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05/2018 - Leben, lieben, reifen
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Alt , 03:07
Leben, lieben, reifen

Mit dem viel diskutierten Schreiben „Amoris Laetitia“ gelingt Franziskus wie keinem Papst zuvor
eine vorbehaltlos positive Würdigung von Erotik und Sexualität.


| Von Martin M. Lintner

„Amoris Laetitia“ – Die Freude der Liebe: Im Titel dieses päpstlichen Schreibens (2016) klingt das Leitmotiv an, das sich durch den gesamten Text zieht. Es geht um die eheliche und familiäre Liebe in all ihren Dimensionen – von der sinnlichen und erotischen Liebe, der Liebe als tiefster Form der Freundschaft zwischen Partnern bis hin zur Liebe der Eltern zu ihren Kindern. Sie wird als Quelle der Freude und der Menschlichkeit und als eine zutiefst menschliche Erfahrung gesehen, die das Leben bereichert und mit Gott in Berührung bringt.
Papst Franziskus holt sie aus der Ecke des Anrüchigen und Sündhaften, in die sie die christliche Tradition seit der Patristik verbannt hat. Der grundlegende Paradigmenwechsel, den das II. Vatikanum in „Gaudium et spes“ vollzogen hat, kommt in „Amoris Laetitia“ zum Durchbruch. In ersterer Schrift heißt es: „Die geschlechtliche Anlage des Menschen und seine menschliche Zeugungsfähigkeit überragen in wunderbarer Weise all das, was es Entsprechendes auf niedrigeren Stufen des Lebens gibt. Deshalb sind auch die dem ehelichen Leben eigenen Akte, die entsprechend der wahren menschlichen Würde gestaltet sind, zu achten und zu ehren.“

„... der mit der Zeit gereifte Wein“

Franziskus knüpft inhaltlich hier an und mahnt in scharfer Abgrenzung zu einer jahrhundertelangen christlichen Tradition: „Wir dürfen die erotische Dimension der Liebe keineswegs als ein geduldetes Übel oder als eine Last verstehen, die zum Wohl der Familie toleriert werden muss, sondern müssen sie als Geschenk Gottes betrachten, das die Begegnung der Eheleute verschönert.“ An anderer Stelle betont er, dass die Sexualität, die als leibliche Sprache der Liebe vollzogen wird, lauter sei: „Der Wert der körperlichen Vereinigung kommt in den Worten des Ehekonsenses zum Ausdruck, durch die sie einander angenommen und sich einander hingegeben haben, um das ganze Leben miteinander zu teilen. Diese Worte verleihen der Sexualität eine Bedeutung und befreien sie von jeglicher Zweideutigkeit.“
Zugleich ist Franziskus keineswegs naiv. Er weiß um die Gefährdungen, denen ein Mensch im Bereich der Sexualität ausgesetzt ist: „Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass die Sexualität oft entpersönlicht und durch Pathologien belastet wird, so dass sie immer mehr zu einer Gelegenheit und einem Werkzeug der Bestätigung des eigenen Ich und der egoistischen Befriedigung der eigenen Begierden und Instinkte wird.“ Er erinnert daran, „dass die Sexualität sich auch innerhalb der Ehe in eine Quelle des Leidens und der Manipulation verwandeln kann“. Deshalb benennt er ganz klar als rote Linie jede Form von Gewalt, sei sie noch so subtil. Die Reaktion darauf ist jedoch nicht ein moralischer Rigorismus, sondern die Erziehung zu Rücksicht und dazu, die Freiheit und Würde des Partners bzw. der Partnerin zu wahren. In einem eigenen Kapitel geht er deshalb ausführlich auf das Thema der Sexualerziehung ein, die er ausdrücklich bejaht.
Der Umgang mit der Sexualität und die Fähigkeit zur Liebe sind zu erlernen. Einem Menschen und einem Paar muss ein Prozess des Reifens zugestanden werden. „Wenig hilfreich sind manche Fantasien von einer idyllischen und vollkommenen Liebe, der so jeder Ansporn zum Wachsen genommen ist. Eine himmlische Vorstellung von der irdischen Liebe vergisst, dass das Beste das ist, was noch nicht erreicht wurde, der mit der Zeit gereifte Wein.“

