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03/2018 - Die eigentlichen Heimatschützer
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Alt , 03:07
Die eigentlichen Heimatschützer

Warum Kritik an politischer Überkorrektheit geboten ist – und es dennoch „Gutmenschen“ braucht:
Plädoyer für eine Kultur des moralischen Universalismus.


| Von Peter Strasser

Eines der einflussreichsten Bücher der neueren Philosophie trägt den Titel „How to Do Things with Words“: Wie man mit Worten Tatsachen schafft. Derart wurde der englische Philosoph John L. Austin zum Begründer der Sprechakttheorie. Ihr zufolge ist Sprache immer auch Handeln, und es gibt Bereiche der Kommunikation, in denen das Sprachhandeln eine prägende Rolle spielt. Hierher gehört die Moral. Viele moralische Begriffe dienen dazu, durch das Platzieren von Wertungen soziale Einstellungen auszudrücken, zu befördern oder zu verurteilen – und sind auf diese Weise zugleich Handlungen in einem Netz von Interaktionen.
So ist es etwa in letzter Zeit üblich geworden, Menschen, die eine karitative Gesinnung ohne Ansehen der Person an den Tag legen, als verantwortungslose Schwadroneure zu diskreditieren. Der große Soziologe Max Weber redete, mit Blick auf die heillosen Zustände seiner Zeit, im Vortrag „Politik als Beruf“ (1919) dem „Verantwortungsethiker“ das Wort. Indem jedoch neuerdings die gesinnungs-ethische Haltung denunziert wird, forciert man ein mitleidloses, ja grausames politisches Regime gegenüber den Ärmsten der Armen, nämlich jenen, die sich auf der Flucht vor den noch grausameren Zuständen in ihrer eigenen Heimat befinden. Zugleich werden alle, die gegen eine solche Politik aufbegehren, der Nächstenliebe das Wort reden und Hilfe organisieren, als „Gutmenschen“ abgekanzelt.

Lachendes Mobbing

Von unserem neuen Innenminister (Herbert Kickl, siehe Bild bei der Amtsübergabe, Anm.), einem angeblich geläuterten Rechtspopulisten, stammt nicht nur der jüngste Wunsch, Flüchtlinge zu „konzentrieren“, sondern auch der einstige Wahlkampfslogan „Wiener Blut – zu viel Fremdes tut niemand gut“ (2010). Das ist keine wahre oder falsche Aussage, sondern Teil eines Bereitschaftsbogens, der die Operettentradition mit einer ganz anderen verknüpft, welche sich des „Blutsfremden“ erwehren will und wird. Wer auf diese Weise Johann Strauss und die Hetze gegen „Fremde“ zusammenspannt, ermuntert alle anonymen Heimatschützer zum lachenden Mobbing. Derselbe Minister produzierte 2001, als Redenschreiber für Jörg Haider, ein antisemitisches Bonmot, um den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant, zu verhöhnen: „Wie kann jemand, der Ariel heißt, soviel Dreck am Stecken haben?“
Wer da nicht cool bleibt, sondern sich empört, gehört dem Scheinheiligkeitskreis der Politischen Korrektheit an und folglich zum gutmenschlichen Juste Milieu (eine Lieblingsvokabel des reaktionären Radical-Chic). Doch darf, bei aller Ungleichgewichtigkeit, die Gerechtigkeit nicht auf der Strecke bleiben. Daher ist einzuräumen, dass es aufseiten der „Gutmenschen“, namentlich der bis ins moralinsaure Mark „korrekten“ Zeitgenossen, nicht an jenem Agitationstypus fehlt, den der amerikanische Soziologe Howard S. Becker bereits in den frühen 1960er Jahren als „moralischen Unternehmer“ charakterisierte.
Becker zielte damals auf die US-Viktorianer, die Südstaatenrabauken und rabiaten Evangelikalen, die gegen Sex, Alkohol und Drogen, gegen die rassische Gleichstellung und für den privaten Waffenbesitz mit allen lobbyistischen Tricks zu Felde zogen. Diese „Unternehmer“ nützten sowohl ihren Reichtum als auch die Mobilisierungsbereitschaft ungebildeter Schichten, um staatliche Maximalrepressionen gegen die Liberalisierung der Gesellschaft zu erreichen.

