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12/2018 - Ein Kühlschrank für den ganzen Planeten
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Ungelesen , 02:57
Ein Kühlschrank für den ganzen Planeten

Auf einer arktischen Insel in Norwegen findet man die größte Vielfalt an Nutzpflanzen: Ein gefrorener Bunker dient als krisensicherer Ort für Saatgut aus aller Welt. Vor Kurzem hat der „Svalbard Global Seed Vault“ sein zehnjähriges Jubiläum gefeiert.

| Von Martin Tauss

Wieder eine ernüchternde Studie zum Klimawandel: Das weitere Abschmelzen der Gletscher sei nicht mehr zu verhindern, auch wenn alle klimaschädlichen Emissionen jetzt gestoppt würden. Gut ein Drittel des heute noch vorhandenen Gletschereises sei auch mit den ambitioniertesten Maßnahmen nicht mehr zu retten, so der aktuelle Bericht im Fachjournal Nature Climate Change, an dem der Gletscherforscher Georg Kaser von der Universität Innsbruck beteiligt war. Dass sich das Klima verändert, spürt man heute auch an Orten, wo sich Eisbären seit Langem am Permafrost erfreuen. Auf Spitzbergen zum Beispiel, einer arktischen Insel auf halbem Weg zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol.

Wärmere und feuchtere Zukunft

Dort befindet sich der „Svalbard Global Seed Vault“, die weltweit größte Biobank für Nutzpflanzen. Knapp eine Million Saatgutmuster aus aller Welt werden derzeit in dem kalten Speicher aufbewahrt. 120 Meter tief ist der Bunker in einen gefrorenen Berg gegraben. Er ist darauf angelegt, auch Kriege oder Naturkatastrophen zu überstehen, und soll die Ernährung der Menschheit unter allen Umständen sicherstellen – selbst in einer postapokalyptischen Zeit.
An diesem abgelegenen Ort gibt es keine Vulkane und keine Erdbeben, und es fällt nicht schwer, die erforderliche Kühltemperatur zu erreichen. Doch vor zwei Jahren ist der umliegende Permafrost geschmolzen, so dass Wasser in den Eingangstunnel gelangt ist. Das Saatgut war nicht gefährdet; aber die unerwartete Schneeschmelze war Anlass genug, um den Bunker an neue klimatische Bedingungen anzupassen. Nun wird das Gebäude für eine wärmere und feuchtere Zukunft aufgerüstet. Der Umbau wird voraussichtlich im Februar nächsten Jahres abgeschlossen sein, berichtet Marie Haga, Direktorin der Organisation „Crop Trust“, welche die Biobank mit der norwegischen Regierung und dem „Nordic Genetic Resource Center“ (NordGen) betreibt. „Als ich 1985 das erste Mal hierher kam, gab es immer Eis in den Fjorden. Heute sieht man keine vollständigen Eisdecken mehr.“
Vor knapp einem Monat hat man stolz das zehnjährige Jubiläum dieses Projekts gefeiert. „Der ‚Svalbard Global Seed Vault‘ ist wie ein Backup-Mechanismus für alle Genbanken der Welt“, sagt die ehemalige norwegische Spitzenpolitikerin. Kisten mit
Saatgut aus Nordkorea stehen dort neben den Einlagen aus den USA, die pflanzlichen Beiträge aus Russland über jenen der Ukraine. Proben aus China fehlen noch, aber die Verhandlungen laufen bereits. Das Thermometer zeigt stets minus 18 Grad Celsius.

Weizen, Reis und Mais

In den zehn Jahren ihres Bestehens sind die Bestände der norwegischen Biobank immer mehr angewachsen. Nur eine Institution hat ihre Saatgutmuster herausgenommen: Aufgrund des Kriegs in Syrien konnte der dortige Saatgut-Speicher nicht mehr betrieben werden, sodass sich die Betreiber-Organisation ICARDA gezwungen sah, einige ihrer Einlagen wie Weizen, Linsen oder Kichererbsen anzufordern, um ihre Tätigkeit in den Libanon und nach Marokko zu verlagern. In der Zwischenzeit konnten Tausende dieser Saatgutmuster dupliziert und nach Spitzbergen zurückgebracht werden.
„Es wäre wünschenswert, wenn es niemals Entnahmen aus unserem Speicher geben würde, da dies ein ernsthaftes Problem anderswo in der Welt bedeutet“, sagt Haga. „Andererseits können wir an diesem Beispiel sehen, dass der ‚Svalbard Vault‘ als ultimatives Backup fehlsicher funktioniert.“ Nicht nur bewaffnete Konflikte oder extreme Wetterereignisse, auch schlechtes Management, mangelhafte Ausstattung, Finanzierung oder Energieversorgung können den Betrieb einer Genbank gefährden.
„Indem wir ein so breites Spektrum an Saatgut sicher aufbewahren, werden Wissenschaftler die besten Möglichkeiten haben, nährstoffreiche Nutzpflanzen zu entwickeln, denen auch der Klimawandel nichts anhaben kann“, hat Marie Haga anlässlich des Jubiläums der Biobank betont – und zugleich angemerkt, dass die Landwirtschaft weltweit niemals mit größeren Herausforderungen konfrontiert war als heute.
Tatsächlich zeigt eine vom „Crop Trust“ durchgeführte Studie, dass die globale Nahrungsversorgung in den letzten 50 Jahren zunehmend von ein paar Pflanzentypen abhängig geworden ist (siehe auch Interview S. 5 "Bedrohte Schätze im Tropenparadies" dieser FURCHE-Ausgabe). Seit der Steinzeit betreibt der Mensch Ackerbau; historisch haben Bauern zumindest 7000 verschiedene Pflanzen zur Ernährung kultiviert. Heute stammen 60 Prozent der weltweiten Kalorienaufnahme nur von Weizen, Reis und Mais. Hinzu kommt eine wachsende Weltbevölkerung: Für das Jahr 2050 gilt es laut Prognosen bereits zehn Milliarden Menschen zu ernähren. Nicht zuletzt wird der Klimawandel vielerorts Druck auf die Landwirtschaft ausüben und das Potenzial vieler Nutzpflanzen beeinträchtigen. Künftig bedarf es mehr Nahrungsproduktion mit höherem Nährwert, aber all das „mit weniger Land, weniger Wasser, weniger Pestiziden und weniger Dünger, um den Planeten nicht zu überlasten“, wie Haga erläutert. Vorsicht ist jedenfalls angebracht, denn das aktuelle System unserer Nahrungsversorgung ist extrem verletzlich.

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  16:40:11 07.15.2005