - Vor dem Verschwinden bewahren
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Alt , 04:35
Vor dem Verschwinden bewahren

Im digitalen Zeitalter werden unermessliche Datenmengen generiert. Aber die Weitergabe des kulturellen Erbes ist prekär geworden.

| Von Michael Kraßnitzer

Das Ende des Ersten Weltkrieges und die Ausrufung der Ersten Republik: 2018 jähren sich – zumal aus österreichischer Sicht – zwei historische Großereignisse zum hundersten Mal. Die Erinnerung daran, etwa in Gestalt von Sachbüchern, Zeitungsartikeln und Fernsehdokumentationen zum Thema, wird das kommende Jahr prägen. Auch wenn nicht mehr viele Menschen am Leben sind, die das Jahr 1918 noch selbst miterlebt haben, ist eine Vielzahl an Relikten aus jener Zeit erhalten geblieben, die tiefe Einblicke in jene mittlerweile ferne Epoche geben. Die damaligen politischen und gesellschaftlichen Geschehnisse, die sozialen Umwälzungen, aber auch die individuellen Eindrücke von Zeitgenossen sind in Tagebüchern, Briefen, Zeitungen, Büchern, Flugblättern, Akten, Gerichtsurteilen, Urkunden und anderen behördlichen Schriftstücken, Fotografien oder Film- und Tonaufnahmen überliefert. Das sind die Quellen, auf denen historisches Wissen basiert und aus denen sich die kollektive Erinnerung heutiger Gesellschaften speist.

Die wachsende Datenflut

Das digitale Zeitalter bringt es mit sich, dass immer weniger Information in analoger, sondern immer mehr in elektronischer Form vorliegt. Es werden zwar noch immer Bücher und Zeitungen gedruckt, Abzüge von Fotografien hergestellt, Behörden stellen nach wie vor schriftliche Bescheide aus – doch ein immer größerer Teil dessen, was die Menschen von heute beschäftigt, bildet sich nur noch in digitaler Form ab, etwa in Online-Medien, sogenannten sozialen Medien, Blogs, Newsletter, Chat-Foren, diversen Bild- und Videoportalen. Da stellt sich die Frage: Auf welche Quellen werden die Historiker zugreifen können, wenn sie in hundert Jahren auf die Gegenwart zurückblicken? Worauf wird sich im Jahr 2118 die Erinnerung an das Heute stützen?
Zunächst einmal scheint Anlass für Optimismus gegeben. Die Menge der Daten, die von der Menschheit gespeichert wird, wächst ins schier Unermessliche. Im Jahr 2016 wurde der Umfang der weltweit gespeicherten Daten auf 1,6 Zettabyte geschätzt – das ist eine Zahl mit 22 Stellen. Laut einer Schätzung des internationalen Marktforschungs- und Beratungsunternehmens IDC soll sich die weltweite Datenmenge bis 2025 auf 163 Zettabyte verhundertfachen. Solche Datenmassen kann zwar kein einzelner Mensch mehr durchforsten, doch für die moderne Informationstechnologie ist dies kein Problem. Seit spätestens 2007 überwacht der US-Geheimdienst NSA in großem Umfang die globale Telekommunikation – insbesondere das Internet – in Echtzeit. Verfahren aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz wie Maschinelles Lernen, Deep Learning oder Neuronale Netzwerke werden auch bereits in der Radiologie eingesetzt, um aus riesigen Bilddatenbanken Informationen zu gewinnen oder Muster zu erkennen.

Speichern mit Ablaufdatum

Doch elektronische Daten sind fragil. Einen Feldpostbrief aus dem Ersten Weltkrieg oder einen Aktenvermerk von Bundeskanzler Karl Renner aus dem Jahr 1918 kann jeder, der des Deutschen mächtig ist, heute noch lesen, auch wenn das Papier vergilbt, eingerissen oder sonstwie beschädigt ist. Ein beschädigter Datenträger hingegen kann oft nicht mehr gelesen werden, auch wenn sich noch Daten darauf befinden. Elektronische Daten verfügen zwar theoretisch über eine unbegrenzte Haltbarkeit, weil eine Datei unendlich oft ohne den geringsten Qualitätsverlust kopiert werden kann, doch in der Praxis erweist sich diese Annahme als trügerisch. Denn oft werden keine oder zu wenige Sicherungskopien angelegt. Oder die Datenträger, auf denen die Sicherungskopien angelegt wurden, sind selbst unlesbar geworden. Dann genügt ein Festplattencrash am Heimcomputer und die Familienfotos der letzten zehn Jahre sind unwiederbringlich verloren.
Selbst unter optimalen Bedingungen ist die Haltbarkeitsdauer moderner Datenträger vergleichsweise gering. Stein- oder Tontafeln überdauern Jahrtausende, die ältesten erhaltenen Papyri sind rund 2500 Jahre alt, die Lebensdauer von säurefreiem Papier beträgt zumindest mehrere Jahrhunderte. Damit können die gängigen optischen Speichermedien nicht mithalten. Eine industriell gefertigte, also gepresste CD hält unter Idealbedingungen 50 bis 80 Jahre, die Lebensdauer einer DVD wird bei optimaler Aufbewahrung auf hundert Jahre geschätzt. Die Haltbarkeit selbst gebrannter optischer Speichermedien, wie sie gerne für Sicherungskopien verwendet werden, ist erschreckend kurz: eine selbst gebrannte CD-ROM hält fünf bis zehn Jahre, die Lebensdauer einer selbst gebrannten DVD soll laut Schätzungen maximal 30 Jahre betragen. Festplatten im Computer halten bei laufendem Betrieb fünf bis zehn Jahre, aber auch bei einer externen Festplatte ist damit zu rechnen, dass die darauf gespeicherten Daten nach zehn Jahren nicht mehr ausgelesen werden können. Die Lebensdauer von Daten auf einem USB-Stick wird auf 30 Jahre geschätzt.
Das bedeutet, dass elektronische Daten laufend umkopiert werden müssen, um ihren Verlust zu verhindern. Es überdauern also nur jene Daten, die bewusst vor dem Verschwinden bewahrt werden. Historische Quellen, deren Überlieferung dem Zufall zu verdanken ist – ein am Dachboden entdeckter Koffer mit Briefen der Urgroßeltern, vor Jahrzehnten im Keller eines Ministeriums vergessene Kartons mit alten Dokumenten – wird es daher in Zukunft nicht mehr geben. Erinnerung entsteht heute also nicht erst im Nachhinein, sondern muss bereits jetzt geschaffen werden.

