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09/2018 - Gut zuhören, wenn der Bauch denkt
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Alt , 01:53
Gut zuhören, wenn der Bauch denkt

Extrembergsteiger berichten, dass ihnen in großen Höhen und gefährlichen Situationen spukhafte „Phantomgefährten“ zur Hilfe kamen. Doch auch in der Ebene ist die Intuition ein guter Ratgeber.
Über Intelligenz aus unbegreiflicher Tiefe.


| Von Wolfgang Machreich

Es war ein sehr ungewöhnlicher Abstieg vom höchsten Berg der Welt, aber er war schnell und das ist, was einem in der „Todeszone“ über 8000 Meter das Leben rettet. Der Zillertaler Extrembergsteiger Peter Habeler setzte sich nach der ersten Besteigung des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff am 8. Mai 1978 auf den Hosenboden und rutschte einfach die Ostflanke hinunter: „Ich dachte nicht an die Lawinengefahr und auch nicht daran, dass unter mir die Wand 4000 Meter steil abbrach. Mir war nur eins wichtig: So schnell wie möglich die gefährliche Todeszone hinter mich zu bringen … Ich war hinaufgeleitet worden, von einer Macht, die ich nicht definieren kann, und lief hinunter, getrieben von einer Macht, die ich sehr wohl beschreiben kann: Es war der nackte Wille zu überleben. Je schneller ich hinunterkam, desto größer waren meine Chancen, dieses Abenteuer ohne Schaden zu überstehen.“

Auf dem Hintern, wider die Vernunft

Jeder Bergführer würde einen derartigen Abkürzer auf einer „normalen“ Tour, auf einem „normalen“ Berg absolut verbieten. Eine solche Hochrisiko-Rutschpartie widerspricht jeder alpinen Vernunft. Aber Habeler war an diesem Maitag vor bald 40 Jahren auf keiner normalen Tour, keinem normalen Berg und er hat mit seinem Hintern zurecht das umgesetzt, was ihm sein Bauchgefühl befohlen hat. Oder wie es sein damaliger Begleiter Reinhold Messner existenzieller beschrieben hat: „In solchen Stunden, Rationalität ist meist ausgeschaltet, kommen Lebensevidenz und Wahrheit an die Oberfläche, wird der Vorhang von Sein und Nichts transparent.“
Intuition, Bauchgefühl, Ahnung – wie immer man jenen „sechsten Sinn“ bezeichnet, alle wissen, wovon die Rede ist. Schwieriger ist es, diese offensichtlich zuverlässige geis*tige Instanz wissenschaftlich festzumachen. Gerd Gigerenzer, deutscher Psychologe und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, gehört zu jenen Wissenschaftern, die die Bedeutung des Bauchgefühls an Stelle eines rein logisch-rationalen Modells des Entscheidens betonen. In seinem Buch „Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ (Bertelsmann, 2007) gibt er ein Plädoyer für diese Denkform ab: „Im abendländischen Denken galt die Intuition einst als sichere Form der Erkenntnis, während sie heute als fragwürdige und unzuverlässige Richtschnur des Handelns belächelt wird. (…) Heute, mit dem Bauch statt mit dem Bewusstsein verknüpft, ist die Intuition von göttlicher Gewissheit zum bloßen Gefühl abgestiegen. In Wahrheit aber sind Bauchgefühle weder unfehlbar noch töricht.“ Und diese können zum Beispiel von der Werbeindustrie bewusst angesprochen werden, um damit Entscheidungen zu manipulieren.

Schutzengel oder innere Stimme?

„Gute Intuitionen ignorieren Informationen“, lautet einer von Gigerenzers Lehrsätzen: „Bauchgefühle erwachsen aus Faustregeln, die einer komplexen Umwelt nur wenige Informationen entnehmen“ – und danach entscheiden. Gigerenzer zeigt an vielen Beispielen, dass „Bauchentscheidungen die raffiniertesten Denk- und Computerstrategien in den Schatten stellen können, andererseits besteht aber auch die Möglichkeit, dass sie ausgenutzt werden und uns fehlleiten. Doch an der Intuition führt kein Weg vorbei (...).“ Habelers Mount Everest-Rutscher hätte Gigerenzer wohl mit der „Bauchregel“ erklärt: „Lass das Denken, wenn du geübt bist.“
Reinhold Messner ergänzte aus seinen Erfahrungen über richtiges Verhalten in Extremsituationen: „Der extreme Bergsteiger braucht extreme intuitive Erkenntnisse, um zu überleben. Er muss eine Art Instinkt entwickeln, um dort durchzukommen, wo Können und Logik versagen. Er wird dabei auch seelisch extrem durchlässig für Empfindungen.“ Laut Messner wäre es zu einfach, derartige Erlebnisse allein mit Halluzinationen aufgrund des Sauerstoffmangels oder bloßen Adrenalin-Ausschüttungen abzutun: „Ich denke, dass sie weit über derartige Erklärungen hinausweisen. Viele Empfindungen sind nur möglich, weil mit dem träger werdenden Intellekt andere Ebenen in uns zum Schwingen kommen.“
In der alpinen Literatur finden sich auch oft Berichte über spukhafte Erscheinungen von hilfsbereiten Personen, die Bergsteigern zur Seite stehen: Wie „einer, der wusste, wo es langgeht oder wie ich wieder auf die Beine komme“ (Messner). Herbert Tichy, der Wiener 8000er-Erstbesteiger, nannte diese Begleiter „Phantomgefährten“. Religiöse Menschen sehen in ihnen vielleicht Schutzengel, andere eine innere Stimme oder die personifizierte Intuition. Dem Polarforscher Ernest Shackleton fehlten ebenso die Worte. Seine Antarktis-Expedition verdankte aber 1917 einem „Phantomgefährten“ die Rettung vor dem Tod.
Shackleton im Originalton: „Während jenes langen 36-stündigen Marsches über die namenlosen Berge und Gletscher von South Georgia hatte ich oft das Gefühl gehabt, wir seien zu viert, nicht zu dritt. Und Worsley und Crean empfanden dasselbe. Man spürt das Fehlen menschlicher Worte, die Armut der Sprache der Sterblichen, wenn man versucht, das Unaussprechliche zu beschreiben. Doch ein Bericht über unsere Irrfahrten wäre unvollständig, ohne die Erwähnung dieses Unbegreifbaren, das uns im Inners*ten berührte.“ – Und leitete, und rettete.

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  05:31:05 07.20.2005