Gesunder Realismus

Das Dokument atmet einen gesunden Realismus. Es geht nicht von einem überhöhten Ideal aus, an dem Wirklichkeit zerbricht, sondern im Hintergrund der Überlegungen stehen spürbar konkrete Erfahrungen und das Wissen um die alltäglichen Herausforderungen und Spannungen. An manchen Stellen liest sich „Amoris Laetitia“ wie ein – pastoral geerdeter und theologisch reflektierter – Eheratgeber. Franziskus weiß darum, dass es „viel heilsamer ist, mit Realismus die Grenzen, die Herausforderungen oder die Unvollkommenheit zu akzeptieren und auf den Ruf zu hören, gemeinsam zu wachsen, die Liebe reifen zu lassen und für die Festigkeit der Vereinigung zu sorgen, was auch immer kommen mag“.
Liebe bedeutet, den Narzissmus in all seinen Facetten zu überschreiten, ohne in eine einseitige Opferbereitschaft zu münden, denn „wahre Liebe weiß auch vom anderen zu empfangen. Sie ist fähig, sich als verletzlich und bedürftig zu akzeptieren, und schlägt nicht aus, mit aufrichtiger und glücklicher Dankbarkeit die körperlichen Ausdrucksformen der Liebe in einer Liebkosung, einer Umarmung, einem Kuss und der geschlechtlichen Vereinigung anzunehmen“.
In „Amoris Laetitia“ wird die menschliche Liebe umfassend auch als ein möglicher Ort der Begegnung mit dem lebendigen und barmherzigen Gott gedeutet. „Die auf menschliche Weise gelebte und durch das Sakrament geheiligte geschlechtliche Vereinigung ist ihrerseits für die Eheleute ein Weg des Wachstums im Leben der Gnade.“ Und weiter: „Momente der Freude, der Erholung oder des Festes und auch die Sexualität werden als eine Teilhabe an der Fülle des Lebens in der Auferstehung Christi erlebt.“
Eine menschliche Beziehung kann mit all ihren Facetten als Lebensmystik in der Begegnung mit Christus und in der Dynamik des Geistes verstanden werden: einander lieben und in gegenseitiger Hingabe annehmen, mit- und umeinander ringen, einander vergeben und sich versöhnen, in der Treue zueinander wachsen. Wenn der dreieinige Gott Gemeinschaft der Liebe ist, bricht auch in die menschlichen Erfahrungen von Liebe etwas von diesem Gott ein.

Umstrittene Passagen

Hier liegt auch ein Schlüssel zum Verständnis des viel diskutierten achten Kapitels von „Amoris Laetitia“: Es gibt im Letzten keine noch so ausweglos erscheinende „irreguläre“ Situation, die nicht Ort der erfahrbaren Barmherzigkeit und Nähe Gottes sein kann. Papst Franziskus stellt in Bezug auf jene Beziehungen, die nicht den kirchlichen Normen entsprechen – zum Beispiel die wiederverheirateten Geschiedenen – keine neue Regel auf, die auf alle Fälle anwendbar ist. Vielmehr erarbeitet er in Rückgriff auf die lange moraltheologische Tradition sowie auf die bewährte Praxis der Unterscheidung der Geister und der geistlichen Begleitung eine differenzierte Kriteriologie, um in den konkreten Situationen Lösungen zu finden. Er konstruiert zwischen der Treue zum Wort Jesu und dem Anspruch, Menschen in ihren oft verzwickten Situationen gerecht zu werden, keinen Widerspruch, sondern will Betroffene so pastoral und spirituell begleiten, dass sie in ihren Situationen im Evangelium wachsen und ihr persönliches Unterscheidungsvermögen entwickeln können. Ihnen zu helfen, dem Willen Gottes je mehr zu entsprechen und in der Gnade zu wachsen, ist das geforderte Zeugnis der Kirche für jene Liebe, die die bedingungslose barmherzige Zuwendung Gottes zu jedem Menschen ist. Deshalb soll ihnen zuallererst geholfen werden, sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden und ihm großherzig die Antwort zu geben, die sie vorerst zu geben vermögen.

Frucht eines synodalen Prozesses

Papst Franziskus hat durch den langen synodalen Prozess, dessen Frucht „Amoris Laetitia“ ist, das kollegiale Bemühen um größtmöglichen Konsens, das die Arbeitsweise und die Ergebnisse des II. Vatikanums gekennzeichnet hat, neu belebt. Abgesehen davon, dass viele TheologInnen, Bischöfe und Kardinäle aufgezeigt haben, dass der Papst seine Position in Bezug auf die „irregulären“ Situationen theologisch-ethisch und pastoral schlüssig begründet, folgt er in den umstrittenen Passagen dem Schlussbericht der Bischofssynode 2015 und bleibt damit dem „Sensus Synodi“ treu. Immer mehr Bischofskonferenzen haben mittlerweile konkrete Richtlinien erlassen, um im Sinne von „Amoris Laetitia“ die pastorale Praxis sowie die spirituelle Begleitung von geschiedenen Wiederverheirateten neu zu ordnen.


| Der Autor ist Prof. für Moraltheologie an der Philosoph.-Theolog. Hochschule (PTH) Brixen
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