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13/2018 - „Einkehr in die Geschichte“
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Ungelesen , 02:44
„Einkehr in die Geschichte“

Was sich der Reduktion von Ostern auf ein Frühlingsfest entgegenhalten lässt und worin die Herausforderung der Kirche in der Vermittlung ihrer Botschaft besteht.

| Von Rudolf Mitlöhner


Weil der Ostersonntag heuer auf den 1. April fällt: Nach menschlichen Maßstäben wäre die Nachricht, da sei einer von den Toten auferstanden, ein Aprilscherz – wenn sie nicht selbst dafür zu unglaubwürdig wäre … Aber genau das wurde für die Jünger Jesu nach all ihren Zweifeln, ihrer Verzweiflung und Orientierungslosigkeit im Gefolge der Hinrichtung ihres „Herrn“ offenkundig zur Überzeugung: dass dieser auferstanden ist. Die Evangelien drücken diese nachösterliche Erfahrung in diversen Geschichten über Begegnungen mit dem Auferstandenen aus. Wie immer es „wirklich“ gewesen sein mag – in diesen Tagen, Wochen muss sich etwas zur Gewissheit verdichtet haben: es geht weiter. Und in dieser Gewissheit liegt die Keimzelle der Kirche, durch deren weiß Gott wechselvolle Geschichte sich eben jenes Bekenntnis zieht: „Et resurrexit tertia die“ („… am dritten Tage auferstanden“).
Und heute? Ist Ostern mehr als eine Art Frühlingsfest, zu dem wir – mit unseren allenfalls in der Fastenzeit entschlackten Körpern – das Wiedererwachen der Natur feiern?

Kein „Osterspaziergang“

Entsprechende Befürchtungen sind nicht neu. So hat der damalige Gurker Bischof Egon Kapellari im Osterleitartikel der FURCHE 1988 von einem „nachchristlichen Mißverständnis, das in Goethes Beschreibung eines Osterspazierganges im ‚Faust‘ bereits wirksam ist“, gesprochen (s. auch „Anno dazumal“, S. 24). Demgegenüber postuliert Kapellari, das Christentum sei „keine Naturreligion“, Ostern „daher kein Fest der Natur, sondern feiernde Einkehr in die Tiefe der Geschichte“. Das markiert in der Tat den Unterschied: nicht die Wiederkehr des Gleichen, die Abfolge von Jahreszeiten, bestimmten Tagen und Wochen im Jahreslauf ist das Entscheidende; sondern in dieser immer wiederkehrenden Abfolge und durch sie hindurch ereignet sich Geschichte: für jeden Einzelnen wie insgesamt.
Ähnliche Gedanken hat der emeritierte Kurienkardinal Paul Josef Cordes unlängst bei einer Tagung in Heiligenkreuz formuliert: Dem zeitgeistigen Hang zur Esoterik stellte er einen „Gott, der uns entgegengeht“ gegenüber. Diverse Praktiken und Anleitungen zur Selbstfindung („Selbsterlösung“), wie sie allerorten angeboten werden, stünden in Kontrast zur christlichen Erlösungsbotschaft.
Wie aber kann Kirche diese „feiernde Einkehr in die Tiefe der Geschichte“ vermitteln? Diese Frage treibt die Kirche seit ihren Anfängen um. Sie ist ja nicht einfach eine „Originalklangbewegung des Glaubens“, der es darum zu tun wäre, ein altes Stück möglichst originalgetreu immer wieder zum Klingen zu bringen. Mit der musikalischen Originalklangbewegung verbindet sie freilich das nicht nur legitime sondern notwendige Ansinnen, den Ursprung als Maßstab nicht aus den Augen zu verlieren. Aber gerade das enthebt ja nicht der Herausforderung der Übersetzung, der Fortschreibung in die jeweilige Zeit.

Chance zur Profilschärfung

Man mag annehmen, *diese Fortschreibung sei in früheren Zeiten leichter gewesen. Doch vieles spricht dafür, dass das nur vordergründig besehen stimmt: insofern, als es so etwas wie eine christlich grundierte Selbstverständlichkeit gab. Mit deren Wegfall bietet sich freilich auch die Chance, manch Verschüttetes freizulegen, wieder zu entdecken. Auch die Gelegenheit, das eigene Profil zu schärfen, Konturen nachzuziehen. Wie sehr dieser Prozess im Gange ist, wie es da gärt und brodelt, ist nicht zuletzt unter dem gegenwärtigen Pontifikat mit Händen zu greifen.
Die „Einkehr in die Tiefe der Geschichte“ ist kein Spaziergang, auch kein Osterspaziergang, sondern mühevoll und bisweilen schmerzlich. Das gilt im übrigen auch jenseits von Glaube und Kirche. Das Attribut „feiernd“ markiert indes ein österliches Spezifikum: die Hoffnung, dass diese „Einkehr“ ein gutes Ende finden wird. Und wiederum gilt: für jeden Einzelnen wie insgesamt.

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