Antiquierte Systeme

Während das Bewahren von Erinnerung im Zeitalter der Elektronik mit Mühen verbunden ist, fällt die Tilgung von Erinnerung umso leichter. Mit drei Mausklicks kann ein aus Tausenden Dateien bestehendes Archiv in Nullkommanichts gelöscht werden. Um derartige Mengen von Papier aus dem Verkehr zu ziehen, bedarf es hingegen einer größeren Anstrengung. Das ist auch ein Grund dafür, dass früher vieles überliefert wurde, das die Zeitgenossen nicht für die Nachwelt zu erhalten trachteten: Der Aufwand, das Zeug zu entsorgen, war einfach zu groß. Und so wurde es eben im hintersten Winkel des Kellers abgestellt und blieb für Jahrzehnte vergessen.
Selbst wenn die Daten noch vorhanden sind, ist noch lange nicht garantiert, dass auch auf sie zugegriffen werden kann. Die frühe Videokunst der 1960er- und 1970er-Jahre zum Beispiel ist akut vom Verschwinden bedroht. Daran sind weniger die sich langsam zersetzenden Magnetbänder schuld, sondern in erster Linie die fehlenden Abspielgeräte. Weil es damals keine einheitlichen Standards gab, können die Bänder nur mit ganz bestimmten Playern abgespielt werden, die seit Jahrzehnten nicht mehr hergestellt werden. Das Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM) betreibt ein eigenes „Labor für antiquierte Video-systeme“, wo nicht nur Magnetbänder kopiert und damit deren Inhalte gerettet werden, sondern wo auch die entsprechenden Abspielgeräte gesammelt und instandgehalten werden. Was ist, wenn die Software der Zukunft heute übliche Dateiformate nicht mehr lesen kann? Dann ist eine Sammlung von Word- oder Jpg-Dateien aus dem Jahr 2018 schlicht wertlos.

Kulturelles Gedächtnis

Ein Problem für die Erinnerung im digitalen Zeitalter ist auch, dass sich viele maßgebliche Daten in den Händen US-amerikanischer Unternehmen befinden. Online-Plattformen wie Youtube oder Instagram oder auch Facebook stellen mit unzähligen Videos, Bildern und Nachrichten ein gigantisches kulturelles Gedächtnis der Gegenwart dar. In 100 Jahren wären die Inhalte dieser Plattformen für Historiker von unschätzbarem Wert. Doch werden sie dann noch existieren? Wenn Youtube pleite geht, was passiert dann mit den über fünf Milliarden Videos, die 2016 gezählt wurden? Und immer mehr Daten befinden sich in Besitz von Unternehmen. Während heute die einzelnen Menschen die größte Quelle der weltweit generierten Daten darstellen, werden es laut ICD im Jahr 2025 die Unternehmen sein, die 60 Prozent der globalen Datenmenge erzeugen. Diese Daten sind der Öffentlichkeit oder der Wissenschaft nicht zugänglich. Falls das Unternehmen, das diese Daten besitzt, zugrunde geht, drohen die Daten auch verloren zu gehen.
Vermutlich wird in hundert Jahren nur ein Bruchteil dessen überliefert sein, was in der heutigen Zeit allgegenwärtig ist. Vieles, das heute allein im Internet präsent ist, wird dann nicht mehr existieren, weil niemand sich die Mühe gemacht hat, es zu speichern, weil die Daten im Rahmen einer Geschäftsauflösung verloren gegangen sind oder weil sie mutwillig gelöscht wurden. Physisch überdauern hingegen werden ausgerechnet jene Medien, die von Apologeten des Virtuellen und der Elektronik als Auslaufmodelle von Vorgestern verhöhnt werden. Denn Bücher und Zeitungen werden von Institutionen wie der Österreichischen Nationalbibliothek nach wie vor systematisch gesammelt und archiviert.
Das ist tröstlich – doch auf diese Weise wird die Erinnerung an unser Zeitalter verzerrt. Auch wenn es sich sicher nicht um die wichtigsten Hervorbringungen der Menschheit handelt: die Videos auf Youtube, die Schnappschüsse auf Instagram oder die Shitstorms auf Twitter sagen viel über die Gegenwart aus – und wären durchaus eine wichtige Quelle der Erinnerung an unsere Zeit.

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  20:58:54 07.17.2005