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38/2018 - „Brisanter und schwieriger als je zuvor“
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Alt , 05:36
„Brisanter und schwieriger als je zuvor“

Verändert der Fortschritt unser künftiges Menschsein? Genetiker Markus Hengstschläger über heikle Fragen zum Einsatz neuer Biotechnologien.

| Das Gespräch führte Martin Tauss



Wenn es um die großen Zukunftsfragen geht, ist Markus Hengstschläger ein guter Ansprechpartner. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschafter leitet das Institut für
Medizinische Genetik an der MedUni Wien und ist u. a. stellvertretender Vorsitzender der österreichischen Bioethik-Kommission sowie des Rates für Forschung und Technologieentwicklung. Die FURCHE wollte wissen, wie der Experte transhumanistische Ideen vor dem aktuellen Horizont der biotechnologischen Möglichkeiten sieht. Das Interview wurde schriftlich geführt.

DIE FURCHE: Menschliche Optimierung und Übersteigerung werden heute unter dem
Begriff des „Human Enhancement“ kontrovers diskutiert. Halten Sie diese Idee grundsätzlich für legitim?

Markus Hengstschläger: Oft wird argumentiert, dass „Enhancement“ dort beginnt, wo man über das Wiederherstellen von eigentlichen Fähigkeiten und Eigenschaften des Menschen hinausgeht. Aber der menschliche Körper kann ja eigentlich nicht fliegen oder sich mit über 100 km/h fortbewegen. Erst durch die eigentlich noch relativ jungen Entwicklungen des Flugzeuges oder des Autos ist der Mensch dazu gewissermaßen in der Lage. Was also ist mit einem Hörgerät, das nicht nur die eigentliche Fähigkeit des menschlichen Hörens wiederherstellt, sondern es auch ermöglicht, mehr bzw. andere Frequenzen zu hören? Einer Brille, die den Menschen auch im Dunkeln sehen lässt? Medikamenten, die den Menschen länger wach und konzentriert bestimmte Arbeiten verrichten lassen, oder seine Muskeln länger belastbar machen? Oder dem in Hollywood oft strapazierten Bild von Cyborgs, also Mischwesen aus Mensch und Maschine, die viel schneller und stärker sind, als es ein Mensch eigentlich sein könnte? Andererseits hat Elon Musk gerade verkündet, über das Start-Up Unternehmen „Neuralink“ Technologien anbieten zu wollen, die menschliche Gehirne mit Computern verbinden können. Die Frage, ob all das legitim ist, scheint brisanter, individueller und schwieriger beantwortbar als je zuvor.
DIE FURCHE: Der Biologe und transhumanistische Vordenker Julian Huxley ging
bereits 1957 davon aus, dass der Mensch heute zum „Geschäftsführer des größten Unternehmens aller Zeiten“ geworden ist, nämlich „des Unternehmens der Evolution“: Ist es nun tatsächlich unser Schicksal, die Richtung der Evolution selbst zu bestimmen?