Hyperaggressive Jakobiner

Heute sind wir mit hyperaggressiven Gruppen „moralischer Unternehmer“ gegen das Rauchen, die Benützung sexistischer Begriffe, das ungesunde Essen im Allgemeinen und den Fleischkonsum im Besonderen, gegen die Gegner und die Gegner der Gegner der Schwulenehe etc. konfrontiert. Das Getümmel reicht bis hin zu Verbotsforderungen, gerichtet an ein entnervtes Lehrpersonal, keine sogenannten Trigger-Begriffe zu verwenden, die geeignet scheinen, unter den Studierenden „Traumata“ auszulösen.
Das ist teilweise zum Lachen, teilweise zum Ärgern, manchmal zum Fürchten. Trotzdem: Immer ist es Ausdruck einer prinzipiell am Gleichheitsgrundsatz und Schwachen-Schutz orientierten Gesellschaft, die freilich heiß gelaufen und gerade dabei ist, übers Ziel hinauszuschießen – so wie einst die sprichwörtlichen Jakobiner, die nie genug Guillotinen zur Hand hatten. Kritik am politisch „überkorrekten“ Gutmenschentum ist also gerade unter einem sozialliberalen Vorzeichen geboten. Aber die demokratisch besorgte Kritik stützt sich weitgehend auf dieselben ethischen Grundsätze, denen die „gutmenschlichen“ Aktivisten zum Durchbruch verhelfen wollen, leider mit bornierter Engstirnigkeit und intolerantem Elan.
Und hier liegt der entscheidende Unterschied zur Kritik aus den Reihen der Heimatschützer und Sozialdarwinisten. Was man im akademischen Raum mit einem vornehmen Wort als „Kommunitarismus“ bezeichnet, wird im Kampfgebiet der gröberen Gefühle zum Hass auf alle Formen einer universalistischen Ethik, das heißt: einer Ethik, deren höchste Autorität daraus erwächst, dass ihre Prinzipien an der Menschheit als Solidargemeinschaft orientiert sind.
Gewiss, der ethische Universalismus ist eine regulative Idee und keine weltweite Wirklichkeit. Doch es ist die Grundforderung der europäischen Aufklärung, dass unter dem humanistischen Vorzeichen von allgemeiner Gleichheit und Würde nach rechtsfähigen Regeln zu suchen sei, die aus anteilnehmender Einsicht akzeptiert werden sollten. Zurzeit nehmen wir im bürgerlichen Alltag nicht nur starke Grundrechte als gegeben hin; als ebenso selbstverständlich gilt – vorerst noch – einer Mehrheit des Volkes die christlich geprägte, sozialstaatliche Pflicht, den unverschuldet Notleidenden Schutz und Förderung angedeihen zu lassen. Dabei handelt es sich im Rahmen der Menschheitsgeschichte, die Oswald Spengler vor hundert Jahren umstandslos als Kriegsgeschichte definierte, beim ethischen Universalismus um ein Unikat der Humanität. Diese zerbrechliche Errungenschaft – man denke an die autoritären, semi-
totalitären Regimes, die in Europa wieder rasch an Zuspruch gewinnen – ist nichts anderes als das Herzstück, der Lebensnerv, die aufgeklärte Substanz des vielverleumdeten „guten Menschen“.

Guten Gewissens diskriminieren?

Man weiß nicht: Ist es, wie jüngst die Journalistin Anneliese Rohrer ausführte, Unerfahrenheit, Überheblichkeit oder Naivität unseres jungen Bundeskanzlers gegenüber den historischen Befunden, wenn er es zulässt, dass mit Worten böse gehandelt wird. „How to Do Things with Words“: Unser Innenminister schmückt sich
gerne damit, dem „Heimatschutz“ dienlich zu sein. Dieses aus den Tagen des Austrofaschismus und Schlimmerem schwer belastete Wort definiert keine bloße Aufgabenstellung, sondern stellt selbst bereits eine Art Vorlaufhandlung dar: Man wird es denen zeigen, die uns unserer Heimat berauben, uns „umvolken“ (Andreas Mölzer), uns im eigenen Land zu Fremden machen wollen.
Der gewöhnliche Heimatschützer ist ein Gegner jeder Ethik, die es kategorisch verbietet, den Träger „fremden Blutes“ würdelos, ausgrenzend und ohne Not lieblos zu behandeln, ihn guten Gewissens zu diskriminieren. Deshalb ist es nicht der Fremde, sondern der Heimatschützer, der mich meiner Heimat zu berauben droht. Oder anders formuliert: Der wahre Heimatschützer ist der Gutmensch.


| Der Autor lehrt Ethik und Religionsphilosophie an der Universität Graz. Zuletzt erschienen: „Idioten des Absoluten“. |

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