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30/2018 - „Wir fürchten uns zu Tode“
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Alt , 07:46
„Wir fürchten uns zu Tode“

Flächendeckend herrscht große Ratlosigkeit, wie der gesellschaftlichen Polarisierung beizukommen ist. Das Nachdenken über eine „Entgiftung“ des Diskurses tut not.

| Von Otto Friedrich


„I n Wahrheit ist es doch so: Wir leben in der besten Zeit, die es je in der Menschheitsgeschichte gegeben hat – trotz Terrorismus, Kriegen, Klimaerwärmung.“ Was Entertainer Michael Niavarani da im Profil verlauten ließ, wäre eine Binsenweisheit, die sich, wie er meint, mit „Statistiken, Zahlen und Fakten“ belegen ließe. Aber auch Niavarani weiß, dass die Wirklichkeit gerade politisch oft zum Schein verkommt: „Wir fürchten uns zu Tode – in einer völlig unangemessenen Hysterie. Jetzt gerade eben vor den Flüchtlingen …“
Auch der journalistische Kommentator kann ein Lied von dieser Stimmung singen: Was kümmert uns die Kriminalstatistik, nach der Österreich so sicher wie noch nie ist, wenn wir das gegenteilige Gefühl haben? Und mit jedem tatsächlichen (Kriminal-)Fall lässt sich auch trefflich illustrieren, wie unsicher die Zeiten geworden sind. Selbst wer das Privileg hat, auf Sei*-te 1 einer Zeitung zum, wie es so schön heißt, öffentlichen Diskurs beizutragen, muss zugeben, dass dieser Diskurs ob der aktuellen Polarisierungen eigentlich nicht mehr möglich scheint. Die einen, die ob des Abdriftens der öffentlichen Auseinandersetzung verstört sind, werden sich durch des Kommentators Schreiben bestätigt fühlen. Aber an diejenigen, von denen auch der Leitartikler hofft, sie mögen die Argumente anhören und sich damit auseinandersetzen, kommt er nicht heran – allenfalls pfeifen ihm Kampfvokabel wie: er sei „links“ oder „naiv“ oder „abgehoben“ um die Ohren.

In Zeiten gesellschaftlicher Nichtkommunikation

Hält dieser Zustand gesellschaftlicher Nichtkommunikation weiter an, dann ist Feuer am Dach. Dort, wo populistische Politik (mit) am Ruder ist (also auch in Österreich), bleibt es schwierig: Denn der Erfolg des Populismus speist sich wesentlich aus Polarisierung, lebt von Schwarzweiß-Denken und der Welteinteilung in Gut und Böse. Zurzeit herrscht flächendeckend große Ratlosigkeit, wie diesem Phänomen beizukommen ist.
Dabei hielte der Schatz an Menschheitswissen einige, sagen wir, Tipps bereit, die auch einander spinnefeinde Zeitgenossen beherzigen könnten. Katholisch Geschulte könnten sich an Ignatius von Loyola halten: Der Gründer des Jesuitenordens hat ja in seinem Exerzitienbuch hinterlassen, man solle „bereitwilliger“ sein , „die Aussage des Nächsten zu retten, als sie zu verurteilen“. Um wieviel fruchtbarer könnten aktuelle Kontroversen verlaufen, wenn man sie in derartigem Geist führte? (Wäre das im Übrigen nicht eine Aufgabe für Christen hier und jetzt?)

Antidote gegen die grassierende Verbissenheit

Ein zweites Antidot gegen die grassierende Verbissenheit könnte dann auch sein, dem Humor und seiner Leichtigkeit wieder mehr Raum zu verschaffen. „Die westliche Menschheit macht zur Zeit einen kleinen Umweg – mit Trump und indem sie die Grenzen zusperrt, auf die EU pfeift und in einen dumpfen Nationalismus verfällt. In 20, 25 Jahren werden wir uns sagen: Was waren wir doch damals für Idioten!“ Auch diese kleine Sottise, die Comedian Niavarani da im Profil abfeuerte, zeigt, dass man cum grano salis besser den Punkt trifft, als mit verbiestertem Geschau. Etwas mehr Lachen täte allen Beteiligten der Kontroversen gut.
Zum Dritten gilt es, den zivilisatorischen Minimalkonsens, auf dem die europäische und globale Ordnung nach 1945 fußen, außer Streit zu stellen. Dass eine Debatte über die Menschenrechte, angefangen beim Thema Flüchtlinge und Asyl, auch im gesellschaftlichen Mainstream begonnen hat, ist äußerst alarmierend. Man fragt sich, ob diejenigen, die diese Büchse der Pandora öffnen, wissen, was sie tun. Theoretiker der Neuen Rechten trommeln seit Jahren, die Menschenrechte seien ein Produkt der egalitären Verweichlichung des Westens. Einschlägige Webseiten fordern folgerichtig die Abschaffung der Europäischen Menschenrechtskonvention. Wer an dieses Fundament der westlichen Demokratie und Zivilsation rührt, der betreibt deren Eliminierung. Auch das soll klar benannt sein.

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