Hengstschläger: Wenn man beim Menschen selbst bleibt: Es ist noch gar nicht so lange her, dass ein eitriger Zahn oder eine Blinddarmoperation lebensbedrohliche Situationen darstellten, gegen die sich der Mensch „von Natur aus“ nicht helfen konnte. Die Entdeckung von Penicillin, die Entwicklung moderner Operationstechniken, die ständigen Innovationen in der Medikamentenentwicklung – wer würde sagen,
all das wäre ein Eingriff in die Natur oder doch eher Resultat des Fortschritts als Teil der Evolution? Was aber andererseits keineswegs rechtfertigen kann, dass alles, was gemacht werden kann, auch gemacht werden soll!
DIE FURCHE: Halten Sie es für möglich, dass der Mensch vollends über sich hinauswächst, seine biologischen Begrenzungen hinter sich lässt und einen neuen Code erhält, wie die Transhumanisten glauben?
Hengstschläger: Ich glaube schon, dass zum Beispiel die ganz aktuellen Entwicklungen des „Genome Editing“ über die Genschere CRISPR/Cas9, die es möglich machen, den genetischen Code des Menschen zu verändern, solche oder ähnliche Fragen aufwerfen ...
DIE FURCHE: Welche weiteren Methoden sind hier zu diskutieren?
Hengstschläger: Eigentlich müssen hier viele Ansätze genannt werden, die eigentlich dazu gedacht sind, Fähigkeiten und Funktionen des menschlichen Körpers, die vielleicht durch Krankheit beeinträchtigt wurden, wieder zu „reparieren“ beziehungsweise zu „regenerieren“: Das Spektrum reicht etwa von Psychopharmaka über Prothetik, Implantate, Transplantationsmedizin inklusive Xenotransplantation (Anm.: Transplantation von Tier zu Mensch), Nanotechnologie, Stammzelltherapie und vielem mehr, bis eben hin zur Gentherapie.
DIE FURCHE: Wo sehen Sie die Risiken einer möglichen genetischen Optimierung?
Hengstschläger: Grundsätzlich muss man somatische Gentherapien, die zur Behandlung etwa bei Tumorerkrankungen zur Anwendung kommen, von Keimbahntherapien unterscheiden. Bei ersteren werden die vorgenommenen genetischen Veränderungen nicht an die nächste Generation vererbt. Bei letzteren hingegen würden die etwa im frühen Embryo bei künstlicher Befruchtung vorgenommenen Veränderungen dann den ganzen Menschen und alle seine Nachfolgegenerationen betreffen. Noch gibt es keinen so in seiner Gesamtheit genetisch veränderten Menschen auf dieser Welt. Ich bin ein begeisterter Befürworter der somatischen Gentherapie im Krankheitsfall, lehne aber ihren Einsatz als „Enhancement“-Strategie wie etwa beim Gendoping im Sport ab. Die Keimbahntherapie, die in Österreich auch gesetzlich verboten ist, halte ich derzeit in jeglicher Form für unvertretbar.
DIE FURCHE: Sie halten also nichts von der Aussicht auf „Designer-Babys“? Welche
Folgen wären zu befürchten, wenn man sein Baby genetisch verändern könnte?

Hengstschläger: Das wäre eben Keimbahntherapie – das lehne ich ab, weil eine realistische Folgenabschätzung für den genetisch veränderten Menschen selbst und vor allem auch für alle Nachfolgegenerationen meiner Meinung nach nicht wirklich möglich ist.
DIE FURCHE: Somatische Gentherapie könnte im „Human Enhancement“ jedenfalls eine große Rolle spielen. Komplexe menschliche Merkmale werden im Allgemeinen aber nicht nur von einem Gen kontrolliert – bestünde hier dann überhaupt Aussicht auf Erfolg?
Hengstschläger: In wenigen Fällen, wenn es etwa um Aspekte der Muskelkraft geht, vielleicht schon. Die meisten Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen sind aber multifaktoriell – also das Produkt von vielen Genen, deren Wechselwirkungen meist noch gar nicht erforscht sind, und der Umwelt. Das heißt, der Mensch ist bei all diesen Aspekten nicht auf seine Gene reduzierbar. Und damit wäre in all diesen Fällen das vielleicht gewünschte Ergebnis durch „genetisches Enhancement“ nicht erreichbar. Es ist sogar wahrscheinlich, dass mehr Schaden als potenzieller „Nutzen“ ausgelöst würde. Und darum glaube ich persönlich nicht an all die immer wieder zu hörenden Ideen, durch „Genome Editing“ den Alterungsprozess stoppen, die Intelligenz oder gar das moralische Verhalten von Menschen „verbessern“ zu können.
DIE FURCHE: Viele Menschen werden sich biotechnologische Optimierungsverfahren wohl gar nicht leisten können: Wird die Gesellschaft bald auseinanderklaffen zwischen den ehrgeizigen Optimierten und den hoffnungslos Abgehängten?
Hengstschläger: Das wäre natürlich zu befürchten. Ja, ich fürchte, das ist bereits heute so und hat noch gar nichts mit solchen Optimierungsverfahren zu tun. Wir sehen solche Scheren schon in der sogenannten Zweiklassenmedizin, im Bereich Bildung oder beim Einkommen. Und ich habe bereits mehrfach angeregt, das wir in Österreich einen „Ethikrat für Digitalisierung“ brauchen. Hier gibt es vieles zu diskutieren – unter anderem eben auch, wie man der eventuellen Entwicklung einer zu *großen Schere zwischen sogenannten Verlierern und Gewinnern der digitalen Transforma*tion entgegen wirken könnte.

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